“Die heilige Allianz” 1815. Utopie und Wirklichkeit

Die Beschäftigung mit der Geschichte gehört – so könnte man meinen – nicht zu den vordringlichen Aufgaben des europäischen Einigungsprozesses. Und doch finden sich bemerkenswerte Beispiele politischer Utopien und Ideen, deren zu erinnern überaus lehrreich und befruchtend sein kann. Eine besonders eigentümliche Geschichte ist die des russischen Zaren Alexander I. und der „Heiligen Allianz“.


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201110Europa 1814

Gerade einmal ein Vierteljahrhundert war es her, seit die Franzosen mit dem Sturm auf die Bastille den Anfang vom Ende des „Ancien Régime“ einläuteten. Da die Gründe für das Aufbegehren gegen die absolutistische Obrigkeit so vielfältig waren wie die gesellschaftlichen Hintergründe der Revolutionäre, rutschte die Bewegung allerdings schon bald von einer Krise in die nächste: Auf das Bestreben zur Schaffung einer konstitutionellen Monarchie folgte die Hinrichtung des Königs, die Terrorherrschaft der Jakobiner und anschließend der Kampf der unteren, bürgerlichen und monarchistischen Gruppierungen um die Macht und zukünftige Gesellschaftsordnung. Das übrige Europa und vor allem das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ mit seinem zersplitterten Staatswesen und seinen gärenden Konflikten zwischen Hunderten territorialer Bischöfe, Fürsten und Grafen blickte voll Sorge auf das Pulverfass jenseits des Rheins. Als Napoleon am 9. November 1799 die Macht an sich riss und die innenpolitische Sprengkraft zu einem Eroberungsfeldzug nach außen verkehrte, läutete dies ein neues Kapitel der europäischen Geschichte ein. Kaum ein europäischer Herrscher zeigte sich dem Franzosenkaiser gewachsen. Das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ hörte nach fast 1000 Jahren am 6. August 1806 mit der Abdankung des Habsburgerkaisers Franz II. auf zu bestehen. Auch das ruhmreiche Brandenburg-Preußen, noch vor wenigen Jahrzehnten mit der schlagkräftigsten Armee des Kontinents ausgestattet, musste im Frieden von Tilsit 1807 das Haupt vor Napoleon beugen und über die Hälfte seines Territoriums abtreten. Erst umfassende Reformen sowie eine gewaltige Kraftanstrengung der Verbündeten Preußen, Österreich und Russland konnten eine Wende herbeiführen, die mit der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 ihren sichtbaren Ausdruck fand. Im September des folgenden Jahres trat der Wiener Kongress zusammen, dessen Aufgabe die Neuordnung Europas war. Fast ein Jahr lang diskutierten die Vertreter der über 200 Städte sowie weltlichen und geistlichen Herrschaften, darunter auch das besiegte Frankeich, über die Zukunft Europas.

Der Kongress – Ziele und Ergebnisse

Angesichts der katastrophalen Folgen der napoleonischen Herrschaft waren die Ziele der herrschenden monarchischen Klasse von Anfang an klar: Restauration, d. h. die Wiederherstellung des absolutistischen Systems vor der Französischen Revolution, Legitimität, also die Rechtfertigung der herrschaftlichen Ansprüche der Monarchen sowie Solidarität der europäischen Potentaten, um zukünftige revolutionäre Bewegungen im Keim ersticken zu können. Verwirklicht und zu Prinzipien avanciert stellten diese die Grundpfeiler des nachnapoleonischen Europas dar. Realisierung erfuhren die Prinzipien durch die vier wesentlichen Hauptergebnisse des Kongresses: die Anerkennung der Schweizer Neutralität, die Verabschiedung der deutschen Bundesakte – das „Grundgesetz“ des neu geschaffenen Deutschen Bundes – sowie die Herstellung des europäischen Gleichgewichtes, die sogenannte Pentarchie zwischen Russland, Großbritannien, Preußen, Österreich und Frankreich. Der vierte Punkt allerdings stellte das zentrale Element der Herrschaftssicherung dar und ist als wichtigstes Ergebnis des Wiener Kongresses zu konstatieren – obwohl weitab des Verhandlungstisches erarbeitet: die Schaffung der „Heiligen Allianz“. Während nun die drei erstgenannten Punkte noch verständlich sind, mutet doch der Wortlaut im Lichte der sonst weltlichen Verhandlungsergebnisse sehr geistlich, ja beinahe religiös an. Wie kam es dazu, wer war beteiligt und welche Folgen zeitigte die „Heilige Allianz“ für die gesamteuropäische Entwicklung?

