Selbstbestimmtes Wohnen

Ein Überblick über die Trends des Wohnens
und Faktoren zur Entwicklung im Geschosswohnungsbau von Kamil Malecki.


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Wirft man einen Blick zurück, so stellt man schnell fest, dass der deutsche Wohnungs- und Immobilienmarkt gut und sicher durch die Finanzkrise gekommen ist. Peter Ramsauer, damals Bundesbauminister, sprach in diesem Zusammenhang sogar von einem „wesentlichen Stabilisierungsanker“ für die gesamte wirtschaftliche Leistung und das Finanzsystem in der Bundesrepublik. Für Planer, Bauherren und Investoren hingegen ist der Wohnungsmarkt als Hauptträger der Bauwirtschaft ein eher problematisches Feld. Nicht nur sind die knappen öffentlichen Kassen und damit einhergehende sinkende Ausgaben für den Wohnungsbau als fehlende Investition insbesondere in den sozialen und bezahlbaren Lebensraum ein großer Bremsfaktor. Darüber hinaus sind für private Investoren – ganz gleich ob für Klein- und Amateurvermieter oder gewerblich-professionelle Anbieter – die steigenden Ausgaben für Materialien ein Unsicherheitsfaktor. Diese erstrecken sich nicht nur auf die schon immer da gewesenen Baustoffe wie Holz, Beton, Stahl, Ziegelsteine und Glas und ihre innovative Ausgestaltung. Funktionale Bauteile wie etwa Gegenstromlüftungsanlagen, Gebäudeautomatisation, Dämmstoffe für die Hülle oder Brandschutzanlagen fallen zunehmend ins Gewicht und stellen für Planer enorme finanzielle Anstrengungen dar. Dabei sollte sich die Leistung der Architekten und Ingenieure viel mehr darauf konzentrieren, gestalterisch anspruchsvolle Gebäude zu entwerfen. In der Akzeptanz durch die Gesellschaft liegt erwiesenermaßen der allergrößte Garant für die Langlebigkeit von Bauten. Hierzu hat uns die jüngere deutsche Geschichte einiges gelehrt, wenn wir den Blick nach Berlin richten. Dort wurde das ehemalige Stadtschloss als Repräsentant des aristokratischen Deutschland von der DDR-Führung niedergerissen und durch einen sozialistischen Herrschaftsbau ersetzt, der wiederum durch unser heutiges Demokratieverständnis beiseite geschafft wurde. Von Damnatio memoriae spricht der Denkmalpfleger in diesem Zusammenhang.

Altlasten

Im Falle des Palastes der Republik spielt aber auch ein weiterer Punkt eine wichtige Rolle – die Eigenschaften des verbauten Materials. Gesundheitliche Gefahren waren hier der öffentlichkeitswirksame Grund für den Abriss. Die Frage nach der Qualität der Baustoffe sollte man sich auch oder vielleicht sogar vor allem im Wohnungsbau stellen. So ist in allen Städten mit Bausubstanz der Nachkriegsmoderne zu beobachten, dass Gebäude zuhauf energetisch saniert oder viel besser gesagt ertüchtigt werden. Dass etwas unternommen werden muss, um die ambitionierten Klimaziele der Bundesregierung – welche maßgeblich durch die Privathaushalte getragen werden – zu erfüllen, sei unbestritten. Es stellt sich nur die Frage nach dem Wie. Ein riesiger Styropor/XPS/Hartschaum-Teppich legt sich momentan über Deutschland. Dabei ist erwiesen, dass die Dämmstoffe der späten 90er und frühen 2000er nach wenigen Jahren ihre Wärmeschutzeigenschaften zur Hälfte verloren haben und nach ca. 15 bis 17 Jahren nahezu unwirksam sind. Dies hat vor allem mit dem Feuchteeintrag durch das überwiegend verwendete billige Wärmedämmverbundsystem (WDVS) zu tun. Hiervon spricht man beim direkten Verputzen der Dämmebene. Das deutlichste Zeichen hierfür sind veralgte Außenwände. Was aber passiert mit den Platten, wenn sie ausgetauscht werden müssen? Zurzeit gibt es noch keine ganzheitliche Überlegung, wie mit dem schadstoffbelasteten Material, in dem sich über Jahre Feinstaub und andere Abgase eingelagert haben, umzugehen ist. Hier sind nun wieder Planer und Investoren gefordert, nach ganzheitlichen Lösungen zu suchen und Gebäude des Wohnungsbauwesens nicht nur nach Abschreibungszeiten zu bewerten, sondern den gesellschaftlichen Nutzen und die Folge- und Entsorgungskosten in den Fokus zu nehmen.

