Die Eucharistie

Im säkularisierten Europa wachsen große Teile der jungen Generation ohne Kontakt zu den religiösen – christlichen – Riten auf, die für ihre Vorväter noch selbstverständlicher Teil der Alltagskultur waren. Nun – jedem das Seine. Aber auch für Nicht- (oder nicht-praktizierende) Christen gebietet sich ein Mindestmaß an Wissen über den Ablauf der christlichen Messe; zum Verständnis des Anderen, und weil es ein Stück gewachsene Kultur Mitteleuropas ist. Darum ein Schilderungsversuch.


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Sonntag für Sonntag feiern Christinnen und Christen Eucharistie oder gehen zur Messe. Zwei Worte, die die gleiche Feier meinen und die am häufigsten in der katholischen Kirche gefeiert wird.

Die frühen Christinnen und Christen trafen sich am Herrentag, dem Sonntag, dem Tag der Auferstehung Jesu in ihren Häusern. Sie erzählten die Geschichten von Jesus, brachen Brot und hielten Mahl. Sie erinnerten sich seiner Worte und Taten und erlebten Jesus dabei als Auferstandenen unter sich gegenwärtig. Sie erlebten mit allen Sinnen, dass Jesus sie anschaut, berührt und aufrichtet. Die Feier vermittelte: Christus selbst ist unter uns, in der Kommunion berührt und heilt er, er gibt Kraft, um im Alltag weiterzugehen.

Das ist heute in eine Krise geraten. Die Mitfeiernden werden weniger, für Kinder und Jugendliche ist es langweilig. Erwachsene haben das Gefühl, es bringe ihnen nichts. Es werde Ritus vollzogen, der mit ihrem Leben nichts zu tun hat. Andererseits gibt es viele Versuche, die Messe lebendiger zu gestalten. Die Vorbereitungsgruppen geraten unter Leistungsdruck für immer aufwendigere Inszenierungen. Eine Ursache der Krise ist das Problem, wie wir unseren Glauben in unserer Zeit gemeinsam zum Ausdruck bringen und feiern können.

Eucharistie ist Feier

Unsere Zeit neigt zur Maßlosigkeit und Gestaltlosigkeit des Feierns.

Eucharistie ist Gedächtnis

Unsere Zeit ist geschichtslos. Menschen wollen sich nicht an Vergangenheit erinnern und lernen, sondern vergessen. Alles geht um krampfhaftes Erleben hier und jetzt.

Eucharistie ist gemeinsame Feier

Viele tun sich schwer, Gemeinschaft zu erfahren, haben keine Lust, zur Messe zu gehen, weil sie dort Menschen treffen, die ihnen nicht passen.

Sprachlosigkeit ist ein weiteres Problem. Oft sind Messen überladen von Geschwätzigkeit der Talkshows. Die Pfarrer finden keine Sprache mehr, die zu Herzen geht, berührt.

Heute muss alles was bringen. Alles muss sofortigen Nutzen haben. Wenn wir mit dieser egoistischen Einstellung in die Eucharistie gehen, erleben wir sie als nutzlos und langweilig.

Ein Ritual braucht immer Reflexion und Wandel in Gestaltung. Deshalb ist es ein besserer Weg, die Eucharistie wieder zu verstehen, so dass sie anspricht und fasziniert.

Eucharistie kann Antwort auf Probleme der Zeit sein:

In der geistigen Versteppung gilt es Oasen zu schaffen, an deren Quellen wir trinken, um für die Wüste gerüstet zu sein.

Gegen die Sprachlosigkeit gilt es wieder eine Sprache finden, die das Herz berührt.

Gegen die Vereinsamung gilt es ein neues Miteinander zu ermöglichen.

Gegen die Geschichtslosigkeit, gegen das Vergessen gilt es das Gedächtnis des zentralen Ereignisses unserer Geschichte feiern: Tod und Auferstehung Jesu Christi.

