Evolution oder was man davon halten soll

Die Geschichte des Darwinismus ist auch eine Geschichte vielfältigen Missbrauchs – natürlich in Nazideutschland, aber bei weitem nicht nur dort. Dennoch sind Tabuisierungen nicht die richtige Antwort, meint Bertram Schurian.


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Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken, verderblich ist des Tigers Zahn, jedoch der schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn. Dies ist das Motto, das die Irrungen auf diesem Gebiet am besten wiedergibt.

Von den erdgeschichtlichen und naturwissenschaftlichen Zusammenhängen wissen wir auch nach jahrhundertelangem Forschen immer noch viel zu wenig, um mehr als Vermutungen bzw. Theorien aufstellen zu können. Bill Bryson hat dies in seinem Buch „A short History of Nearly Everything“ aus dem Jahre 2003 auf wunderbare Weise zum Ausdruck gebracht. So soll unser Universum in einem „Big Bang“ mit der unvorstellbaren Geschwindigkeit von 10-43 Sekunden entstanden sein, außer dem Element Sauerstoff. Das ist erst viel später entstanden. Die Evolution ist eine Theorie, jedoch aus den verschiedensten Wissenschaftsgebieten häufen sich die Hinweise, dass der „Big Bang“ und in seiner weiteren Folge die Entwicklung des Universums und unserer Erde tatsächlich so stattgefunden haben könnte, wie angenommen.

Vom Darwinismus zur Eugenik

Charles Darwin (1809–1882) hat mit seinem Buch über die Entstehung der Arten, das 1854 erschienen ist, vielleicht unbeabsichtigt gezeigt, dass es eine profane Erklärung für die Entstehung der Arten geben könnte anstelle des „Intelligent Design“. Inwieweit er wiederum von Adam Smith (1723–1790) und seinen Büchern „The Theory of Moral Sentiments“ (1759) und „The Wealth of Nations“ (1776) beeinflusst worden ist, ist schwer zu sagen. In diesen Büchern klingt jedoch die Idee an, dass Menschen, die ihren eigenen Interessen folgen, unbeabsichtigt mehr zum Wohlergehen einer Gemeinschaft beitragen, als wenn sie dies beabsichtigt versuchten. Die Weiterentwicklung dieser Ideen führte dann zum Begriff eines „Freien Marktes“, der chaotisch erscheint, jedoch durch die Eigeninteressen der Menschen eine Konkurrenzsituation erzeugt, die dem Gemeinwohl förderlicher sei als direkte, gut gemeinte Maßnahmen des Fürsten.

Auch die Theorien von Thomas Robert Malthus (1766–1834), verfasst in seinem Werk „An essay on the principle of population as it affects the future improvement of society“ (1798), könnten von Einfluss auf Darwin gewesen sein. Ein weiterer Zeitgenosse von Darwin war Gregor Mendel (1822–1884), der durch seine Forschung die Mendelschen Gesetze der Vererbung begründete.

In Darwins Buch wird dieser Begriff der Konkurrenz unter den Arten als „survival of the fittest“ dargestellt und als möglicher Pfad der Entwicklung der Arten geschildert. Implizit bedeutet dies, dass ausschließlich die Arten fortbestehen, die sich dank ihrer Fähigkeiten in der Welt anpassen und durchsetzen können und so für ihre Fortpflanzung sorgen. Alle anderen Arten sind eher früher als später nicht lebensfähig und verschwinden. Nur die Starken – kann heißen: die Besten, kann heißen: die Intelligentesten – setzen sich durch.

Diese Theorie ist im Konflikt mit den Aussagen aller Weltreligionen und mit manchen Schlagworten der Französischen Revolution.

Auf einen Aspekt, der sich aus der Theorie von Darwin entwickelt und große politische wie menschliche Auswirkungen gezeitigt hat, möchte ich besonders hinweisen. Dies betrifft die Eugenik, ein aus dem griechischen abgeleiteter Begriff, der „gut“ und „Geschlecht“ zusammenführt. Eugenik oder Eugenetik bezeichnet einen vom englischen Gelehrten Francis Galton (1822–1911), auch ein Zeitgenosse von Darwin, im Jahre 1883 in Verwendung gebrachten Begriff, der die Anwendung human-genetischer Erkenntnisse auf die Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik bezeichnet, mit dem Ziel, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu heben bzw. zu vergrößern und den Anteil negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern.

