Der lange Schatten des Osama bin Laden

Am 20. März 2003 begann der Zweite Irak-Krieg mit der Bombardierung der Hauptstadt Bagdad durch amerikanische Luftstreitkräfte. Dem schnellen Sieg folgte eine achtjährige Besatzungszeit mit mindestens 80.000 zivilen Toten und ca. 45.000 getöteten Soldaten. Und ein Frieden sollte auch danach nicht einkehren. Mit dem Siegeszug der Steinzeitkrieger des IS nähert sich der Nahe Osten einer Endzeitvision, die ein ganz anderer Terrorist vor über zehn Jahren als Marschrichtung ausgab. Dessen Plan eines islamischen Kalifats ist bereits wahr geworden.


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soldiers-766355_1920Am 1. Mai 2003 wurde der Irak-Krieg zum ersten Mal für beendet erklärt. US-Präsident George W. Bush, dessen Regierung den Konflikt 42 Tage zuvor entfesselt hatte – ohne UN-Mandat –, landete mit einer Lockheed S-3 Viking auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln, der frisch von den Kampfhandlungen aus dem Persischen Golf zurückgekehrt war. Mit dieser medienwirksamen Nummer inszenierte sich Bush als siegreicher Kriegsherr mit dem Habitus eines Tom Cruise aus dem Film Top Gun. Anschließend hielt er auf dem Flugzeugträger seine Rede unter dem Banner „Mission accomplished“ und erklärte die Hauptkampfhandlungen im Irak für beendet. 13 Jahre später wirken diese Ereignisse nur noch als Intermezzo auf dem Weg in das apokalyptische Schlachtfeld zwischen Gläubigen und Ungläubigen, zwischen Rebellen und Regierungen.

 

Rückzug ins Ungewisse

Am 14. Dezember 2011 wurde der Einsatz der Amerikaner erneut für beendet erklärt. Dieses Mal durch den US-Präsidenten Barack Obama, im kleinen Kreise. Dessen Plan beinhaltete einen kompletten Abzug sämtlichen US-Militärpersonals, anders als von seinem Vorgänger abgesprochen und gegen den Wunsch des damaligen irakischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki. Dem vorausgegangen waren gescheiterte Verhandlungen über den Schutz amerikanischer Soldaten vor irakischer Strafverfolgung.

Zurück blieb ein fragiler Staat mit ungewisser Zukunft. Al-Maliki, der 2006 mit dem Ziel der Neubildung einer nationalen Einheit zum Ministerpräsidenten nominiert wurde, verstand es nie, die unterschiedlichen Interessengruppen in seinem Land zu vereinigen. Seine damalige Partei, die schiitische irakische Nationalallianz, wurde zum Kumulationspunkt der Hoffnungen der schiitischen Bevölkerungsmehrheit des Iraks, wieder an der Macht zu partizipieren. Zu lange wurden sie vom sunnitischen Saddam Hussein und seiner arabisch-sozialistischen Baath-Partei ausgeschlossen. Al-Maliki, der zwischen 2003 und 2004  einem von der US-Administration eingesetzten Komitee zur „Ent-Baathifizierung“ angehörte, installierte in ranghohen Positionen des neuen irakischen Staates ausschließlich Schiiten und gebärdete sich als machtmissbrauchender Despot.

 

Terrororganisation 2.0

Als der sunnitische Geistliche Mohammed Taha al-Hamdun im Sommer 2014 nach einem föderalen Irak – bestehend aus einem sunnitischen, einem schiitischen und einem kurdischen Autonomiegebiet – rief, war die Staatskrise bereits da. Mit dem Sturm auf die nordirakische Millionenstadt Mossul am 10. Juni 2014 wurde die Terrorgruppe „ISIL“ („Islamischer Staat im Irak und in der Levante”), die zuvor bereits Teile der sunnitisch-irakischen Provinz al-Anbar unter ihre Kontrolle gebracht hatte, endgültig zu einem entscheidenden Faktor im Nahen Osten. Mit einem unfassbaren Siegeszug gelang es ihr, bis zum heutigen Zeitpunkt den Nordosten Syriens und das Gebiet entlang des Euphrats bis nach Fallujah einzunehmen, unterfüttert mit einer Social-Media-Offensive, gegen die die sporadischen You-Tube-Beiträge von Al-Qaida wie Versuche eines Anfängers wirken. Mit einer eigenen Hochglanzpublikation, dem Dabiq-Magazin, Twitter Accounts und Gewaltvideos, unterlegt mit populärer islamischer A-capella-Musik (Naschids), ködert die Organisation bewusst auch perspektivlose junge Männer und Frauen aus dem Westen. Erstere als Kämpfer, letztere als „Jihad-Bräute“. Und so sollen sich laut der New York Times im Herbst letzten Jahres bereits 30.000 ausländische Kämpfer unter den Gotteskriegern tummeln, darunter 600 Deutsche, 1200 Franzosen, 440 Belgier und rund 1000 Briten.

