Buntes Grau

Mehr als nur den Charme alter Ruinen bieten die verlassenen Orte Schlesiens. Sie machen den Betrachter fragen, nach Vergangenheit und Zukunft und der Endlichkeit menschlichen Schaffens. Eine Spurensuche von Kai Kranich.


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Schloss Penkendorf (Panków) brannte 1945 aus

Meist abgelegen, kaum zugänglich, verbarrikadiert und mit einem “Betreten verboten”-Schild abgerundet, präsentieren sich dem Suchenden die Orte seines Interesses. Für einige Zeitgenossen hat das Hobby verlorene Orten (“Lost Places”) zu finden einen ganz besonderen Reiz entwickelt. Untereinander verbindet sie nicht selten der Antrieb ihre Schätze aufwendig melancholisch fotographisch festzuhalten. Ich bin ebenfalls dieser Freizeitbeschäftigung verfallen, und meine Suche findet oft in Schlesien statt.

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Lichtspiele im Schloss Penkendorf (Panków)

Aber nähern wir uns erst einmal dieser Orte in konzentrischen Kreisen an. Wir wollen sie nicht überfallen, sondern mit weitem Blick abstrakt begreifbar machen. Was ist es, was “Lost Places” so besonders macht und was einen auch den schwierigsten Weg durch dorniges Gestrüpp auf sich nehmen lässt. Es ist wohl die Verlockung etwas wiederzufinden, was die Menschen um einen herum vergessen “verloren” haben. “Lost Places” sind keine Naturwunder, sondern von Menschen gemachte Einöde, in der die Natur ihre Kraft zurückgewinnt. In dieser Ödnis finden Menschen Inspiration von Dingen die hinter uns liegen und vor uns sein können. Dieser doppelte Aspekt der Zeit und die menschliche Sehnsucht danach eben diese Zeit zu beherrschen, macht den besonderen Reiz aus. “Lost Places” sind begehbare Zeitkapseln, die einen Blick in die Vergangenheit gewähren.

Einer der berühmtesten Orte für solche Begegnungen ist die Sperrzone um Tschernobyl. Mit der plötzlichen Flucht der Menschen vor der radioaktiven Katastrophe von 1986 ist ein ganzer Landstrich und sogar eine komplette Stadt entvölkert worden. Die Bilder von Füllfederhalter, Puppen und ersten Schreibproben an der Kreidetafel in einer Schule lassen den Betrachter erschaudern, weil man selbst seine eigene Kindheit darin wiedererkennt. Die Kinder von Tschernobyl wurden an diesem Ort aus der Zeit gerissen. An ein und demselben Ort kann auch ein Blick in die Zukunft riskiert werden und der Betrachter erhält eine Ahnung davon, was passiert wenn wir Menschen nicht mehr auf der Erde sind und sich niemand mehr um die Infrastruktur kümmern kann. Ein Motiv also, welches in vielen Hollywood-Streifen wie “The book of Eli” oder “I Am Legend” aufgenommen wurde.

In Deutschland ist einer der bekanntesten Orte für solche Abenteuer ein ehemaliges Sanatorium südlich von Berlin. Wenn man durch die verlassenen Untersuchungsräume von Beelitz-Heilstätten streift, wo einst Adolf Hitler sich kurierte und Erich Honecker seine letzte Zuflucht in der untergehenden DDR fand, fühlt man sich wie Robert Neville (gespielt von Will Smith), der auf dem Menschenleeren Time Square in New York City Rotwild jagt. Den Verfall zu sehen hält uns und unserem Fortschrittsglauben den Spiegel vor Augen. Die natürliche Zerstörung unserer religiösen und ökonomischen Tempel, für die wir geschuftet und geschwitzt haben, die uns halfen zu überleben und uns zu Herrschern über die Welt machten, haben ihre Funktion und Glanz verloren.

