Afghanistan: ein Erfahrungsbericht

Der Afghanistaneinsatz der Bundeswehr ist ständig in den Medien präsent. Abzugsdebatten, Strategiediskussionen, Ehrung von Gefallenen – an Aufmerksamkeit und Interesse mangelt es nicht. Dennoch ist das Wissen in der Bevölkerung um die Einsatzrealität der Soldaten unzulänglich.


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Wenn ich erzähle, dass ich zweimal im Afghanistan-Einsatz war, höre ich häufig: „Krass! Erzähl mal! Wie ist das so?“ Nein, egal ist den Menschen der Einsatz nicht. Nur selten wird man angefeindet, wie von der Friedensbewegten, die mir erklärte, die Bundeswehr sei nur in Afghanistan, damit die CIA dort eine Ölpipeline bauen könnte. Die meisten Menschen haben keine klare Vorstellung darüber, wie es da drüben ist. Kann man keinem verübeln, die Berichterstattung ist sehr einseitig, häufig auch reißerisch und wenig um Objektivität bemüht. Manchmal hat man das Gefühl, dass in den Medien nur Geschichten über Totenschädel und zerbombte Tanklaster kursieren. Gelegentlich mal was über posttraumatische Belastungsstörungen, was grundsätzlich natürlich wünschenswert ist, aber eben auch nur einen Teil des Einsatzes widerspiegelt. Es wird eine alberne Debatte geführt, ob das jetzt Krieg ist oder kriegsähnlicher Zustand. Von der alltäglichen Einsatzrealität erfährt der Bürger wenig. Dabei ist die Einsatzrealität durchaus auch unterschiedlich, je nachdem, wo man eingesetzt ist und welchen Job man hat.

Zweimal war ich dort, jeweils für viereinhalb Monate, beide Male als Personaloffizier im Stab. Also erst einmal nicht bei der kämpfenden Zunft, was in Zeiten asymmetrischer Kriegführung keine Lebensversicherung ist, aber das Risiko doch reduziert. Die Tätigkeit im Stab unterscheidet sich grundsätzlich erst einmal nicht von einem zivilen Bürojob. Telefonieren, viel Excel und Powerpoint, mehrmals [Thema für Afghanistan? Kampfpanzer Leopard 2.] am Tag Besprechungen und Briefings. Einsatz, das bedeutet, dass die Woche sieben Arbeitstage hat und der Tag mindestens zehn bis zwölf Arbeitsstunden. Gelegentlich ist dann noch nachts Dienst in der Operationszentrale. Ob Dienstag oder Sonntag, ist egal, jeder Tag ist de facto ein Mittwoch. Einmal die Woche ist ein halber Tag frei, aber manchmal ist einfach zu viel zu erledigen. Man trägt immer Uniform, nie Zivil, außer beim Sport vielleicht. Und es bedeutet, mit Hunderten anderer Menschen auf engstem Raum eingepfercht zu sein, über Monate jeden Tag stundenlang immer demselben Menschen gegenüber zu sitzen. Man teilt sich mit mehreren eine Stube. Privatsphäre hat man so gut wie gar nicht. Aber die Kameradschaft ist hervorragend; wenn man Tag für Tag aufeinander hockt, dann wächst man zusammen. Zu vielen der Kameraden halte ich bis heute Kontakt.

2006 bin ich also in Kabul, zur Zeit der WM. In Deutschland ist die Welt zu Gast bei Freunden, in Afghanistan zumindest Teile der Welt bei Menschen, von denen nicht unbedingt jeder ein Freund ist. Camp Warehouse ist ein spannender Ort mit einer Vielzahl von Betreuungsangeboten. Die Kameraden aus den PRTs beneiden uns um unsere „Partymeile“. Soldaten aus fast 30 Nationen auf engem Raum zusammen, eine Art bewaffneter Weltjugendtag. Abends geht man mit den Rumänen was trinken oder grillt mit den Italienern. Die gelegentlichen Fahrten durch die Stadt sind ein aufregendes, wenn auch durch die viele Armut ein verstörendes Erlebnis. Eine Horde von bettelnden Kindern belagert regelmäßig unsere Fahrzeuge: „Please, my friend, give me an Euro!“.

Dann ist irgendwann Schluss mit Lustig: Angriffe auf unsere Patrouillen, es gibt Tote bei unseren ausländischen Kameraden. Wir sind zum Spalier angetreten, als die Särge aus dem Feldlager gefahren werden. Eines Nachts wird mit Panzerfäusten auf das Camp geschossen. Als wir nach einer Fahrt reinkommen, sprengt sich draußen auf der Straße ein Selbstmordattentäter neben einem US-Konvoi in die Luft. Faktisch sind solche Ereignisse für mich aber selten, 99,9 % der Zeit ist alltäglicher Dienst.

