Die deutsche Wissenschaftssprache verschwindet

In den Wissenschaften, vor allem in den Naturwissenschaften, ist Englisch heute die weltweit gebrauchte Sprache. Das Deutsche, das sowohl in den Naturwissenschaften wie in den Geisteswissenschaften vom 19. bis in das 20. Jahrhundert (zumindest teilweise) vorherrschende Wissenschaftssprache war, hat diesen Rang inzwischen vollkommen eingebüßt. (Frühwald)


ALLE Artikel im Netz auf aka-bklaetter.de lesen und auch das Archiv?

Jetzt kostenlos

Anmelden


Es sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass die nihilistische Geistfeindlichkeit der Nazis viel dazu beigetragen hat, die deutsche Wissenschaftssprache und Wissenschaftskultur international zum Verschwinden zu bringen. Große wissenschaftliche Datenbanken und immer mehr wissenschaftliche Zeitschriften lassen nur noch Englisch als Sprache zu. Bei internationalen Konferenzen ist es ähnlich. Die Position der englischen Sprache in der Welt ist heute so, dass ihre Dominanz – ganz wertfrei gesehen – heute zu einer kommunikationstechnischen Zwangsläufigkeit führt. Es sind vor allem die europäischen Kulturnationen, die dies schmerzlich registrieren, droht doch das, was in ihrer Kultur über die Sprache ausgedrückt ist, im globalen, sich immer schneller drehenden Datenkreislauf zu verschwinden, weil es nicht mehr (oder nur mehr schwer) wahrnehmbar ist. Was nicht von allen sprachlich aufgenommen werden kann (und hierzu dient die lingua franca Englisch) verliert sehr schnell unter den Bedingungen der weltweiten, vernetzten Kommunikation an Wert; auf einen objektiven Wert kommt es dabei nicht an.

„Die Zahl der englischsprachigen Publikationen in international anerkannten Zeitschriften (mit hohem impact factor) entscheidet über das wissenschaftliche Ansehen chinesischer Forscherinnen und Forscher ebenso wie über das von Japanern, Franzosen, Deutschen und Israelis. Die englische lingua franca hat sich die Publikationswelt der Wissenschaft in weiten Teilen erobert, stärker und nachhaltiger als dies die Sprache der Kirche und der Gelehrsamkeit, das Latein, im Mittelalter jemals hatte tun können.“ (Wolfgang Frühwald)
Es hat sich ein eigenes Wissenschaftsidiom gebildet – BE, d.h. „Broken English“, genannt. So kann es durchaus vorkommen, um ein Beispiel zu geben, dass ein deutscher Biochemiker in Deutschland seine Forschungsergebnisse vor deutschen Hörern in Englisch vorträgt, weil im Deutschen die nötigen Begriffe nicht zur Verfügung stehen. Das Deutsche hat diese Begriffe gar nicht mehr gebildet. Die „Spitzenforschung“, so wird immer häufiger monoton und mit einem Unterton der ungeduldigen Nachsicht erklärt, schreibt Englisch. Der Umkehrschluss wird dabei nicht immer gezogen, aber er ist im Kontext unüberhörbar: „Wer Deutsch schreibt, ist provinziell, unerheblich, Mittelmaß oder schlechter, von den „Spitzen“ jedenfalls weit entfernt.“ (Konrad Ehlich) Dabei ist, wie bekannt, das Weltwissen sprachgebunden, ist aus der Kultur von Sprachgemeinschaften hervorgegangen und von ihr in spezifischer Weise geprägt.
Sprache ist nicht einfach eine Ansammlung von Wortmarken, die den sprachunabhängigen Wissenselementen angehängt würden. Vielmehr erfolgt die Organisation, Speicherung und Weitergabe des Wissens selbst in sprachlicher Form. Der Sprache kommt aufgrund dieses Umstandes eine eigene erkenntnisbezogene, ja erkenntnisstiftende Funktion zu. (Ehlich)
Daraus ist zu schließen, dass dem gepriesenen Monolingualismus in der internationalen Wissenschaft erkenntnismindernde Folgen zuzusprechen sind, da nur noch eine Sprache, das Anglo-Amerikanische, Wissen denkt. Es ist weiterhin unübersehbar, dass dem Anglifizierungsprozess in der internationalen Wissenschaftskommunikation kulturimperialistische Züge anhaften. Die Aufgabe der nationalen Wissenschaftssprachen und –traditionen marginalisiert die nationalen Kulturen und fördert die „Emigration der Intelligenz in Richtung auf die weiter nationalstaatlich verfassten und handelnden USA“ (Konrad Ehlich). Der Verzicht auf die eigene Wissenschaftssprache bedeutet zugleich „eine Devaluierung des in dieser Sprache verfassten Wissens“. (Ehlich) Eine Verarmung der eigenen Sprache, die das Wissen in eine andere Sprache ausgelagert hat, ist die weitere, unvermeidbare Konsequenz. Die Ablösung der nationalen Sprache durch die lingua franca des Englischen bezeichnet den „selbstverschuldeten Übergang in die Unmündigkeit“ (Ehlich). Wenn nicht alles täuscht, sind ganze wissenschaftliche Nationalkulturen bereit, diesen Weg zu gehen.
Es ist demgegenüber zu erinnern:
„Aus der engen Verbindung der klassischen Literatursprache und der Beschreibungssprache der Naturwissenschaft entstand jene deutsche Wissenschaftssprache, die das Faszinosum des 19. Jahrhunderts und noch der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts gewesen ist. Sie war die Basis einer Wissenskultur, welche die von Wilhelm von Humboldt, von Schleiermacher und Fichte gegründete moderne Universität getragen hat [...]. Dass mit der Sprachkultur der deutschen Universitäts- und Wissenstradition auch die Institution Universität in Schwierigkeiten geraten würde, dass die deutsche Universitätstradition [...] mit der Transformation der Sprache der englisch-amerikanischen College-Kultur weichen mußte, war vorauszusehen. Der heutige Umbau der Universitäten zur englischen Einheitsuniversität, mit den entsprechenden Prüfungen und Graduierungen (B.A., M.A., B.S., M.S. etc.) ist folgerichtig, aber er beseitigt natürlich die Differenzqualität der deutschen Universität [...]“ (Frühwald)
In der Diskussion, die diese Vorgänge in Deutschland begleitet, hört man oft, dass die deutschen Universitäten dadurch attraktiver würden (besonders die Wirtschaft spricht gern von Fortschritt und den Erfordernissen der Zeit). Das könnte ein Trugschluss sein. Warum sollte jemand in ein Land gehen, das die englisch-amerikanische Universität nur imitiert, wenn er doch gleich in die Originalländer gehen kann?

Ehlich, Konrad: “Deutsch als Wissenschaftssprache für das 21. Jahrhundert“ – In: gfl-journal, Nr. 1, 2000.
Frühwald, Wolfgang: „Deutsch als Sprache der Wissenschaft“, in: aviso, Heft 3, 2000, S. 10 – 15.


...mehr Lesen in den akademischen Blättern oder ganze Ausgaben als PDF?


Jetzt hier kostenlos Anmelden

Dieter Jakob

geb. 1941, Anglist und Germanist, VDSt Erlangen.

... alle Beiträge von diesem Autor