Die Transfergesellschaft

Über Aufsteiger und Absteiger, Erwerbstätige und Leistungsbezieher, Drohnen und Arbeitsbienen.


ALLE Artikel im Netz auf aka-bklaetter.de lesen und auch das Archiv?

Jetzt kostenlos

Anmelden


Schon immer in der Geschichte hat ein – meist größerer – Teil der Gesellschaft auf dem freien Markt in der Landwirtschaft, der Gewerbe- oder Dienstleistung seinen Unterhalt verdient und sich damit unterhalten müssen, ein anderer Teil aber von den Abgaben ersterer gelebt. Das waren in den vergangenen Jahrhunderten vor allem Adel und Geistlichkeit, dazu aber auch das Militär und die Beamten.

Immer in der Geschichte ging es aber den auf dem freien Markt arbeitenden Menschen besser, wenn die zweite Gruppe der von den Abgaben Lebenden geringer war; es ging ihnen dagegen schlechter, wenn sich die Gruppe der von öffentlichen Transferleistungen Lebenden verstärkte und damit die Last der ersteren, der für den Markt Arbeitenden entsprechend größer wurde.

So wie bei einem Bienenvolk der Ertrag größer ist, wenn die Zahl der Drohnen klein ist und umgekehrt geringer wird, wenn die Zahl der Drohnen größer ist, ist auch unsere Volkswirtschaft umso stärker und ertragreicher, je geringer die Zahl der von öffentlichen Transferleistungen Lebenden ist und umgekehrt.

Aufsteigervölker zeichnen sich immer durch hohen Anteil an für den Markt Leistenden aus; Absteigervölker dagegen zeigen einen entsprechend hohen Anteil von Transfereinkommensbeziehern.

Man kann dies allgemein schon am Staatsanteil einer Volkswirtschaft ablesen: 1913 betrug der Staatsanteil 13 % der Volkswirtschaft, heute über 50 % mit steigender Tendenz.

Das Mittelstandsinstitut Hannover hat deshalb aus der amtlichen Statistik einmal herauszufiltern versucht, aus welchen Einkommensquellen die ca. 82 Mio. Einwohner bei uns leben, woher sie also ihr Einkommen beziehen. Dies ergab folgendes Bild:

  • 34,3 Mio. leben von Erwerbstätigkeit = 42 %
  • 20,2 Mio. leben von Rentenbezügen = 24,5 %
  • 4,6 Mio. leben von Arbeitslosengeld u. a. = 5,5 %
  • 23 Mio. leben als Angehörige der drei vorgenannten Gruppen = 28 %.

Eine Minderheit von 42 % Erwerbstätigen muss also nach amtlicher Statistik eine Mehrheit von 58 % Rentnern, Arbeitslosen und Angehörigen mitunterhalten.

Dramatischer wird das Bild aber, wenn man die Art der Erwerbstätigkeit unterteilt in solche, die privatwirtschaftlich für den Markt geleistet wird und bei der deshalb die Erwerbstätigen von einem Markteinkommen leben, und andererseits denjenigen, welche direkt oder indirekt aus öffentlichen Mitteln leben, deren Zahlung also von den auf dem Markt leistenden Erwerbstätigen zuvor miterarbeitet werden muss. Zu letzteren gehören z. B. die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes und der öffentlichen Organisationen, das Gesundheitspersonal, Lehrer und Kulturbeschäftigte und andere. Das soll nicht die Leistung dieser Menschen z. B. der Ärzte, Lehrer, Beamten und anderen mindern, sondern nur darauf hinweisen, dass diese Bevölkerungsgruppen eben nicht von Markteinkommen, sondern von Transferleistungen leben. Unter den Erwerbstätigen gibt es also zwei ganz unterschiedliche Gruppen, die von unterschiedlichen Einkommensquellen – dem Markt einerseits und öffentlichen Leistungen andererseits – leben.

Zu den vom Markt lebenden Erwerbstätigen gehören z. B. Unternehmer, Landwirte, deren Mitarbeiter und die übrigen Mitarbeiter gewerblicher Unternehmen.

Bei den Freiberuflern gibt es solche, die für den Markt arbeiten, wie z. B. die Rechtsanwälte, Architekten oder Vermessungsingenieure und andere, und andererseits Ärzte, Künstler, Psychologen und andere, welche von Transferleistungen leben. Zu der letzteren Gruppe der von öffentlichen Leistungen Lebenden zählt das Statistische Jahrbuch die öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Sozialversicherung, Justiz, Erziehung, Unterricht, Gesundheit, Sozialwesen u. a.

