„Als käme er aus einem Lande, wo sonst niemand wohnt.“

Diesen Eindruck hinterlässt Nietzsche 1887 auf seinen alten Studienfreund Rohde. Fremd sind sie sich geworden. Von den meisten Menschen hat Nietzsche sich abgewandt, jedoch ist er schriftstellerisch produktiv wie nie. Noch zwei Jahre bleiben ihm.


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800px-Nietzsche1882Gerne saß Friedrich im Arbeitszimmer seines Vaters und lauschte dessen Klavierspiel. Mit zweieinhalb konnte er noch nicht sprechen, aber die Musik mochte er, und an seinen Vater band ihn ein enges Verhältnis. Der hatte ihn nach dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. benannt, denn der erste Spross des Ehepaars Nietzsche war just am Königsgeburtstag, am 15. Oktober 1844, zur Welt gekommen. Dem Pastor Ludwig Nietzsche und seinem „kleinen Freund“, wie er ihn nannte, war wenig Zeit beschieden; als Friedrich sein fünftes Lebensjahr erreicht hatte, starb der Vater.

Die Hinterbliebenen – Friedrich, seine Mutter und die drei Jahre jüngere Schwester Elisabeth – zogen aus dem sächsischen Dorf Röcken nach Naumburg. Friedrich wurde eingeschult, zeigte sich als Eigenbrötler und als herausragend begabt. Mit dreizehn Jahren verließ er den behüteten Frauenhaushalt, um die namhafte Landesschule Pforta zu besuchen.

Der unbekannte Gott

Auf der Eliteanstalt war Friedrichs Tagesablauf streng reglementiert: Um vier Uhr wurde aufgestanden, um neun schlafen gegangen, Freizeit gab es kaum, dafür harte Strafen bei Regelverstößen. Das hohe Lernpensum Pfortas kam der Wissbegierde und Intelligenz Friedrichs entgegen; bald schon erhob er für sich den Humboldtschen Anspruch, alle Wissenschaften, Künste und Fertigkeiten gleicher-maßen zu schulen. Der Gegensatz zu seinen Altersgenossen blieb bestehen; seine vergeistigte Art erregte Befremden, geradezu Bedrückung, sein Erfolg wohl auch Neid. Aber endlich fanden sich wenige Freunde, mit denen er sich musikalisch und literarisch austauschen konnte. 1864 machte Friedrich sein Abitur.

Der junge Friedrich erhielt den Spitznamen „kleiner Pastor“. Mit großer Inbrunst konnte er Bibelsprüche und Kirchenlieder vortragen. Sein religiös-mystischer Zug begleitete ihn durch die Jugend, aber von christlichen Dogmen wandte er sich zusehends ab, modifizierte sie mit seinen eigenen Gedanken. Dem christlichen Gottvater entfremdete er sich; sein neuer Glaube galt „dem unbekannten Gott“, den zu suchen er zu seinem Lebensinhalt machen wollte. Mit 18 sagte er sich endgültig vom Christentum los. Seine Lebensphilosophie wurde immer individueller und trug schon jetzt die Züge von Amoralität und Schicksalsglaube. Sein Auftreten aber war und blieb streng gesellschaftskonform.

Im Wintersemester 1864/65 nahm Friedrich Nietzsche das Studium der Theologie und Philologie in Bonn auf. Die akademische Freiheit lag ihm, der das strikte Pfortaer Regiment gewöhnt war, wenig. Ein unproduktiver Einstieg mit viel Gewicht auf Äußerlichkeiten und kaum akademischer Arbeit. Nietzsche trat in die Burschenschaft Franconia ein und flüchtete Ende 1865 nach Leipzig, wo er den Lebensbund brach. Sein Theologiestudium hatte er bereits aufgegeben. Nun, in größerer Einsamkeit, steigerten sich seine Studienleistungen.

