„Den Druck nur mäßger Leiden duldet er“

In Ahnung der drohenden Katastrophe spricht Kleists Amazonenkönigin Penthesilea: „Doch alles schüttelt, was ihm unerträglich, / Der Mensch von seinen Schultern sträubend ab; / Den Druck nur mäßger Leiden duldet er.“ Die Worte reflektieren das Schicksal ihres Verfassers.


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800px-Heinrich_von_Kleist2Ein Tisch am See

Die Magd erklimmt den Hügel. Lebhafte Stimmen, getragen von der klaren und eisigen Novemberluft, begleiten ihren Aufstieg. Oben sitzt ein wunderliches Paar, das seit gestern im Stimmingschen Krug Quartier hält. Ausgelassen, beinah turtelnd, ohne Mann und Frau zu sein. Wer, fragt sich die Bedienstete, lässt um diese Jahreszeit einen Tisch und Stühle hinausstellen? Flüchtig schweift ihr Blick die Anhöhe hinab, zum nahen See, der kristallen daliegt. Die Launen der Herrschaften versteht sie nicht. Jetzt tritt sie an den Tisch heran; Tassen, eine Kanne, ein abgedeckter Korb stehen darauf. Wird bemerkt, das Gespräch verstummt kurz. Sie fragt, ob etwas fehlt. Der Mann weist auf eine leere Kaffeetasse hin. Es ist der 21. November 1811.

Der Suchende

Was Heinrich von Kleist in diesen Stunden durch den Kopf gegangen sein mag? Vielleicht alberte er mit seiner Begleiterin, wie belanglos doch alles scheinbar Schwere letztlich ist. Dann stand ihm sein Leben vor Augen, auf das er oft zurückblickte.

Geboren wurde er am 18. Oktober 1777 als Spross alten preußischen Kriegeradels in Frankfurt (Oder). Mit vierzehn ging er den Weg seines Herkommens – zur Armee. Seinem Stand angemessen rückte Kleist als Gardeoffizier in persönliche Nähe des Königs. Als er 1799 um Entlassung aus dem aktiven Dienst ersuchte, stieß er auf gnädige Ohren.

Kleist kehrte ins Elternhaus zurück und nahm ein Studium auf. In dieser Zeit lernte er die 19-jährige Wilhelmine Zenge kennen, verlobte sich. Dann brach er Ende 1800 zu seiner mysteriösen „Würzburger Reise“ auf, deren Ziel bis heute im Dunkeln liegt. Jedenfalls erreichte Kleist es nicht. Irrungen folgten; erst nach Berlin, dann mit der Schwester Ulrike nach Paris und schließlich 1802 in die Schweiz, wo er sich in Thun niederließ. Hier schloss er Bekanntschaft mit dem Sohn des großen Aufklärungsliteraten Christoph Martin Wieland und verfasste sein erstes Drama, „Die Familie Schroffenstein“. Wilhelmine Zenge erhielt in diesen Tagen ihren letzten Brief von Kleist. Er habe sich der Schriftstellerei gewidmet, werde sicherlich innerhalb eines Jahres arm sein und „habe keinen andern Wunsch als bald zu sterben“. Das Verlöbnis war aufgelöst.

Vertane Lehrjahre?

Ein finsterer Zug drängte sich jetzt in Kleists kindlich-weiches Gesicht. Was war geschehen? Der Heeresdienst hatte ihm nicht zugesagt; er könne nicht zugleich Offizier und Mensch sein. Idealist war er, aufrichtig und wahrhaftig, aber auch bedingungslos. Als seine „Würzburger Reise“ nicht zum Ziel führte, stürzte er in eine tiefe Existenzkrise und hatte mit 23 Jahren jeden klaren Lebensweg verloren. Das Studium verlief im Sande. Aber seine treuen Begleiter, die Schwester Ulrike und die Schreiberei, waren bereits an seiner Seite.

Der Schreiber

Gegen Ende 1802 folgte Kleist seinen Freunden nach Weimar und wurde dauernder Hausgast Wielands im nahen Oßmannstedt. Der väterliche Freund erkannte die großen dichterischen Anlagen Kleists, sah einen möglichen Erbfolger Goethes und Schillers vor sich. Als aber Wielands 13-jährige Tochter sich in den nun 25-Jährigen verliebte, verließ dieser im Frühjahr 1803 „unter Thränen“ das Wielandsche Gut. Warum? Nichts Unschickliches war vorgefallen, und Wieland blieb ihm zugetan.

Ziellos trat Kleist eine Reise durch die Schweizer Alpen an, strandete in Paris und kehrte dann Mitte 1804 in die preußische Heimat zurück. König Friedrich Wilhelm III. war verstimmt durch die Irrfahrten seines Offiziers, ermöglichte ihm aber doch eine Anstellung im Auswärtigen Amt. Königin Luise, bekannt für ihren Bildungshunger und ihr kulturelles Interesse, erfuhr von Kleist und zahlte ihm fortan eine kleine Pension.

