Ausdruck des schönen, edlen, vollkommenen

Das Hochmittelalter brachte Kunstformen hervor, die nach dem Ideal göttlicher Vollendung strebten. Ob in
der Baukunst, der Malerei oder der Musik und Literatur. Prototypisch für diese universelle Vorstellung von
Schönheit: die Vortragskunst des Hochadels, der Minnesang. Eine Annäherung an dessen Schönheitsbegriff
in drei Überlegungen.


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Codex Manesse_Konrad von Altstetten_die LiebkosungZürich um 1300. Ein Ritter und Ratsherr, reich an Ehren und Ansehen, ein Stadtadliger; er wirkt an Schiedsgerichten, übernimmt Bürgschaften und tritt als Zeuge bei Rechtsgeschäften auf. Gerechtigkeitssinn und Tugendhaftigkeit spielen im Leben des Familienoberhauptes eine wichtige Rolle, ebenso Glaube und Frömmigkeit. Rüdiger Manesse (der Ältere) hat mit knapp fünfzig Jahren alles erreicht, was sich für einen Mann von Rang und Namen ziemt. Das größte Vorhaben seines Lebens hat er jedoch noch vor sich. Manesse ist ein großer Liebhaber des Minnesangs. Und ein begeisterter Sammler. Mithilfe seiner Söhne und des befreundeten Minnesängers Johannes Hadloub beschließt er, die Vortragskunst des Minnesangs, zusammen mit anderen Liedformen, zu verschriftlichen und möglichst vollständig zu sammeln. Der Grund? Laut Hadloub, um den sanc zu pflegen und ihn der Nachwelt zu erhalten. Doch ist dies ein hinreichendes Motiv für eine solche Aufgabe? Oder sah Manesse im Minnesang das Spiegelbild des eigenen Lebenswandels?

VOM IDEAL ZUR KUNST

Erste Überlegung: Der Minnesang als ästhetisierte Form des höfischen Lebensideals also? Um dies zu überprüfen, ist ein Blick in die Zusammenhänge notwendig: Seit dem 11. Jahrhundert vollzog sich ein Wandel in den Bereichen der Wirtschaft, des Rechts, der Staatlichkeit und der gesellschaftlichen Ordnung: Bevölkerungswachstum, neue Produktionsmethoden, Handwerk, Handel, Stärkung des Adels gegenüber dem König – nur um einige Aspekte dieses Wandels zu nennen. Mit dem erstarkenden Adel kristallisierte sich immer deutlicher eine neue „höfische“ Kultur der Ritter, der Turnierkämpfe und der edlen Hofdamen heraus. Diese Kultur brachte als identitätsstiftendes Mittel einen Idealtyp adligen Lebens hervor, sowohl für die Frau als auch für den Mann. Für letzteren bedeutete dies, ein Repertoire bestimmter Eigenschaften in sich zu vereinen: muot, die Tatkraft und Haltung; vrümecheit, die Rechtschaffenheit; sterke und manhaftikeit, Stärke und Standhaftigkeit. Diese Eigenschaften wurden vor allem im tjost, dem Turnier, unter Beweis gestellt, aber auch in anderen Formen des Wettbewerbs und des Wettstreits. Die Hofdame charakterisierten tugent, das heißt Vollkommenheit und edle Gesinnung; senftecheit, Sanftmut und Güte; schoenheit, also die äußere und innere Pracht und Herrlichkeit. Diese Eigenschaften finden sich auch in den Themen und Motiven des Minnesangs wieder. Nicht etwa als reale Darstellungen höfischen Lebens, sondern verdichtet zu einem Ideal. Ähnlich dem Ideal einer sich auf das Wesentliche konzentrierenden antiken Statue – dem Sinnbild der Schönheit und Vollendung. Dazu ein Beispiel aus der Hohen Minne, der bekanntesten Spielart des Minnesangs. Für diese typisch ist die Werbesituation eines Ritters um eine Hofdame. Diese stellt unerfüllbare Forderungen, um den Werbenden abzuweisen: ich muoz gewinne ir den grâl, den dâ pflag hêr Parzival (Ich soll ihr den Gral beschaffen, den Herr Parzival in Obhut hatte), klagt das lyrische Ich. Die Dame dagegen bleibt gleichgültig und unnahbar, gleichzeitig der Inbegriff des Heils und der moralischen Vollkommenheit. Das lyrische Ich des Mannes, zunächst ausgeliefert an die „Minne“ (~ Liebe), erfährt durch sein treues Werben und standhaftes Dienen eine sittliche Läuterung und Vervollkommnung. Es geht gestärkt mit hôhem muot und fröide als Sieger – freilich nicht über die Dame, sondern über sich selbst – aus der Situation hervor. Das Minneleid hebt sich hier in der Standhaftigkeit und der Veredelung des Werbenden auf. Eine alternative Aufhebung des Minneleids vollzieht sich in anderen Liedern im Übrigen in der Schönheit der Sangeskunst selbst: wan daz ich leit zühten kann getragen, ich enkonde niemer sîn genesen (Wenn ich das Leid nicht in Schönheit tragen könnte, / könnte ich niemals darüber hinwegkommen.) Hier wird der Minnesang als Kunstform noch einmal ästhetisiert und zum Ideal des höfischen Lebensideals erklärt.