Gegen die Gestaltlosigkeit gilt es miteinander Liturgie feiern.

Gegen die Tyrannei des Nutzens gilt es zweckfreie Räume haben, wo ich sein darf, wie ich bin, wo unser Sein als erlöste Christen sichtbar wird.

Deshalb müssen wir uns vergewissern, warum wir Eucharistie feiern, sonst verkommt sie zur Routine. Können wir spontan den Kindern sagen, warum wir sonntags zur Kirche gehen? Was feiern wir in der Messe? Wonach sehnen wir uns?

Manche spüren, dass sie die Eucharistie brauchen, um bewusst als Christ/Christin leben zu können. Die Messe ist ein Ort der Erfahrung: Wir sind nicht nur Menschen der Erde, sondern auch des Himmels. Wer das erfahren will, für den ist es keine Pflichterfüllung, nur weil eine Autorität es angeordnet hat, sondern innerstes Bedürfnis, an der Eucharistiefeier teilzunehmen.

Eucharistie ist Gedächtnis

In ihr werden inspirierende Geschichten der Vergangenheit erzählt: Wir erinnern an Gott und sein Heilswerk. So werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in der Feier gebündelt. Erinnern bedeutet im wahrsten Sinne des Wortes ein Innewerden, Einbezogenwerden in die Wirklichkeit Gottes, die in der Feier gegenwärtig wird. So wie Juden beim Essen des Pesachlammes sich in Exodustradition (Auszug aus Ägypten und Befreiung aus der Sklaverei) und in den Gottesbund einreihen, so binden sich Christen in die Heilswirklichkeit des Kreuzes und des Hinübergangs Jesu zum Vater ein. Das ist nicht bloßes Andenken an Vergangenes, sondern ein Einbezogenwerden in das Geschehen. Das bewahrende Weitersagen ist untrennbar verbunden mit dem aktuellen Wirklichkeitsbezug. Wenn Juden Feste feiern, gedenken sie immer der Taten Gottes. Gott ist für Juden wie Christen ein geschichtlicher Gott, der in Geschichte wirkt. Das größte Fest der Juden ist Pesach, das Gedenken des Auszugs aus Ägypten. Dieses Gedenken wird in einem Mahl gefeiert, das nach genau geregeltem Ritus zu feiern ist. Die Mitfeiernden werden aufgefordert, sich so zu fühlen, als sei man selbst aus Ägypten ausgezogen.

Genauso geschieht es bei den Christen: Eucharistie ist wesentlich das Gedächtnis des früher Geschehenen, damit es an uns, den Feiernden geschieht. Christen denken nicht nur an das Letzte Abendmahl, sondern an alles, was Gott durch Jesus Christus getan hat. Sie denken vor allem an Tod und Auferstehung Jesu Christi, in denen sich sein ganzes Handeln und Reden verdichtet. Die Wirklichkeit des Gedächtnisses bindet Vergangenheit und Zukunft und Gegenwart zusammen. Gerade in unserer geschichtslosen Zeit ist es wichtig, das Gedächtnis der Erlösung zu feiern. Die rückblickende Erinnerung verweist auf Vergangenheit und hält Erinnerung wach. In der vergegenwärtigenden Erinnerung wird im Hier und Heute der Glaube gefeiert und sichtbar. Die Feier in der Gegenwart nimmt Zukunft voraus, sie zeigt, was Gott mit uns vorhat.

Deshalb hören Christinnen und Christen die inspirierenden Schriften der Bibel und feiern in der Eucharistie die befreiende Geschichte Jesu. Aufgabe der theologischen Reflexion besteht darin, zu beschreiben, wie Christus und sein Heilshandeln gegenwärtig wird. Das führte zu großen Streitigkeiten in der Kirchengeschichte.

Eucharistie ist Verwandlung

Die mittelalterliche Theologie hat dafür den Begriff Transsubstantiation geprägt.

