Erziehung zur Freiheit

Klassiker wiederentdeckt: Fichtes Reden an die deutsche Nation bleiben auch nach zweihundert Jahren eine gewinnbringende Lektüre. Aber man muss sie kritisch lesen, die geistigen und geschichtlichen Voraussetzungen kennen, von denen der Philosoph ausging. Eine Lesehilfe von Wilhelm G. Jacobs.


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S020_Erziehung_1Dem Verständnis der Reden steht manches im Wege. Einmal ist es die Rezeption durch Nationalismus und Nationalsozialismus, welche sie in Verruf brachte. Zweitens ist die historische Situation der Reden uns Heutigen nicht ohne weiteres präsent, drittens stehen sie durchaus nicht singulär da, sondern im Kontext von Fichtes systematischem Denken, und viertens verstößt Fichte in ihnen gegen eigene Einsichten.

Zum ersten Punkt ist wenig zu sagen, da man sich oft einzelner, aus dem Zusammenhang gerissener Sätze bediente und bedient, ohne den Kontext zu beachten. Ein solches Verfahren ist keiner Widerlegung wert.

Nation und Demokratie

Zum Zweiten ist darauf hinzuweisen, dass Fichte die Reden vom Dezember 1807 bis März 1808 hielt; sie erschienen gedruckt im Mai 1808. Napoleon hatte nach Fichtes Ansicht Frankreich um die Früchte der Revolution gebracht und sich Europa weitgehend unterworfen. Daraufhin hatte am 6. August 1806 der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation seine Krone niedergelegt und damit die politische Einheit des Reichs aufgelöst. Übrig blieb die deutsche Nation, gespalten in verschiedene Herrschaften. Das Wort Nation hat aber einen besonderen Klang auch dadurch, dass die Revolution in Frankreich nicht mehr den König, sondern die Nation als Souverän hochleben ließ. „Nation“ hat daher einen demokratischen Unterton. Dieser wurde auch nach 1815 gehört, und man verbot den Vertrieb der Reden.

Die Beurteilung der politischen Ereignisse hängt unmittelbar mit dem Punkt drei zusammen: dem philosophischen Denken Fichtes,. Die Initialzündung für dieses Denken ist Fichtes Lektüre der Kantischen Kritik der praktischen Vernunft. Sie legte ihm dar, dass er frei ist, und zwar deshalb, weil ihm die Vernunft aus sich selbst, also aus ihrer Freiheit, ein von den natürlich uns bestimmenden Trieben unabhängiges Handeln gebietet. Uns ist die Wahl gegeben, uns letztlich gemäß der Freiheit der Vernunft oder gemäß der Notwendigkeit der Natur zu bestimmen. An der von Kant nachgewiesenen Freiheit der Vernunft hielt Fichte sein Leben lang fest. Was für den einzelnen Menschen gilt, gilt ebenso für die ganze Menschheit. Daher kann Fichte in den Grundzügen des gegenwärtigen Zeitalters, welches Buch seine Geschichtsphilosophie enthält, als Grundsatz des Verständnisses von Geschichte formulieren: „Der Zweck des Erdenlebens der Menschheit ist der, daß sie in demselben alle ihre Verhältnisse mit Freiheit nach der Vernunft einrichte.“ (Gesamt-Ausgabe Bd. I,8, S. 198.)

