Die Sinn-Lücke

Den großen Erfolgen des Menschen bei der Erklärung und Beherrschung der Welt um ihn herum steht eine zunehmende innere Leere gegenüber. Einer Welt ohne Gott fehlen Orientierung und ethischer Kompass. Werner Kunze begibt sich auf die Suche nach dem verlorenen Sinn – bei Kant, Voltaire, Dworkin. Ein Streifzug.


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S018_Sinn_4Die „Sache mit Gott“ ist und bleibt die denkbar größte intellektuelle und vor allem emotionale menschliche Herausforderung. Wie sollen, wie können wir ein Wesen erfassen, das sich um unbekannte Dimensionen außerhalb unseres irdischen Vorstellungsvermögens befindet? Wir sind dazu nicht in der Lage. Zumal ein Zugang über die heute tonangebenden rationalen Methoden erst recht nicht möglich ist. Die Existenz Gottes kann nur von Religionsstiftern offenbart oder von bestimmten Menschen intuitiv erschaut werden.

Diese seit Urzeiten ungemein schwierigen und immer wieder auch belastenden Fragen nach Gott oder Göttern werden heute noch zusätzlich erschwert durch das moderne Spannungsfeld von Naturwissenschaft und Religion. Wir sind mehr denn je nicht hinreichend in der Lage, mit den beiden Polen Glaube und Wissen einvernehmlich oder auch nur stets tolerant umzugehen. Die Grenzen beider Welten werden oftmals nur einseitig markiert und scharf verteidigt.

Grenzen der reinen Vernunft

Immanuel Kant, der scharfsinnigste Philosoph der Neuzeit, hat diese Problematik indirekt mit seiner berühmten Aussage so charakterisiert:

„Die menschliche Vernunft wird durch Fragen belästigt, die sie nicht abweisen, die sie aber auch nicht beantworten kann, da sie das Vermögen der menschlichen Natur übersteigt.“ (Vorrede zur „Kritik der reinen Vernunft“)

Da es, wiederum nach Kant, unmöglich ist, die Existenz oder Nichtexistenz Gottes zu beweisen, stehen interessanterweise sowohl Theisten als auch Atheisten vor dem gleichen prinzipiellen Problem: Gott wäre nicht Gott, wenn wir ihn mit unserem menschlichen Verstand erkennen und beschreiben könnten. Damit bleibt die Beantwortung der Frage, ob Gott existiert oder nicht, letzten Endes immer eine Glaubenssache. Was für manche moderne Menschen offenbar eine Zumutung ist.

Dies trifft umso mehr auf die heutige Zeit zu, die über ein gewaltiges Sachwissen verfügt und Gefühle, Glauben oder „Spekulationen“ geringschätzt. Immerhin ist spiritueller Glaube seit der Steinzeit unaufhörlicher Anstoß sowohl für tiefgreifende Reflexionen und Anbetung als auch für Zweifler, Abtrünnige und Ketzer. Damit sind Konflikte um die Fragen nach Gott vorprogrammiert. Eine säkulare und zunehmend areligiöse Stimmungslage verschafft heute ohnehin dem atheistischen oder skeptischen Lager Zulauf. Mit schwerwiegenden Folgen sowohl für das gesellschaftliche Zusammenleben als auch für die innere Verfassung der Menschen. Wer jedem Menschen eine oft selbstdefinierte Freiheit verspricht, bewegt sich in problematischen Gefilden. Vergessen wir nicht, dass noch im Artikel 2 des Grundgesetzes neben den Gesetzen nur das „Sittengesetz“ die freie Entfaltung der Persönlichkeit eingeschränkt hatte.

Für die Ablehnung von Religion oder Kirchen gibt es ein ganzes Bündel von Begründungen. Sie reichen vom Bemühen, die Einsparung von Kirchensteuerzahlungen zu rechtfertigen, bis zu einer wissenschaftlich untermauerten „Beweisführung“. Moderne naturwissenschaftliche Forschung arbeitet längst mit der ausgesprochenen oder impliziten Vorgabe, ohne „Gotteshypothese“ auszukommen.

Nachdem wir Agnostiker bereits seit der Antike kennen, gründet der moderne Atheismus auf materialistischen, marxistischen und positivistischen Entwicklungen. Den Ausgangspunkt des modernen Atheismus finden wir bekanntlich in den bis heute nachwirkenden kirchen- und religionsfeindlichen Affekten vieler Aufklärer. Ihre generelle Stoßrichtung gegen Obskurantismus hat zu einer fortschreitenden Säkularisierung der modernen Welt geführt. Andererseits waren es jedoch ebenfalls erst die Aufklärer, die zur Toleranz in Glaubensfragen aufgerufen hatten.

Das öffentliche Bewusstsein wird ferner immer wieder erregt durch Greueltaten und Verbrechen christlicher Kirchen in der Vergangenheit und des Islam bis heute. Ist es jedoch berechtigt, wegen fanatischen und verwerflichen Menschenwerks und der ewigen Unglücke in der Welt die Existenz Gottes zu bezweifeln? Außerdem: Das Mittelalter ist Geschichte. Zeitlich viel näher haben wir bekanntlich schwere Untaten und Verbrechen auch von atheistisch ausgerichteten Systemen erlebt.

