Deutschland: Innovationswüste oder Innovationsmotor?

Technologie bezeichnet das „Wissen um Technik“. Es geht um den richtigen Einsatz natur- und ingenieurwissenschaftlicher Methoden und Prozesse, um ein neues Produkt zu entwickeln. Das Ergebnis kann ein Gerät (iPad), ein Algorithmus (Google) oder ein Geschäftsmodell (Facebook) sein.


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Für den Erfolg eines neuen Produkts gilt nur ein Maßstab: die Menge der zahlungsbereiten Kunden. Ist die Menge sehr groß, dann ist das Produkt eine „Innovation“, d. h. es wird als Neuheit wahrgenommen, für die man gerne einen Aufpreis zahlt. Der Erfinder einer durchschlagenden Innovation kann viel Geld verdienen. Von etablierten, großen Firmen gefürchtet sind sog. disruptive Innovationen. Diese können einerseits einen unvorhergesehenen bzw. nicht geplanten Technologiesprung bedeuten. Andererseits können sie das bestehende Geschäft bedrohen und ganze Industrien zerstören (Kutschenmanufakturen) oder massiv verändern (Kommunikation).

Deutschland spielt bezüglich Technologien und Innovationen in der obersten Liga. Etablierte Technologien werden konsequent weiterentwickelt. Dies geschieht, wie überall auf der Welt, zuerst einmal in mittelständischen und in großen Unternehmen. Mehr oder weniger planvoll und/oder abhängig von der Innovationskraft der Firmenleitung werden Marktbedürfnisse befriedigt und Patente angemeldet. Aber warum kommen häufig disruptive Innovationen aus den USA?

Innovationen brauchen Startups

Es liegt in der Natur von disruptiven Innovationen, dass sie nicht planbar sind, vom Management nicht zur Entwicklung vorgegeben werden können und etablierte Marktteilnehmer manchmal gar kein wirkliches Interesse an ihnen haben. Sie kosten relativ viel Geld, sind risikobehaftet und bedürfen erheblichen Querdenkens.

Das richtige Umfeld für disruptive Innovationen liegt in kleinen, unabhängigen und extrem flexiblen Einheiten (= Startups), deren Mitarbeiter eine Mischung aus Technologieexzellenz und Umsetzungswillen mitbringen. Größtes Hindernis ist dabei der Mangel an Geld. Dabei ist der übliche Weg über einen Bankkredit in der Regel verwehrt, denn  das Risiko eines Scheiterns ist extrem hoch. Es kann sich herausstellen, dass sich die Ideen technisch nicht umsetzen lassen, oder das Team arbeitet nicht gut zusammen. Sicher wird eine solche Entwicklung mehr kosten, als in jedem Geschäftsplan vorgesehen. Dies liegt unter anderem an dem Markt, den es entweder erst zu entwickeln gilt, oder der von Ereignissen und Faktoren mehr oder weniger unvorhersehbar beeinflusst wird. Ein Startup ist darauf angewiesen, den Erfolg seiner Idee innerhalb von 3 bis 5 Jahren am Markt zu beweisen. Das notwendige Risikokapital stellen Wagniskapitalgeber (Venture Capital Gesellschaft = VC) zur Verfügung, die für ihre Risikobereitschaft eine gute Verzinsung erwarten, wenn das Startup verkauft wird oder Aktien ausgibt. Da nur ca. 10 % aller Startups wirklich erfolgreich sind, geht der Gewinn in die Finanzierung der restlichen 90 % (darunter auch einige Totalabschreibungen).

Startups brauchen ein innovationsfreudiges Umfeld

Disruptive Innovationen brauchen also neben Top-Wissenschaftlern und -Ingenieuren auch das richtige Finanzierungsumfeld für Firmengründungen. Einher damit geht die Frage nach der gesellschaftlichen und politischen Anerkennung des Erfolgs eines Firmengründers.

Hier einige Fakten: In Deutschland wurden in den letzten Jahren ca. 1100 Startups pro Jahr finanziert.  Dafür wurden ca. 700 Millionen USD von VCs aufwendet. In Europa (im wesentlichen Frankreich, Schweden, UK und Niederlande) waren es ca. 5000 Firmen mit ca. 5.000 Millionen USD Investitionen. Bezieht man die Startup-Investitionen auf das Bruttoinlandsprodukt, steht Deutschland an 13. Stelle hinter Portugal, Rumänien und dem europäischen Durchschnitt. Die erste Position halten klar die USA mit ca. 25.000 Millionen USD pro Jahr.

Das Klima für Firmengründungen wird im wesentlichen von folgenden Faktoren beeinflusst:

  • unternehmerische Mentalität: Verfügbarkeit von unternehmerisch denkenden Gründern und Geschäftsführern (Ausbildung!), Anerkennung von Erfolg (Neid!)
  • Finanzmarktumfeld: Kapitalisierung von Aktienunternehmen (Maßstab für die Verkaufsbewertung von Startups), Verfügbarkeit von Eigenkapital durch VCs und staatliche Förderung
  • Rechtsumfeld: Besteuerung von Startups (in der Regel kein Problem) und Risikokapitalgebern, Rechtssicherheit für Investoren, Bedingungen für eine Firmengründung (Startkapital, Bürokratie).