Geschichte als Fortentwicklung der Vernunft

Vernunft meint hier vor allem die sittlich-rechtliche Vernunft. Diese Einrichtung des menschlichen Lebens vollzieht sich in der Zeit, und zwar nach Fichte in fünf Epochen. In einer ersten Epoche wirkt zwar die Vernunft, aber die Menschen sind sich ihrer noch nicht bewusst, sie wirkt instinktiv. Im Laufe der Entwicklung muss die Arbeit, damit sie bessere Früchte bringt, geteilt werden; die Teilung verlangt Ordnung, damit Reflexion und höhere Leistungen der Vernunft; die Ordnung wird autoritativ durch Mächtige hergestellt. Damit ist die zweite Epoche erreicht. Sie wird in Europa durch die Reformation, d. i. die Entmachtung geistlicher Autorität, beendet; gegen Autorität auf Grund von Macht rebelliert das Freiheitsbewusstsein des einzelnen. Autorität und Vernunft werden nun in Frage gestellt; das selbst denkende Individuum erkennt nichts an, das es nicht selbst begreift, und es entsteht das dritte Zeitalter, das der Aufklärung. Das Individuum will mit Recht selbst einsehen, reflektiert aber nicht seine eigene Erkenntnismöglichkeit; daher begreift es nicht, dass die Vernunft, die ihm Einsicht ermöglicht, das Element des Allgemeinen ist, und erhebt sich folglich zum absoluten Maß. Es erkennt nur sich an, wird selbstsüchtig und richtet sich, welches doch nicht ohne die anderen, bzw. nur im Allgemeinen leben kann, dadurch zu Grunde. Dies ist, wie Fichte am Anfang seiner Reden feststellt, geschehen, indem die deutschen Staaten – Preußen meint er auch, nennt es aber nicht namentlich – im Kampf gegen Napoleon aus Eigennutz nicht zusammenstanden und daher unterworfen werden konnten. Damit hat sich die Selbstsucht selbst aufgehoben. Der Schritt in das vierte Zeitalter ist notwendig, weil nun nur noch die freie Besinnung auf die Vernunft, wie diese ein vernünftiges und freies Leben möglich macht, weiterhelfen kann; Fichte sagt nicht ausdrücklich, meint aber, dass er diese Besinnung in seiner Philosophie geleistet hat. Die Aufgabe der Besinnung bleibt dem vierten Zeitalter, dem als fünftes und letztes eines folgt, in dem das zuvor Erkannte realisiert wird.

Das von Fichte konzipierte Geschichtsverständnis beschreibt nicht den Geschichtsverlauf, sondern soll das Verstehen des Verlaufs möglich machen. Völker können gemäß diesem Verständnis in ihrer Entwicklung vor oder hinter anderen sein. Auch ist die Einordnung der jeweiligen Gegenwart eine Sache der Beurteilung durch das urteilende Individuum; sie setzt den Geschichtsbegriff voraus, lässt sich aber nicht aus ihm ableiten. Die Einordnung seines Zeitalters am Ende des dritten, die Fichte in den Reden vornimmt, verdankt sich also nicht dem Philosophen, sondern dem Menschen Fichte, kann also auch nicht den Anspruch unwidersprechlicher philosophischer Argumente für sich in Anspruch nehmen.

Überwindung der Selbstsucht

Fichtes Reden beruhen also einmal auf seiner philosophischen Geschichtskonstruktion, zum anderen auf seiner persönlichen Beobachtung und Beurteilung der Politik seiner Zeit. Er konstatiert also, die Selbstsucht habe sich selbst aufgehoben – in welcher Annahme ihn schon die Restauration deutlich widerlegen sollte – und nun sei die Menschheit, anfangend dort, wo die Selbstsucht überwunden ist, nämlich in Deutschland, zu Vernunft in Freiheit zu erziehen. In diesem Sinne weist er seiner Nation eine Vordenker- und Vorbildfunktion zu. Daher sind die Reden ein Programm und ein Aufruf zur Erziehung in eben diesem Sinn. Die Erziehung der Menschheit zu einem menschenwürdigen, d. i. freien und vernünftigen Leben, ist das Anliegen der Reden. Die Hoffnung auf eine freie Einrichtung des Staates teilte Fichte mit vielen; sein früher Tod 1814 bewahrte ihn vor massiver Enttäuschung. Der weitere Verlauf der deutschen Geschichte widerlegt im 20. Jahrhundert seine Hoffnung grauenhaft.

Deutschland als Vorreiter?

