Gottes gläubiger Diener

Weil er lange Jahre in der DDR wirkte und auch RAF-Terroristen die Seelsorge nicht verweigerte, geriet Kurt Scharf immer wieder unter politischen Beschuss. In Tübingen erinnerte man an den engagierten Theologen und Bischof von Berlin und Brandenburg. Hans Günsel schreibt über einen Mann, der die christliche Botschaft stets dorthin trug, wo sie am meisten gebraucht wurde, zu den Leidenden und Ausgestoßenen; und der sich zugleich verdient machte um das Miteinander der Religionen.


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Dass Kurt Scharf Seelsorger wurde, war nicht ganz zufällig. Er entstammt einer alten Theologenfamilie, die auf den Professor Johannes Scharfius zurückgeht, welcher im Wittenberg des 17. Jahrhunderts, nach der Reformation, wirkte. Von diesem Vorfahren stammt der Familienspruch, der aus dem Römerbrief zitiert ist. „Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum besten gereichen.“ Als Kurt Scharf zum Priester ordiniert wurde, wählte der spätere Superintendent dies als Thema des Ordinationsgesprächs.

Vorher studierte der junge Mann, 1902 als Sohn eines Buchhändlers in Landsberg an der Warthe geboren, evangelische Theologie, die ersten vier Semester im schönen Tübingen. Über den jungen Assessor Kurt Siehe fand er zum Tübinger Bund und wurde ein engagierter VDSter. Später setzte er das Studium in Jena und in Halle fort. Nach Studium und Ordination war er Prediger und Pfarrer im Brandenburgischen. Dort, in Sachsenhausen bei Oranienburg, wirkte er auch in den Jahren nach 1933, als die Kirche im nationalsozialistischen Staat um ihre Selbständigkeit ringen musste. Er war Vertrauensmann der jungreformatorischen Bewegung in der Kurmark und wurde Mitglied des bruderrätlichen Flügels der Bekennenden Kirche, zu dessen Präses er ernannt wurde. Im Haus von Martin Niemöller nahm er an der Gründung des Pfarrer-Notbundes teil und gab diese in einem Rundbrief an alle brandenburgischen Pfarrer bekannt. Sein Besuch bei Niemöller im KZ Oranienburg am Karfreitag 1938 führte zu seiner Suspendierung vom Amt, zum Entzug des Gehaltes sowie zu Rede- und Schreibverbot. Auch wurde er mehrfach in Schutzhaft genommen.

Aus kurzer amerikanischer Kriegsgefangenschaft wurde er 1945 entlassen und wieder als Propst und geistlicher Leiter der evangelischen Kirche in Brandenburg eingesetzt. Auch der Titel des Präses wurde ihm rückwirkend wieder zuerkannt. Um sich später auch weiter und mehr um die Kirche in der DDR kümmern zu können, verlegte er 1951 seinen Dienst- und Wohnsitz nach Ostberlin. Seinen Angehörigen wurde das nicht genehmigt mit der Begründung, dass keine beruflichen Gründe vorliegen würden. Somit war die Familie auf längere Zeit getrennt.

Als am 13. August 1961 von Seiten der DDR mit dem Bau der Mauer begonnen wurde und damit die Trennung der beiden deutschen Staaten besiegelt werden sollte, kam es sofort zu unzähligen Repressionen. Menschen, die versuchten, in den Westen zu gelangen, wurden festgenommen, inhaftiert, notfalls erschossen. Gegen dieses Vorgehen protestierte Kurt Scharf gemeinsam mit ranghohen Vertretern der evangelischen Kirche bereits einen Tag später in einem öffentlichen Schreiben an den Generalsekretär der DDR, Walter Ulbricht. Wegen Gefährdung der Staatssicherheit wurde er darauf bereits am 31. August 1961 durch das Ministerium für Staatssicherheit aus Ost-Berlin sowie der DDR ausgebürgert.

Freikauf von DDR-Gefangenen

Nach der Ausbürgerung versuchte Scharf weiterhin Inhaftierten zu helfen. Gemeinsam mit dem Justitiar der Kirche, Reymar von Wedel, baute er Kontakte zu den zuständigen Stellen in Ost und West auf. So auch zu dem DDR-Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Vogel. Mit ihm wurden in langen und zähen Verhandlungen die ersten „Freikäufe“ – drei Waggons mit Kali – für die ersten fünfzehn Inhaftierten ausgehandelt. Diese Leistungen wurden über das Diakonische Werk unter Einbeziehung der verantwortlichen Ministerien abgewickelt. Bis zum Jahr 1964 gelang es, 104 Inhaftierte freizukaufen. Später wandte sich Scharf gemeinsam mit der katholischen Kirche an Bundeskanzler Ludwig Erhard und bat, die bis dahin kirchliche Aktion fortzusetzen. Diese Aktion Freikauf und Familienzusammenführung, die wesentlich auf der Initiative von Kurt Scharf beruhte, wurde bis zum Mauerfall fortgeführt.