Eine wesentliche Rolle spielt dabei neben den Finanzierungs- und Rechtshindernissen die Ausbildung von Unternehmern. Alle drei Punkte sind in Deutschland schlechter organisiert als in Europa und vor allem den USA, wo ab 1958 durch Gesetzgebung die Basis für die Entwicklung eines Startup- und VC-freundlichen Umfelds gelegt wurde.

Der Staat spielt also eine wesentliche Rolle und hat es in der Hand, sein begrenzt verfügbares (Steuer-)Geld in Subventionen zu stecken, oder neue Technologien und Industrien aufzubauen.  In Deutschland versucht man, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen.

Bedingungen in Deutschland sind verbesserungsfähig

In Deutschland gibt es spezifische Gründe, warum es relativ wenig Firmengründungen gibt bzw. deutsche Gründer in die USA gehen.

  • Die besten Wissenschaftler und Ingenieure werden von den großen Firmen zu guten Konditionen absorbiert.
  • Das Sozialsystem ist auf angestellte Berufstätigkeit ausgerichtet.
  • Die Ausbildung an Schulen und Universitäten beinhaltet noch zu wenig die Fähigkeiten und Lebensmodelle eines freien Unternehmers.
  • Risiko ist negativ besetzt.
  • Erfolgreiche Unternehmer werden mit Neid betrachtet.
  • Nicht-erfolgreiche Unternehmer haben keine zweite Chance.

Generell werden eher Risiken als Chancen gesehen. Auch die Chance, von den Erfahrungen eines gescheiterten Startup-Gründers zu profitieren, werden oft nicht gesehen.

Ein weiterer Unterschied zwischen Deutschland und den USA liegt in Masse und Klasse. Disruptive Ideen entstehen eher in einem Umfeld mit einer signifikanten Masse von Ideen. In großen Massen zu denken ist typisch amerikanisch, China hat das gleiche Potential. Deutschland ist eher ein Innovator mit Klasse. Viele Innovationen sind evolutionär und haben sich mit Erfahrung und Zeit entwickelt. Disruptive Innovation entsteht dadurch seltener. Hinzu kommt, dass sich eine Innovation letztendlich auf dem Massenmarkt USA durchsetzen muss, um anerkannt zu werden. Ein klarer Heimvorteil für amerikanische Startups.

Was kann Deutschland tun, um sich besser aufzustellen? Schließlich liegt die Zukunft Deutschlands in Innovationen, sei es in Produkten oder Dienstleistungen. Folgende Maßnahmen sind förderlich:

  • Erhöhung der Förderung von Gründungsideen und Erstfinanzierungen. Der 2005 gegründete High-Tech-Gründerfonds, der 272 Millionen EUR vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, von der KfW, von BASF, Siemens, Deutscher Telekom, Daimler, Bosch und Zeiss bekommen hat, ist ein erster Ansatz. Man beachte die Unterstützung durch große deutsche Unternehmen.
  • Verbesserung der Ausbildung von Talenten an Schulen und Universitäten, mit dem Ziel, diese für eigene unternehmerische Aktivitäten zu motivieren und trainieren.
  • weitere Senkung von Hürden für die erste Umsetzung von Gründungsideen, aber auch für die Investition durch Risikokapitalgeber. Einige Hochschulen/Forschungsinstitutionen unterstützen bereits vorbildlich mit Räumlichkeiten, Ausstattung sowie bei der Anmeldung und Verwertung von Patenten.
  • Darstellung und Förderung von Unternehmertum als positive und stimulierende Aktivität für die Gesellschaft. Hier ist die Politik gefordert.

Auf europäischer Ebene gibt es Initiativen, die Gründungssituation und damit die Innovationskraft Europas zu verbessern. Die EU hat 2009 mit einer Startfinanzierung von 300 Millionen EUR das European Institute of Innovation and Technology mit Sitz in Budapest gegründet. Dieses organisiert sich in sog. KICs (Knowledge and Innovation Community), bislang zu den Themen Klima, Energie und Informations-/Kommunikationsgesellschaft.  Die KICs sollen nicht nur Wissen bündeln und Innovationen erforschen. Es geht vielmehr darum, die Ausbildung von Firmengründern finanziell zu unterstützen, Inkubatoren an Universitäten zu stärken und letztendlich Umsätze mit den geförderten Entwicklungen zu erzeugen.

Der Ansatz ist gut. Die Ziele sind allerdings auf der europäischen Ebene ambitioniert. Wenn Deutschland seine Rolle als Innovationsmotor stärken will, sollte man sich nicht auf die EU verlassen. Von Politik und Gesellschaft muss mehr Unterstützung kommen.


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Nils Schöche

geb. 1967, Dr.-Ing., VDSt Aachen-Breslau II.



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