Bhagavadgita: Der Gesang des Erhabenen

Die Bhagavadgita gilt als einer der wichtigsten hinduistischen Grundlagentexte. Ihre hohe Philosophie beschäftigt seit 2500 Jahren die Weisen Indiens, und hat seit der Aufklärung auch Europas Gelehrte in ihren Bann gezogen. Aber gleichzeitig richtet sie sich an das einfache Volk. Ein Einblick.


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Über das üppige Grasland hat sich eine unnatürliche Stille gesenkt. Zwei gewaltige Heerhaufen stehen Aug in Aug. Spießträger und Bogenschützen, Kavallerie auf nervös tänzelnden Rössern, prunkvolle Streitwagen, Elefanten gar. Vielbesungene Helden und allbekannte Krieger finden sich in diesen Scharen. Pandavas und Kauravas, verwandte Fürstengeschlechter, werfen im Erbschaftsstreit ihre ganze Heeresmacht in die Wagschale. Hier, im grünen Kurukshetra, soll auch der Tapfersten nicht geschont werden.

Schon ertönen Hornstöße, hebt das gleichmäßige Dröhnen von Paukenschlägen an. Ein einzelnes Viergespann löst sich aus den Reihen der Pandavas, rollt in die Mitte des Schlachtfeldes, während Freund und Feind dichte Pfeilwolken in den Himmel senden. Fürst Arjuna ist es, der seinen kühnen Blick in die Reihen der Kauravas fahren lässt. Doch plötzlich erlischt die Kampfbegier in seinen Augen. Gegen alte Kampfgefährten, Lehrmeister, Verwandte ist er angetreten.

Während sich über dem Streitwagen die Flugbahnen der Pfeile kreuzen, lässt der Fürst seinen Bogen sinken. Ganz gleich, welche Seite siegt: Viele der Edelsten werden ihr Leben lassen. Sie aber sind zur Führung erkoren. Mit ihrem Tod muss die Ordnung ins Wanken geraten, Barbarei sich der ihrer Höchsten beraubten Völker bemächtigen. Über diesen Gedanken wird Arjuna das eigene Leben wohlfeil, wenn sein Tod nur das bevorstehende Blutbad vermeiden hülfe. Da wendet sich ihm sein Wagenlenker zu – Krishna selbst, eine irdische Inkarnation des höchsten Hindu-Gottes Vishnu.

Hintergrund

So erzählt es das Mahabharata, ein altindisches Versepos, hervorgegangen vermutlich aus vedischer Zeit  (ca. 1200–500 v. Chr.). Bisweilen wird es mit dem Nibelungenlied verglichen. Inhaltlich: Ein tragischer Verwandtschaftskonflikt bestimmt die Handlung. Entstehungsgeschichtlich: Wahrscheinlich liegen dem Stoff historische Ereignisse zugrunde, die, über Jahrhunderte vom Volksmund tradiert, erst spät verschriftlicht wurden.

Des Erhabenen (bhagavan) Gesang (gita), nur ein kurzer Passus im Mahabharata, zählt zu den bedeutendsten philosophischen Werke des Hinduismus. Krishna ist der Lehrmeister des zaudernden Fürsten, führt diesem in 18 Gesängen die Beschaffenheit des Irdischen und das Wesen der Dinge vor Augen und erläutert, welchen Prinzipien menschliches Dasein folgen soll.

Die Lehre eines Gottes

Die Zeit muss stillstehen, denn der Pfeilregen scheint nicht auf die unter ihre Schilde geduckten Krieger niederzugehen, das Schlachtengetümmel nicht loszubrechen. Krishna hebt an, dem Fürsten seine fundamentalste Lehre zu verkünden: Die strenge Trennung von belebender Essenz und Materie. Letztere ist im ständigen Wandel von Vergehen und Neuentstehen begriffen. Die Lebenskraft aller Geschöpfe aber ist Teil des Göttlichen. Aus ewiger, unwandelbarer Essenz (brahma) lässt Vishnu jene hervorgehen, Sinne und Stoffliches um sich her sammeln, Wesenheiten konstituieren. Ziel allen Lebens ist es, diesen dualen Charakter des Seins zu begreifen und sich so von der Materie zu lösen. Dem Vergänglichen keine übermäßige Bedeutung beizumessen.

