“Auch ich hatte heute einen schönen Erfolg

Seit 1995 sind Jüngers Kriegstagebücher 1914–1918 im Deutschen Literaturarchiv Marbach öffentlich zugänglich. Helmuth Kiesel hat sie 2010 bei Klett-Cotta publiziert. Ein Meilenstein der Jünger-Forschung.


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Neuntes Kriegstagebuch, 06.03.1917. Bewegung im Feindgraben. Der Gegner ist unvorsichtig. Eilig organisiert sich Leutnant Jünger ein Gewehr. „Visier 600 gestellt, entsichert, gezielt [...], dann abgedrückt.“ Treffer. Ein Kamerad beobachtet, wie der Engländer zurücktaumelt, auf den Rücken fällt, noch kurz die Arme bewegt. Jüngers Kommentar: „Jedenfalls kann ich mir den ruhig auf mein Konto schreiben. Es war ein trefflicher Schuß.“

Zwar geizt Jüngers Kriegsliteratur nicht mit grausigen Details, aber der Ton reflektierter Distanz relativiert die blutige Schilderung. Eine Notwendigkeit scheint dahinter zu stehen. Wenigstens ist Jünger selbst in Gefahr, in einer Duellsituation. Anders bisweilen die Kriegstagebücher. Der Todesschuss wirkt willkürlich. Ein Schießbudentreffer, der als „schöne[r] Erfolg“ bejubelt wird. Überbetont Jünger seine Kaltblütigkeit? Steht dahinter ein psychischer Schutzreflex? Der Wille zur Selbststilisierung?

Es finden sich Dinge, die Jüngers literarisches Frühwerk ausspart:

Die Tagebücher. „Mir persönlich ist Frieden oder nicht ziemlich gleich“

Ernst Jünger meldet sich bei Kriegsausbruch freiwillig. Mit seiner Fahrt an die Westfront am 30.12.1914 beginnen die Tagebucheinträge. Fortan lässt sich Jüngers militärischer Werdegang detailliert nachverfolgen; unter anderem kämpft er 1915 vor Verdun, 1916 in der Somme-Schlacht, beteiligt sich 1917 an den Abwehrkämpfen in Flandern und im Frühjahr 1918 an der deutschen Michaeloffensive. Im August 1918 empfängt Jünger einen beinah tödlichen Lungenschuss. Er scheidet aus dem Kampfgeschehen aus, die Kriegstagebücher enden.

In seinem ersten Kriegsjahr steigt Jünger zum Leutnant auf. Er durchlebt Grabenalltag und Großangriffe, führt Sturmpatrouillen durch, entwickelt maßgeblich das erfolgreiche Konzept des Stoßtrupps mit. Ausdrücklich lehnt er es ab, einen weniger gefährlichen Posten zu beziehen; beinah durchweg ist Jünger mit seiner Kompanie an der Front. Unter seinen zahlreichen Auszeichnungen findet sich der bedeutendste militärische Orden des Kaiserreichs, der Pour le Mérite.

Naturgemäß unterscheidet sich Jüngers Tagebuchstil von dem seines literarischen Werks. Meistenteils schreibt er knapp und berichtend. Passagenweise bricht aber ausgefeiltere Prosa durch, insbesondere bei rückblickenden Betrachtungen wichtiger Begebenheiten.

Zur Edition. „[O]hne die geringste Auslassung mit buchstäblicher Genauigkeit“ (Kiesel)

Beschreibungen von Jüngers Originalheften, markierte Seitenumbrüche, unveränderte Orthographie – die vorliegende Edition versucht, ihre Quellen möglichst naturgetreu wiederzugeben. Selbst Jüngers „Käferbuch“ findet sich; ein detaillierter Katalog von Käfern, die der Verfasser sammelt. Hinzu kommen eine editorische Notiz, in der das verwendete Quellenmaterial und das editorische Vorgehen erläutert wird, ein Stellenkommentar, der auf Wortbedeutungen und historische Hintergründe eingeht, sowie ein ausführliches Literaturverzeichnis. Abgerundet wird die Edition durch Kiesels Aufsatz „Ernst Jünger im Ersten Weltkrieg. Übersicht und Dokumentation“, der die Tagebücher historisch und biographisch kontextualisiert. Leider lässt sich Kiesel am Schluss seines ansonsten erhellenden Beitrags zu der Wertung hinreißen, „Jüngers [spätere] Versuche, dem Krieg einen geschichtlichen Sinn zuzuschreiben, [seien] Ausdruck eines in eine falsche Richtung gehenden Denkens“. Diese hochgradig normative Aussage ist hier unangebracht, denn alle sich unmittelbar aufdrängenden Fragen – nach der Definition geschichtlichen Sinns und der „richtigen“ Denkrichtung – bleiben undiskutiert.

