Gold und Silber – oder doch nicht? Schönheit kann auch anders sein.

Wie Charles Baudelaire so treffend sagt, liegt die Schönheit oft im Unerwarteten, ja sogar im Schmutzigen oder Wirren, in dem es kein System zu geben scheint. Keine Ordnung, ein für uns Europäer unzumutbarer Zustand. Gerade für uns Deutsche, deren Bild von Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Systematik fast schon neurotisch ist. Kilian Orgeldinger wagte den Blick über den Deutschen Tellerrand hinaus und war vier Monate in Nepal.


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JENSEITS VON EUROPA

Bild 18_01So ist doch die Erweiterung unseres Horizontes oft beschränkt und kann nur überwunden wer den mit einem Sprung in den Bagmati in Pashupathinat – im übertragenen Sinne. Der Bagmati, heiliger Zufluss des Ganges, und Pashupathinat, die zweitheiligste Stätte des Hinduismus, liegen in dem Land, das von den meisten von uns mit einem Failed-State -Blick gesehen wird: Nepal, das Land der Berge, der Sherpas und der Erdbeben. An sich ein ökonomisch irrelevantes Land, das nur  strategisch interessant ist, weil es zwischen zwei aufstrebenden Supermächten liegt, und so gedrängt zwischen Massenproduktion und IT-Fachwissen ein kleiner Hort der unberührten Tradition geblieben ist. So ist dies vielmehr eine Reminiszenz an das bald vergangene Schöne dieses Landes, was mitnichten einem unserer Schönheitsideale entspricht.

AUF OFFENER STRASSE

Meine Reise beginnt in Pashupathinat, einem hinduistischen Tempel, an dem bis heute Leichen unter freiem Himmel verbrannt werden. Die sterblichen Überreste der Toten werden darauf hin in das Wasser des Bagmati gefegt, ein Fluss, in den die Abwässer einer gesamten Stadt geleitet werden, und der bereits ohne die angeschlossene Leichenverbrennung bestialisch stinkt. Doch die Symbiose dieser Kultur mit dem angrenzenden Wald, der so voller Affen ist, dass man darin keine ruhige Minute hat, die Integration der Religion in das Gegebene sind einzigartig und authentisch, denn Pashupathinath ist ein Ort des Lebens, nicht der Trauer. Und ein Tempel ist auch nicht ein weltenthobener Ort der Ordnung, sondern ein ins Leben eingebundener Ort, der sich mit den Menschen weiterentwickelt und zu ihnen gehört. Zwangsläufig bedeutet dies, dass auch Müll herumliegt und auch jemand auf der Treppe schläft, unvorstellbar in unserer Welt, aber ehrlich und mitten ins Leben hinein gebunden. Dazu kommt ein beißend süßlicher Geruch, den sich wohl heute kaum mehr jemand vorstellen kann. Ein Geruch, der uns manchmal dem Brechen nahe bringt, der Geruch, der entsteht, wenn man einen Menschen mit tropischen Hölzern verbrennt. Dennoch ergibt das gesamte Bild des Chaos an diesem so heiligen Ort Sinn.

GERUCH DES LEBENS

Der Geruch, das Leben, das hier stattfindet, auch der bekiffte Priester, der um Geld bettelt, um sich etwas zu essen kaufen zu können, alles eine in unserer doch teils hermetisch abgeriegelten Welt ein Ding der Unmöglichkeit, all diese Dinge, die nicht in unsere Symmetrie und Ordnung passen, formieren sich zu einer Schönheit, die es nicht mehr in unserem Europa gibt.

IN JEDEM SINNE REIZEND

Verlässt man das heilige Areal von Pashupathinath, steht man mitten in einer asiatischen Metropole, deren Verkehrschaos nicht überschaubar ist. Beim Flanieren auf den Straßen – Gehsteige gibt es kaum – wird man erschlagen vom Smog und der Geräuschkulisse. Alle Autos hupen ohne ersichtlichen Grund, Verkäufer laufen zwischen den Autos umher und versuchen ihre Güter an den Mann oder die Frau zu bringen, während sich über den Köpfen aller ein Wirrwarr aus Telefon- und Stromkabeln erstreckt, das mit Leuchtreklamen gespickt ist. Eine Überflutung aller Reize. Die Gesamtheit der Farben, die die Frauen mit ihren bunten Kleidern dazusteuern, komplettiert das Bild dieser doch verwirrenden Welt, mit der wir doch so gar nicht klarzukommen scheinen.

