Bismarck der Große

Bismarck-Biographien sind Legion, und Neuerscheinungen zu seinem Leben und Wirken sind insbesondere an Gall, Pflanze und Engelberg zu messen. Der US-Historiker Jonathan Steinberg erhebt nun den Anspruch einer korrigierenden Sicht auf bisher Erschienenes.


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Er versucht dies mit einem psychoanalytischen Blick auf den „Magier der Macht“. Dessen Magie sieht er in der Persönlichkeit des „größten politischen Genies des 19. Jahrhunderts“: „Sie beruhte auf der Souveränität eines außergewöhnlichen, gigantischen Selbst.“ Er skizziert den „Dämon“ Bismarck als eine zerrissene und komplexe Persönlichkeit mit „kranker Seele“. Zu diesem Urteil kam Steinberg nach einer rauschhaften Niederschrift in vier Monaten (!) vor allem aus dem Studium der Zeugnisse von Bismarcks Zeitgenossen. So zitiert er ausgiebig aus Schreiben, Tagebüchern und Erinnerungsliteratur der Freunde und Feinde des Reichsgründers. Der Person Bismarck kommt der Leser auf diese Weise oft näher als in den „klassischen“ Biographien, auch was Bismarcks Widersprüche betrifft, die auch Steinberg nicht aufzulösen vermag. Diesem Gewinn steht der Verlust entgegen, dass Steinberg zu wenige Bezüge von Bismarcks Taten und Ansichten zu den Strömungen der Zeit herstellt. Die für VDSter besonders interessante Frage seines Verhältnisses zur akademischen Jugend wird nicht berührt, dafür werden seine Mit- und Gegenspieler ausführlicher dargestellt als in vielen anderen Werken. Bismarcks Kampf um die Macht sieht Steinberg dabei als Selbstzweck: „Er musste die Gegner besiegen und vernichten oder verlieren und selbst vernichtet werden.“ Aus diesem Gedanken gelangt der Autor zu dem Verdikt, dass eine direkte Linie von Bismarck zu Hitler geführt habe. In den 43 Jahren zwischen dem Abgang des „Lotsen“ und der „Machtergreifung“ des „Führers“ lagen aber zu viele Möglichkeiten für Wendungen der Geschichte, als dass der Weg zwingend vorgeschrieben gewesen wäre. Trotz dieses Fehlurteils ist Steinbergs Biographie eine flüssig lesbare Ergänzung des Bestehenden. Steinbergs vielfältige Kritik am Altreichskanzler hat wohl zum Buchtitel geführt. Bei der dennoch ständig spürbaren Bewunderung wäre auch „Bismarck der Große“ möglich gewesen.

 

Das Buch

Jonathan Steinberg: Bismarck – Magier der Macht, Berlin 2012, Propyläen-Verlag, ISBN 978-3-549-07416-9, 752 S., 29,99 Euro.


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Marc Zirlewagen

Marc Zirlewagen, geb. 1970, Historiker, ist AH beim VDSt Freiburg und VDSt Marburg.



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