Einer der jungen Kämpfer, der der Miliz 2014 den Rücken gekehrt hatte und heute für den kanadischen Geheimdienst arbeitet, betonte, wie wichtig für ausländische Kämpfer die Werbung sei, die der IS über soziale Medien verteilte. So haben zum Beispiel Enthauptungsvideos einen “coolen” Eindruck auf ihn gemacht. Die starke Gruppe der Kämpfer als identitätsstiftender Faktor habe dann ihr Übriges getan.

 

Siegeszug der Gotteskrieger

Die Eroberung eines festen Gebietes unterscheidet die Gotteskrieger von deren Ahnen bei Al-Qaida, die sich durch mehr oder weniger spektakuläre Anschläge in Szene setzten. Hervorgegangen aus der Gruppe “Tawhid wa Jihad” („Einheit Gottes und Heiliger Krieg“) unter dem jordanischen Aktivisten Abu Musab al-Zarquawi, die sich neben dem Kampf gegen die US-Besatzung unter anderem die Gegnerschaft zum Schiismus auf die Fahne schrieb, transformierte die Gruppe zum Al-Qaida-Ableger im Irak, bis sie sich 2004 von selbiger abspaltete und sich durch eine Reihe brutaler Anschläge hervortat. 2006 starb Zarquawi in Folge eines US-Luftschlages, und der ägyptische Fundamentalist Abu Ayyub al-Masri übernahm die Organisation, die sich vordergründig die Errichtung eines sunnitisch-islamischen Staates auf irakischem Boden – bezugnehmend auf die kurdischen Autonomierechte im Irak – auf die Fahne schrieb.

2010 erhob die Organisation einen Mann mit dem Kampfnamen Abu Bakr al-Baghdadi zum Führer, nachdem dieser aus der britischen Gefangenschaft in Camp Bucca an die irakischen Behörden übergeben wurde. Er verschaffte der Organisation schnellen Zulauf. So befreiten seine Kämpfer bei einer einzigen Operation über 500 gefangene ehemalige Al-Qaida-Kämpfer, die fortan die Reihen des „ISI“ („Islamischer Staat im Irak”)„ verstärkten.

Als 2011 der sogenannte “Arabische Frühling” die Despoten der islamischem Mittelmeerstaaten reihenweise zu Fall brachte, intervenierte al-Baghdadi in Syrien, das langsam aber sicher in den Bürgerkrieg schlitterte, und dehnte den Machtbereich des ISI auf weite Gebiete im Norden und Osten Syriens aus. Mit der damit einhergehenden Übernahme der in Syrien kämpfenden und bislang zu Al-Quaida zugehörigen Al-Nusra-Front und der Deklarierung des „Islamischen Staats im Irak und der Levante” (ISIL), sowie der im Juni 2014 folgenden Ausrufung eines Kalifats setzte sich der IS von seinen Wurzeln endgültig ab. Das Kalifat stellt für streng-gläubige Muslime dabei die höchste Form eines Staatswesens dar, bei dem die weltliche und geistliche Führerschaft in der Person eines Kalifen vereint sind, angelehnt an das historische Kalifat von 632–661 unter den vier “rechtgeleiteten” Nachfolgern des Propheten Mohammed. Al-Baghdadi sieht sich so gesehen als Stellvertreter Gottes auf Erden. Damit einher geht eine hohe Attraktivität des IS für Muslime auf der ganzen Welt, mit der Al-Qaida auch nicht konkurrieren kann.

