Die Tyrannei der Werte

Eberhard Straubs Kritik der Werte hat Stärken in der Analyse, aber die Vision der wertfreien Gesellschaft ist weder realistisch noch wünschenswert, meint Johannes Schwarze.


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Werte gelten gemeinhin als etwas Positives. Wer sich auf Werte beruft, erscheint als ein edler und integrer Mensch. Da mag es zunächst merkwürdig erscheinen, Werte mit Tyrannei in Verbindung zu bringen. In der Tat hätte Eberhard Straub vielleicht besser einen anderen Titel für sein neues Buch wählen sollen. Der Ausdruck „Die Tyrannei der Werte“, der auf Nicolai Hartmann zurückgeht, wie Straub korrekterweise erwähnt, ist nämlich bereits der Titel einer Schrift von Carl Schmitt, was Straub leider nicht erwähnt, wenn er auch aus ebendieser Schrift zitiert. Das Zitat Carl Schmitts drückt prägnant aus, wie die Berufung auf Werte zum Werkzeug der Unterdrückung werden kann: „Wer Wert sagt, will geltend machen und durchsetzen. Tugenden übt man aus; Normen wendet man an; Befehle werden vollzogen, aber Werte werden gesetzt und durchgesetzt.“  Straub beobachtet eine Inflation der Werte, durch die der Mensch zunehmend seiner Freiheit und Würde beraubt wird. Die Werte greifen in alle Bereiche des Lebens ein und zwingen den Menschen zur Anpassung. „Der Zwang zur Political Correctness ersetzt das Sanctum Officium, die Inquisition.“

Werten und Abwerten

Es ist unvermeidlich, dass es immer wieder zu Wertkonflikten, zum Kampf Wert gegen Wert kommt. Konflikte, die mit Werten gerechtfertigt werden, verlaufen keineswegs gesitteter ab als solche, in denen es ganz offen nur um Macht geht. Straub weist das Gegenteil nach: „Moralische Auseinandersetzungen gehören stets zu den brutalsten, weil die Gerechtigkeit der eigenen Sache jeden Einsatz rechtfertigt (…)“

Zum Werten gehört immer auch das Abwerten. Wer für Werte kämpft, will sich nicht nur durchsetzen, er will den Gegner vernichten – auch wenn es ja in der Rechtfertigung nur um das Gute geht. „Die Schwäche der moralischen Entrüstung liegt nicht darin, dass sie wankt, sobald ureigenste Interessen auf dem Spiel stehen. Das Fatale an ihr ist, dass sie den Hass zum Geschwister hat und braucht.“

Werte allein können keine dauerhaft stabile Ordnung schaffen, denn sie bleiben „heillos subjektiv“ und „ohnmächtig“, wie Straub anhand historischer Entwicklungen nachweist. Entschieden spricht sich Straub dagegen aus, Bündnisse zu Wertegemeinschaften zu erklären und der Verfassung durch die Berufung auf Werte „zivilreligiöse Weihen“ zu verleihen. Er schreibt, Diskussionen um Werte wehrten kein Unrecht ab, sondern weichten vielmehr das Rechts- und Staatsbewusstsein auf.

Bezogen auf die aktuelle Situation der Europäischen Union warnt Straub davor, diese zu sehr auf Werten zu begründen und schlägt stattdessen vor, „unsere vielgestaltig werdende Spätantike anzuerkennen, um sich angemessen in ihr einrichten zu können (…)“. Man mag Straub darin zustimmen, dass kulturelle Gegensätze in einer Gesellschaft, die keine Werte vorschreibt, nicht so leicht zu Konflikten führen. Doch die Unbekümmertheit, mit der Straub das aktuelle Europa mit dem spätantiken Zustand vergleicht, ohne dabei an den auf die Spätantike folgenden Zusammenbruch denken zu wollen, kann einen erschaudern lassen. Vor kulturellen Konflikten scheint er keine Angst zu haben und weist stattdessen darauf hin, dass in früheren Zeiten viele Völker friedlich in einem Reich zusammenlebten. Dass dies angesichts der räumlichen Getrenntheit, fehlenden Mobilität und allgemeinen Unmündigkeit der Menschen kein Problem war, ist logisch. Der Vergleich mit der Gegenwart hinkt jedoch gewaltig und entlarvt Straub als einen Theoretiker, der die zunehmenden kulturellen Konflikte der Gegenwart zwar zu erahnen scheint, letztlich jedoch die Augen vor ihnen verschließt.

