Brot und Spiele

Warum sich die Krise in Deutschland diesmal nicht durch Medien-Events entschärfen lässt.

Schon im alten Rom war das machtkonsolidierende Wirkungspotential eindrucksvoll inszenierter Großereignisse bekannt. Doch erst im Zwanzigsten Jahrhundert erreichte die politische Instrumentalisierung von Sport- und Unterhaltungsveranstaltungen ihren Höhepunkt. Ermöglicht wurde dies durch den gezielten Einsatz der elektronischen Massenmedien.


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Berlin 1936: Die Olympischen Sommerspiele werden über den Hörfunk live in alle Welt übertragen. Hinzu kommen erste Fernsehsendungen, die in so genannten Fernsehstuben eine frühe Form des Public Viewing ermöglichen. Auch das Kino wird mit Wochenschau-Reportagen in die Berichterstattung eingebunden. Die nationalsozialistische Führung machte sich die weltweite Aufmerksamkeit zunutze: Terror und Repressalien wurden für die Zeit der Spiele eingeschränkt, das ,Dritte Reich‘ präsentierte sich betont friedlich und weltoffen. Mit dem erstmals durchgeführten Fackellauf, einem Logo und einer eigens komponierten Hymne verknüpften die Organisatoren nationalsozialistische Ästhetikvorstellungen mit Olympia und sorgten auf diese Weise für positive Konnotationen. Trotz des im Inland bereits herrschenden Unrechts und der Deutschland angelasteten Alleinschuld am Ersten Weltkrieg besserte sich das Image des Deutschen in der Welt. Auch innenpolitisch war Olympia für die Nationalsozialisten ein Erfolg: Die große Frustration nach der Wirtschaftskrise schien überwunden. Noch Jahre später dienten Episoden aus der ,goldenen Zeit‘ der olympischen Spiele als Mittel des Machterhalts, beispielsweise in Eduard von Borsodys Film Wunschkonzert.

Im Schlepptau der Fußballhelden

Solch weitreichende Medieneffekte sind im demokratischen Deutschland zwar nicht mehr möglich, die Trias aus Großereignissen, Massenmedien und Politik blieb jedoch erhalten. Aus Propaganda sind Public Relations geworden: Im Wettkampf um die Gunst des Volkes unternehmen zahlreiche politische Akteure immer wieder den Versuch, Einfluss auf die eigene mediale Repräsentation zu nehmen. Als probates Mittel gilt dabei, sich im Glanz von nationalen Show- und Sportstars zu sonnen. Das Sommermärchen der Fußballweltmeisterschaft 2006 nutzte auch dem Kabinett Merkel. Trotz des zaghaften Regierungsstils erfreute sich die Kanzlerin ab Mitte des Jahres einer verhältnismäßig hohen Beliebtheit, schließlich hatte sie medienwirksam Podolski, Schweinsteiger und Konsorten im Stadion die Daumen gedrückt. Immer wieder wurden Merkels bemühte Anfeuer-Posen in den Fokus der Fernsehkameras gerückt. Die Welle der Fußball-Euphorie liess politische Probleme in den Hintergrund treten und rehabilitierte eine vorsichtige Form des Patriotismus. Die durch das Fernsehen vermarkteten Fan-Events führten zudem zu einer Änderung des deutschen Selbstverständnisses, indem ein starkes Wir-Gefühl suggeriert wurde. En gros vergrößert die Identifikation des Einzelnen mit seinem Land die individuelle Leidenstoleranz und stärkte so die Regierung.

Kein neues Sommermärchen

Mehr denn je bleibt der Kanzlerin auch in diesem Jahr auf ein Sommermärchen zu hoffen. Doch die Aussichten, dass die Fußballweltmeisterschaft sie wie 2006 stützen wird, sind schlecht. Die WM in Südafrika stellt die PR-Strategen vor ein Problem: Die Austragungsorte sind einfach zu weit entfernt, als dass die Kanzlerin ,zufällig‘ im Hotel der Nationalmannschaft vorbeischauen oder ,unsere Jungs‘ im Stadion anfeuern könnte. Angesichts der massiven Probleme innerhalb Deutschlands ließe sich die zehnstündige Anreise kaum rechtfertigen. Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise, das damit verbundene Sparprogramm, die Euro-Schwäche und der innerkoalitionäre Streit lassen keine Vergnügungsreisen zu. Auch die Euphorie der Bevölkerung dürfte nicht so weit steigen, wie bei der WM im eigenen Land. Mitverantwortlich sind die Fernsehsender, die zwar brav aus Südafrika berichten, nicht jedoch wie 2006 ihr gesamtes Programm umwerfen. Nach den großen Erfolgen bei der letzten Fußballweltmeisterschaft ist auch ein 4:0 Auftaktsieg gegen Australien keine Sensation mehr. Spekulationen über das baldige Ende der Regierungskoalition haben momentan das größere Verkaufspotential, wie der Titel des SPIEGEL vom 15. Juni zeigt: Ein Foto von Kanzlerin Merkel und Außenminister Westerwelle ist mit dem in auffälligen Gelb gehaltenen Imperativ „Aufhören!“ überschrieben. Zum Auftakt der WM 2006 zierten noch jubelnde Fans das Cover.

Schlechtes Timing

Dass dieses Jahr auch das Timing nicht stimmt, zeigt die für die Kanzlerin bittere Episode des Eurovison Song Contest. Von Showprofi Stefan Raab über Monate als ,unser Star für Oslo‘ promotet, gewinnt Lena Meyer Landrut den Titel. Wie zur WM 2006 wurde das Event live im Fernsehen und auf Großbildleinwänden. Zehntausende Fans schwenkten ihre Deutschlandfähnchen. Lena entstieg am nächsten Tag mit schwarz-rot-goldenem Kopfschmuck dem Flugzeug und wurde triumphal empfangen. Das ereignis war so etwas wie eine Gratis-PR-Veranstaltung für die Kanzlerin, die noch kurz zuvor durch ihre zögerliche Griechenland-Politik internationale Kritik auf sich gezogen hatte. ,Seht her, sie mögen uns doch noch!‘, so der Subtext des Sieges, der nur durch die Stimmen der Anrufer in den vierundzwanzig Mitbewerber-Ländern zustande kommen konnte. Merkels Gratulation ließ auch sie an Lenas Erfolg teilhaben – bis zwei Tage später Horst Köhler zurücktrat. Des Staatsoberhauptes beraubt, verpuffte die Deutschland-Euphorie in der Bevölkerung. Die Krise war zurück. Auch die Begeisterung für die Fußballweltmeisterschaft könnte durch die unterbewusste Furcht vor einer erneuten Desillusionierung einen Dämpfer erhalten.

Inhalte statt Überbrückung

Doch was heißt das für die Kanzlerin?  Der nur mäßige PR-Effekt der diesjährigen WM eröffnet für Angela Merkel die Möglichkeit, sich mehr auf die politischen Inhalte als auf die Öffentlichkeitsarbeit zu konzentrieren. Gefragt sind Führungsstärke und Entschlossenheit. Die Konsolidierung der Macht durch ,Brot und Spiele‘ kann immer nur eine Überbrückung schlechter Tage sein. Sollte jedoch wie aktuell keine Besserung in Sicht sein, vergrößert die Verschleppung nur die Krise selbst. Nur ein ganz bestimmtes, auch medial befördertes Großereignis kann die Kanzlerin noch retten: Ihr eigenes Comeback.


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Rasmus Greiner

geb. 1983, Dr. phil., Medienwissenschaftler, VDSt Marburg.



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