Praktisch gibt es also eine Pyramide der Einkommensquellen: Die Urquelle aller Einkommen sind die Unternehmer, welche aus eigener Kraft Unternehmen gründen, führen, Mitarbeiter einstellen und bezahlen und Steuern und Sozialabgaben leisten, damit der Staat wiederum Transferleistungen geben kann. Unsere 4,1 Mio. (5 %) Unternehmer sind also die Kerntruppe nicht nur unserer marktwirtschaftlichen Leistung, sondern auch unserer Einkommensquellen.

23,7 Mio. Erwerbstätige (= 28,9 %) leisten als Mitarbeiter in den Betrieben, in den freiberuflichen Praxen, in der Landwirtschaft und in allen anderen für den Markt arbeitenden Institutionen für den Markt. Die Unternehmer und ihre Mitarbeiter sowie die Mitarbeiter in gewerblichen Kapitalgesellschaften machen insgesamt 33,9 % der Gesamtbevölkerung aus, das sind knapp 34 % unserer Bevölkerung, welche aus Marktleistung und Markteinkommen leben.

Diese 33,9 % der Bevölkerung haben 20,2 Mio. (24,6 %) Rentner, 4,6 Mio. (5,6 %) Arbeitslose und Sozialeinkommensbezieher sowie 6,2 Mio. (7,5 %) öffentlich Beschäftigte zu unterhalten. Die Gruppe dieser von Transferleistungen der erstgenannten Gruppe über deren Steuern und Sozialabgaben Lebenden beträgt 37,7 % der Gesamtbevölkerung – also deutlich mehr als diejenigen, welche für den Markt arbeiten und ihr Einkommen vom Markt beziehen.

Letztlich muss man auch die 23 Mio. (28,4 %) Angehörigen aller vorgenannten Gruppen als Gruppe betrachten, welche direkt oder indirekt ebenfalls von der ersten Gruppe der für den Markt Leistenden lebt, ganz gleich, ob es Angehörige der ersten Gruppe oder der Transferleistungsbezieher sind.

Interessant wird das Bild, wenn man alle Transfereinkommensbezieher (37,7 %) und Angehörigen (28 %) zusammenzählt. Das sind nämlich 66,1 %, also zwei Drittel der Gesamtbevölkerung. Mit anderen Worten: Etwa ein Drittel der Bevölkerung arbeitet für den Markt, um damit direkt oder indirekt zwei Drittel der Bevölkerung mitzuernähren.

Dass dieses Verhältnis nicht dauerhaft sein kann, zeigt wiederum ein Blick auf ein Bienenvolk. Ein Volk, welches zwei Drittel Drohnen und nur ein Drittel Arbeitsbienen hat, muss unweigerlich zugrunde gehen, weil die Leistung der Arbeitsbienen für das Gesamtvolk nicht mehr ausreicht. Sie arbeiten mehr für andere als für sich selbst – genau wie unsere fleißigen Unternehmer und Arbeitnehmer auf dem Markt, welche mit dreifach so hohen Kosten wie ihr eigener Lohn im Betrieb leisten müssen, um zwei direkt oder indirekt (über Transferleistungen) von ihnen mitlebende Menschen mit zu unterhalten.

Die Krise zwingt jetzt zu Korrekturen. Dabei darf es bei Hartz IV aber nicht bleiben. Vielmehr kann eine Gesundung unserer Volkswirtschaft nur durch Senkung aller Transfereinkommen bei den öffentlich Beschäftigten erwartet werden. Noch traut sich niemand, dies zu sagen. Der Markt wird es aber wie in Griechenland erzwingen, weil

  • eine zusätzliche Belastung der jetzt schon ausgebeuteten für den Markt Leistenden kaum mehr möglich ist, ohne mehr Schwarzarbeit und noch stärkere Flucht der Leistungsträger aus Deutschland zu provozieren,
  • die öffentlichen Haushalte bereits vom Sozialetat und von steigenden Zinsen erdrückt werden,
  • die öffentlichen Diener aber nicht nur besser als je zuvor verdienen, sondern auch noch Existenzsicherheit in der Krise haben, was die Arbeiter auf dem Markt nicht haben
  • und weil das notwendige Zwangssparen der öffentlichen Körperschaften entweder nur durch Gehaltskürzungen oder durch drastische Personaleinsparungen möglich wäre.

Als Westerwelle eine Korrektur nur von Hartz IV anmahnte, wurde er bereits beschimpft. Die aus der vorstehenden Erwerbsquellenübersicht notwendig werdenden Korrekturen werden Massenentrüstung, Streiks und Unruhen der Betroffenen mit sich bringen. Griechenland ist insofern nur eine Vorstufe einer Entwicklung, die uns alle erreicht.


...mehr Lesen in den akademischen Blättern oder ganze Ausgaben als PDF?


Jetzt hier kostenlos Anmelden

Eberhard Hamer

geb. 1932, Professor für Finanzwissenschaften, Gründer des Mittelstandsinstituts Niedersachsen, VDSt Bonn.



... alle Beiträge von diesem Autor