Der Untergang des Abendlandes

Dass die großen Jahre des Westens vorbei sind und die Zukunft in Asien liegt, ist inzwischen zur Binsenweisheit geworden; Europa wird Randprovinz der neuen Weltordnung. Aber Auf- und Abstiege gehören zur Geschichte dazu, und machtpolitischer Niedergang muss nicht immer ein Verhängnis sein.


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Der Wachwechsel kam rascher als erwartet, vielleicht sogar ein wenig vorschnell. Nach der Weltfinanzkrise, die in Amerika den Anfang nahm, den ganzen Westen beutelte, den chinesischen Aufstieg aber kaum hemmte, ist „Chimerika“ als geopolitisches Tandem etabliert, wobei keineswegs mehr klar ist, wer den Lenker in der Hand hält. Nicht nur das Forbes-Magazin kürte Hu Jintao zum mächtigsten Mann der Welt vor Barack Obama (der sich eine denkbar schlechte Zeit ausgesucht hat, um amerikanischer Präsident zu sein); immer mehr Länder orientieren sich um und sehen in Peking das neue Machtzentrum; und Amerika seinerseits schraubt die Ansprüche zurück und ist, wie zuletzt in Libyen, nur noch sehr ungern Weltpolizist.

Freilich: Schadenfreude ist nicht angebracht, denn Europa stürzt mit, der Westen insgesamt verliert seine Führungsrolle. Und Amerika hat dabei noch Vorteile – Militärmacht, relative Jugend, eine starke Zentralregierung –, über die Europa nicht verfügt. Europa hat, wie der FDP-Politiker Chatzimarkakis einmal lakonisch feststellte, vielleicht nur noch die Wahl, das schicke Altstadtviertel im neuen globalen Dorf zu sein oder zum Slum, bestenfalls zum Altersmuseum zu degenerieren; besser als Amerika steht es objektiv nicht da.

Den Aufstieg und Fall großer Reiche hat die Weltgeschichte zur Genüge gesehen, und die Grundmuster ähneln sich. Fast immer ist es die Kombination aus zwei Elementen, die den Niedergang einläutet: das Auftreten neuer Gegner von außen; und aufkommende innere Schwäche. Und ebenso fast immer handelt es sich um einen schleichenden Prozess, der langsam einsetzt und erst dann bewusst wahrgenommen wird, wenn er unumkehrbar geworden ist. Einige Reiche sind sehr rasch in großen Kriegen untergegangen, die meisten aber hatten eine längere Verfallsgeschichte und waren im Grunde schon dem Untergang geweiht, ehe ein letzter Sturm sie von der Karte der Weltgeschichte blies. Byzanz, das oströmische Kaiserreich, ist ein klassisches Beispiel für eine langgezogene Verfallsgeschichte, aber auch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und die österreichische Habsburgermonarchie hatten eine lange Phase des Niedergangs, bevor ihr Ende kam.

Das Ende der Pax Americana

Der Abgesang auf Amerikas Führungsstellung ist nun auch kein neues Lied, das erst mit dem erkennbaren Aufstieg des neuen Konkurrenten China einsetzt. Schon Paul Kennedy beschrieb in den achtziger Jahren die Probleme der Nr. 1 im relativen Abstieg. Die heutigen Probleme waren samt und sonders damals schon sichtbar im Werden. Der „imperial overstretch“ mit unverhältnismäßig hohen Militärausgaben, der relative industrielle Niedergang, auch in manchen Hochtechnologien, der Verfall ganzer ökonomischer Teilsektoren, nicht nur der Landwirtschaft, mit hektischen Versuchen des Gegensteuerns über Subventionen und Protektionismus, das gewaltige Außenhandelsdefizit, die immense Staatsverschuldung bei niedriger privater Sparquote, die Abhängigkeit von importierten Rohstoffen, bei weitem nicht nur Öl, sondern auch bestimmten Mineralien – all das ist nicht neu. Es wurde nur zeitweise überdeckt durch den Zusammenbruch des Ostblocks, der es dem schon in die Niedergangsphase eingetretenen Amerika und seiner europäischen Gefolgschaft noch einmal erlaubte, in der Welt zu schalten, wie es wollte. Berufskassandren wie Scholl-Latour spotteten auch damals schon über die „Neue Weltordnung“, aber in den neunziger Jahren war der Glaube an die Hegemonie des Okzidents fester Bestandteil der Communis opinio. Und noch in der Zeit des zweiten Irakfeldzugs, 2003, der die Spitze amerikanischen Unilateralismus und amerikanischer Hybris darzustellen schien, finden sich allerlei Debattenbeiträge, die andeuteten, dass Amerika auf dem Zenit seiner Macht stehe und wahrhaft „Das neue Rom“ sei. Das gleichnamige Werk des Publizisten Peter Bender ist als historisches Dokument für diese Zwischenepoche immer noch lesenswert, wenngleich man als Atlantiker beim Durchblättern leicht wehmütig wird.

