Einer der letzten, die aus Stalingrad entkamen

Vor 70 Jahren: Am 31.1. und 2.2.1943 kapitulierten die letzten deutschen Truppen in Stalingrad. Am 22.2.1943 wurden die Studenten Christoph Probst, Hans und Sophie Scholl als Widerstandskämpfer in München hingerichtet. Beide Ereignisse sind in einzigartiger Weise in der Person Fritz Hartnagel (1917– 2001) verknüpft.


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Am 22. Januar wartete der Hauptmann Hartnagel auf dem Feldflughafen Stalingradski mit hunderten anderer Soldaten darauf, aus dem Kessel ausgeflogen zu werden. Wegen schwerer Erfrierungen an Händen und Füßen hatte er die Erlaubnis erhalten. An diesem Tag erreichten noch einmal drei Maschinen Stalingrad. Nach ihrer Landung stürmten die Massen auf die Flugzeuge los. Für ihn selbst später unerklärlich war Hartnagel einer der wenigen, die Platz in den als Transportflugzeugen umgebauten Bombern erhielten. Nachdem die Flugzeuge voll waren, mussten die Besatzungen diejenigen, die sich von außen an die Luken herandrängten, mit Gewehrkolben zurückstoßen, ebenso durch die Bombenschächte die, die sich an die Fahrgestellte klammerten. Ob am nächsten Tag noch einmal ein deutsches Flugzeug in Stalingrad landete, ist in der Forschung umstritten; denn es herrschte damals das totale Chaos.

Wer war dieser Hartnagel, dessen Biographie vor wenigen Jahren Hermann Vinke schrieb? Als er am 12. Februar endlich wieder in der Lage war, zu schreiben, ging sein erster Brief an seine Braut Sophie Scholl. Er hatte sie 1937 als Leutnant kennen gelernt, da war sie im 11. Schuljahr. Es entwickelte sich zunächst ein lockerer Kontakt, der mit den Jahren intensiver wurde, ohne zunächst ein enges Liebesverhältnis zu sein.

Hartnagel war mit idealistischer Überzeugung Berufsoffizier; er meinte, die ihm anvertrauten jungen Soldaten charakterlich bilden zu können. Sophie suchte noch ihren Weg; 1940 bestand sie ihr Abitur. Durch mehrere gemeinsame Reisen kamen die jungen Leute sich näher. Aber es entwickelte sich eine spannungsreiche Beziehung, auch deshalb, weil Sophie mehr und mehr auf innere Distanz zum nationalsozialistischen Staat ging, dem Hartnagel ja diente. Außerdem fand sie sich zunächst als nicht reif genug, sich zu binden. Und Hartnagel zweifelte immer wieder daran, ob er ihr gerecht werden könne. Der von Hartnagels Sohn Thomas vollständig edierte Briefwechsel beider zeigt ihr schwieriges Zueinanderfinden. Doch 1942 wurden sie sich einig, noch ehe Hartnagel im Mai an die Ostfront kommandiert wurde.

Inzwischen hatte Sophie zur radikalen Ablehnung des Naziregimes gefunden und formulierte unverhohlen, dass Deutschland den Krieg verlieren müsse, um befreit zu werden. Und Hartnagel sah unter ihrem Einfluss seinen Soldatenberuf, insbesondere das Kriegshandwerk, zunehmend kritischer. In der Beziehung beider war die junge Frau die geistig Führende! Beim letzten Zusammensein im Mai 1942 bittet ihn Sophie sogar darum, einen Bezugsschein für ein Vervielfältigungsgerät zu beschaffen. Dazu kam es allerdings nicht mehr. Doch Hartnagel ahnte, ohne eingeweiht zu sein, dass es zur Herstellung von Flugblättern dienen sollte, und bat Sophie lediglich, recht vorsichtig zu sein.