WAS IST SCHÖNHEIT?

Zweite Überlegung: Der Schönheitsbegriff, der dem Minnesang zugrunde liegt, ist ein normativer Begriff. Seine Bedeutung ist fest belegt: Schönheit liegt nicht im Auge des Betrachters; sie ist stets Spiegel des Wahren und Vollkommenen. Deutlich wird dies im sogenannten Frauenpreis, der rühmenden Beschreibung der umworbenen Frau. Dabei wird die äußere Erscheinung eher formelhaft und nach den Gesetzen der Rhetorik beschrieben. Man liest von Merkmalen wie dem blond gelockten Haar, der weißen Stirn, den wie ein Pinselstrich gezogenen Augenbrauen, dem Rot der Wangen, den weißen Zähnen, dem schönen Hals. Vom Hals abwärts bleiben die Beschreibungen jedoch spärlich. Die äußere Schönheit ist nur das Spiegelbild der inneren. Für letztere finden sich in den Beschreibungen Begriffe wie tugende, êre, reine, güete, sælic, die die äußere Schönheit gar überbieten. Häufig nutzen die Autoren deshalb das Stilmittel der Übersteigerung (Hypertrophie) und bezeichnen die Frau als Wunderwerk Gottes, als Offenbarung, als Mond und Morgenstern. Die Frau wird zur Verkörperung aller humanen Werte, alles Guten, aller menschlichen Vollendung. Eine Vorstellung davon erhält man noch heute, blickt man auf die Marienverehrung der römisch-katholischen Kirche. Diese setzt im Übrigen ab dem 12. Jahrhundert ein und überschneidet sich auch zeitlich mit dem Frauenpreis des Minnesangs.

FORMVOLLENDUNG

Dritte Überlegung: Schönheit bedeutet die ästhetische Einheit von Form und Inhalt. Minnesang ist immer Formkunst! Unter dem Blickwinkel der Formgestaltung findet sich hier das größte Spektrum der deutschen Lyrik – einerseits. Andererseits sind Form und Inhalt stets durch Strenge und Ritualisierung gekennzeichnet: Motive und Themen sind begrenzt, treten aber in zahlreichen Facetten auf, zum Beispiel in den dargestellten unterschiedlichen Aspekten der unerwiderten Minne. Ebenso sind die Liedformen
begrenzt. Die häufigste ist die oft schwermütige Kanzone, eine Zwischenform von Lied und Ode. Die metrischen Schemata sind sehr unterschiedlich, ebenso Versbau und Reime. Die generelle Entwicklung ist von anfangs einfachen Formen hin zu differenzierten, sehr kunstvollen Formen, besonders im 13. Jahrhundert. Wie in anspruchsvoller Formkunst üblich, bilden Form und Inhalt im Minnesang eine unmittelbare Einheit, im Großen wie im Kleinen: von der Lied und Strophenform zu Versbau und Wortwahl. Erfahrbar zum Beispiel an Stellen, wo Reim und Rhythmus die inhaltliche Aussage, hier einen Tanz, unterstützen: Nâch der mîn gedanc sêre ranc und swanc, die vant ich ze tanze, dâ si sanc (Um die mein Denken sich schmerzlich rank, die fand ich beim Tanz, wo sie sang.) In einem anderen Lied, das von der Zerrissenheit einer Hofdame zwischen Liebesverlangen und Sittsamkeit handelt, wird die Unruhe des lyrischen Ichs durch Zeilensprünge unterstützt: Mir tuot einer slahte wille samft und ist mir doch dar under wê (Mir tut ein Verlangen wohl und doch ist mir dabei weh). Form und Inhalt sind hier miteinander verwoben und bilden eine untrennbare Einheit – zwei Seiten einer Medaille. Ähnlich dem beschriebenen Frauenlob mit äußerer und der innerer Vollkommenheit. Schönheit eben.