Tatsächlich ist (und war auch damals schon) Amerikas Vorherrschaft nur noch militärisch, und äußere militärische Macht ist unbeständig ohne solide innere Basis. Ökonomie und Technologie sind dabei entscheidend; ethnische und soziale Konflikte, etwa die Ängste der alten weißen, angelsächsischen, protestantischen Oberschicht vor der zunehmenden Zahl der Hispanics oder die große Einkommens- und Vermögensungleichheit, sind demgegenüber ein nachrangiges Phänomen. Amerika war in seiner Aufstiegsphase genauso multikulturell und genauso wenig sozialstaatlich wie heute, und die alte Legende der Sozialnationalisten des 19. Jahrhunderts von den geostrategischen Vorzügen ethnischer und sozialer Homogenität, die gelegentlich wieder durch die Debatten geistert, ist heute nicht richtiger als damals; sie taucht immer in dumpfer Vorahnung des kommenden Niedergangs auf, ist selbst ein Krisensymptom, kein Teil einer Krisenanalyse.

Bewusstseinswandel

Wenn diesseits und jenseits des Atlantiks drohende Identitätsverluste und der Wunsch nach Sicherheit die Debatten prägen, zeigt das allerdings eines: Angst greift um sich. Und in der Tat ist die Frage, ob der Verlust der westlichen Vormachtstellung gewaltsam ablaufen wird oder nicht, weniger eine der harten ökonomischen und militärischen Fakten, die langfristig vorgezeichnet sind, als der kollektiven Psychologie.

Können Großmächte freiwillig abdanken; kann Amerika, kann sich der Westen mit seinem Abstieg abfinden? Im geschichtlichen Vergleich ist man geneigt, zu sagen: nein; nicht ersatzlos. Darüber, was ein Surrogat für politische Dominanz sein könnte, gibt es freilich mehrere interessante Hypothesen.

Die eine Sichtweise geht davon aus, dass sich zwar nicht die Macht, aber die Ideen des Westens letztlich in der Welt durchsetzen werden und eine Transition of Power zu ideologisch befreundeten Nachfolgemächten relativ konfliktfrei ablaufen kann. So wie etwa der Übergang vom britischen Liberalismus zur nah verwandten amerikanischen Vorherrschaft im frühen zwanzigsten Jahrhundert sich nahezu einvernehmlich vollzog. Davon kann man sich, im Blick auch auf die Demokratiebewegungen in der arabischen Welt, ermutigt fühlen. Man kann aber auch, skeptischer, aus der Erfahrung heraus, dass der Westen den Kalten Krieg in erster Linie ökonomisch und erst in zweiter Linie moralisch gewann, davon ausgehen, dass es auf Dauer keine Softpower ohne Hardpower gibt, dass der Trend zur Demokratie ein Nachwirken der westlichen Dominanz und Wohlstandsmodelle ist und sich nur durchsetzen kann, wenn auch die künftigen ökonomischen Machtzentren demokratisch regiert sind und ihrerseits als Leuchtturm in die Welt ausstrahlen. Das betrifft vor allem China, dort entscheidet sich das Schicksal der demokratischen Weltrevolution. Die Frage ist empirisch offen.

Tröstlich kann ebenso ein Blick zurück in die Geschichte sein. Auch Absteiger haben dort gelegentlich noch wichtige Rollen gespielt; auch Reiche im Niedergang können immer noch zu großen Taten fähig sein. Wenige Jahrzehnte nur vor seinem Untergang stoppte das Weströmische Reich die Hunnen auf den Katalaunischen Feldern; das Oströmische, nach Justinian in stetem Rückzug, bewahrte Europa vor arabischer Invasion – lange Zeit hing das Schicksal des Westens nur an den Mauern von Konstantinopel; Metternichs Österreich entschied durch geschickte Diplomatie die napoleonischen Kriege; der Sieg der Franzosen im Ersten, der Briten im Zweiten Weltkrieg – wenn auch jeweils mit fremder Hilfe – sind jüngere Beispiele.

