“Gesichter des Krieges“: kontrovers und spannend

In dem 2007 erschienenen Werk „Gesichter des Krieges“ (deutsche Ausgabe 2009, Siedler Verlag) befasst van Creveld sich mit der Entwicklung bewaffneter Konflikte im 20. Jahrhundert. „Zu Beginn des 21. Jahrhunderts befinden sich die am besten ausgerüsteten, am besten ausgebildeten, finanzkräftigsten und mächtigsten Streitkräfte aller Zeiten im Niedergang.“ Wie konnte es dazu kommen? Diese Frage durchzieht die sieben Kapitel des Werks als roter Faden.


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Wandel von Theorie und Praxis. Eine Kapitelübersicht

Im Vorspiel bis 1914 wächst die Spannung zwischen den europäischen Großmächten. Macht- und Interessenskonflikte machen einen Ausbruch bewaffneter Feindseligkeiten zur Frage der Zeit. Das ist den Zeitgenossen bewusst. Welche Bündniskonstellationen zusammenfinden werden, wie überhaupt ein moderner Krieg aussehen wird, gibt Anlass zu zahlreichen Spekulationen. An oberster Stelle werden bereits Kriegspläne geschmiedet.

Der Erste Weltkrieg schließlich übertrifft die meisten vormals erahnten Szenarien. Rasch stockt alle Bewegung  – neue Taktiken, Technologien und Massenheere mitsamt ihren logistischen Erfordernissen machen die Defensive übermächtig. In jahrelangem Grabenkampf zermürben sich die Streitkräfte, und am Ende entscheidet demographische und wirtschaftliche Überlegenheit den Krieg.

Damit machen die Zeitgenossen eine einschneidende Erfahrung. Hitlers Programmatik, Volk und Raum mit allen Mitteln zu mehren, steht unter diesem Zeichen. Als die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kommen, neigen sich zwanzig Jahre Waffenstillstand ihrem Ende entgegen. In Japanern und Italienern, den anderen zu kurz Gekommenen, finden sie ihre Verbündeten.

In operativer Hinsicht ziehen die Befehlshaber des Zweiten Weltkriegs entscheidende Konsequenzen. Durch eine Mechanisierung der Schlachten, durch massive Panzer- und Fliegeraufgebote sollten Zermürbungskämpfe vermieden werden: Der Blitzkrieg ist geboren. Bereits im Ersten Weltkrieg hatte sich eine Tendenz zur Totalisierung gezeigt, indem sämtliche Lebensbereiche auf die Notwendigkeiten der Front abzustimmen versucht wurde. Nun aber steigen Frauen und Kinder nicht mehr nur in die kriegswichtige Produktion ein, sondern werden zugleich Ziel ganze Städte ausradierender Bombardements. Auch der Krieg im Osten steht unter dem Zeichen eines nie dagewesenen Vernichtungswillens.

Mehr noch als im Ersten Weltkrieg findet ein Wettlauf um Technologien statt. Vorhandene Typen werden ständig verbessert, neuartige „Wunderwaffen“ entwickelt. Langstreckenraketen, Marschflugkörper, Düsentriebwerke gehen darauf zurück. Und schließlich – die Atombombe.

Die Vernichtung von Hiroshima und Nagasaki beendet den Zweiten Weltkrieg und stellt gleichzeitig sicher, dass künftige Kriege mit diesem nichts mehr gemein haben würden. Im Schatten der Bombe geben Amerikaner und Russen sich eingangs noch der Illusion hin, durch immer bessere Träger- bzw. Abwehrsysteme eine Art atomarer Dominanz zu erlangen, die eine Vernichtung des Gegners bei gleichzeitiger Eindämmung eigener Verluste erlauben würde. Aber rasch zeigt sich, dass jeder „heiße“ Konflikt die weitgehende gegenseitige Auslöschung zur Folge hätte. Man muss sich also auf Rüstung, technologischen Wettlauf und Blockbildung beschränken.