Das Problem mit diesem Begriff ist: Was ist positiv, was ist negativ, und wer bestimmt, was positiv bzw. negativ ist?

Diese Ideen haben im britischen Empire und in den Vereinigten Staaten besonderen Anklang gefunden und sind dort auf fruchtbaren Boden gefallen. Auch in vielen anderen Ländern wurden diese Ideen angenommen und teilweise in Politik umgesetzt.  Galton und seine Zeitgenossen glaubten nämlich, dass die geistigen Kapazitäten des Menschen in der Hauptsache erblich sind. Heute gibt es genug Hinweise, die dies einigermaßen untermauern können. Irrsinn und Geistesgestörtheit sowie Kriminalität und Verelendung sollen von negativen Erbanlagen verursacht werden. Außerdem meinte er, dass die niederen gesellschaftlichen Schichten genetisch minderwertiger seien als die höheren und dass die Häufigkeit der Fortpflanzung bei als „genetically unfit“ eingestuften Personen viel höher sei als bei den Mitgliedern der Mittel- bzw. Oberschicht. Aus der unterschiedlichen Fortpflanzungshäufigkeit ergebe sich nach Galton eine große Gefahr für die Gesellschaft als Ganzes: wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen würden, wäre innerhalb weniger Generationen mit Degenerationserscheinungen und Abnahme der guten Gene in der Bevölkerung zu rechnen. Die Lösung lag also auf der Hand: Menschen mit guten Genen und Merkmalen mussten unterstützt werden und die Entwicklung schlechter Gene müsse verhindert werden.

Von Galton zu Hitler und Stalin

Galton und andere ließen sich stark beeinflussen durch die damals herrschenden Klassen- und Rassenurteile, die auch nicht vollständig aus der Luft gegriffen waren, sondern auf Erfahrungen beruhten. Trotz der damals mangelnden wissenschaftlichen Unterbauung ihrer Ansichten war diesen Thesen ein großer Erfolg beschieden.

Zahlreiche eugenische Gesellschaften wurden errichtet, wie z. B. „The Race Betterment Foundation“ in den USA und die „National Eugenics Education Society“ in England. In anderen Ländern folgte man diesen Entwicklungen ziemlich genau. Auch die Forschungsergebnisse von Gregor Mendel wurden in diesen Gesellschaften aufgegriffen.

Das Interessante an der ganzen Sache ist, dass diese Ideen damals sowohl in rechtsgerichteten und konservativen wie auch in linksgerichteten und links-radikalen Kreisen großen Anklang fanden. Drei Präsidenten der USA, unter anderem Teddy Roosevelt und Woodrow Wilson, Nobelpreisträger sowie weitere prominente Gelehrte und Politiker unterstützten diese Ideen. In England war Winston Churchill Feuer und Flamme für diese Ideen und unterstütze sie nach Kräften.

Die katholische Kirche konnte diesen Thesen nichts abgewinnen und war immer strikt dagegen, was nicht weiter zu verwundern braucht. Diese Theorie kommt ohne Gott und sein Wirken aus.

Die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten enthält unter anderem die folgenden hehren Worte: „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator wirth certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“

Als Einwanderungsland waren alle Menschen in den USA als Neusiedler willkommen, bis 1882. Damals wurden die Gesetze geändert und Chinesen und Japanern wurde die Einwanderung bis 1943 untersagt.

Für diese Änderung der Politik wurden eindeutige rassistische Gründe genannt. Man befürchtete, dass durch ungebremste Zuwanderung von Chinesen und Japanern sich der angelsächsische Genpool, der als gut und wertvoll betrachtet wurde, nachteilig verändern könnte. Als weiteren Grund für diesen Schritt in der US-amerikanischen Politik wurde genannt, dass jedes Mitglied einer liberalen Demokratie im vollen Besitz seiner geistigen Kräfte sein müsse.

Mit dem im Jahre 1924 in Kraft getretenen „Immigration Act“ wurde auch die Einwanderung von Juden aus Russland und dem übrigen Europa eingeschränkt. Nur die Einwanderung aus England, Holland, den mitteleuropäischen und den skandinavischen Ländern wurde als wünschenswert und von höherem Wert erlaubt.