Indem die göttliche ‚Urnatur’, die hinter der sichtbaren Natur ewigen Wandels steht, erkannt wird, ist die Einheit mit derselben hergestellt. Im Brahma findet der Wissende Ganzheit und ewige Glückseligkeit. Allen anderen aber ist neues Erdendasein bestimmt. Verstehen wie Unkenntnis des vorigen Lebens, beide haften der wiedergeborenen Wesenheit an.

Daraus resultiert ein strenges Ordnungssystem, das jedem Menschen bereits mit seiner Geburt einen Platz in der Welt zuweist – das Kastenwesen. Vier Hauptkasten kennt der Hinduismus: Brahmanas (Priester und Gelehrte), Kshatriyas (Herrscher und Krieger), Vaishyas (Kaufleute und Bauern) sowie Shudras (niedere Tätigkeiten). Jedoch – so lehrt es Krishna – schließt die Geburt weder den Niederen vom Erlangen des höchsten Ziels aus, noch schützt sie den Edlen vor dem finsteren Pfad. Sicherlich vermag ein Priester leichter Erkenntnis zu erlangen als ein Tagelöhner, jedoch ist alles Tun gottgefällig, das der Kastenbestimmung entspricht. Es soll losgelöst vom Irdischen erfolgen, also gleichmütig, ohne Hoffnung auf Lohn oder Blick auf das Resultat.

Bereits in der Lebenspraxis bedeutet dies eine Trennung von Materiellem und Geistigen: Das erforderliche Werk soll verrichtet, vor allem aber Erkenntnis erlangt werden. Dabei stehen dem Menschen sinnliche Wahrnehmung, Triebe und Emotionen entgegen; sie binden ihn an unnütze oder schädliche Tätigkeit, lenken ihn von seiner tieferen Bestimmung ab. Er muss sie bezwingen und reine Geisteskraft zur Grundlage des Handelns machen. Erkenntnis wird aus Andacht gewonnen – andächtig ist, über wes Geist nicht das Materielle herrscht.

Aus dieser Lehre folgt zweierlei. Zum einen bedeutet der Tod lediglich das Vergehen eines Wandelleibs, und das Töten befleckt das Unwandelbare im Menschen nicht. Zum anderen aber verpflichtet gerade die Ordnung den Kshatriya Arjuna zum Kampf.

Innere Logik

Wie konsistent die Gita ist, welche Widersprüche sie aufweist, ist unerschöpflicher Diskussionsgegenstand. Auf verhältnismäßig engem Raum eröffnet sie einen ganzen philosophischen Kosmos, der sich von abstrakter Idee bis zu konkreter Handlungsanweisung erstreckt. Der europäische Diskurs zu diesem Thema birgt außerdem die Schwierigkeit der Semantik. Gerade unser religiöses, christlich geprägtes Vokabular vermag vielfach die sehr verschiedenartigen Dimensionen seiner vermeintlichen sanskritischen Pendants schwerlich zu erfassen.

Die Gottheit zeigt sich

Im Dialog lauscht Arjuna aufmerksam, stellt gewitzte Nachfragen, auf die Krishna trefflich zu antworten weiß. Schließlich bittet der Fürst sein Gegenüber, sich ihm in überirdischer Gestalt zu zeigen. Da offenbart sich der Gott. In sein Wesen fällt das All des Belebten und Unbelebten in allen Zuständen und Zeiten. Götter, Dämonen, Sterbliche umschließt es, ragt in strahlender Herrscherpracht ins Unendliche und als grausiges Ungetüm hinab zu den versammelten Heerscharen. Sie strömen schon in die lodernden Mäuler, edle Helden hängen mit zerschmetterten Gliedern zwischen den zahnbewehrten Kiefern.

Entsetzen fasst den Fürsten. Doch die Gottheit spricht zu ihm. Was Arjuna sieht, ist der Gang alles Stofflichen. Es ist die Zukunft, die auch ohne sein Eingreifen unvermeidlich ist. Nun erst erkennt Arjuna die lästerliche Selbstüberschätzung in seinem Zaudern – den anmaßenden Glauben, das eigene Verhalten vermöchte den göttlich bestimmten Lauf der Dinge zu beeinflussen.