Der Zerfall des Ostblocks leitet eine neue Weltordnung ein. Vom Kalten Krieg geblieben ist aber, dass es einen bewaffneten Konflikt zwischen zwei Atommächten unbedingt zu vermeiden gilt. Alle neueren Kriege zeigen daher ein Muster, wie es in größerem Stil bereits bei den Partisanenkämpfen des Zweiten Weltkriegs hervortrat: die asymmetrische Kriegsführung. Ihr besonderes Kennzeichen ist, dass militärisch völlig überlegene Streitkräfte gegen einen Feind stehen, den sie nicht greifen und daher nicht besiegen können. Der Faktor „Zeit“ kommt den Guerillakämpfern zugute, da ihre auf fremdem Boden stehenden Gegner wie auch die Zivilisten in deren Heimatländern unter zunehmendem Verfall der Moral leiden. Das Scheitern der Russen in Tschetschenien, der Israelis in Palästina und der Amerikaner im Irak belegen dies.

Im letzten Kapitel „Anfang und Ende“ fasst van Creveld das Gesagte zusammen und wagt einen Ausblick: Die Erfolge der Unterlegenen in ihren Heimatländern verleihen den Feinden des Westens Selbstvertrauen, woraus ein Anstieg des terroristischen Potentials resultiert. Massiver Beleg: der 11. September 2001. „Entweder schüttelt die ‚entwickelte Welt` […] endlich ihre Lethargie ab […] und lernt, wie sie mit den Terroristen fertig wird, oder die Terroristen werden mit ihr fertig werden“, befindet van Creveld.

Der Aufbau: Historisch angemessen, stilistisch gekonnt

Trotz seines überschaubaren Umfangs entbehrt sein Werk wirtschaftlicher, politischer, sozialer Kontextualisierungen nicht. Perspektivisch ist es höchst geschickt arrangiert. Die Ebene der großen Zusammenhänge wird häufig verlassen für Nahaufnahmen sehr spezifischen Geschehens oder die Schilderung kurioser Details. Der Leser erfährt, warum im Zweiten Weltkrieg die deutschen und russischen Luftstreitkräfte auf schwere viermotorige Bomber verzichteten, wie sich amphibische Operationen und moderne Panzertaktiken entwickelten und weswegen das Schlachtschiff von den Weltmeeren verschwunden ist. Aber auch, wie Käthe Kollwitz und Adolf Hitler auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs reagierten. Wohlgemerkt: Von der Evolution des Kriegswesens bis zur Entwicklung der einzelnen Waffengattung, von der strategischen Planung bis zum taktischen Manöver, von der Statistik zum Einzelschicksal, der Verfasser verliert nie seinen roten Faden, der Leser nicht die Übersicht. Die Schilderung ist lebendig, anschaulich, spannend.

Sympathische Neutralität

Van Creveld, und das hat er manchem Historiker voraus, wirkt unbefangen. Fakten und Bewertungen sind sauber getrennt, auf moralische Urteile wird verzichtet. Es gibt keine Guten und keine Bösen. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – wirkt das Werk nicht menschenverachtend. Leid und Opfer des Krieges, gleich welcher Seite, bleiben nicht unerwähnt.

Die kontroverse These scheut van Creveld nicht, ohne Rücksicht auf politische Korrektheiten: Der Erste Weltkrieg sei bei Abschluss des Waffenstillstandes noch nicht entschieden gewesen, der Partisanenkampf der Nationalsozialisten habe sich von anderen asymmetrischen Kriegen vor allem durch weniger Heuchelei unterschieden, weibliches Personal senke die Effizienz kämpfender Einheiten.

Mir scheint „Gesichter des Krieges“ für Laien wie für Kenner der Thematik lesenswert. Einen knappen und doch umfassenden Überblick vermittelt es allemal, kann sicher mit dem ein oder anderen unbekannten Detail aufwarten, regt mit seinen Thesen zur Diskussion an. Und nicht zuletzt ist es auch ein literarisches Vergnügen.

 

Zur Person: Martin van Creveld

Martin Levi van Creveld wurde 1946 in Rotterdam geboren. In seiner frühen Kindheit zog seine Familie nach Israel, wo er aufwuchs und heute lebt. Sowohl an der London School of Economics als auch der Hebräischen Universität Jerusalem erwarb er akademische Abschlüsse. An letzterer lehrt er bis heute. Seine Themenschwerpunkte sind Militärgeschichte und -theorie, insbesondere mit Blick auf Entwicklung und Zukunft des Krieges. Hier nimmt er eine führende Stellung im Forschungsdiskurs ein. Lehraufträge an militärischen Forschungseinrichtungen, beispielsweise dem Naval War College, belegen, dass seine Thesen auch für die Praxis relevant sind.


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Manuel Mackasare

geb. 1985, Historiker, VDSt Breslau-Bochum.

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