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Miro Kim beim 2. WORLD CULTURE FORUM 2009 in Dresden. Foto: WCF Dresden

Die koreanische Fotokünstlerin Miru Kim spielt in ihrer einzigartigen Weise mit dem doppelten Aspekt der Zeit. Sie fügt sich nackt und unauffällig in das Bild von modernden und verwaisten New Yorker U-Bahnschächten oder Fabrikanlagen ein. In dieser unwirtlichen Umgebung voll grünschimmernden Rohren, zwischen Rattenkot und Taubennestplätzen, transformiert sie den Untergrund der Stadt für sich selbst “von fremd zu vertraut, von streng zu friedlich, von gefährlich zu spielerisch.” (“I became an animal or a child interacting with the surroundings. As I momentarily inhabit these deserted sites, they are transformed from strange to familiar, from harsh to calm, from dangerous to ludic.” http://mirukim.com/statementNakedCitySpleen.php)

“Lost Places” sind also nicht nur Orte voll romantischer Träumerei und Abenteuerspielplätze. Sie sind oft Plätze, die nicht nur aus ökonomischen Gründen vergessen werden sollten. Die Schrecken des 20. Jahrhunderts haben eine ganze Provinz zu einem einzigen “Lost Place” gemacht. Schlesien ist reich an verlorenen Orten. Das, was heute davon noch übrig ist, regt immer wieder zum Nachdenken und Erinnern an, polarisiert auch gern und lässt sich daher wenig romantisieren. Zum einen sind da viele alte Gutshäuser und Schlösser die den Flammen oder den Verfall preisgegeben wurden. Aber auch evangelische Kirchen, die keine Gemeinde mehr fanden, da, nach Flucht und Vertreibung der deutschen Schlesier, eine katholische Kirche im Ort reichte.

Neben solchen stillen Erinnerungsorten, die uns noch heute ein Gefühl für den plötzlichen Verlust von Heimat und Identität geben, gibt es Plätze die uns verstehen lassen warum dieses Unheil über Schlesien gekommen ist. Dazu zählt natürlich Auschwitz-Birkenau, wo die zu hunderten in den Himmel ragenden Kamine uns die Masse der hier unter dem Nationalsozialismus leidenden Europäer vor Augen führt. Jedoch handelt es sich bei Auschwitz streng genommen nicht um einen vergessenen Ort.

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Schornsteine von Auschwitz-Birkenau

Weniger bekannte Orte sind die Bunkeranlagen im Schloss Fürstenstein bei Waldenburg wo die berüchtigte “Organisation Todt” ein Führerhauptquartier und unterirdische Produktionslagen baute. Überhaupt finden sich noch viele Spuren des einstigen “Reichsluftschutzbunker Schlesien”.

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Die Natur holt sich Stück für Stück das Gelände zurück

Rund um Kandrzin-Cosel stehen heute noch im Wald “Einmannbunker” und zeugen von der wirtschaftlichen Bedeutung des Ortes, als im Zweiten Weltkrieg dort synthetisches Benzin hergestellt wurde. Auch die Produktionsanlagen für chemische Kampfstoffe in Dyhernfurth (Brezg Dolny), nordwestlich von der ebenfalls mit Bunkern durchzogenen “Festung Breslau”, reihen sich in dieses Bild ein.

