Den schwersten Kampf um mein Deutschtum kämpfe ich jetzt

Victor Klemperer gehörte zu denen, die die Nationalsozialisten als „Juden“ stigmatisierten. Von 1933 bis 1945 lebt er in Dresden und führt sein Tagebuch. Es ist uns erhalten und gibt einen beklemmenden Einblick in eins der millionenfachen Schicksale, denen die Machthaber zunächst Entrechtung, dann Tod zugedacht hatten.


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Dass der Mann erst 63 ist, würde niemand denken. Ein abgehärmter Greis sitzt da, mit kahlem Schädel und zerfurchtem Gesicht. Um die Blicke der Mitfahrenden zu meiden, fixiert er starr den verdreckten Mittelgang der Tram, die er nur ausnahmsweise benutzen darf. Aber niemand nimmt Notiz von ihm – oder von dem gelben Stern, der seinem Mantel aufgenäht ist. Am 13. Februar 1945 hat selbst die Gestapo andere Sorgen. Die Deportationsbescheide, die Victor Klemperer mit sich führt, kann er unbelästigt austragen an die wenigen arbeitstauglichen „Juden“, die noch in Dresden verblieben sind. Nach deren Abtransport bleibt ihm die Aussicht, gemeinsam mit etwa siebzig Leidensgenossen in der Elbstadt zu verbleiben – der Willkür sadistischen Gelichters ausgesetzt, das angesichts seiner gezählten Tage desto hemmungsloser wütet.

Ein Alptraum ohne Erwachen

Zunächst erscheinen Hitlers Weltanschauung und Rhetorik zu primitiv, um ein altes Kulturvolk wie das deutsche dauerhaft zu vereinnahmen. „[I]n meinem Lager ist Deutschland!“, stellt Victor Klemperer 1934 fest und erwartet das Verfliegen des Alpdrucks.

Spätestens mit Hindenburgs Tod zeigt sich, dass es so einfach nicht wird. Systematisch haben die Nationalsozialisten ihre Leute in die führenden Positionen der Gesellschaft gehievt, systematisch die Unterdrückung der Opposition betrieben; nun fällt „ein letztes Gegengewicht“. Auch die alten Eliten werden jetzt als „Staatsfeinde“ verfolgt, wo sie sich nicht der neuen Doktrin unterwerfen; die letzte Barriere zwischen Recht und Willkür ist genommen. Die Atmosphäre ist „bedrückt, angstvoll, hilflos“.

Klemperer ist Professor für Romanistik in Dresden. Unter den „undeutschen“ Büchern, die nun brennen, sind auch die seinen. Seinen Studenten drohen Repressalien, ihre Zahl lässt rasch nach. Aber noch konzentriert sich das Regime auf die Verfolgung seiner politischen Gegner, und Klemperer beschließt, Ruhe zu bewahren und die Zeitenwende abzuwarten. Den neuen Gesetzen passt er sich an: Hitlergruß an der Hochschule, Beamteneid auf den Führer. Es hilft nichts: Im Frühjahr 1935 wird Klemperer entlassen. Zwangsweise zieht er sich ins Private zurück – in sein Haus im Dresdener Ortsteil Dölzschen, das er mit seiner Frau Eva bewohnt.

Als „Arierin“, die ihrem jüdischen Mann die Treue hält, steht auch Eva auf der Feindesliste des Hitlerregimes. In der Vergangenheit hatte sie als Musiklehrerin gearbeitet und sich als begabte Komponistin profiliert; der Tatkraft und Eigenständigkeit seiner Frau steht Klemperer zeitlebens mit einer Mischung aus Eifersucht und Minderwertigkeitskomplexen einerseits, Bewunderung und Liebe andererseits gegenüber. Nun haben die Eheleute vor allem einander, Tag für Tag, und natürlich ihren Kater Muschel, an dem sie sehr hängen.