Zwischenstufen

Es liegt auf der Hand, dass sich in Glaubensdingen nicht nur Religionen, sondern auch skeptische und kritische Ausprägungen weit auseinanderfächern. So vertritt beispielsweise der Philosoph Ronald Dworkin die Ansicht, es gebe einen „religiösen Atheismus“, der einen Urheber für das objektiv Schöne und objektiv Richtige anerkennt. Mit Naturprozessen ließen sich diese Phänomene nicht abschließend erklären.

Über die Zahl der Atheisten gibt es verständlicherweise keine verlässlichen statistischen Angaben. Schätzungen gehen von einem Fünftel der Menschheit aus. In Deutschland sollen angeblich etwa 25 % weder an Gott noch an spirituelle Kräfte glauben. Wiederholte Umfragen in den USA bestätigen, dass eine Mehrheit der dortigen Naturwissenschaftler sich als Atheisten oder, noch häufiger, als Agnostiker bekennt.

Deisten vertraten in der Aufklärungszeit eine Zwischenform. Sie glauben an ein höheres Wesen, das zwar die Naturgesetze geschaffen, aber in den Lauf der Welt seither nicht mehr direkt eingriffen habe. Sie vergleichen Gott mit einem allmächtigen Uhrmacher, der die Weltenuhr einmal aufgezogen und sich danach „zur Ruhe begeben“ habe.

Die Bezeichnung Agnostiker stammt von Thomas Huxley, sie bezieht sich auf diejenigen, „die über die letzten Gründe des Seins, das Absolute nichts wissen zu können behaupten, also jede Metaphysik ablehnen“ (Hirschberger). Da der Skeptizismus zu den Hauptelementen britischer Philosophie gehört, überrascht eine religionskritische Haltung in bestimmten angelsächsischen Kreisen nicht.

So gehört der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins heute zu den namhaftesten und lautstarken Vertretern eines wissenschaftlich begründeten Atheismus. Seine bekannte Streitschrift „Der Gotteswahn“ ist für Anhänger wie für Gegner lesenswert.

Er will mit diesem Buch „unser Bewusstsein schärfen, dass Atheist zu sein, ein realistisches Ziel ist, noch dazu ein tapferes … Man kann als Atheist glücklich, ausgeglichen, moralisch und geistig ausgefüllt sein“.

Aber auch Dawkins entgeht nicht dem erwähnten Dilemma, Gottes Nichtexistenz beweisen zu wollen. Bezeichnenderweise betitelt er eines seiner Kapitel: „Warum es mit ziemlicher Sicherheit keinen Gott gibt.“

Er beschreibt ein durchgängiges Schema mit den beiden Extrempositionen der überzeugten Theisten auf der einen Seite und der zweifelsfreien Atheisten auf der anderen. Sowie weiteren fünf agnostischen Zwischenstufen. Sie unterscheiden sich in ihrer unterschiedlich stark ausgeprägten Skepsis. Aufgrund der unsicheren Beweislage empfinden Agnostiker offenbar eine große Scheu vor „letzten Wahrheiten“.

Andererseits hat uns modernen Menschen gerade die Wissenschaft die unbedeutende Randlage der Erde in den Weiten des Weltalls bewusst werden lassen.

Insgesamt gesehen wissen wir inzwischen sehr viel über den Menschen, die Natur und sogar das Weltall. Die Entdeckungen der Wissenschaft machen uns stolz. Berechtigen sie uns aber auch, überheblich zu sein? Warum das anthropische Prinzip es uns ermöglicht, alle diese Erkenntnisse zu erlangen oder warum alles so ist, wie es ist, gehört dagegen nicht mehr zum Gegenstand wissenschaftlicher Fragestellungen.

Heutige „Heiden“ rekrutieren sich jedenfalls vor allem aus dem Lager der Anhänger eines positivistisch gedeuteten naturwissenschaftlichen Weltbildes.

Weltliche oder göttliche Ethik?

Viele andere stehen heute unter dem Eindruck, dass es nicht gut bestellt sei um unsere faktenbesessene, versachlichte und entzauberte Zeit, in der immer mehr Menschen innerlich obdachlos geworden sind. Diese Entwicklung wird, wenn nicht verursacht, so doch verschärft durch die in der Breite zurückgegangene Bedeutung einstiger seelischer Lebensanker wie die der Religion, der Ethik und Moral sowie einer wertstiftenden, erhebenden Kultur.