Ob Panzer oder Soldat, ob Flüchtling oder Kriegsgefangener, ob Jude oder Deutscher sie alle wurden mit der Eisenbahn durch Schlesien gebracht. Daher ist das ehemalige Eisenbahnstellwerk in Preiskretscham (Pyskowice) nordwestlich von Gleiwitz ein besonderer Ort, der Geschichte fernab musealer Sterilität nahebringt. Ein Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 4. Oktober 2011 hat mich auf die Spur zu diesen technischen Reliquien des vergangenen Jahrhunderts gebracht. Der Lockschuppen selbst hat alles was “Lost Places” ausmacht: Die Farbschichten bröckeln von der Wand, aus den rostigen Öfen, mit denen die Bahntechniker die riesige Halle wärmten, wächst ein junger Farn. Vergilbte Postkarten erinnern an die Menschen, die hier arbeiteten und kollegial Urlaubsgrüße nach Hause schickten. Schiefe Hinweisschilder mahnen zur Wachsamkeit um des eigenen Körpers willen – aus einem offenen Schrank quellen leere Wodkaflaschen. Durch die mit Gittern versetzten Fenster fällt der Blick auf die Objekte, weswegen sich Raffael Leks vom Verein Deutscher Hochschüler in Ratibor mit mir hier her auf den Weg gemacht haben: “Kriegsdampflokomotiven”. Hinter dem Lockschuppen stehen verschiedene alte Dampfloks, mal in Einzelteilen, mal im Ganzen. Uns interessierten die vom Reichsministerium für Bewaffnung und Munition in Auftrag gegebenen Lokomotiven, die besonders für die harten Winter in Russland produziert worden sind. Wir suchen nach Spuren wie deutschen Inschriften oder Zeichen.

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Eine Lokomotive aus deutscher Kriegsproduktion nach dem Krieg als Typ 2 in Polen im Einsatz

An einer Lokomotive werden die Brüche der Zeit um 1945 sichtbar. Auf dem Tender stehen auf Deutsch einige schwer lesbare Angaben aber oberhalb des Führerhauses ist eine Tafel mit der Inschrift “Produziert 1945 in Posen” angebracht. Es handelt sich aber eindeutig um eine deutsche “Kriegsdampflokomotive”, wie der charakteristische bauchige Tender verrät. So wie vorher alles und jeder germanisiert wurde, wurde dieses Lokomotive nach dem Krieg polonisiert. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie diese Lokomotiven zum Rückgrat des deutschen Nachschubs wurden. Sie waren der Nabel, welcher Soldaten mit Verpflegung und Munition versorgte und viel zu selten sehnsüchtig erwartete Botschaften aus der Heimat brachte.

Sie waren aber auch Fluch für Juden und andere Europäer, sowie Symbol einer perfiden Logistikmaschinerie, die im Zeichen der Moderne Menschen zu ihren Hinrichtungsorten verbrachte. Am Ende waren die Lokomotiven mit ihren Wägen Hoffnung für Frauen und Kinder, der Soldateska aus dem Osten zu entfliehen, und gleichzeitig sind sie die in Stahl gegossene Wehmut darüber, ein Stück Heimat verlassen zu müssen. Hier bei Gleiwitz, wo der menschenverachtende Zweite Weltkrieg begann, stehen nun diese Stahlrösser regungslos in der Sonne und können uns sicherlich noch viel davon erzählen, welche Wege sie nach dem leidvollen Krieg genommen haben. Sie waren oft bis weit in die 80er Jahre im Einsatz und warten nun darauf, an ihrem Lebensabend doch noch eine Attraktion für Kinder zu werden. Wie sich im Nachhinein bei der Recherche herausgestellt hat, sollte das gesamte Gelände ein Eisenbahnmuseum werden.

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Der Lokschuppen ist im Winter 2006 eingestürzt und ist nun ein beliebtes Fotomotiv für die Jäger der verlorenen Orte

Im Winter 2006 fiel aufgrund der Schneelast das Dach des Lockschuppens ein, und von da an standen die musealen Stücke Teils in den Resten des Schuppens, doch mehrheitlich davor. Es sieht nicht danach aus, als ob Geld für Restaurierung und Wiederaufbau dieser Anlage zur Verfügung stehen. Außerdem kommt man nur über die Schienen der viel befahrenen Strecke Gleiwitz–Breslau zu der Anlage. Dieser Ort wird also immer weiter dem Vergessen anheimfallen und die Natur ihn sich Stück für Stück zurückholen. Meine Kamera klickt.

Soweit nicht anders angegeben: Fotos Copyright by Kai Kranich; alle Rechte vorbehalten


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Kai Kranich

geb. 1982, Politikwissenschaftler, VDSt Dresden.

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