Rezeptionsgeschichte

Vielen Hindus galt und gilt das Mahabharata als geschichtliches Werk und die Gita als bedeutendste philosophische Grundlage ihres Glaubens. Im 18. Jahrhundert erwachte das Interesse der europäischen Aufklärer an den Hochkulturen Asiens. In diese Zeit fällt die erste Übersetzung der Gita durch den Engländer Charles Wilkins (1785), eine rege Diskussion über das Gedicht anstoßend. Als wohl prominentester Liebhaber tat sich Wilhelm von Humboldt hervor, der in dem Essay „Über die Bhagavad-Gita“ (1825) diese im vielzitierten Wort als „das schönste, ja vielleicht das einzige wahrhaft philosophische Gedicht“ aller uns bekannten Literaturen bezeichnete. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts fand Humboldts Urteil immer neue Bestätigung. Gerade die deutsche Forschung blieb mit der Gita befasst, manches Mal wird die Nüchternheit wissenschaftlicher Arbeit von flammender Begeisterung durchbrochen. Der Indologe Leopold von Schroeder (1851 – 1920) nennt die Philosophie „des herrlichen Gedichtes“ eine „herzerwärmende, begeisternde“ und verortet „[a]ls die köstlichste Frucht dieses Wunderbaums aus dem Fernen Osten [...] jene reine, strenge, erhabene, mannhaft tapfere Sittenlehre“.

Verehrung und Verklärung siedeln oft nah beieinander. Reichsführer-SS Heinrich Himmler, für den die nationalsozialistischen Massenmorde Pflichtübung waren, trug die Gita stets bei sich. Bezugspunkt ariosophischer Kreise ist sie bis heute geblieben. Vielleicht erklärt sich so die kritische Distanz der neueren Rezipienten. Klaus Mylius sprach 1997 von einer „Gefährlichkeit der Konsequenzen [der in der Gita vertretenen] Lehre“. Aber aus eben dieser Lehre schöpfte gemäß eigener Aussage der friedliche Widerständler Gandhi die Kraft seiner schwersten Stunden. Spannweite und Bindungskraft der Gita treten schon in wenigen Beispielen zutage.

Die drei Qualitäten des Seins

Rasch verhüllt die Gottheit ihre unbegreifliche Allgestalt wieder und zeigt sich im freundlichen irdischen Leib. Krishna lehrt den Fürsten, dass die Natur drei Qualitäten (gunas) hervorbringt, von denen das Stoffliche durchdrungen und alles Handeln beeinflusst wird. Der Guna Licht zeitigt Wissensdrang und Glück, ist Grundlage pflichtbewussten Handelns und lässt erkennen, was recht ist. Er lenkt den Fokus auf das Geistige. Die Leidenschaft dagegen ist Ursache von Lebenslust, Gier und Tatendrang. Unter ihrem Zeichen steht selbstsüchtige und berechnende Tat, wobei das Urteilsvermögen, was Recht und Unrecht sei, fehlt. Sie treibt zu Materiellem. Schließlich das Dunkel bringt Trägheit und blindes, phlegmatisches Handeln hervor. Im Dunkel scheint das Falsche richtig, es gebiert den Wunsch nach Zerstreuung und Schlaf. In jeder Wesenheit dominiert ein Guna, abhängig vom vormaligen Dasein. Das Licht strebt zum Göttlichen, die Leidenschaft zum Menschlichen und das Dunkel zum Dämonischen. Hier schließt sich der Kreis zum vormals Gesagten: Erkennt man diesen Zusammenhang, werden die Gunas überwindbar. Einzig der Geist bestimmt dann das Handeln. Die Überwindung der Naturkräfte durch Willen und Verstand führt so hinan ins Brahma.

Nach Erkenntnis und Selbstüberwindung mögen rationale und willensstarke Geistern streben. Die simpleren Gemüter jedoch können Erlösung in hingebungsvoller Liebe zur Gottheit finden. Mit diesem Postulat durchbricht die Gita ihre hochkomplexe Lehre, sich an den einfachen Menschen wendend. Sie ist nicht nur ein Werk der Gelehrten.

Die fürstliche Bestimmung

Der Fürst kehrt sein Haupt wieder den feindlichen Heerscharen zu. Alle Zweifel in seinem Blick sind fester Entschlossenheit gewichen, während um ihn her die Zeit weiterläuft. Die Schreie der von Pfeilen Durchbohrten hallen gellend herüber und gehen schon im donnernden Ansturm Tausender unter. In deren Mitte nimmt Arjuna sein Kriegerhandwerk auf. Als einer unter wenigen wird er diesen Tag überleben. Doch gerade uns, die wir wohl über dreitausend Jahre in die Vergangenheit schauen, zeigt sich die Nichtigkeit eines Menschenalters. Als Krieger seine Pflicht erfüllt zu haben – einzig darauf kam es an.


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Manuel Mackasare

geb. 1985, Historiker, VDSt Breslau-Bochum.

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