Der drohenden Lethargie entgeht Klemperer, indem er seine wissenschaftliche Tätigkeit fortsetzt – und außerdem minutiös die immer gleichgeschaltetere Außenwelt beobachtet und analysiert. Schon werden die blutigen Barbareien, für Klemperer ein Analogon zum Bolschewismus, von innen- und außenpolitischen Erfolgen Hitlers überstrahlt, und ein Großteil des Volkes arrangiert sich mit der Regierung. Eine allzumenschliche Reaktion, meint Klemperer: „Darf ich es ihnen vorwerfen? Ich habe im letzten Amtsjahr auf Hitler geschworen, ich bin im Lande geblieben – ich bin nicht besser als meine arischen Mitmenschen.“

Behördliche Schikanen häufen sich. Ein geplanter Garagenbau wird nicht genehmigt, Gartenarbeit an einem Nationalfeiertag wird angezeigt, wegen eines angeblich unordentlichen Gartens treffen wiederum Verwarnungen ein. Dagegen ungeahndet bleiben die Davidssterne, mit denen Unbekannte den Gartenzaun beschmieren. Gegen Ende 1936 wird „Juden“ die Nutzung von Lesesälen in Bibliotheken verboten. Mitte 1938 werden jüdische Vornamen zur Pflicht; wer keinen trägt, bekommt als zweiten Vornamen „Israel“ oder „Sara“ angehängt.

Viele von Klemperers ehemaligen Kollegen ziehen den Kopf ein, ängstlich besorgt um ihr eigenes Wohlergehen. Aber es gibt auch Freunde und Bekannte, die den Kontakt entgegen aller Vorsicht aufrechterhalten, es gibt auch Sympathiebekundungen von Fremden. Ein vom Sehen bekannter Gymnasialrektor im Rufe eines „Obernazi“ spricht Klemperer auf offener Straße an: „Ich fürchtete, Sie sähen weg, weil Sie meinten, ich würde Sie nicht grüßen. Deshalb rede ich Sie heute an.“ Die Polizei erlebt Klemperer jetzt und später durchweg als anständig; wenn sie vor seiner Tür steht, um schikanöse Ordres zu exekutieren, bei Befragungen im Polizeirevier, „wo man […] sehr freundlich ist und im offensten Gegensatz zu Gestapo, SS, Partei etc. steht“, und während eines kurzzeitigen Gefängnisaufenthaltes.

Offenes Banditentum

In der Zeit der Novemberpogrome 1938 fordern drei Mann Einlass bei Klemperers: Hausdurchsuchung. Einer, Parteimann in Zivil, tritt herrisch und frech auf, seine Begleiter, zwei Polizisten, sind auffallend höflich und offensichtlich peinlich berührt. Das Haus wird auf den Kopf gestellt, und wirklich taucht eine Waffe auf: Ein alter Militärsäbel.

Es handelt sich um ein Andenken an den Ersten Weltkrieg. Klemperer hatte sich 1915 freiwillig gemeldet, vor allem auf Druck seiner drei Brüder hin, die keinen „jüdischen Drückeberger“ in der Familie wünschten. Seinen Dienst hatte er bei einem bayrischen Artillerieregiment absolviert, an der Front und mit Auszeichnung, ehe er, durch eine schwere Nierenentzündung kriegsuntauglich geworden, in ein rückwärtiges Zensorenamt versetzt wurde. Nun wird der Säbel konfisziert und Klemperer verhaftet, allerdings noch am selben Tag wieder freigelassen.

Im kommenden halben Jahr wird das Treiben des Regimes gegenüber den sogenannten „Juden“ immer hemmungsloser – „zeitliche und örtliche Beschränkungen im Straßenverkehr“ können willkürlich auferlegt werden, die allgemeine „Entziehung der Autofahrerlaubnis“ erfolgt, Gold- und Silbersachen müssen zu niedrigen Festpreisen veräußert werden. Am schwersten wird Klemperer jedoch vom gänzlichen Bibliotheksverbot getroffen. Ein Bibliotheksmitarbeiter teilt es ihm mit, „in fassungsloser Erregung“: „Er streichelte mir immerfort die Hand, er konnte die Tränen nicht unterdrücken“. Fortan ist Klemperer bei der Literaturbeschaffung auf gefährliche Schleichwege angewiesen.