Tagebücher und Frühwerk. „[D]ie große Rolle des Schicksals“ (Jünger, Das Wäldchen 125)

Jüngers Frühwerk, namentlich die 1924er-Fassung der „Stahlgewitter“, die Schriften „Der Kampf als inneres Erlebnis“ (1922), „Feuer und Blut“ (1925), „Das Wäldchen 125“ (1925) sowie seine kleineren Publikationen der 20er Jahre unternehmen den Versuch, dem Kriegsgeschehen ideologischen Gehalt abzugewinnen. Es sei Naturgesetz im Sinne des Vergehens und Werdens. Im Kampf behaupte sich die stärkere Idee und Kultur. Die den Krieg und die Niederlage seelisch unbeschadet überstanden hätten, gehörten einem neuen Menschentypus an, der fortan führen werde. Wer im Weltkrieg der maschinellen Macht getrotzt habe, sei fortan der Maschine gewachsen und könne das Technikzeitalter beherrschen. Damit könne die eigene Idee zum neuen Wettstreit antreten. Sich bewähren, wo sie vormals unterlag. Wieder Krieg.

Dieses Denken zeigt einen starken darwinistischen Zug; im Großen sei der Krieg eine Auslese der Kulturen, im Kleinen der nationalen Elite. Hinter jeder Partei wirkt eine Idee und liegt im Wettstreit mit den anderen.

Von dieser Ideologie ist im Kriegstagebuch – wie auch in den ersten beiden Fassungen der „Stahlgewitter“ – wenig zu spüren. Eine nationale Haltung zeigt sich kaum, wenngleich Jünger an einer Stelle „die volle Hingabe an ein Ideal bis zum grausigem [sic! - MM] Schlachtentod“ preist. Aber zahlreiche Textstellen belegen, dass Jüngers Tollkühnheit sich aus Abenteuerlust und Bewährungswillen speist, nicht aus einer sittlichen Idee. Noch gibt der Tagebuchschreiber dem Erlebten keine weltanschauliche Ordnung. An bezeichnender Stelle durchgrübelt Jünger gar pazifistisches Gedankengut; „es scheint mir, das [sic! - MM] Kultur und alles Große langsam vom Kriege erstickt wird. Der Krieg hat in mir doch die Sehnsucht nach den Segnungen des Friedens geweckt“. Meistenteils freilich bejaht er das Kampfgeschehen – hofft, es möglichst intensiv in allen Facetten zu erleben und „noch manche Granate durch die Lüfte heulen zu hören“. Bis er die Front zwangsweise verlässt.

Einige literarische Topoi Jüngers finden sich bereits in den Kriegstagebüchern; gleiche Achtung vor Freund und Feind entsprechend dem bewiesenen Mannesmut, in unmittelbarer Konfrontation hervorbrechende Animalität, Interpretation des tödlichen Schlagabtauschs als Spiel mit hohem Einsatz. Erst später aber werden sie vereinheitlicht und ideologisch aufgeladen.

Anders als im verdichteten literarischen Geschehen zeigt sich in den Tagebüchern deutlicher die Langeweile und Banalität des Grabenalltags mitsamt allen Abstumpfungserscheinungen.

Eine Empfehlung

Aus historischer Sicht sind Jüngers Kriegstagebücher interessante Dokumente des Ersten Weltkriegs. Insbesondere dürften sie aber der Literaturwissenschaft zugute kommen. Wie wird aus Kriegsalltag, der letztlich trivial wie aller Alltag ist, ein ästhetisiertes, sinngefülltes Geschehen? Was lässt sich über Jüngers geistige Entwicklung sagen? Diese Fragen verdienen es, neu besprochen zu werden. Kiesels Edition liefert dafür eine hervorragende Grundlage. Sie besticht nicht nur durch akribische Wiedergabe der Kriegstagebücher, sondern auch durch umfassendes Hintergrundmaterial. Keine ihrer Sektionen scheint unvollständig oder auch nur detailarm. Beste Lektüre nicht nur für den Wissenschaftler, sondern auch für alle Kriegs- und Jüngerinteressierten.