Der von ihm verworfene Christengott hatte eine große Lücke in Nietzsches Denken hinterlassen. Als er nun begeistert ein Werk mit dem Titel  „Die Welt als Wille und Vorstellung“ verschlang, floss etwas Neues in den leeren Raum: Die Philosophie Schopenhauers. Sie identifiziert das menschliche Dasein als Leiden, von dem man sich abkehren müsse; Weltverneinung und Mitleid mit den unwissend Leidenden sind ihre Kernüberzeugungen. Nietzsche machte sie sich ganz zu eigen und fand einen Kreis weiterer Schopenhauer-Jünger, mit denen er sich austauschen konnte. Besonders enge Bande knüpfte er zu dem wenig jüngeren Erwin Rohde. Auf ausgedehnten Wanderungen führten die beiden endlose Gespräche, die sie in Briefen weiterführten, als Rohde im Herbst 1867 fortzog. Nietzsche selbst machte eine halbjährige Militärkarriere in einem Artillerieregiment, das er nach schwerer Verletzung vorzeitig verlassen musste.

Gegen Ende 1868 lernte er Richard Wagner kennen, der seine Affinität für Musik ansprach und einen tiefen Eindruck hinterließ. Wagner wurde Nietzsches väterlicher Freund. Mit ihm und seiner späteren Frau Cosima verbrachte Nietzsche nach eigener Aussage die schönsten Stunden seines Lebens.

Nach außen hin behielt Nietzsche seinen regulierten Habitus; stets trat er höflich, bescheiden, mild und sogar demütig auf. Aber sein Interesse für Politik und Theater ließ nach, seine Distanz zur Gesellschaft wuchs; nicht nur hinterfragte er die gesellschaftlichen Konventionen, er baute einen regelrechten Hass gegen die Gesellschaft, besonders gegen sein Umfeld auf. Zur Einbindung in eine Gruppe war er unfähig. Großen Wert legte er darauf, Nachfahre polnischen Adels zu sein; das entsprach gleichermaßen seinem aristokratischen und antideutschen Zug. Hier zeigt sich die Widersprüchlichkeit seiner Person: Einerseits lehnte er gesellschaftliche Normen ab, andererseits beugte er sich ihnen mit seinem Willen zur Vornehmheit. Einerseits war er willig, für Preußen ins Feld zu ziehen, andererseits verachtete er die Deutschen. Bezeichnend ist die Gespaltenheit und Selbstbezogenheit seines Denkens.

Brüchige Bürgerlichkeit

Im Studium glänzte Nietzsche. Anfang 1869 erhielt er mit 24 Jahren sein Doktordiplom und wurde als außerordentlicher Professor der Philologie nach Basel berufen. Früh standen Nietzsche die Wege in hohe gesellschaftliche Ränge offen – eine Ironie, denn aufgrund seiner antibürgerlichen, unsozialen Grundhaltung wusste er damit nichts anzufangen. So verwundert es nicht, dass er 1870/71 darum ersuchte, am Deutsch-Französischen Krieg teilnehmen zu dürfen.

Das war kein patriotischer Affekt – Nietzsche hatte die preußische Staatsbürgerschaft freiwillig aufgegeben, hielt „das jetzige Preußen für eine der Kultur höchst gefährliche Macht“ –, sondern eine Flucht aus dem drückenden Lehralltag. Er diente als Sanitäter, hielt aber den Lazarettstrapazen nicht stand und erkrankte selbst. Wieder endete sein Soldatenleben.

Nietzsche, der eigentlich Philosoph sein wollte, verfasste neben seiner Lehrtätigkeit 1872 sein erstes größeres Werk: „Die Geburt der Tragödie“. Den deutschen Klassikern, Humboldt und – in dessen Tradition – der zeitgenössischen Bildungselite Deutschlands galt Griechenland als Ausgangs- und Orientierungspunkt der deutschen Kultur. Daran rüttelte Nietzsche nicht, jedoch ersetzte er das traditionelle lichte Griechenideal durch ein düsteres. Ihm wurde die dionysische Ekstase zur kulturschaffenden Macht. Diese Idee stieß bei seinen Fachgenossen auf Ablehnung; selbst seine vormaligen Unterstützer zweifelten jetzt an ihm.

Zugleich fand Nietzsches Wandlung vom Metaphysiker zum streng Diesseitsgläubigen ihren Abschluss. Bleibender Eindruck seines Kriegs-erlebnisses war, „daß der stärkste und höchste Wille zum Leben nicht in einem elenden Ringen ums Dasein zum Ausdruck kommt, sondern als Wille zum Kampf, als Wille zur Macht und Übermacht“. Er stand dem Darwinismus nahe und kehrte sich in der Konsequenz von Schopenhauer ab: Seine neue Philosophie war die Bejahung des Lebens bei gleichzeitiger Aufhebung aller äußeren Maß-stäbe wie Sitte, Tugend, Moral – und vor allem Mitleid.