Nachfolger von Otto Dibelius

Am 15. Februar 1966 wurde Kurt Scharf als Nachfolger von Otto Dibelius Bischof von Berlin-Brandenburg. Otto Dibelius war bekanntlich ein Bundesbruder des Berliner VDSt. Scharf hatte dieses Amt dann bis 1976 inne. Als weitere wichtige Funktion folgte die Mitgliedschaft im Zentalausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen. Für sein ökumenisches Wirken wurde Kurt Scharf von den verschiedensten Kirchen mit ihren höchsten Orden ausgezeichnet. So vom orthodoxen Patriarchen zu Konstantinopel oder dem Papst der koptischen Kirche von Alexandria. Die Buber-Rosenzweig-Medaille erhielt er für seine Verdienste um die Verständigung zwischen Christen und Juden. Die Kopernikus-Medaille der polnischen Regierung würdigte seine Verständigung mit der Volksrepublik Polen.

Während der Studentenunruhen von 1968 übernahm Scharf gemeinsam mit Hellmut Gollwitzer und Heinrich Albertz, der sogenannten Dreierbande, gesellschaftlich-politische Verantwortung und Vermittlung. So hielt er die Trauerrede für den getöteten Studenten Benno Ohnesorg in der FU Berlin. Er verhandelte mehrfach mit der außerparlamentarischen Opposition um Rudi Dutschke. Und er kümmerte sich um die Haftbedingungen des in Einzelhaft einsitzenden Kommunarden Fritz Teufel.

Der „rote Bischof“ und die RAF

Ein weiteres gesellschaftlich-politisches Engagement galt den Terroristen der RAF. Anlässlich der Tagung des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates 1974 in Berlin wurde Scharf von mehreren Demonstranten eine Resolution gegen die Isolationshaft der politischen Häftlinge übergeben. Ein Vertreter des Justiz-Senators bot in diesem Zusammenhang dann der Kirchenleitung an, die Haftanstalten zu überprüfen. Kurt Scharf wurde um Übernahme dieser Funktion gebeten. Zuerst fragte er jedoch die zuständigen Richter, wie sie über ein solches Vorhaben dächten und ob sie dazu die Erlaubnis erteilen würden. Die Antwort lautete: Wir gestatten dies nicht nur, wir bitten sogar ausdrücklich darum. Die Besuche bei Ulrike Meinhof und Verena Becker in der Haftanstalt Moabit sowie bei den RAF-Mitgliedern Berberich, Schubert und Mohnhaupt führten zu öffentlicher und schärfster Kritik an und zum „Berliner Kirchenstreit“. Scharf vertrat damals die Auffassung, dass die ungehinderte Seelsorge einer freien Kirche in einem freien Staat gewährleistet sein muss. Daraus entstand ein Grundsatzkonflikt zwischen Staat und Kirche. Manche Kreise in der Berliner und der westdeutschen Öffentlichkeit hatten die Vorgänge sogar zum Beweis dafür genommen, dass die Berliner Kirche ein Sammelbecken links-radikaler Gruppen sei, ein Sammelbecken für Personen, die mit Staat und Gesellschaft unzufrieden seien und unter dem kirchlichen Deckmantel revolutionäre Aktionen geplant und vorbereitet hätten. Scharf wurde als roter Bischof beschimpft.

Nach der Amtsübergabe des Bischofsamtes an seinen Nachfolger Martin Kruse 1976 übernahm Scharf weitere, sogar internationale Aufgaben. Er wurde Kuratoriumsmitglied von Amnesty International. Seine kritischen Äußerungen zur Apartheidspolitik von Südafrika führten zum Einreiseverbot anlässlich der Einführung der lutherischen Bischöfe von Johannesburg und Transvaal. Als Vorsitzender der Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste hielt er im Juni 1982 vor der UN-Vollversammlung seine Rede mit dem Appell an die Großmächte zum Thema Abrüstung.

Viele weitere Auszeichnungen und Ehrendoktortitel würdigten darüber hinaus das außerordentliche Wirken von Kurt Scharf.

Er verstarb am 28. März 1990 in einem Linienbus in Berlin.

 

 

Quellennachweis:        

  • Kurt Scharf, Brücken und Breschen, Biographische Skizzen, CZV Verlag Berlin
  • Jahrbuch für Berlin-Brandenburgische Kirchengeschichte, Jahrgang 69/2013, Kurt Scharf – Initiator des Häftlings-Freikaufs, ein Aufsatz von Herrn Reymar von Wedel.
  • Schalom, Kurt Scharf, Ein friedenspolitisches Lesebuch von Hartmut Walsdorff, Wichern-Verlag
  • Kurt Scharf, Ein Leben zwischen Vision und Wirklichkeit, von Wolf-Dieter Zimmermann, Vandenhoeck-Verlag

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Hans Günsel

geb. 1951, Dipl.-Ing., VDSt Tübingen.



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