Nachdem die Eltern Scholl am 22. Februar dem Gerichtsverfahren mit dem Urteilsspruch beigewohnt hatten, schrieb die Mutter umgehend an Hartnagel und bat ihn, sich als Offizier und Stalingradkämpfer beim Reichsanwalt für eine Begnadigung einzusetzen. Sie ahnte nicht, dass das Todesurteil am gleichen Tag vollstreckt werden sollte. Hartnagel verließ das Lazarett nach Erhalt des Briefes gegen den Rat der Ärzte und reiste nach Berlin. Doch es war zu spät. In den folgenden sehr schweren Wochen und Monaten hielt er, der als Rekonvaleszent in der Heimat war, engen Kontakt zur Familie. Als diese vorübergehend in Sippenhaft genommen wurde, besuchte er sie in Uniform im Gefängnis. Selbstverständlich erregte es Anstoß, dass ein Offizier sich solidarisch zu der Familie von Widerstandskämpfern verhielt.

Auch in den folgenden Jahren riss der enge Kontakt, auch mit Besuchen bei Heimaturlauben, nicht ab. Hartnagel missachte die wiederholten Befehle, die ihm das verboten. Es scheint aber, dass seine Vorgesetzten ihre Hand über ihn hielten, als es zu einem ernsthaften Einschreiten gegen ihn von Seiten der NSDAP kam. Innerlich war Hartnagel inzwischen zum Gegner des Regimes geworden und tat seinen Dienst in einem ständigen Gewissenskonflikt, der ihn mehr und mehr belastete. Aber erst im Frühjahr 1945 gab er in vorsichtigerweise seiner Überzeugung Ausdruck, bis er sich am 14. April in Halle in eine Entscheidungssituation gestellt sah. Er überzeugte seine Soldaten, dass es besser sei, nicht mehr zu kämpfen. Als er unbewaffnet über den Kasernenhof ging, sollte er verhaftet werden. Sein Adjutant Bauer sprang ihm mit der Pistole bei. In dem folgenden Schusswechsel entkam Hartnagel, während Bauer tödlich verletzt wurde. Ehe ein neues Verhaftungskommando erschien, konnte Hartnagel seine Soldaten aus der Kaserne herausführen. Ohne Verluste brachte er die ihm anvertrauten Männer zu den wenige Kilometer entfernten Amerikanern.

Die folgenden Lebensjahre Hartnagels behandelt Vinke nur kurz; der Schwerpunkt seines Buches liegt auf dem Verhältnis von Sophie Scholl und Fritz Hartnagel. Dieser wurde nach dem Kriege Jurist; zuletzt war er Vorsitzender Richter am Landgericht Stuttgart. Sein Erleben hatte ihn zu einer kompromisslosen Ablehnung jeglichen Militärdienstes geführt. Er betätigte sich in der „Internationale der Kriegdienstgegner“. Viele Jahre beriet er Wehrpflichtige, die ihr Recht auf Wehrdienstverweigerung beanspruchen wollten. Er beteiligte sich an der Ostermarschbewegung und wirkte in den achtziger Jahren aktiv in der großen Friedensbewegung mit. 1983 beteiligte er sich an der Blockade der US-Militärbasis Mutlangen, wo atomar bestückte Raketen stationiert waren; dafür wurde er zu einer Geldstrafe wegen „Nötigung“ verurteilt.

Auch wer diese politische Haltung nicht teilt, muss ihren moralischen Ernst achten. Hartnagels Sohn Thomas ging sogar soweit, 1990, als es zur deutschen Einheit kam, sein tiefes Unbehagen zu äußern, weil er befürchtete, nun könne es zum Aufleben eines Nationalismus kommen, neuen falschen Vorstellungen von Deutschlands Größe und Macht.

 

Hermann Vinke: Fritz Hartnagel. Der Freund von Sophie Scholl. btb Taschenbuch, o.O. 2008.

Für den, der sich auf eine herausfordernde Lektüre einlassen will: Thomas Hartnagel, Hg.: Sophie Scholl – Fritz Hartnagel. Damit wir uns nicht verlieren. Briefwechsel 1937 – 1943. Fischer TB, Ffm. 2008


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Hartwig Thieme

geb. 1931, promovierter Historiker, VDSt Straßburg-Hamburg-Rostock.



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