Seit 1873 begleiteten Nietzsche Krankheitssymptome, die beständig wachsen sollten: Augen-, Kopf- und Magenleiden. Die ersten Bayreuther Festspiele von 1876 stießen ihn als Massenveranstaltung ab, entfremdeten ihn seinem Freund Wagner und dessen Kunst. Sein Gesundheitszustand erreichte einen vorläufigen Tiefpunkt, so dass die Universitätsbehörde einen einjährigen Urlaub gestattete.

Nietzsche reiste nach Sorrent in Süditalien. Einer seiner Begleiter war ein gewisser Dr. Paul Rée, dessen moralkritische Philosophie Nietzsches Denken entsprach. Nietzsche begeisterte sich für die Leichtigkeit des Südens, meinte, Rettung vor seiner Heimat gefunden zu haben. Hier traf er Wagner wieder. Der erzählte ihm von seinen Parsifal-Plänen, die sich an spät erwachte christliche Empfindungen knüpften. Nietzsche schwieg dazu, aber die Kluft zum nun frommen Wagner war ihm unüberbrückbar geworden.

Nietzsche kehrte nach Basel zurück. „Menschliches, Allzumenschliches“ erschien, rückte an die Stelle des dionysischen Menschen den Verneiner, der sich gegen alles stellt, was irgend Gültigkeit besitzt. Eine Trotzhaltung. Jetzt kehrte sich, umgekehrt, auch Wagner von Nietzsche ab.

Nietzsches chronischer Krankheitszustand war indes nicht abgeklungen. Mitte 1879 legte er sein Lehramt nieder. Ihm blieben jährliche Pensionszahlungen.

Auf Wanderschaft

Eine zehnjährige Wanderschaft begann. Sie führte durch Deutschland, Italien, die Schweiz. In seiner Rastlosigkeit war Nietzsche produktiv. 1881 erschien die „Morgenröte“ mit dem Anspruch, die Ursprünge menschlicher Kulturentwicklung zu durchleuchten und deren Konstanten, Moral und Sitte, als schädliche Elemente zu kennzeichnen. Bezeichnend heißt es: „[F]ast überall ist es der Wahnsinn, welcher dem neuen Gedanken den Weg bahnt, welcher den Bann eines verehrten Brauches und Aberglaubens bricht.“

1882 reiste Nietzsche nach Rom. Sein Freund Rée hatte ihm in höchsten Tönen von der dort ansässigen Lou Salomé geschrieben. Nietzsche wollte sie kennenlernen. Schon rasch ergab sich ein tiefes Verhältnis; wie er, so schien es Nietzsche, habe die 21Jährige seit ihrer Kindheit nach Erkenntnis gestrebt. Bis zu zehn Stunden am Tag tauschten die beiden sich aus. Aber als Nietzsche einen Heiratsantrag stellte, lehnte Salomé ab.

Nietzsches Schwester und Mutter waren entsetzt über seinen Umgang mit dem in ihren Augen losen Mädchen. Im Streit warf die Mutter ihm vor, er bringe Schande über seines Vaters Grab. Zutiefst getroffen brach Nietzsche daraufhin mit beiden.

In seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ taucht erstmals der Gedanke der Ewigen Wiederkunft als dämonische Einflüsterung auf: „Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen […].“ Blickte er auf sein Leben zurück – wie furchtbar musste Nietzsche diese Vorstellung werden? Er erhob sie zum Dogma, und warf es seinen beiden Freunden Salomé und Rée vor, dass sie seinen Glauben nicht teilten. Diese Forderung, überhaupt Nietzsches zunehmender Dogmatismus, spaltete den Dreierbund ideell. Salomé rückte Rée näher und entfremdete sich Nietzsche. Ende 1882 zerbrach die Freundschaft an Nietzsches Eifersucht.