Mitte 1805 brach Kleist amtlich nach Königsberg auf. Zwanzig Monate verlebte er hier, stellte das Lustspiel „Amphitryon“ fertig und versank doch wieder in depressiven Zuständen. Anfang 1807 sollte er in Kur gehen. Bei einer Zwischenstation in Berlin ergriffen ihn die Franzosen. Mittlerweile waren sie hier die neuen Herren, denen der königliche Offizier verdächtig schien. Für ein halbes Jahr wurde er gefangengesetzt.

Ein Unnahbarer?

Kleist war menschenscheu. Er fühlte sich nirgends recht zugehörig, mochte wenige und lebte in steter Furcht, diesen nicht zu genügen. Hier kehrte sich der Idealist ganz deutlich hervor: Völlige Ablehnung oder uneingeschränkte Hingabe ist sein Hauptzug, und sein ewiges Leid die Differenz zwischen Ideal und Realität. Aber Kleist war auch zu tiefen Freundschaften fähig, schrieb seinem Freund Rühle, wie „öde und traurig zu hassen und zu fürchten“, wie „süß und […] freudig zu lieben und zu trauen“ sei, bezeichnet „Menschliebe“ als Grundlage glücklichen Daseins. Ging sie ihm verloren?

Wieland bemerkte Kleists sehr assoziative Art zu denken und zu sprechen wie auch seine Selbstgespräche, wenn er trotz Gesellschaft in Gedanken versank. Harmlose Eigenbrötlerei oder Zeichen dafür, wie Kleist die Realität entglitt? Sein Stottern – Ursache oder Resultat seiner Menschenscheu?

Der Gescheiterte

Nach seiner Entlassung eilte Kleist mit frischem Antrieb im September 1807 nach Dresden. Hier hatte er Freunde, war vor den Franzosen sicher und durfte hoffen, auf seinen dichterischen Erfolg aufzubauen. Seit Frühjahr 1808 gab Kleist die Literaturzeitschrift „Phöbus“ heraus, in der er bedeutende Teile seines Werks veröffentlichte. Aber die idealistischen Energien verbrannten in Forderungen der Realität; sein Magazin scheiterte schon nach einem Jahr.

Beinah gelegen musste Kleist der zwischen Frankreich und Österreich ausgebrochene Krieg erscheinen. Mitte 1809 eilte er nach Wien und versuchte im Sinne eines Reichspatriotismus zu wirken, in dessen Zeichen ein Aufbegehren der geeinten Deutschen möglich werden sollte.

Es half nichts: Das Schlachtenglück blieb auf Seiten Napoleons. Österreich wurde geschlagen, Kleist kehrte Anfang 1810 nach Berlin zurück. Als zur Jahresmitte Königin Luise starb und damit ihre Unterstützung fortfiel, war Kleist ganz auf die Publikation seiner Schriften angewiesen. Ab Oktober 1810 unternahm er seinen letzten Versuch, sich eine selbständige Existenz zu sichern: Er gab die „Berliner Abendblätter“ heraus. Ihre Charakteristik: „Popularität und dadurch Verbreitung des Rechten, Vertreibung des Schlechten“ – so der Frühromantiker Fouqué. Aber schon im Frühjahr 1811 war von den „Abendblättern“ nichts übrig als neue Schulden.

Literarisch war Kleists Berliner Zeit in höchstem Maße produktiv. Trotzdem zwang ihn seine Lage, von der Hand in den Mund zu leben. Oft schrieb er in einem Gasthof, um seiner kümmerlichen Wohnung zu entrinnen.

Nirgends fand Kleist seine Nische. In dieser Zeit lernte er Henriette Vogel kennen. War sie seelenkrank wie Kleist, in der Welt gescheitert? Oder quälte sie der Tumor, den ihre Obduktion später freilegte? Jedenfalls äußerte sie den Wunsch, gemeinsam mit ihrem neuen Freund in den Tod zu gehen.

Verständnisgrenzen

Schiller fordert vom Dichter, seinem Jahrhundert „eine fremde Gestalt“ zu sein; er soll über der Allgemeinheit stehen und sich „den Verderbnissen seiner Zeit“ verschließen. Diese Worte enthalten Wahrheit. Der Tiefdenkende kann sich auf seiner Suche nach den Wurzeln der Dinge nicht zugleich mit ihren wetterwendischen oberen Auswüchsen arrangieren. Aber nicht nur die aktuellen Moden, sondern auch seine unverständigen Zeitgenossen neigt er zu verachten. Schiller und selbst der alternde Goethe legten diesen Zug an den Tag. Wie groß aber musste die Distanz des immer gescheiterten Kleist zur Gesellschaft sein? In der „Familie Schroffenstein“ und der „Penthesilea“ gebraucht er das Bild des abgestorbenen Baums, an dessen totem Geäst der Sturm wirkungslos vorbeibraust – während er in die reiche Krone der gesunden Eiche greifen und sie brechen kann. War das Kleists Schicksal?