ZÜRICH, PARIS, HEIDELBERG

Zurück zu Manesse und seiner Sammelleidenschaft. Was er der Nachwelt hinterlässt, ist eine der kostbarsten Handschriften der Welt (wenn auch nicht die einzige Quelle, durch die uns der Minnesang überliefert ist). Von Zürich aus gelangt sie über die Jahrhunderte auf Umwegen nach Paris, wo sie 1815 von Jacob Grimm entdeckt wird. Durch einen Tausch und eine Zahlung der Reichsregierung kommt sie 1888 nach Heidelberg, wo sie bis heute in der Universitätsbibliothek aufbewahrt wird. Bekannt als „Große Heidelberger Handschrift“, unter Germanisten technokratisch als Handschrift „C“ oder wohlklingend als „Codex Manesse“. Unter den rund 140 Autoren finden sich Kaiser, Könige, Fürsten. Und natürlich auch die sogenannten „Meister des Minnesangs“, darunter Walther von der Vogelweide. Fast alle Autoren sind auf kunstvoll gefertigten Miniaturen abgebildet – eine würdevolle Hommage an die Erschaffer einer edlen Kunst. Einer Kunst, die vielleicht noch mehr ist als das in Schönheit vollendete höfische Leben, weil sie, wie Johannes Hadloub in einem Loblied auf Manesse schreibt, eine edle Haltung, sowohl beim Autor als auch beim Rezipienten, voraussetzt: Swem ist mit edelem sange wol, des herze ist vol gar edeler sinne. sanc ist ein sô gar edelez guot: er kumt von edelem sinne dar (Wem bei edler Sangeskunst wohl ist, / dessen Herz ist voll edler Gedanken. / Sangeskunst ist doch ein wirklich edler Schatz: er speist sich von einer edlen Gesinnung.)

 

SI WUNDERWOL GEMACHET WÎBSi wunderwol gemachet wîb,
daz mir noch werde ein habedanc!
ich setze ir minneclîchen lîb
vil hôhe in mînen werden sanc.
Gerne ich allen dienen sol:
doch hân ich mir diese ûz erkorn.
ein ander weiz die sînen wol,
die lob er âne mînen zorn.
hab im wîse und wort
mit mir gemeine: lob ich hier, sô lob er dort.Ir houbet is sô wunnenlîch,
als ez mîn himel welle sîn.
wem möhte ez anders sîn gelîch?
ez hât ouch himelschen schîn.
Dâ liuhtent zwêne sternen abe,
dâ müeze ich mich noch inne ersehen.
daz si mirs alsô nâhe habe!
sô mac ein wunder wol geschehen:
ich junge, und tout si daz,
und wirt mir gerndem siechen senender sühte baz

.
Ir kel, ir hende, ietweder fuoz,
daz ist ze wunsche wol getân.
ob ich dâ enzwischen loben muoz –
ich wæne, ich mê beschowet hân.
ich hete ungerne ‚decke blôz!‘
geroufet, dô ich si nackent sach.
si sach mich niht, swie si mich schôz,
daz mich noch stichent, als ez stach,
swanne ich der lieben stat
gedenke, dâ si ûz einem reinen bade trat.