Nietzsche fühlte sich absolut verlassen: Wagner und seine Frau, Schwester, Mutter, Salomé und Rée, sie alle glaubte er untreu geworden. Auch Rohde, der sich eine bürgerliche Existenz aufbaute – Ketzerei in Nietzsches Augen. Das war es eben: Je mehr er die Bindung an die Menschen verlor, desto unbedingtere Gefolgschaft verlangte er den wenigen ab, die ihm blieben. So näherte er sich immerhin wieder seiner Schwester an, die ihn zwar nicht verstand, aber zutiefst verehrte, und dann auch seiner Mutter.

1883 erschienen die ersten Bücher des „Zarathustra“. Gebündelt finden sich hier der Gedanke der Ewigen Wiederkunft, des Übermenschen und des Willens zur Macht. Indem das Individuum über sein schwächliches Menschentum hinauswächst, wird es zum Übermenschen, entfesselt mittels des Willens zur Macht eine eigene Schöpferkraft und ist in der Lage, den Kreislauf der Ewigen Wiederkunft zu durchbrechen. Nietzsche war überzeugt, dass diese Gedanken die Welt verändern würden: „Zarathustra ist etwas, das kein lebendiger Mensch außer mir machen kann.“

Nietzsche arbeitete unermüdlich. 1888 wurde sein „Ecce homo“ veröffentlicht; es ist eine Textauslagerung des „Antichristen“, mit dem er die deutsche Druckfreiheit ausloten wollte. Er fürchtete eine Konfiskation des Gesamtwerks, das dazu gedacht war, „die ganze Erde in Konvulsionen“ zu werfen.

Umnachtung

Anfang 1889 in Turin brach Nietzsche auf offener Straße zusammen. Er war jetzt ein anderer.

Vorläufig kümmerte sich sein Herbergsvater um ihn. Tagsüber war Nietzsche fügsam, nachts tobte er. Noch immer schrieb er unermüdlich; Briefe waren es, an Bekannte und Unbekannte, abwechselnd signiert mit „Dionysos“ und „der Gekreuzigte“. Von beiden hatte er sich abgekehrt, beide wohnten jetzt zwiespältig in seiner Brust; der orgiastische Schwelger und der geduldig Leidende. Man schaffte Nietzsche erst nach Basel, dann in die Jenaer Psychiatrische Universitätsklinik, aber die Heilungsversuche blieben vergebens. Eine paralytische Seelenstörung in Folge von Syphilis wurde diagnostiziert – ob zu Recht, ist heute noch umstritten. Nachdem jedenfalls die schwersten Krankheitssymptome abgeklungen waren, wurde Nietzsche in die häusliche Pflege seiner Mutter entlassen. Die Krankheit schritt fort unter zunehmender Lähmung und Demenz.

Dieweil begann die Schwester, Nietzsches Gesamtwerk herausgeben. Zuvor hatte es wenig Interesse geweckt, nun verkaufte es sich gut. Elisabeth Förster-Nietzsche gründete das Nietzsche-Archiv und veröffentlichte 1894 den „Antichristen“. Er wurde nicht zensiert und keine Krämpfe beutelten die Welt. In ihrem Idealisierungswillen vergraulte die Schwester alte Bekannte des Kranken, die ihn und seine Gedanken viel besser verstanden als sie selbst, und schreckte auch vor Fälschungen nicht zurück. Nietzsche hatte oft befürchtet, sein Werk könne in die falschen Hände geraten – das war nun geschehen.

Nach dem Tod der Mutter 1897 pflegte ihn die Schwester. Nietzsche verlor zu diesem Zeitpunkt zusehends seine Sprachfähigkeit. Tragische Ironie: Der Selbstüberwindung mit den Kräften des Diesseits gepredigt hatte, verlor nun sein Selbst unter dem Ansturm derselben.

Am 25. August 1900 starb Nietzsche an den Folgen eines Schlaganfalls. Sein Leichnam wurde zum Ort seiner Geburt, nach Röcken, geschafft; dorthin, wo die Erinnerung an den geliebten Vater weilte. Aber als er beigesetzt wurde, sprach kein Geistlicher – ganz, wie er es sich einmal gewünscht hatte.


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Manuel Mackasare

geb. 1985, Historiker, VDSt Breslau-Bochum.

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