Apropos Goethe: Der führte Kleists „zerbrochnen Krug“ auf. Das Stück fiel beim Publikum durch, Kleist polemisierte in der Folge ungerecht gegen den Dichterfürsten und verscherzte es sich mit diesem dauerhaft. Ebenso mit dem Direktor des Berliner Nationaltheater Iffland, der Kleists „Käthchen“ nicht ohne starke Umarbeitung in Szene setzen wollte. So zeigte sich die Verbitterung, die in Kleist neben den Selbstzweifeln wuchs.

Da stand er nun: Arm, aber nicht mittellos. Im Staatsdienst gescheitert, aber nicht ohne Hoffnung auf Neueinstellung. Schriftstellerisch erfolglos, aber bekannt und von manchen geschätzt – bessere Zeiten mochten kommen. Mit 34 Jahren in keinem schlechten Alter, das vormals oft beschworene eheliche Glück noch zu finden. Welches Leiden wurde Kleist unerträglich? Wir wissen es nicht. Uns bleibt sein Werk, und das soll im Vordergrund stehen, wo der Name des Dichters fällt.

Kleists Dichtung

Vor allem die Dramen und Erzählungen Kleists haben ihren festen Platz im deutschen Literaturkanon. „Der zerbrochne Krug“ und „Prinz Friedrich von Homburg“, „Das Erdbeben in Chili“, „Die Marquise von O…“ und „Michael Kohlhaas“ begleiteten und begleiten Generationen von Schülern. Aber was ist ihre Besonderheit? Trotz formaler Vollendung, trotz einiger antiker Stoffe rechnet sich Kleist nicht zu den Klassikern. Als Goethe später Kleists Werk aburteilt, die drastischen Darstellungen von Gewalt und Unrecht verwirft, wird die fundamentale Differenz der Denkart offenbar: Ihm war es um die Darstellung des Harmonischen, Ganzheitlichen, Schönen, aber für Kleist ist das Abgründige, Unverstehbare und Hässliche ein Hauptgegenstand. Der getäuschte Piachi drückt seinem missratenen Findling „das Gehirn an der Wand ein“ und verweigert sich vor seiner Hinrichtung der Absolution, um seinen Rachezug in der Hölle fortzusetzen; Hermanns Frau Thusnelda lässt den Römer Ventidius von einer Bärin zerreißen; die Amazonenkönigin Penthesilea zerfleischt Achilles gemeinsam mit ihrer Doggenmeute. Das Grauenvolle hat seinen festen, oft dominanten Platz bei Kleist. Auch das Mystische kennt er, aber vom Christentum im engeren Sinne ist es losgelöst: Cäcilies Musik führt in geistige Umnachtung, dem toten Bettelweib von Locarno entsteigt ein Rachegeist. Romantiker ist Kleist auch nicht.

Aber eben dieses ganz Eigenständige macht sein Werk bemerkenswert: Klassizistische Formvollendung neben dem romantischen Anspruch, das Interessante darzustellen – und eben überdrastische Zeichnung. Auch Größe zeigt Kleists Werk – die allwaltende Gerechtigkeit im „Kohlhaas“ und „Zweikampf“, vor allem aber der Triumph von Pflichtbewusstsein und Redlichkeit über die persönliche Schwäche im „Prinzen von Homburg“, durch den am Ende Gerechtigkeit und Güte zu schönem Einklang finden.

Eine leere Tasse

Etwas unwillig lässt die Magd den Fuß des Hügels hinter sich und eilt zum Gasthof zurück. Gleich also erneut hinaus in die Kälte. Was wohl der Korb beinhalten mag? Die beiden haben ihn selbst mit hinaufgenommen. Plötzlich durchhallt ein Schuss die Winterstille. Herumfahrend entgleitet der Magd beinah die Tasse. Jäger? Um diese Uhrzeit? Es dürfte auf vier gehen. Vom See her schwingen sich wenige Vögel in die eisigen Lüfte; ihr aufgeschrecktes Krächzen dringt bis ans Ohr der Bediensteten. Weiter nichts. Sie fröstelt, wendet sich wieder um und eilt weiter. Bereifte Äste reichen reglos in den Winterhimmel. Noch wenige Schritte bis zur Wärme. Schon machen Alltagsgedanken das Ereignis vergessen. Da kracht es erneut.


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Manuel Mackasare

geb. 1985, Historiker, VDSt Breslau-Bochum.

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