Die Tendenz, wie die nationalsozialistische Antwort auf die „Judenfrage“ ausfallen wird, zeigt sich nun deutlich. Bei kleinsten Verstößen gegen die willkürlichen Erlasse droht Lagerhaft, über die schon Gerüchte kursieren: „[E]in zweites Mal kommt man von dort nicht zurück, es sterben eh schon zehn bis zwanzig Leute täglich“. Jetzt denken die Eheleute ernsthaft an Ausreise. Auf der Auswanderungsstelle fordert der Zuständige, ein alter Major, Klemperer auf, offen von seiner Situation zu sprechen; er höre „in diesen Tagen sehr viel Erschütterndes“. „Ich sagte, eine Regierung, die sich derart offen zum Banditentum bekenne, müsse in verzweifelter Lage sein. Er: ‚So denkt jeder anständige Deutsche.’“ Aber es ist zu spät, Klemperers sind im „Dritten Reich“ gefangen.

Zunächst gibt der Kriegsausbruch am 1. September 1939 Anlass, auf Linderung zu hoffen. Klemperers Vertrauen in die alteingesessenen deutschen Institutionen ist ungebrochen: „Der Briefträger sagte, Dresden wie ganz Deutschland stünde unter Militärdiktatur. Trifft das zu, dann haben wir wohl keinen Pogrom zu befürchten.“ Allerdings ergeht schon wenig später die Order, dass „Juden“ ihr Wohneigentum zu verlassen haben: „verkaufen, vermieten, leerstehen lassen“. Gegen Mitte 1940 ist die Zwangsvermietung des Dölzschener Hauses bei völliger Beschränkung der Eigentümerrechte definitiv, Klemperers müssen eins der eigens eingerichteten „Judenhäuser“ beziehen. Es handelt sich um eine Villa, in der „Juden“ und deren Ehegatten auf engem Raum miteinander leben müssen. Skurrile Gestalten gibt es hier, etwa den Kommisskopf Katz, im letzten Krieg Offizier, „Monomane des deutschen Soldatentums“, „sich nationalistischer als jeder Nazi“ gebärdend und auf den Sieg der deutschen Waffen hoffend. Häufiger freilich sind jene „Juden“, die sich ihrer Wurzeln besinnen. Nicht wenige neigen sich dem Zionismus zu, den Klemperer schon zuvor für „Verrat und Hitlerei“ hielt. Nichtsdestoweniger drängt sich auch ihm die Frage um seine Identität immer stärker auf.

Deutsche und Undeutsche

Victor Klemperer wurde 1881 als letztes von acht Kindern bei Landsberg/Warthe geboren. Sein Vater ist Rabbiner, aber die junge Generation weiß mit ihrem jüdischen Hintergrund nichts anzufangen. Klemperer und seine Geschwister assimilieren sich der preußisch-protestantischen Umgebung. Seine Konversion zum Protestantismus 1912 folgt mehr einem kulturellen als einem religiösen Impetus.

Dieweil Klemperer mit der Religion seiner Väter schlichtweg nichts anzufangen weiß, lehnt er den Zionismus radikal ab. Die Idee einer blutsverwandten Schicksalsgemeinschaft aller Juden, die sich im Gebiet des alten Israel staatlich zu etablieren habe, scheint ihm dem Nationalsozialismus allzu verwandt. „Das ist das Phantastische an den Nationalsozialisten, daß sie gleichzeitig mit Sowjetrußland und mit Zion in Ideengemeinschaft leben“, stellt er schon 1934 fest.

Immer und immer wieder beschäftigt sich Klemperer mit dem Verhältnis von Zionismus und Nationalsozialismus, von Judentum und Deutschtum. Er kämpft um seine Identität. 1935 bezeichnet Klemperer sich noch als deutschen Nationalisten, und als sein Gesprächspartner erwidert: „Das würden die Nazis nicht zugeben“, hält er selbstbewusst dagegen: „Die Nazis sind undeutsch.“ Im Stakkatofeuer der Propaganda allerdings, das einerseits den Deutschtumsbegriff primitivistisch deformiert und andererseits im Namen Deutschlands Obszönität auf Obszönität über Klemperer und die anderen Verfemten speit, lässt sich diese Position nicht halten. „Wie es auch politisch kommen mag, ich bin innerlich endgiltig verändert. Mein Deutschtum wird mir niemand nehmen, aber mein Nationalismus und Patriotismus ist hin für immer“, prognostiziert Klemperer 1938 resignierend.