Der Initiator

Nach der Ermordung seines Vaters Paul III. wurde der aufgeklärt erzogene, aber politisch unerfahrene Alexander I. 1801 zum Zaren ausgerufen. Trotz seiner Jugend fühlte er sich seiner gottgewollten Aufgabe verpflichtet und ging sofort mit Fiebereile daran, dem rückständigen Russland mit seinen Reformen zum Anschluss an das übrige Europa zu verhelfen. Doch schon bald erkannte er, dass er gegen die adlige Oberschicht den Kürzeren ziehen würde. Sein anfänglicher Eifer schlug bald in Enttäuschung und Resignation um und er suchte fortan seine politische und welthistorische Erfüllung in der Außenpolitik: „Als europäischer Schiedsrichter, als Hüter der Moral und der Menschenrechte“, wie er sich selbst bezeichnete. Als Idealbild schwebten ihm dabei die „Völkerfreiheit“ sowie eine Art „russischer Demokratie“ vor. Gleichzeitig beanspruchte er aber auch die unumschränkte Autorität des Fürsten. Aufgrund dieses Zwiespalts bezeichnete ihn der österreichische Gesandte von Gentz als „eine von Widersprüchen erfüllte Person“, kurz: seine Anerkennung in der europäischen Politik war mehr der Achtung vor Russlands Stärke als dem Respekt vor dem Zaren geschuldet.

Religiöser Mystizismus und Schwärmerei

Alexander war ein schwieriger Charakter: Hin und her gerissen zwischen liberalen, teils revolutionären Ideen, Konservatismus und übersteigerter Frömmigkeit passte er in kein gesellschaftliches Schema. Verstärkt wurde dies noch durch seine Eigenschaft als idealistischer Schwärmer, dessen Begeisterung für eine Sache seine Vernunft leicht überstieg. Die Hingabe an religiöse Ideale und Utopien bestimmte bald sein Denken. Als er 1814 die Familie seiner Frau in Baden besuchte, kam er in Kontakt mit dem Chiliasmus, einer Glaubensrichtung, welche die baldige Wiederkunft Christi und sein tausendjähriges Reich erwartete. Getragen wurde er von den Prinzipien des Pietismus: Herzensfrömmigkeit, Nächstenliebe und christliche Tatkraft. Tief beeindruckt von diesen Ideen trat Alexander dem Bund des Pietisten Johann Heinrich Jung bei, durch den auch einige mystische Denkschriften des Münchner Philosophen Franz von Baader in die Hände des Zaren gelangten. In diesen sprach Baader von einem theokratischen Staatsaufbau, der Befreiungskraft des Christentums und der damit verbundenen nötigen Ausdehnung desselben vom privaten auf den gesellschaftlichen Bereich. Seiner Ansicht nach war die Gottes- und Nächstenliebe, ausdrücklich auch zwischen den Regierungen, die „Grundlage wahrer Freiheit und Gleichheit, um so den Kampfeswillen der Völker zu ersticken“.

Die Entfesselung des Feuers

Die in Alexander geschürte Glut des religiösen Mystizismus ließ die baltische Baronin Juliane von Krüdener schließlich zu einem Feuer auflohen, in dessen Zeichen das Handeln des Monarchen fortan stand. Der österreichische Außenminister Klemens Lothar von Metternich bemerkte gar, des Zaren Verstand „sei nicht mehr intakt“. Die Baronin – eine feurige Verfechterin des Pietismus – ließ dem Zaren viele Briefe zukommen. In ihnen pries sie das „heilige“ russische Volk und vor allem Alexander in den höchsten Tönen. Sie bezeichnete ihn als den „Erwählten Gottes“ und  „Drachentöter“, der die Welt verändern werde. Alexander zeigte sich geschmeichelt, zu einer Privataudienz kam es aber erst am 4. Juni 1815. Auf einer Reise nach Paris weilte der Zar in einem Heilbronner Hotel, als plötzlich die Baronin Einlass begehrte. Aufgrund einiger Zeilen, die er in diesem Moment in der Bibel las, fasste er dies als göttliches Zeichen. „Als ob sie in meiner Seele gelesen hätte, beschwichtigte sie den Sturm, der in mir wütete“, berichtete er später über die Zusammenkunft. In Paris bezog die Baronin das Hotel nebenan, so dass Alexander ihren Gebetsversammlungen stets beiwohnen konnte. Dass er in dieser Zeit den Blick für die Realität verlor, zeigte sich am 10. September, als er auf dem Plateau de Vertus in Paris eine befremdliche Zeremonie abhalten ließ, zu der er alle alliierten Verbündeten eingeladen hatte. Er ließ seine 160.000 Mann starke Armee auf einem Feld mit acht Altären antreten und führte den verdutzten Anwesenden die – lediglich mit einem blauen Kleid und Strohhut bekleidete – Baronin von Krüdener als Botschafterin des Himmels vor. Später schrieb er ihr, dies sei der schönste Tag seines Lebens gewesen.