 

Masterplan der Jihadisten

Dabei erfüllt der IS heute den Masterplan, den Chefstrategen von Al-Qaida diverse Jahre zuvor – während der US-Intervention in Afghanistan – debattierten. Geleitet von der Endzeitvision eines gewissen Osama bin Laden, der den totalen Krieg zwischen Gläubigen und Ungläubigen propagierte, sieht das Papier, das vom jordanischen Terroristen
Seif al-Adl verfasst wurde, folgende Schritte voraus (Berndt Georg Thann: Deutsche Polizei, Nr. 9/2011):

Phase 1 (2001): Die Erweckung eines gemeinsamen muslimischen Bewusstseins in Folge der Anschläge vom 11. September. Das Ziel dieses Angriffs war es, die USA zu einer Kriegserklärung gegen die islamische Welt zu provozieren und dadurch islamische Radikale zu mobilisieren.

Phase 2 (2011-2006): „Öffnen der Augen“, in der die Verschwörung der westlichen Nationen gegenüber der muslimischen Gemeinschaft (umma) offenkundig gemacht werden soll.

Phase 3 (2007-2010): „Erhebung und Aufstand“ soll durch stärkere und häufigere Attacken geprägt sein, vor allem gegen den Erzfeind Israel.

Phase 4 (2010-2013): Der Untergang der verhassten arabischen Regime soll durch Volksaufstände erfolgen. Es sollen Öllieferanten angegriffen und die US-Wirtschaft durch Cyberterrorismus getroffen werden.

Phase 5 (2013-2016): Die Ausrufung eines islamischen Staates oder eines Kalifates.

Phase 6 (ab 2016): Sie soll eine Periode der „totalen Konfrontation“ zwischen den Gläubigen, der Armee des Kalifats sowie den Ungläubigen darstellen, wie es bin Laden vor Jahren erklärte: “Dieser Krieg ist im Wesentlichen ein Religionskrieg, also einer zwischen Glauben (iman) und dem internationalen Unglauben (al-Kufr al-Alami).“

Phase 7 (spätestens 2020): Der definitive Sieg, indem die Welt von der Kampfbereitschaft von eineinhalb Milliarden Muslimen überrannt wird. Diese Phase soll 2020 abgeschlossen sein, wobei die eigentliche Endschlacht nicht länger als zwei Jahre dauern soll.

 

Mehr Staat als Terrormiliz

Es mag strittig sein, ob der Westen wirklich vom IS überrannt wird. In jedem Fall handelt der dortige Gegner sehr viel rationaler und zielgerichteter, als man es ihm lange Zeit zutraute. Die Organisation der Gebiete ist strukturiert und hierarchisch gegliedert. Als Grundlage der Rechtsprechung fungiert die Scharia. Regionalregierungen mit Bürgermeistern verwalten die eroberten Gebiete. Gehälter werden ausbezahlt, Strom, Wasser und Gas werden geliefert. Schulen, Moscheen, Banken und Bäckereien gehen ihrem Betrieb nach. Verschiedene Räte und Ministerien regeln Finanzen, Sicherheit, Verteidigung, den eigenen Geheimdienst und das Recht. Die Führungsebene des Kalifats ist fast ausschließlich mit Irakern besetzt und stark durchsetzt von ehemaligen Militärs und Geheimdienstlern aus der Zeit Saddam Husseins, die wiederum weniger von islamistischen, sondern mehr von nationalistischen Beweggründen getrieben werden. Diese pflegten in den 80er-Jahren gute Kontakte zur ostdeutschen
Statssicherheit. Grotesk mutet die Vorstellung an, dass die heutigen Chefstrategen des IS von ihren Lehrjahren bei der Stasi immer noch profitieren.

 

Konkretes Bedrohungspotential

Der Arm des selbsternannten Kalifen reicht weit. Die Gefahr von Anschlägen in Europa ist nicht erst seit den Angriffen von Paris am 13. November 2015 konkret, auch wenn diese in ihrer Grausamkeit und Kaltblütigkeit zusammen mit den jüngsten Anschlägen in Brüssel einen traurigen Höhepunkt  setzten. Befremdlich wirkte eine Stellungnahme des BND-Präsidenten Gerhard Schindler zwei Monate zuvor, als dieser versicherte, potentielle Terroristen würden nicht über die Flüchtlingsroute einwandern, sondern bequem mit dem Flugzeug anreisen.