Zwischenzeitlich schwanken Klemperers letzte Fundamente: Könnte Hitler nicht wirklich „die deutsche Volksseele“ verkörpern? Sollte er, Klemperer, sich nicht doch den Zionisten anschließen, um irgendeine Lobby zu haben? „Den schwersten Kampf um mein Deutschtum kämpfe ich jetzt“, notiert er 1942. „Ich muß daran festhalten: Ich bin deutsch, die andern sind undeutsch; ich muß daran festhalten: Der Geist entscheidet, nicht das Blut. Ich muß daran festhalten: Komödie wäre von meiner Seite der Zionismus – die Taufe ist nicht Komödie gewesen.“

Märchenhafte Tyrannei

Klemperers schlimmster Tag während der NS-Zeit ist der 19. September 1941. Die Verordnung des Davidssterns tritt in Kraft und macht die Stigmatisierung öffentlich. Straßengänge werden zur Qual. Pöbeleien sind selten, aber bleiben nicht aus: Vor allem von denen, die im Geiste des Nationalsozialismus aufwuchsen, von Kindern. Zahlreicher sind die Sympathiebekundungen: „Es bleibt nicht so – noch zwei Jahre, höchstens noch vier –, es kommt anders …“, raunt ein Veteran Klemperer zu. „Mach dir nichts aus dem Stern, wir sind alle Menschen“, stellt ein Arbeiter fest. Klemperers Resümee dieser Tage lautet: „Fraglos empfindet das Volk die Judenverfolgung als Sünde.“

„Für meinen Teil begegne ich viel Sympathie, man hilft mir aus, aber natürlich angstvoll“, hatte Klemperer schon früher notiert. „Ich frage mich oft, wo der wilde Antisemitismus steckt.“ Er erfährt es bei seiner ersten Konfrontation mit der Gestapo. Im Frühjahr 1942 wird er von einem Gestapomann aus der Bahn gewunken und in ein Bürogebäude gebracht, wo er schikaniert, verhöhnt, bedroht wird. Ein anschließendes Krankheitsempfinden währt tagelang: „Die Sache mit ihrer märchenhaften Tyrannei, Brutalität, höhnischen Demütigung hat mich allzuhart angepackt.“ Es wird ihn noch schlimmer treffen.

Unterdes verschärft sich im Zeichen des Krieges die allgemeine Situation. Lebensmittelknappheit tritt ein und wird am stärksten auf die „Juden“ gelenkt – die Ernährung ihres Katers Muschel sparen Klemperers sich am Munde ab. Fliegerangriffe werden zur realen Bedrohung. Väter und Söhne sind im Krieg, viele schon gefallen. Und je widriger die Lebensumstände im Reich werden, desto mehr kann sich das Regime mit seinen Intentionen bezüglich der „Juden“ aus der Deckung wagen: Jeder kämpft für sich, kaum einer schaut mehr auf den Nebenmann. Die Deportationen von Dresdener „Juden“ setzen 1942 ein. Gerüchte brodeln, schon ist von Massenmord die Rede. Von wilden Massakern im Osten erhält Eva ersthändige Kunde. Noch schützt die Klassifizierung als „Arierin“ auch ihren Mann.

Seit Frühjahr 1942 ist Klemperer dem Arbeitsdienst zugeteilt. Über die Jahre wird er Schnee schippen, Tee verpacken, Kartons falten. An einprägsamen Begegnungen mangelt es dabei nicht. Unter den Aufsehern, die sich durchweg human verhalten, ist ein altgedienter NSDAPler, der, „bald gegen uns alle freundlich zutunlich“, noch immer an seiner Überzeugung festhalte: „Im Verhalten gegen uns lägen Härten, es werde überhaupt manches falsch gemacht – aber davon wisse der Führer nichts, und der Nationalsozialismus als Ganzes sei das einzig Wahre.“ „Aber ich glaube, auf einen solchen Gläubigen kommen doch wohl schon fünfzig Ungläubige. Genauso ist wohl das Verhältnis derer, die uns mit Vergnügen arbeiten sehen oder beschimpfen, zu den Sympathiekundgebern“, lautet Klemperers Fazit.