Wenn man heutige weitverbreitete ethische und moralische Maßstäbe betrachtet, kann man sich entweder der Ansicht Dostojewskis anschließen: Wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt. Oder das Böse im Menschen als leider unausrottbar hinnehmen. Immerhin hat sich selbst der engagierte Kirchengegner Voltaire dafür eingesetzt, dass sein Diener regelmäßig die Messe besuche. Begründung: „Ich hoffe, dass er mich dadurch nicht mehr bestiehlt!“

Können wir uns auf vernünftige Einsicht, auf Anstand, Gewissen oder auf die Respektierung der Menschenwürde aller Mitmenschen verlassen? Offenbar nicht. Zumal in einer Zeit, in der nur Teilsegmente der Ethik und Moral hochgehalten werden und traditionelle Verhaltensweisen von nicht wenigen als konservativ abgetan werden. Es ist schon so: Den Menschen in die Freiheit zu entlassen ist ein großartiges, aber immer auch riskantes Unterfangen. Zumal dann, wenn gleichzeitig ethische und moralische Anforderungen gelockert werden.

Was auch heute noch für Gott spricht

Sehr wahrscheinlich stehen wir gerade heute erneut vor der Kernfrage: Genügt die rationale und/oder naturwissenschaftliche Durchdringung der Lebensvorgänge und des Zusammenlebens der Menschen, oder fehlt da nicht etwas, um eine befriedigende Gestaltung der Conditio humana anzustreben? Eine massive Schwerpunktverlagerung von der mittelalterlichen Spiritualität auf die materielle Außenwelt und die nicht selten schrankenlose individuelle Souveränität hat zwangsläufig tiefe Spuren hinterlassen. Man fragt sich unwillkürlich, ob es wirklich unentrinnbares menschliches Schicksal ist, von einer Extremposition zur gegenteiligen umzuschwenken.

Eingebettet in die menschliche Innensphäre lassen sich für Religion und damit Gottesglauben vor allem zwei Beweggründe ausmachen: Rechtfertigung und Begründung ethischer Normen wie die Zehn Gebote einerseits und zum anderen das Verlangen und Bedürfnis nach Transzendenz, angesichts des „Geworfenseins“ (Heidegger) des Menschen.

Demut, Einsicht in die Hinfälligkeit des Menschen oder Ehrfurcht vor dem Großen gehören gewiss nicht zu den charakteristischen Kennzeichen unserer Zeit. Wie es aussieht, sind wir vielleicht zu selbstbewusst oder gar zu selbstherrlich geworden. Sind wir aber wirklich berechtigt anzunehmen, allein mit unseren Verstandeskräften jemals „alle“ Rätsel lösen und mit modernen sozialstaatlichen Mitteln alle Fährnisse des Lebens meistern zu können? Oder genügt nicht ein nächtlicher Blick in den Sternenhimmel, um uns sehr schnell unserer Winzigkeit bewusst zu werden? Beruht der Glaube an Gott oder ein „höheres Wesen“ wirklich nur auf der Indoktrination machtbesessener Missionare aus früheren, unaufgeklärten Epochen?

Nichtrationale Voraussetzungen

Nein, wenn es „ernst“ wird, hilft in vielen Fällen nur noch Religion in jeweils individueller Ausprägung. In einer solchen Situation kommt es nicht mehr auf die Klärung spitzfindiger Fragen an.

Ob Menschen an Gott glauben oder nicht, ist zu respektieren. Am Ende muss aber dennoch die Frage nach dem Sinn des Lebens dann erlaubt sein, wenn Gott – weil unnötig und unbewiesen – wegrationalisiert worden ist. Genügt es zu erfahren, dass der Mensch als Glied im Milliarden Jahre dauernden Evolutionsprozess ein letztlich völlig unbedeutendes kurzes Leben führt?

Es ist ja wahr, wir sind der Beantwortung der Fragen, was die Welt im Innersten zusammenhält, schon ein großes Stück näher gerückt. Aber wir sind noch weit entfernt von einer Übereinkunft darüber, was den Menschen und sein Dasein im Inneren ausfüllt.

Trotz unbestrittener Fortschritte türmen sich ungelöste Probleme beim Umgang der Menschen in einer globalisierten und konfliktbeladenen Welt. Wir vermissen schmerzlich eine anerkannte Ethik des Zusammenlebens im Großen wie im Alltag der Menschen. Kurz gesagt: Wir haben große Erfolge bei der Verbesserung der materiellen Lebensverhältnisse erzielt. Große Defizite bedrohen und belasten uns aber auf der vernachlässigten Gefühls- und Gemütsebene.

Wer religiöse Glaubenssätze mit positivistischer Begründung in Frage stellt, müsste konsequenterweise auch einige demokratische Werte ablehnen. Denn auch sie entspringen Überzeugungen, die kaum streng rational begründet werden können. Die Auffassung, alle Menschen seien gleich, und die Aufforderung, solidarisch zu handeln, gründet ohnehin auf säkularisiert gewendeten christlichen Botschaften.

Dennoch ist es am Ende jedem überlassen, zu entscheiden, ob und inwieweit Gott sein Leben begleitet.


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Werner Kunze

geb. 1927, VDSt München, Autor zahlreicher philosophischer Bücher, u. a. „Philosophie für Neugierige“ (Grabert, 2006) und „Die Moderne. Ideologie, Nihilismus, Dekadenz.“ (Bublies, 2011).



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