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Soweit sind Fichtes philosophische Reflexionen verständlich und seine persönlichen Urteile unhaltbar. Damit ist die vierte Schwierigkeit, die Reden zu verstehen, genannt. Gerade von der Konzeption seiner Philosophie her ist es nicht verständlich, dass Fichte die deutsche Sprache als besonders für philosophische Gedanken, damit für seine Philosophie und deren weitere Verbreitung unumwunden als besonders geeignet erklärt. Er stützt sich dabei auf Ergebnisse der gerade entstehenden Sprachforschung und stimmt deren Annahme, das Deutsche sei eine von fremden Sprachen unberührt gebliebene Ursprache, seinerseits zu. Wie die Germanistik längst erkannt hat, ist das Deutsche vom Lateinischen deutlich geprägt, also keine „Ursprache“. Insofern sitzt Fichte auf dem falschen Ross. Vom Ansatz seiner eigenen Philosophie ist es klar, dass Sprachforschung eine empirische Wissenschaft ist, deren Ergebnisse je nach Forschungslage zu revidieren sind. Keinesfalls hätte Fichte sich seinen eigenen Voraussetzungen nach auf diese Ergebnisse ohne jede Vorsicht stützen dürfen. Er tat es aber und maß so der deutschen Nation die Rolle der fortschrittlichsten Nation zu, welche die anderen vom Leben in Vernunft und Freiheit zu überzeugen habe. Dass Fichte die Grenzen, die ihm sein eigenes Denken auferlegt, überschritt, mag man verstehen und bedauern, aber nicht schönreden. Hier äußerte er sich entgegen seiner besseren Einsicht und machte dadurch die Reden anfällig für den Missbrauch in Nationalismus und Verbrechen.

Die bessere Einsicht, der Aufruf, sich selbst und die Nachwachsenden zu Vernunft und Freiheit zu erziehen, ist vernünftig und bleibt verpflichtend; über die Art und Weise, wie dies geschehen solle – Fichte erklärt die Pädagogik Pestalozzis als vorbildlich – wird man je nach der Lebenssituation nachzudenken haben. Dass Erziehung, wie sie Fichte vorschwebt, zumindest ein Mittel gegen die Barbarei ist, die wir erlebt haben und heute noch erleben, kann man nicht bestreiten. Wenn wir über Grenzen – nationale, kulturelle, religiöse – hinaus miteinander leben wollen, bleibt uns nichts als die Berufung auf die pure Macht, welche jeder Menschlichkeit widerstrebt, oder auf Vernunft und Freiheit. Insofern bleiben die Reden bedenkenswert, nämlich kritisch und selbständig zu bedenken – wie Fichte es von seinen Hörern und Lesern wünscht und voraussetzt.

 

Zur Person: Johann Gottlieb Fichte

Fichte gilt als einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Idealismus, jener geistesgeschichtlichen Epoche, die vom späten Kant bis Hegel reicht. Fichte wurde 1762 als Handwerkersohn im Dorf Rammenau in der sächsischen Oberlausitz geboren. Von einem Adeligen gefördert, konnte er die berühmte Landesschule Pforta besuchen; später studierte er in Jena und Leipzig Theologie. Nach kargen Jahren als Hauslehrer wurde er 1794 Professor für Philosophie in Jena; es folgten Stationen in Erlangen und Berlin, wo er 1814 starb. – Fichtes Philosophie orientiert sich anfänglich stark an Immanuel Kants Kritik der praktischen Vernunft und befasst sich mit dem Verhältnis von Wissen und Welt, Wille und Vernunft, Freiheit und Pflicht. Napoleons Politik empörte ihn. Auch seine Religionsphilosophie, die in Jena noch als Atheismus geschmäht worden war, entwickelt sich in Berlin zur Lehre vom Menschen als Bild Gottes.

Zum Weiterlesen:

www.aka-blaetter.de/ich-fichte/


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Wilhelm G. Jacobs

geb. 1935, Professor für Philosophie,, lehrt und forscht seit über vier Jahrzehnten zu den Philosophen des deut-schen Idealismus. Neben seiner Lehrtätig-keit an der Ludwig-Maximilians-Universität München arbeitet er seit langen Jahren an der Historisch-kritischen Schellingausgabe. Neuere Publikationen: Schelling lesen (Stuttgart-Bad Cannstatt 2004), Johann Gottlieb Fichte: Eine Biographie (Berlin 2012), Johann Gottlieb Fichte: Eine Einführung (Berlin 2014)



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