Demographie

Der Faktor der Erneuerung und Sanierung nimmt in Zukunft ohnehin einen viel größeren Stellenwert ein, da die Entwicklung des Wohnungsbauvolumens im Neubau stetig sinkt. Maßgeblich hierfür sind unsere zunehmend alternde Gesellschaft und die stagnierende Bevölkerungszahl. Die Stadt als Lebensraum erfährt hierbei eine erneute Renaissance, wodurch der Bedarf an Mietwohnungen steigt. Dies unterscheidet sich aber grundlegend von Region zu Region. Während Kleinstädte eine Abwanderungsbewegung verzeichnen, steigt die Nachfrage nach Wohnraum in Ballungszentren wie Hamburg, Berlin, München oder Düsseldorf stetig. Die damit einhergehende Steigerung des Mietspiegels auf regional bis zu 15–20 € Kaltmiete/m² führt aufgrund fehlender politischer Impulse mehr und mehr dazu, dass innenstadtnah entstehende Neubauten als Eigenheime veräußert und Haushalte der Mittelschicht an den Rand der Stadt verdrängt werden. Weitreichende infrastrukturelle Folgekosten für die öffentliche Hand werden in heutigen Debatten meistens verschwiegen oder aufgrund von Ohnmacht und Unwissen beiseite geschoben. Somit bleibt im Stadtkern nur die Umnutzung, Ertüchtigung und Verdichtung von Stadtquartieren und Gebäuden als valide Option für Mietwohnraum. Hierbei könnte die Klientel unterschiedlicher nicht sein. Von der alternden Bevölkerung war bereits die Rede. Bei älteren Menschen ist ein Trend der Verstädterung zu beobachten. Theater, Seniorenclubs, Parks und andere Freizeitangebote mit komplexem Mischbild findet man dort eher als auf dem Land. Und wenn man schon einmal in der Stadt ist, dann bleibt man auch dort wohnen, meist auch in der Wohnung, in der man lange Zeit gelebt hat. Die Größe oder Angemessenheit spielt hierbei selten eine Rolle. Mit 70 oder 80 Jahren investieren die wenigsten Menschen noch in einen Umzug oder Umbau. Wohnraum bleibt somit erst einmal „besetzt“, egal ob er altersgerecht ist oder nicht. Wobei niemand „altersgerecht“ wohnen will – flexibel schon. Hierin liegt ein großes Potential für die Baubranche. Nicht etwa barrierefreies Wohnen, sondern „Ambient Assisted Living“ oder „komfortables neues Wohnen“ vermarkten sich besser. Öffentliche Veranstaltungen an Universitäten oder in Behörden und Ämtern locken bereits mit solchen Titeln mehr Besucher und Interessierte als üblich – über alle Altersschichten hinweg. Das Vermitteln von Wohn(raum)qualität, Flexibilität und selbstbestimmtem und -ständigem Handeln gibt dem Menschen das Gefühl der Freiheit und Sicherheit. Durch minimale Eingriffe in bestehende städtische Häuser lässt sich dies mit einem überschaubaren Investitionsvolumen realisieren. Identität und Individualität sind ebenso wichtige Faktoren, die in der Entwurfsphase durch die Planer bedacht werden müssen. Dieser nächste Punkt wurde vor allem in der Nachkriegsmoderne als unwichtig abgetan. Durch eine falsch verstandene Flexibilität in Form von Austauschbarkeit der Person, des Menschen und nicht des Wohnraums und der Lebensart sind Bauten entstanden, wie sie unpersönlicher und unwürdiger nicht sein könnten. Die Plattenbauten des Ostens sind hierfür gute Beispiele, nicht nur für die Vergewaltigung der Stadt als Stadtraum und für das Nicht-ernst-Nehmen der Bewohner, sondern in jüngster Zeit auch für gute Umnutzungen.

Gemischte Nutzung

So beschäftigte sich nicht zuletzt der Deutsche Pavillon auf der Architektur-Biennale in Venedig 2012 mit dem Thema „Reduce Reuse Recycle“ und stellte Projekte vor, welche die Stadt als System wiederherstellen und auch Häusern der Massenproduktion wieder einen Charakter geben. Wie das Wohnen unter den Gesichtspunkten einer nachhaltigen Nutzungsdurchmischung funktioniert, zeigte unter anderem das Werk „Hochhaus C10“ in Darmstadt von Staab Architekten. Studentenwohnheim, Hörsaal und Veranstaltungsräume kommen hierbei sehr gut zusammen und bilden eine sichtbare Landmarke in Darmstadt mit der Hauptaufgabe Wohnen. Anders gehen zum Beispiel Kahlfeldt Architekten in Berlin mit einem Umspannwerk um. Hier wird das Bild des Hauses erhalten und innen durch neue Wohnebenen ergänzt und zu einer Stadtvilla ausgebaut. Das Erhalten der Substanz war hierbei der maßgebliche Antrieb und der planerische Rahmen. Wie man behutsam mit Neubauten in den Stadtraum eingreifen kann, ohne verfremdend zu wirken, zeigen einige Projekte von RKW A+S (Rhode Kellermann Wawrowsky) in Düsseldorf. Wie selbstverständlich und zeitlos Architektur unabhängig von Haltungsfragen funktioniert, leuchtet jedem Betrachter schnell ein. Formate, Proportionen und Materialien erscheinen immer im Kontext des Ortes. Diese Umnutzungen im weiteren Sinne – Haus Typ Stadt – verdeutlichen, wie wichtig eine intensive Auseinandersetzung mit der Vielfalt an Lebensstilen und den daraus resultierenden unterschiedlichen Bedarfen ist. Flexibilität ist das wesentliche Merkmal von guten Immobilien und kristallisiert sich durch die Möglichkeit, Veränderungen im Grundriss durchzuführen, heraus. Dabei ist es unwichtig, ob aus einer hochpreisigen Loftwohnung eine „Senioren-WG“ wird. Sofern sich diese unterschiedlichen Welten in einem Haus über die Zeit realisieren lassen, sind es gelungene Bauten. Dies zu erkennen und nicht jedem Trend in der Immobilienwirtschaft nachzulaufen, ist die große Aufgabe der heutigen Generation von Planern und Investoren. Dies kennzeichnet wahre Nachhaltigkeit.

 


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Kamil Malecki

geb. 1987, Architekt, VDSt Heidelberg.

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