Heute beschreiben wir die Eucharistie als ein Geflecht von Beziehungen, in welches Brot und Wein zu Leib und Blut Christi eingebunden werden. Alles was uns begegnet, steht in Beziehung zu uns, dem wir Bedeutung verleihen. Schon natürliche Begebenheiten empfangen neue Bedeutung in einem veränderten Sinnzusammenhang. Ein Bedeutungswandel findet statt, wenn Christus zum Mahl einlädt, daraus wirksames Zeichen der Gemeinschaft und endzeitlichen Zukunft Gottes wird.

Gaben von Brot und Wein werden durch Christus selbst in neue Beziehung zu uns gesetzt und durch den Glauben von den Christinnen und Christen erkannt. Für Uneingeweihte sieht Brot aus wie Brot und Wein wie Wein, für Christinnen und Christen sind Brot und Wein Leib Christi. In den Gaben von Brot und Wein bringen Christinnen und Christen die ganze Schöpfung vor Gott. Im Brot legen sie ihren Alltag auf den Altar, mit allem, was sie aufreibt und zerreibt, was wie die Körner beziehungslos nebeneinander liegt, ihre Mühe und Arbeit. Brot ist so Bild unserer Lebensgeschichte. Im Brot halten wir Gott alles hin, das er verwandeln wird. Im Kelch halten wir Gott alles Leid und alle Freude der Welt hin. Der Kelch steht für die Bedrängnis und den Schmerz, aber auch die Sehnsucht nach Liebe. Wenn wir diese Gaben auf den Altar legen, drücken wir aus, dass wir im Alltag nicht allein gelassen sind. Eucharistie will unser Leben verwandeln.

Die Wandlung der Gaben bleibt nicht ohne Folgen, wir selbst sollen uns wandeln, umkehren, uns zuwenden zu Gott. Ein Ritus ohne dieses Engagement, das dieser voraussetzt, verkörpert und ausdrückt, ist Magie und Lüge vor Gott und den Menschen. Die Eucharistie ist Ausdruck der Hoffnung, dass durch die Feier von Tod und Auferstehung Jesu auch das Starre in mir zu neuem Leben verwandelt wird.

Eucharistie ist Opfer

Mit diesem weiteren Verständnis von Eucharistie haben heute viele Probleme. Von der katholischen Kirche wurde sie immer so verstanden. Seitens der evangelischen Kirche wurde dieses Verständnis abgelehnt. Die Reformation hat zu Recht gegen einen verfälschten Opferbegriff protestiert. Opfer erinnert Katholikinnen und Katholiken an die Erziehung mit Opfer-bringen, oder sie stoßen sich an einem Gottesbild, das Opfer fordert, denn Opfer sind immer mit Gewalt verbunden. Deshalb müssen wir neu nachdenken über Opfer. Opfer bedeutet einmal, dass etwas Irdisches in den göttlichen Bereich gehoben wird, dass Gott etwas zurückgegeben wird, weil es ihm schon gehört. Sinnvoll ist dies wieder in Betracht zu ziehen, wo alles verzweckt wird, Nutzen bringen muss. In der Feier der Eucharistie übereignen wir Gott unser Leben, von dem wir es empfangen haben. Wir reißen es aus dem Zusammenhang des Verzweckten. Wir schaffen Freiraum, indem wir nichts bringen müssen, nichts leisten müssen, nichts vorweisen müssen.

Eine zweite Bedeutung des Opfers meint Hingabe

Gemeint ist, dass Jesus im Tod seine Liebe vollendet, und nicht, dass Gott von seinem Sohn  den Tod gefordert hat. Er ist nicht gekommen, um zu sterben, sondern als er gemerkt hat, dass der Konflikt sich zuspitzte, ist er nicht geflohen, sondern hat in Liebe durchgehalten bis zum Tod. Sein Tod ist kein Scheitern gewesen, sondern Hingabe für die Seinen. Jesus hat dies im Bild des Guten Hirten angedeutet. Indem wir Tod und Auferstehung Jesu feiern, stellen wir uns unter seine Liebe.