November 2007. Wieder Afghanistan, dieses Mal PRT Kunduz. Kunduz, im Brennpunkt des Regionalkommandos Nord. In der Nacht, bevor ich ankomme, ist mal wieder Raketenangriff auf das Feldlager. Das setzt sich auch die nächsten Monate so fort. Regelmäßig schlagen nachts rund um das Feldlager Raketen ein. An meinem 30. Geburtstag renne ich von Deckung zu Deckung, als mehrere Raketen mitten im Feldlager einschlagen. Das Betreuungsangebot ist im Vergleich zu Kabul spartanisch. Alkohol ist auf zwei Dosen pro Abend beschränkt, und der Kommandeur versteht da keinen Spaß. Hin und wieder ist mal Karaoke, ansonsten schaue ich mir DVDs auf dem Laptop an. Als Stabsdiener habe ich hier trotz allem noch ein verhältnismäßig ruhiges Leben. Ich kriege die Planung und den Ablauf von Operationen mit, ansonsten ist es mein Job, dafür zu sorgen, dass auf jeder Stelle ein möglichst geeigneter Soldat sitzt. Die Kameraden, die ständig draußen sind, haben es da weitaus gefährlicher. Eines Nachts werde ich geweckt, Anschlag auf eine Patrouille, Kameraden schwer verletzt. Über eine sichere Leitung gebe ich die Namen und die Anschrift der Angehörigen in die Heimat durch. Andere Kameraden von mir werden angesprengt, bleiben körperlich aber unversehrt.

Für den Durchschnittsbürger sind die geschilderten Eindrücke sicher schwer vorstellbar. Für mich auch. Das ist damals alles irgendwie irreal, schließlich bin ich nur Teilzeitsoldat und im richtigen Leben Durchschnittsbürger. Trotzdem, wenn es in Kunduz dämmert, dann beschleicht einen ein ungutes Gefühl, ein Gefühl der Bedrohung, des Ausgeliefertseins. Die Gewissheit, dass man bald wieder angegriffen wird, ohne die Möglichkeit, zurückzuschießen. (Wer dieses Gefühl nicht kennt, kann vielleicht nicht verstehen, warum Oberst Klein bei der Truppe so viel Rückhalt genießt.) Insgesamt aber alles nicht dramatisch, erst recht nicht für die Presse. Die geschilderten Ereignisse finden daheim in den Medien so gut wie keine Erwähnung. Das ärgert mich zunächst, aber im Hinblick auf die Familie finde ich es doch ganz gut. Erst zuhause erzähle ich dann.

Zwei Jahre ist mein letzter Einsatz her. Das Thema Afghanistan ist weiterhin ständig in den Medien präsent, allerdings bleiben die meisten Vorfälle ungenannt. Letztens habe ich in einer Fernsehdokumentation über psychische Probleme nach dem Einsatz einen Kameraden aus der Zeit in Kunduz wiedergesehen. Von anderen hört man, dass sie in psychiatrischer Behandlung sind. Ich bin davon verschont geblieben. Das erste Silvester, das ich wieder zuhause erlebe, besorge ich mir allerdings vorher eine Flasche Whisky und gehe früh zu Bett, weil ich keinen Bock auf den Sound der Raketen habe. Letztes Silvester hatte ich aber wieder Spaß am Feuerwerk.

Nähere Informationen über den Einsatz bekomme ich vor allem über aktive Kameraden. Aktuelle Informationen gibt es auch auf bundeswehr.de Dort kann man fast jeden Tag Meldungen von neuen Gefechten im Raum Kunduz lesen, von Beschuss auf Lager, von getöteten Aufständischen und verletzten eigenen Soldaten. Gefechte sind im Raum Kunduz eine mittlerweile ziemlich alltägliche Sache geworden. Nur wenn Kameraden ums Leben kommen, bekommt die Öffentlichkeit das noch mit. Tanklaster, Kriegsdebatte, Untersuchungsausschüsse, kaum einer interessiert sich noch für die Soldaten. Deswegen – wenn jemand sagt: „Erzähl mal!“ sage ich: „Gern. Wie viel Zeit hast Du?“


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Lasko Werner

geb. 1978, Politologe, Reserveoffizier, VDSt Hannover.



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