Dies alles hindert freilich nicht, dass bei schlechter Ernährung und mangelnder intellektueller Herausforderung Klemperer seinen Körper und Geist verfallen sieht. Und dass über allem das Damoklesschwert einer drohenden Deportation schwebt, über deren Ziel es immer weniger Illusionen geben kann. Demgegenüber erscheinen die stetig weiter verschärften Perfidien beinah nebensächlich – Verbot der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, immer eingeschränktere Ausgangszeiten, Verlegungen in immer schlechtere Unterkünfte. Ein schwerer Schlag ist allerdings das Haustierverbot: Muschel, den die Klemperers bisher mit Not noch halten konnten, muss eingeschläfert werden.

Jetzt beginnen die Handlanger der Tyrannis ungehemmt zu toben. Zwei Gestapomänner, als Clemens und Weser schon bekannt und gefürchtet, nehmen willkürliche Durchsuchungen der „Judenhäuser“ vor, bei denen sie die Hausbewohner misshandeln und deren spärliche Besitztümer plündern und verwüsten. Ihren ersten Besuch Mitte 1942 verpasst Klemperer knapp. Von einem Spaziergang zurückkehrend findet er „viehische Verwüstung“ vor, „durch grausame und besoffene Affen, die ich schon oft habe beschreiben hören und die in ihrer Realität doch ungeheuerlich wirkte“. Eva war bespuckt und geschlagen worden. Diese Vorgänge wiederholen sich immer wieder, in immer groteskeren Formen. Eine Konstante der Nazizeit: Nachdem man die eigene Perversion auf seine Opfer projiziert hatte, lebte man sie selbst hemmungslos aus.

In diesen Jahren wandelt Klemperer über einen sich stetig verjüngenden Grat. Die Judenvernichtung ist beschlossene Sache, ihre Durchführung findet immer offensichtlicher statt. Dauerhaften Schutz bietet die Treue Evas nicht. Überdies ist Klemperers Gesundheit stark angegriffen. Seine Freistellung vom Arbeitsdienst, die der Leidensgenosse Katz Mitte 1944 erwirken kann, ist eine gefährliche Sache: besonders der Arbeitsuntauglichen entledigt man sich ja.

Apokalypse

Am Abend jenes 13. Februar 1945 notiert Victor Klemperer seine Tageserlebnisse. Angesichts der Unglücksbotschaft, die er auszuliefern hatte, ist es zu erschütternden Szenen gekommen. Er muss sie von der Seele haben.

Indes zieht das Dröhnen Tausender Motoren über den Ärmelkanal, erreicht dann Frankreich, aus dem die deutschen Truppen schon wieder vertrieben sind, dringt schließlich ungehindert über die Reichsgrenze. Die deutsche Luftwaffe hat der Übermacht des Feindes nichts mehr entgegenzusetzen. Kein Mensch, der noch bei klarem Verstand ist, kann mehr an der baldigen Niederlage des „Dritten Reiches“ zweifeln. Und so gab es Hoffnung, dass die alliierten Bomberschwadronen die noch weitgehend unversehrte altehrwürdige Elbstadt aus kulturellen Gründen verschonten. Sie zerschlägt sich nun.

Um 21:45 Uhr heult Fliegeralarm durch Dresden. Wenig später erreicht die Vorhut der Geschwader ihr Zielgebiet. „Christbäume“, langsam fallende Leuchtmittel, tauchen die Stadt in ein geisterhaftes Licht, in das wendige Mosquito-Jagdbomber rotgleißende Marker setzen. Schon haben 244 vierstrahlige Lancester-Bomber bei wolkenlosem Nachthimmel Sichtkontakt. Zehn Minuten später trudeln beinah tausend Tonnen Bomben ins Stadtgebiet, das gepackt voll ist mit Flüchtlingen aus den Ostgebieten des Reiches. Große Teile Dresdens sinken in Schutt – nicht aber der Keller, in dem Klemperers Schutz gesucht haben.