 

Kiesel, Helmuth (Hrsg.): Ernst Jünger. Kriegstagebuch 1914–1918, 2. Auflage, Klett-Cotta, Stuttgart 2010. ISBN-13: 978-3608938432

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

Zur Person: Ernst Jünger

„Ich bin der Meinung“, resümiert Ernst Jünger gegen Ende der 70er Jahre, „ein Mann zeigt sich [...], wie er gewachsen ist. Entweder passt er dazu, oder passt nicht dazu, nicht wahr?“

Er hat nie recht in seine Zeit gepasst. Von der Schulzeit an bis in die zeitgenössische Gegenwart, Jünger ist zum Zeitpunkt der Äußerung bereits über 80, sind „die vorgeformten Kästen und Regale“ auf ihn nicht zugeschnitten gewesen.

Am 29. März 1895 wird Jünger in Heidelberg geboren. Als eins von sechs Kindern wächst er im gutbürgerlichen Milieu auf. Der Vater, ein Apotheker, ist amusischer Rationalist, die Mutter künstlerisch geartet. Beide Anlagen werden Jünger tief prägen.

In der Schulzeit beginnt seine Rebellion. Fehlende Motivation, Erfolglosigkeit. 1913 der Ausbruch: Jünger flieht nach Frankreich und verpflichtet sich bei der Fremdenlegion. Es zieht ihn gen Afrika. Dort angekommen, entschlüpft er erneut. Den Kontinent will er erkunden. Jünger wird gefasst. Die Intervention des Vaters bringt ihn zurück nach Deutschland.

Dann bricht der große Krieg los. Jünger meldet sich freiwillig und legt sein Notabitur ab; so entgeht er der verhassten Schule. Kreativität, Wagemut, Tapferkeit – fast den ganzen Krieg über bewährt sich Jünger an vorderster Front und bringt es zu höchsten militärischen Ehren.

Zur Weimarer Republik geht er in Opposition. „Ich hasse die Demokratie wie die Pest“, heißt es in „Wäldchen 125“. Jünger tritt aus dem republikanischen Heer aus und kämpft fortan mit der Feder für einen Staat, der „national, sozial, wehrhaft und autoritativ gegliedert“ sein soll.

Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung scheidet Jünger aus dem politischen Tagesgeschehen. National ist für ihn nicht pompöse Selbstvergötterung. Sozial nicht Vermassung. Und herrschen sollen jene, die sich bewährt haben – nicht kleinliche Hetzer.

1939 nähert sich Jünger einmal häufiger „der Zone der Kopfschüsse“ („Völkischer Beobachter“, 1932 auf Jüngers Schrift „Der Arbeiter“). Er veröffentlicht seinen Roman „Auf den Marmorklippen“. In ein landschaftliches Idyll bricht der Oberförster mit barbarischen Horden. Entsetzliche Zustände halten Einkehr. „Das sind die Keller, darauf die stolzen Schlösser der Tyrannis sich erheben [...]: Stankhöhlen grauenhafter Sorte, darinnen auf alle Ewigkeit verworfenes Gelichter sich an der Schändung der Menschenwürde und Menschenfreiheit schauerlich ergötzt.“ Die Anständigen nehmen den Kampf auf. Eine eindeutige Analogie – und doch geht sie in Druck.

In den Zweiten Weltkrieg tritt Jünger als Hauptmann. Am Westwall, in Frankreich, im Kaukasus dient er. Kurz vor Kriegsende wird er mit 49 Jahren aus dem Heer entlassen. Seine letzte militärische Handlung: Als Volkssturmkommandant befiehlt er, den einrückenden Gegnern keinen Widerstand zu leisten.

Unter alliierter Besatzung erhält Jünger bis 1949 Publikationsverbot. Er weigert sich, den Entnazifizierungsbogen auszufüllen. Bis zum Lebensende lässt er sich keinen Widerständler nennen. „Was ist das überhaupt, Widerstand?“

Jünger wird politisch nicht mehr aktiv. Interessiert ist er an der Natur, an Grenzerfahrungen, an der Schreiberei. Seine literarischen Grundmotive gibt er nie auf. Stets versucht er, den Geist der Zeiten zu erfassen. Ihn einerseits zu bestätigen, andererseits zu beherrschen.

102 Jahre wird Ernst Jünger alt, bis zuletzt schreibend. Er überlebt seine erste Frau, seine beiden Söhne, alle seine Geschwister. Erst 1998 folgt er den vielen nach, die ihm vorausgegangen sind.

Todesverachtung und Lebensfreude, Nationalismus und Fernweh, Kollektivismus und Individualität, Scharfsinn und Rausch – all dies prägte Jüngers Leben. Was war das für ein Mensch? Wir können versuchen, ihm in seinem Werk auf die Spur zu kommen.


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Manuel Mackasare

geb. 1985, Historiker, VDSt Breslau-Bochum.

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