In vielen US-Bundesstaaten wurden Heiratsverbote auf Grund von eugenischen Ansichten erlassen und Gesetze, welche die Sterilisierung von Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen rechtfertigen mussten, eingeführt.

Ähnliche Gesetze wurden in fast allen nichtkatholischen Ländern in Europa (UK, Norwegen, Frankreich, Finnland, Dänemark, Estland, Island, Schweiz, Schweden) und in Übersee (in Kanada und Australien) eingeführt. Auch in Deutschland wurde, nach der Wahl Hitlers zum Reichskanzler, eine Gesetzgebung eingeführt, die auf den Ideen der Eugenik basierte. Die amerikanischen Anhänger der Eugenik waren auf die Deutschen, die so energisch handelten, ziemlich stolz und eifersüchtig. Ein Funktionär der „American Eugenics Society“ ließ in mehreren Zeitungen verlauten, dass die Gesetzeslage in Deutschland (und er meinte dabei die Nürnberger Rassengesetze) von großem politischen Mut und staatsmännischer Einsicht zeuge. Die Deutschen ihrerseits zollten großen Dank und Anerkennung für das gute amerikanische Beispiel.

Es mutet daher seltsam an, wenn wenige Jahre später, nach den Erfahrungen in Europa mit dieser Gesetzeslage, die US-Amerikaner in den Nürnberger Ärzteprozessen diese Gesetze auf das schärfste missbilligten und verurteilten, diese aber in ihrem eigenen Land nicht abschafften. Erst in den sechziger und siebziger Jahren wurden in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern diese eugenisch inspirierten Gesetze abgeschafft oder verändert.

Ein bemerkenswerter Fall auf diesem Gebiet stammt aus der Sowjetunion. Dort wurde Trofim Lysenko, Biologe und Agrarexperte, Kind armer Bauern aus der Ukraine mit damals richtigem Stammbaum, wegen seiner Thesen und Experimente von Josef Stalin unterstützt. Lysenko basierte seine Theorien auf Jean-Baptiste Lamarck, der behauptet hatte, dass erworbene Fähigkeiten von Pflanzen vererbbar wären. Da politisch unbeeinflusste Biologen in der Sowjetunion seine Theorien als groben und lebensgefährlichen Unfug bezeichneten, wurden sie nach und nach aus ihren Ämtern gewiesen, und die meisten bezahlten ihre Ansichten mit dem Leben. Erst 1962, neun Jahre nach Stalins Tod, wurde Lysenko als wissenschaftlicher Betrüger entlarvt.

Denkverbote sind nicht die richtige Antwort

Die Praxis in Nazideutschland hat dazu beigetragen dass heutzutage alles, was mit Vererbung irgendwie in Verbindung gebracht werden kann, in unseren Landen praktisch einem Sprech- bzw. Denkverbot unterliegt. Dies ist keine erfreuliche Entwicklung.

Ein solcher Fall ereignete sich um 1980 auch in den Niederlanden. Wouter Buikhuisen, ehemals Professor an der Reichs-Universität in Groningen und an der Universität von Leiden, hatte herausgefunden, dass Kriminalität anscheinend nicht nur anerzogen, sondern wahrscheinlich auch vererbbar sei. Er konnte jedoch auf Betreibung politisch korrekter Kreise in den Niederlanden seine Studien nicht fortsetzen. Die Königliche Akademie der Wissenschaften war maßgeblich daran beteiligt, dass er seine Professur verlor. 25 Jahre später, also 2005, wurde er rehabilitiert.

Heute zeigt uns die bis jetzt geführte Klimadiskussion, dass wir in eine ähnliche Falle geraten könnten. Wir wissen recht wenig und ziemlich wenig Genaues darüber, welche Einflüsse die Menschen auf die Natur und auf das Klima haben. Es gibt jedoch mächtige Personen und Organisationen, die uns Auflagen machen wollen, wie wir einer eventuellen Klimakatastrophe vorbeugen könnten.

Ohne offene und weitgehende Diskussion könnte ein fataler Irrweg eingeschlagen werden, der dann, wie in der Vergangenheit schon einmal passiert, Millionen Menschen zum Nachteil gereichen könnte.


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Bertram Schurian

geb. 1942, VDSt Wien „Philadelphia“.



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