Aber, und hier beginnt die zweite Hypothese, nicht nur kriegerischer Art können diese Großtaten sein. Oft wechseln große Mächte in der Phase ihres Niedergangs nur den Modus ihrer Größe, vom Politischen hin zum Kulturellen. Die deutsche Klassik, jene fabelhafte Zeit, als Musik, Dichtung und Philosophie in Mitteleuropa auf den Höhepunkt kamen und Weltruhm erreichten, fiel mit dem Untergang des alten Reiches zusammen (das Ende des „lebenden Leichnams“ scherte Goethe nicht im geringsten). Wien erlebte eine ebensolche, halb fiebrige Kulturblüte in den zwei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg, schon im Bewusstsein des kommenden Untergangs, mit Forschern wie Freud, Komponisten wie Mahler und Schönberg, Satirikern wie Karl Kraus, Schriftstellern wie Schnitzler, Poeten wie Hofmannsthal, Malern wie Gustav Klimt. Platon und Aristoteles begannen in Athen zu wirken, als die Stadt nach der Niederlage im Peloponnesischen Krieg ihre einstige Machtstellung eingebüßt hatte. Und selbst das sterbende Konstantinopel des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts, als die Metropole, vom Feind eingeschlossen und ihres imperialen Hinterlands beraubt, zunehmend schrumpfte und verfiel, war immer noch ein Zentrum großer Kultur, herrliche Fresken und Mosaiken entstanden, und ihre Universität erreichte in Theologie und Philosophie den Höhepunkt ihres Schaffens und strahlte aus in den Westen. Bloße Fellachenkulturen, wie Spengler meinte, also primitiver Nachhall einer großen Vergangenheit, sind das beileibe nicht, sondern Epochen mit eigener Größe und eigenem Recht; eher schon kann man die Frage stellen, ob es sich hier nicht um das besonders helle Flackern einer sterbenden Flamme handelt und solche Kulturblüten daher zwangsläufig kurzlebig sein müssen.

Nichtsdestoweniger, dass der Machtverlust auch die Chance für eine Gesellschaft sein kann, mental zu gesunden, bleibt eine diskutable These. Meinhard Miegel („Epochenwende“, „Exit“) hat darauf mehrfach hingewiesen. Die Chance besteht darin, sich vom Zwang zur Größe, vom Zwang dazu, immer an der Spitze marschieren zu müssen, lösen zu können, sich nicht primär über Einfluss oder ökonomisches Wachstum zu definieren, sondern über Kulturleistungen; und sich im übrigen nicht für das Schicksal und alles Übel der Welt verantwortlich zu fühlen, wie es im postkolonial traumatisierten Westen seit sechzig Jahren geschieht. Europa, dessen Nationalstaaten eine Abdankungsphase als Großmächte bereits hinter sich haben, wird sich in dieser Beziehung leichter zurechtfinden als die Vettern jenseits des Atlantiks, deren Fallhöhe und Sendungsbewusstsein noch größer sind.

Letzte Herausforderungen

Freilich, um sich gänzlich aufs Altenteil der Geschichte zurückziehen zu können, ist es noch etwas zu früh. Denn manches ist neu im historischen Herbst des Westens, das es früher im Wechselspiel der Großreiche nicht gab; Hinterlassenschaften unserer großen Zeit, bei deren Bewältigung die Mächte, die an unsere Stelle treten, anfänglich noch unsere Unterstützung brauchen werden.

Mindestens drei Punkte sind zu nennen. Erstens die Demographie; die technisierte und industrialisierte Lebens- und Wirtschaftsweise des Westens führt überall dort, wo sie eingeführt wird, zunächst zu rapidem Bevölkerungswachstum (und damit zu Ressourcenknappheit), später dann zu einem Absinken der Geburtenrate unter das bestandserhaltende Niveau (und somit zur Vergreisung). Zweitens die Ökologie; der westliche Lebensstandard bedeutet, bisher jedenfalls, einen Raubbau an den natürlichen Lebensgrundlagen, der, auf den ganzen Globus exportiert, die Stabilität des gesamten Ökosystems gefährdet. Und drittens das Problem der Massenvernichtungswaffen, insbesondere der Atombombe, zu deren Abschaffung kein Weg zu führen scheint und deren Ausbreitung in weitere Länder die Gefahr von Kriegszerstörungen globalen Ausmaßes massiv erhöht.

Um diese Herausforderungen erfolgreich bewältigen zu können, fehlen den Aufsteigerländern in Asien anfangs noch die wirtschaftlichen, technischen und militärischen Mittel, später die älteren Erfahrungen Amerikas und Europas, die auf allen diesen Feldern voranzugehen haben. So bleibt dem Westen noch für einige Jahrzehnte eine wichtige, wenn man will: eine edle Aufgabe.


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