Sein Ideal der wertfreien Gesellschaft mag zwar theoretisch interessant sein, muss in der Praxis jedoch immer daran scheitern, dass die Starken ihre Werte durchsetzen werden.

So einleuchtend Straubs Ausführungen zu den Folgen einer Überhöhung der Werte zumindest teilweise sind, so erschreckend schwach bleibt die Begründung der Mechanismen, durch die die Werte an Einfluss gewinnen. Einigermaßen lesenswert ist noch seine Darstellung, wie im Verlaufe des 19. Jahrhunderts die Werte ein Vakuum auszufüllen begannen, das durch das Schwinden der Bedeutung religiöser Lehren und gesellschaftlicher Ordnung entstanden war. „Der Mensch konnte von nun an ganz prometheisch zum Selbstschöpfer werden (…)“ Versuche, in dieser Zeit der Verunsicherung dauerhaft gültige Wertsysteme zu schaffen, sind zwar philosophisch interessant, konnten den Zeitgeist jedoch nicht maßgeblich beeinflussen. Als Beispiele nennt Straub hier die vitalistische Philosophie Christian von Ehrenfels´ und Friedrich Nietzsches Konstruktion des Übermenschen, der die Werte umwertet und alles menschlich Schwache von sich stößt.

Wert und Marktwert

Anstatt schlüssig weiter zu begründen, wie die Werte infolge des Mündigwerdens der Bürger an Bedeutung gewinnen mussten, stellt Straub eine andere These vor: „Das Wertdenken gehört unmittelbar zur Marktwirtschaft.“

Den Ausführungen hierzu fehlt die klare Struktur; Straub verliert sich zu leicht in umständlichen Satzgebilden und sprachlichen Spielereien, die Substanz vorgaukeln, wo keine ist. Die Argumentation beißt sich letztlich an einfachen Begrifflichkeiten fest: Aus „Wert“ werden „Verwertung“, „Wertschöpfung“ und „Marktwert“. In seinen teilweise ausufernden Abhandlungen schafft es Straub leider an keiner Stelle, die Doppeldeutigkeit des Wortes „Wert“, das einerseits den immateriellen Wert und andererseits den Marktwert bezeichnet, herauszustellen. Dass es gerade das spezifische Kennzeichen der immateriellen Werte ist, nicht durch Geld aufgewogen werden zu können, scheint Straub zu entgehen. Stattdessen fußt die ganze Argumentation auf der unkritischen Gleichsetzung von allem, was durch das Wort „Wert“ bezeichnet wird. Was hinter der Fassade der intellektuellen Diktion letztlich als Quintessenz übrig bleibt, ist eine in sich widersprüchliche und wenig überzeugende Kapitalismuskritik.

Die Ausführungen über den kapitalistischen Markt, der den Menschen entwerte, ziehen sich in ständiger Redundanz wie ein roter Faden durch das ganze Werk. Dagegen wird eine These, die aus Straubs Sicht vermutlich deutlich unbequemer als die zeitgeistkonforme Kapitalismuskritik ist, nur in unscheinbaren Ansätzen angeschnitten, aber nirgendwo prägnant dargestellt: Die große Bedeutung der Werte und der Kampf der Werte gegeneinander sind ein unvermeidbares Kennzeichen der demokratischen Gesellschaft aus mündigen Bürgern. In vordemokratischer Zeit mussten die Herrschenden ihr Handeln nicht mit Werten rechtfertigen. Der unmündige Bauer oder Arbeiter war um sein tägliches Auskommen bemüht und nicht um abstrakte Wertkonflikte. In der Frühzeit der Demokratie musste noch um die Verwirklichung der elementarsten Werte und Bedürfnisse gerungen werden. In der heutigen weitgehend saturierten Wohlstandsgesellschaft müssen dagegen die Werte, um die sich der politische Diskurs dreht, immer abstrakter und abgehobener werden. Aber das wäre das Thema eines anderen Buches …


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Johannes Schwarze

geb. 1984, Verfahrenstechniker, VDSt Freiberg.



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