Got hât ir wengel hôhen vlîz,
er streich sô tiure varwe dar,
sô reine rôt, sô reine wîz,
dâ roeseloht, dâ lilienvar.
Ob ichz gatar von sünden sagen,
ich sæhe sie iemer gerner an
danne alle himel oder himelwagen.
owê, waz lob ich tumber man?
mache ich mir si ze hêr,
vil lihte wirt mînes herzen lob mîns herzen sêr.

Si hât ein küssen, daz ist rôt,
gewunne ich daz für mînen munt,
sô stüende ich ûf von dirre nôt
und wær ouch iemer mê gesunt.
Swâ si daz an ir wengel leget,
dâ wær ich gerne nâhe bî.
ez smecket, sô manz iender reget,
als ez vollez balsemen sî.
daz sol si lîhen mir:
swie dicke siz hin wider will, sô gibe ichz ir.

WALTHER VON DER VOGELWEIDEDiese vollkommen gemachte Frau,
Möge mir doch ein gewisser Dank zufallen!
Ich gebe ihrem Liebreiz
Einen Ehrenplatz in meinem herrlichen Sang.
Gern will ich allen dienen,
Doch habe ich mir diese auserkoren.
Ein anderer kennt gewiss die Seine,
Die rühm’ er – ohne meinen Zorn.
Möge er die Weise und das Wort
Mit mir gemeinsam haben: Rühm’ ich hier, so rühm’ er dort.Ihr Antlitz schenkt so viel Wonne,
Als wolle es mein Himmel sein.
Wem anders könnte es gleichen?
Es hat auch himmlischen Glanz.
Dort leuchten zwei Sterne herab,
Dort möchte ich mich doch einmal erblicken.
Brächte sie mir sie nur so nahe!
Dann kann gewiss ein Wunder geschehen:
Ich werde wieder jung, wenn sie das tut,
Und mir – krank vor Begehren – wird die Sehnsuchtsnot gelindert.

Ihre Kehle, ihre Hände, jeder Fuß,
Das ist vollkommen schön geschaffen.
Wenn ich rühmen soll, was dazwischen ist –
Ich glaube mehr gesehen zu haben.
Ich hätte ungern „bedeck die Blöße!“
Gerufen, als ich Sie nackt sah.
Sie sah mich nicht, obwohl sie mich mit dem Pfeil traf,
So dass es noch schmerzt wie damals,
wann immer ich an den lieben Ort
denke, wo sie aus dem reinen Bad stieg.

Gott hat große Sorgfalt auf ihre Wänglein verwandt,
Er trug so kostbare Farbe auf,
So reines Rot, so reines Weiß,
Da leuchtend wie die Rosen, dort lilienfarben.
Falls ich es wage zu sündigen, sage ich:
Es verlangte mich noch mehr, sie anzuschauen
Als alle Himmel oder Himmelswagen.
O weh, was rühme ich dummer Mann?
Mache ich sie mir zu erhaben,
Wird sofort meines Herzen Lob zu meines Herzen Schmerz.

Sie hat ein Kissen, das ist rot,
Bekäme ich dieses auf meinen Mund,
So erhöbe ich mich aus dieser Not
Und wäre auch für immer gesund.
Wo immer sie dieses an ihr Wänglein legt,
Da wäre ich gerne ganz nahe.
Es duftet, wenn man es irgend berührt,
Als sei es voller Balsam.
Das soll sie mir leihen,
So oft sie es zurückhaben will, gebe ich es ihr.

ZUM WEITERLESEN

Dorothea Klein (Hg.): Minnesang, Mittelhochdeutsche Liebeslieder, eine Auswahl, Stuttgart 2010.
Günther Schweikle: Minnesang, Stuttgart 1989.
Joachim Bumke: Höfische Kultur, Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, München 1986.

Bilderquelle: Cod. Pal. germ. 848, Große Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse), Zürich, ca. 1300 bis ca. 1340, http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848


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Thomas Cieplak

geb. 1981, Germanist und Historiker, VDSt Breslau-Bochum.

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