BUNTES NEBENEINANDER

Kaum 300 Meter vom Innenstadt-Chaos entfernt liegt die nächste Oase: Die zweitgrößte Religionsgruppe Nepals hat ihr Allerheiligstes auf einem Hügel mitten in Kathmandu errichtet. Swayambunath oder – wie er von den Touristen genannt wird – Monkey Temple ist eine Stupa mit Kloster und kleiner Siedlung um sie herum. Von ihr aus sieht man über das gesamte Tal, in das sich ehemals drei Königreiche quetschten. Man sieht, wie jeder Fleck Erde genutzt wird, um entweder zu wohnen oder dort etwas anzubauen, bis die Berge zu steil werden, um sie zu nutzen. Diese Systemlosigkeit, in der der Mensch um sich greift, ohne Rücksicht auf andere Dinge zu nehmen, wie wir es in Europa vorgelebt haben und womit wir auch andere Kulturen infiziert haben. So sind die Tempel heute auch zum Hort der Natur geworden und haben sich zum Rückzugsort der Menschen entwickelt.

BESONDERE AUGENBLICKE

Beim Verlassen der Stadt mit dem Bus in das Dorf, in dem ich als Volontär arbeitete, sieht man die nächste Änderung der Natur. Dort stehen kleine Bauernhäuser inmitten der giftgrünen Reisfelder am Rande des Tals mit den Bergen im Rücken und den Bergen vor der Nase. Jeder Sonnenaufgang wird so zu einem eigenen Spektakel, wenn die Sonne sich erhebt und die Berge innerhalb der ersten halben Stunde des Tages in allen Farben des Regenbogens angestrahlt werden, die Bewohner aufstehen, um ihr Obst und Gemüse auf dem Markt zu verkaufen. Das Gewusel beginnt nun auch hier. Morgens auf dem Markt liegt eine unglaubliche Anzahl an Sorten von Obst und Gemüse, die man noch nie gesehen hat, zum Verkauf feil. Dazu gehören immer die Chilis, die den roten Farbfleck zwischen allen Waren bilden, ähnlich wie die Tika, der rote Punkt zwischen den Augen der Hindus. Passenderweise liegt er am Schnittpunkt der Längs- und Quergeraden des Gesichtes, die bei ihrer Division die Zahl π ergeben, welche von Leonardo da Vinci als ideales Seitenverhältnis bezeichnet wurde und bekannter ist als der „Goldene Schnitt“. Die numerische Zahl der Schönheit. Sie gibt die idealen Verhältnisse von Dingen an, die sie haben müssen, um als schön empfunden zu werden.

MEHR ALS PROPORTIONEN

Doch wir als Menschen empfinden viel mehr als schön als nur ein Zahlenverhältnis. Es ist lediglich der erste quantifizierbare Versuch, Schönheit zu bestimmen, denn Schönheit liegt im Auge des Betrachters oder noch viel mehr im Auge. Sie beschreibt doch etwas, das durch seine Anwesenheit eine beruhigende Wirkung auf das Individuum hat. So kann doch nichts beruhigender sein als die bloße Natur, wie man sie an einigen unberührten Orten erleben kann. So schön wie der Machapuchare – das Matterhorn des Himalayas, wie es die Touristenführer nennen. Es erstreckt sich bei Pokhara, einer pulsierenden Touristenstadt am See auf über 7000 Metern direkt neben dem Annapurna-Massiv. Auch an diese Stelle führte es mich persönlich. Denn was ich auf diesen sieben Tagen Wanderung sehen durfte, erinnert doch am besten an die Schönheit, wie wir sie kennen.  Unberührtheit. Keine Fahrzeuge. Menschen erledigen jede Arbeit. Ruhe. Nur unterbrochen vom Affengeschrei oder einem Schneeleoparden. Und dann ab 3500 Metern nur noch hüfthohes Gestrüpp, das von der Sonne versengt wurde, und dazu ein lapislazuliblauer Himmel, in den die Berge wie mit Puderzucker bestäubt hineinragen. Ein Anblick, der Ehrfurcht erheischt. Hoch hinaus ragen diese so unförmigen Gesteinsformationen, diese so absolut nicht symmetrischen Berge, die machen, was sie wollen. Und doch sind sie schön und ansehnlich, obwohl ihnen hinsichtlich Form und Gestalt nicht viel abzugewinnen ist. Sie beeindrucken uns durch ihre bloße Anwesenheit. So lernen wir: Schönheit ist doch sehr facettenreich und kann sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Für mich persönlich ist Schönheit auch oft der Ausbruch aus dem altbekannten, immer gleichen Einheitsbrei, der einem die Augen für etwas Neues, Unerwartetes öffnet und viel leicht auf den zweiten Blick auch etwas Schönes bietet. Doch ohne diesen Ausbruch bleibt man immer an derselben Stelle hängen, als würde man nie aus seinem Käfig herauskommen. Auch deshalb ermutige ich jeden, sich neuen Herausforderungen zu stellen, denn ohne sie wären wir selbst nie zu den Menschen gewachsen, die wir heute sind.

Bilderlizenz: Eigenes Werk


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Kilian F. Orgeldinger

geb. 1995, ist aktiv beim VDSt zu Bonn und hat vier Monate in Nepal verbracht

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