Die liturgischen Texte sprechen vom Opfer der Kirche

Das meint nicht Leistung erbringen, sondern einüben in die Liebe Jesu. Das Wort Opfer kommt vom lateinischen operari = arbeiten, beschäftigt sein. Es hat die gleiche Wurzel wie üben. Opfern heißt also, sich einüben in eine Haltung, die Jesus uns vorgelebt hat. Wenn Kirche Eucharistie als Opfer versteht, reiht sie sich in die Tradition der vielen Religionen ein, die Opfer als Höhepunkt des Gottesdienstes und Quelle der Lebenserneuerung kennen. Indem sich Christinnen und Christen einüben in die Liebe Christi, sich gemeinsam mit Christus darbringen, durchdringen sie die Welt mit Christi Liebe. Opfer ist nicht der zentrale Begriff des Eucharistieverständnisses, aber es ist nicht sinnvoll, ihn zu streichen.

Die Kirchen des Ostens verstehen Eucharistie als Mysterium. Das meint Einweihung in das Geheimnis Gottes. Christinnen und Christen feiern das Schicksal Jesu, seine Menschwerdung, seine Wundertaten, seinen Tod und seine Auferstehung. Dabei erhalten sie Anteil an seinem göttlichen Leben, das den Tod überwunden hat. Unser Leben ist hineingenommen in sein göttliches. Nichts kann uns scheiden von der Liebe Christi. Das erfuhren und erfahren die Christinnen und Christen in jeder Eucharistiefeier. Mysterium ist ein unverständliches Wort. Wir können es mit Traum deuten. So verstanden, wäre Eucharistie Gottes Traum mit den Menschen, der verwirklicht ist in Jesus Christus, in dem die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes erschienen ist. In Jesus ist das Bild des Menschen offenbar geworden, wie Gott ihn sich erträumte. Die Eucharistie stellt in den Riten das Geheimnis der Menschwerdung dar. Gerade in den Mischungsriten, bei denen Wasser in Wein gegossen wird, wird verdeutlicht, wie wir wie Jesus eins werden mit Gott. Sogar im Tod können wir nicht aus der Einheit mit Gott gerissen werden

In der Urkirche bezeichnet Eucharistie Brotbrechen

Damit ist die Erinnerung an die Handlungen Jesu beim Abendmahl und in Begegnung mit den Emmausjüngern verbunden. Indem sie Brot brechen, haben die Feiernden den Tod Jesu vor Augen, der sich aus Liebe zu den Seinen zerbrechen ließ. Brotbrechen stellt den Gipfelpunkt der Liebe Jesu in seiner Hingabe am Kreuz dar. Im Brotbrechen kommt zum Ausdruck, dass Jesus nicht für sich allein gelebt hat, sondern seine Existenz für uns aufgebrochen hat, um sich uns und seine Liebe mitzuteilen. Brot brechen hat mit Teilen zu tun. Somit ist Eucharistie Einladung zum Teilen. Wir teilen unsere Zeit und unseren Raum miteinander in dieser Feier, indem wir uns auf die gemeinsame Feier einlassen, gemeinsam singen und beten, teilen wir unser Leben, unsere Sehnsüchte und Wünsche, unsere Gefühle und Bedürfnisse, unsere Ängste und Hoffnungen. Indem wir Leben miteinander teilen, schaffen wir Raum für Gemeinschaft und Gastfreundschaft. Dabei haben wir die Hoffnung, dass wir geheilt werden. Das Brot, das wir füreinander brechen, zeigt unsere Hoffnung, dass Zerbrochenes in uns, die Bruchstücke unseres Lebens geheilt und neu zusammengesetzt werden.


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Michael Röring

geb. 1957, kath. Pfarrer, VDSt Aachen-Breslau II.

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