Die Sirenen signalisieren Entwarnung, Klemperers verlassen den Schutzraum und gehen zu Bett. Es ist eine kurze Schonfrist. Luftminen und Sprengbomben der ersten Angriffswelle haben die Stadt nur für den Hauptangriff vorbereitet: die Mauern zertrümmert und das hölzerne Innenleben der Gebäude freigelegt. Weitere 529 Lancester-Maschinen mit 650.000 Phosphorbomben im Leib setzen es nun in Brand.

Der zweite Angriff trennt die Eheleute. Klemperer flieht zunächst kopflos, dieweil Dresden um ihn her in Flammen aufgeht. Apokalyptische Szenen spielen sich ab: Brausende Feuerstürme, die Menschen wie dürres Laub in die Lohe saugen; zerschmetterte Leiber und solche, die, mit Phosphor benetzt, nicht mehr aufhören zu brennen; umherliegende Gliedmaßen. Schließlich gelangt Klemperer ans Elbufer, wohin auch andere sich geflüchtet haben, und übersteht dort die Nacht. Und dann, im Morgengrauen, trifft er seine Frau wieder, die gar nicht weit entfernt von ihm dem Inferno entronnen war.

Beherzt schneidet Eva den Davidsstern vom Mantel ihres Mannes. Sie schließen sich den Überlebenden an, die, aller ihrer Habe bar, nicht selten ohne Papiere, als namenloser Strom gen Westen ziehen. Hinter ihnen liegt ihre völlig zerstörte Heimatstadt, die noch zwei Tage lang von alliierten Bomberverbänden heimgesucht wird und anschließend nicht aufhören will zu brennen. Das militärisch sinnlose Unterfangen kostete ungezählte Leben. Klemperers Leben hat es gerettet.

Was blieb und was bleibt

Klemperers fliehen nach Bayern, wo sie unter amerikanischer Besatzung das Kriegsende erleben. Kurz darauf kehren sie in ihre Heimatstadt zurück. Schon ab November 1945 sitzt Klemperer wieder auf seinem Lehrstuhl. Er tritt in die KPD ein, macht Karriere in der DDR, gelangt zu Wohlstand. Klemperers kommunistischer Irrweg, den er betritt, um die große Lücke seiner Identität zu schließen und dann aus Opportunismus beibehält, ist ein anderes Kapitel dieser bewegten Lebensgeschichte. Dass er öffentlich in der Rhetorik des Kalten Krieges spricht, dass er den „Befreier Stalin“ preist, dieweil in der UdSSR die großen Ausmordungen weitergehen, hinterlässt immerhin einen bitteren Nachgeschmack. Auch sein wohl bekanntestes Buch aus dieser Zeit, LTI, reicht an Ausdruckskraft nicht mehr an die Tagebücher heran; zu viel Bitterkeit, zu starke politische Motive machen sich hier bemerkbar.–

Eva stirbt 1951, Klemperer heiratet erneut, ehe er ihr 1960 nachfolgt. Seine Jahre nach Kriegsende sind, wenigstens im Privaten, keine glücklosen gewesen.

Victor Klemperers brillante Beobachtungsgabe und scharfer analytischer Verstand machen seine Tagebücher zu einer historischen Quelle von unschätzbarem Wert. Nirgends sonst findet sich eine derart minutiöse und verlässliche Dokumentation der NS-Zeit aus der Perspektive eines ihrer Opfer. Nicht selten beschreitet Klemperer dabei schon den Weg zur wissenschaftlichen Thesenbildung – und zwar auf einem Niveau, das verdient, auch von der gegenwärtigen Forschung ernstgenommen zu werden.


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Manuel Mackasare

geb. 1985, Historiker, VDSt Breslau-Bochum.

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