Die „Heilige Allianz“ – Utopie

Nun endlich sah er die Zeit gekommen, seine Vision einer gesamteuropäischen Allianz, über die er bereits seit Jahren sinnierte, in die Tat umzusetzen. In begeistertem Überschwang ersann Alexander den Wortlaut der „Heiligen Allianz“. In der Präambel hieß es, dass sich die Herrscher „aufgrund der Fülle der göttlichen Wohltaten entschlossen hätten, den Weg, der sich als falsch erwiesenen hatte, zu verlassen und den Kurs ihrer Beziehungen von Grund auf zu ändern“. Fortan wollten sie eine „gesamteuropäische Ordnung“ etablieren, die sich auf die Prinzipien des Christentums gründete. Den von ihm unterstellten Volkswillen setzte er über den Willen der Monarchen und proklamierte „die Vereinigung der Völker unter dem Gebot der Bruderliebe“. Weiterhin formulierte er den Gedanken einer einzigen christlichen Nation, in der die „Regierungen nur Glieder und die Monarchen ihre Delegierten [...] unter Jesus als Souverän“ seien. Dieser vage formulierte, aber in seiner Konsequenz idealistische Gegenentwurf zu den Ideen des Absolutismus kann zweifellos als epochemachender internationaler Organisationsversuch angesehen werden. Die Interessenpolitik als bestimmende Form europäischer Machtverhältnisse sollte mit einem Schlag durch eine gesamteuropäische, christliche Politik ersetzt werden. Auch die konfessionelle Offenheit der Allianz sowie die Einbeziehung der öffentlichen Meinung in Entscheidungen der Fürsten verdienen Beachtung.

Die „Heilige Allianz“ – Wirklichkeit

Die Reaktionen der übrigen Großmächte auf die Vorschläge des Zaren waren durchgängig von Ablehnung gekennzeichnet. Angesichts der desaströsen Folgen der Französischen Revolution waren die europäischen Hegemonialmächte nicht gewillt, erneut liberale Bestrebungen zu dulden oder gar zu befördern. Zudem wirkte auch die Vorstellung des „Souveräns Jesus“ befremdlich. So kam es, dass Metternich im Auftrag Kaiser Franz I. die Entwürfe zur „Heiligen Allianz“ in Gänze umformulierte und so ein restauratives Instrument der  Hegemonialmächte im Geiste des monarchischen Prinzips zur Unterdrückung liberaler und nationaler Tendenzen schuf: Gottesgnadentum, die christliche Religion als Fundament der politischen Ordnung und – als realpolitisch überragender Punkt – gegenseitiger Beistand gegen Umwälzungen und Revolutionen.  Dass Alexander trotzdem unterschrieb, zeigt einerseits seine Unbeholfenheit in der Sprache der internationalen Politik und andererseits, welche Bedeutung er „seiner“ Allianz trotz aller Änderungen noch zuschrieb.

Was blieb also vom Traum Alexanders? Die „Heilige Allianz“ wurde in den Jahren nach dem Wiener Kongress zum Instrument aller europäischer Staaten, mit Ausnahme des Vatikans und Großbritanniens, gegen die bürgerlich-nationalen Einheitsbestrebungen der 1810er und 1820er Jahre in Deutschland, Italien und Griechenland. Bedingt durch die Verfahrenheit der europäischen Mächtekonstellation verlor sie ab den 1830er Jahren zunehmend an Einfluss und löste sich langsam auf. Auch Alexander wandte sich später von seinen religiösen und liberalen Überzeugungen ab und dem harten realpolitischen Geschäft zu. Dennoch darf nicht außer Acht gelassen werden, dass Alexander in seinen Vorstellungen von einem vereinigten Europa – trotz aller mystischen Schwärmereien – dem Denken seiner Zeit weit voraus war: Vorrang des Volkswillens, christliche Werte und Normen als Basis, Solidarität und Gleichheit aller Menschen und nicht zuletzt die Einigung Europas ungeachtet politischer Grenzen waren und sind starke Signale auch für das Selbstverständnis und die Entwicklung unseres modernen Europas.


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Hendrik Leonhardt

geb. 1984, M. Sc., Konservator, VDSt Halle-Wittenberg.

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