Seit einigen Monaten wird der „Islamische Staat“ von Ländern des Westens aus der Luft bombardiert. Der Erfolg ist überschaubar. So habe der Gegner seit Beginn der Luftangriffe rund elf Prozent seines Territoriums eingebüßt, und der irakischen Armee gelang zum Jahresende 2015 die weitgehende Rückeroberung der Provinzhauptstadt Ramadi – doch gelang es den Gotteskriegern anderenorts, wie zum Beispiel in der syrischen Provinz Deir ez-Zor oder in Libyen und dem Sinai, ihre Eroberungen zu konsolidieren oder zu
erweitern.

 

Fehlende westliche Strategie

Europa – und damit auch Deutschland – sieht sich einer diffusen Bedrohung ausgesetzt, die vor Landesgrenzen nicht Halt macht. Es ist schwer zu greifen, wer nun die „Guten“ und wer die „Bösen“ sind. So kämpfen im Kriegsschauplatz Syrien nicht nur die oft genannten „moderaten“ Rebellen gegen Assad und den IS. Zum Spektrum der Kombattanten gehören die „Islamische Front“, die “Syrische revolutionäre Front”, die “Mudschaheddin-Armee“, das „Höchste Militärkommando”, die “Front der Revolutionäre Syriens” – zu der alleine 14 weitere Gruppierungen zählen –, die Kurden im Norden des Landes und viele mehr.

Versuche der Amerikaner, unter diesen Gruppierungen ein mit 500 Millionen Dollar gestütztes militärisches Ausbildungsprogramm zu initiieren, brachten laut Angaben des Pentagon ganze vier bis fünf Kämpfer ein. Und so liegt der Primat des westlichen Engagements im Moment weiterhin auf Luftangriffen. Vielleicht tun die entsprechenden Länder gut daran, da ein Eingreifen am Boden letztlich wohl auf eine Fortsetzung der Besetzung des Iraks und von Teilen Syriens hinauslaufen würde. Ein Szenario, das vermutlich nie ein Ende nähme und mit explodierenden ökonomischen und menschlichen Kosten verbunden wäre. Doch werden Luftangriffe alleine keine Lösung darstellen. Allein die Vorstellung, den IS mit Luftangriffen aus der 2,8 Millionen Menschenleben zählenden Stadt Mossul zu werfen, würde ein mehrtägiges Flächenbombardement implizieren.

Ein anderer Mitspieler in Syrien ist mutmaßlich bereits mit eigenen Bodentruppen beteiligt. Die Rede ist von Russland, dem es wohl um die Stabilisierung des verbündeten syrischen Machthabers Assad geht. Mit dem Engagement hat sich das seit der Ukraine-Krise unter den westlichen Ländern isolierte Russland wieder auf das diplomatische
Parkett begeben können und wird als notwendiger Partner für eine Friedenslösung in Syrien anerkannt. Sollte es gelingen, eine Allianz zwischen allen beteiligten Mächtegruppen zu schließen, könnte eine geeinte Opposition gegen den Islamischen Staat entstehen, welche die Gotteskrieger wieder zurückdrängt.

 

Zukunftsperspektiven

Alle Pläne, die hier entstehen werden, sind in erster Linie militärische Vorhaben. Eine dauerhafte Befriedung der Region oder gar eine Abkehr der Menschen vom islamischen Fundamentalismus kann damit nicht erzeugt werden. Diese Aufgabe muss im Anschluss angegangen werden – und es ist die gemeinsame Aufgabe Europas, Russlands und der USA. Wer die Entstehung des IS mit dem völkerrechtswidrigen Irak-Krieg der Amerikaner 2003 verknüpft, schließt zwar logisch, handelt aber unsäglich, wenn er dadurch jegliches Handeln der Gotteskrieger rechtfertigt. Und er verkennt, dass unsere globalisierte Welt Distanzen hat schrumpfen lassen. Und so betrifft uns der Konflikt im Nahen Osten sehr wohl direkt, wie sich letztlich durch die konkrete Anschlagsgefahr auch in Deutschland und die Flüchtlingsbewegung aus den Kriegsgebieten zeigte.

 

Weitergehende Informationen:

http://isis.liveuamap.com (Täglich aktualisierte Karte des Kriegsgeschehens)

http://www.clarionproject.org/news/islamice-state-isis-isil-propaganda-magazine-dabiq (Dabiq-Magazin des IS)

Bilderlizenz: CC0 Public Domain


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Rudolf Bede

geb. 1986, Soziologie und Erziehungswissenschaftler, Chefredaktion.

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