Grau, Teurer Freund, ist alle Theorie und Grün des Lebens goldener Baum

Schönheit, so will es der Volksmund, liegt im Auge des Betrachters – womit der Volksmund sich beredt darüber
ausschweigt, was denn nun „schön“ eigentlich sei. Ist der je eigene Geschmack ausschlaggebend, dann ließe
sich darüber nicht streiten. Dennoch hat es in der Menschheitsgeschichte unzählige Versuche gegeben, das
Phänomen der Schönheit in einer Theorie zu erfassen. Mehr Werke noch sind den Bemühungen zu verdanken,
über solche Theorien hinauszugehen und sie mit Leben zu füllen, Ideal und Wirklichkeit zu verbinden. Die
auf Dauer angelegte Architektur und die flüchtigen Momente einer Symphonie sind beide ein Ausdruck dieses
Versuches; und nicht zuletzt das Theater, das unsterbliche Worte in lebendige Szenen umsetzt.
In die Schönheit vertieft sich Dominik Matuschek.


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Bild 06_03TEIL I: GRAU IST ALLE THEORIE

(Anm.: Wem es bei solch einer Überschrift zu bunt wird, der möge direkt bei Teil II weiterlesen.) „Deine Zunge verrät dich“ gilt auch für die Hintergründe unseres Kulturkreises, aus dem heraus diese Zeilen natürlich geschrieben sind. „Architektur“, „Symphonie“, „Theater“, „Szene“ sind allesamt der griechischen Zunge entnommen, und aus dieser Sprache sind sowohl die „Theorie“ als auch das „Ideal“ in die deutsche Sprache entlehnt worden. Nicht anders verhält es sich mit der Lehre von der Wahrnehmung, der Ästhetik. Den griechischen Denkern der Antike ist es gelungen, in ihren Überlegungen und Schriften einen bis heute belastbaren Grundstein für die Philosophie zu legen, allen voran Plato (428/427–348/347 v. Chr.) und sein Schüler Aristoteles (384–322 v. Chr.). Ihre unterschiedlichen Weltsichten werden uns hier nicht im Einzelnen beschäftigen müssen, auch nicht die gewaltige Bandbreite ihrer Werke (Aristoteles beschäftigt sich ja unter anderem mit Entomologie und Nautik, Poetik und Ökonomik). Auffällig ist, dass beide sich durchaus auch mit „Schönheit“ beschäftigt haben, aber nicht in einem einzelnen Werk. Für sie – wie auch für andere Philosophen – hängt das Schöne mit dem Guten zusammen und wird  darum nicht eigens ausführlich behandelt.

SCHÖN UND GUT

Vereinfachend gesagt stellt das Gute die objektive, das Schöne die subjektive Seite der Medaille dar. Der wahrnehmende Geist oder Verstand „erkennt“ als „schön“, was „gut“ ist. Sowohl Plato als auch sein Schüler gehen davon aus, dass es ein solches objektives „gut“ gibt, das sich – wie Plato annimmt – als ewige Idee schattenhaft im Konkreten ausdrückt, oder – wie Aristoteles formulieren könnte – jedem Konkretum in unterschiedlichem Grade zu eigen ist oder zugrunde liegt. Das Gute und Schöne gehen damit über das hinaus, was sinnlich fassbar ist, sind (in griechischer Zunge tà metà tà physiká). Eindrücklich stellt Platon das in seinen Dialogen vor Augen, in denen er wiederum seinen Lehrer Sokrates zu Wort kommen lässt.
Nicht nur im Griechischen, sondern auch im Deutschen und anderen indogermanischen Sprachen – und weit darüber hinaus – bezeichnen „gut“ und in diesem Zusammenhang „schön“ ganz Unterschiedliches. Die Bandbreite sei nur angedeutet durch die Verwendung, die das Wort „gut“ in einer Reihe deutscher Begriffe erfährt: um Materielles oder Wirtschaftliches geht es etwa bei Guthaben, Gutschrift, Landgütern; moralisch oder ideell zu verstehen wären Güte, Gutartigkeit, Gutmensch. Und doch führt diese Vieldeutigkeit
in den seltensten Fällen zu echten Missverständnissen, sondern bietet eher die Grundlage für Witze und Bonmots. Mit diesem Mittel bringt Sokrates seine Gesprächspartner dazu, von den konkreten Anwendungen und Erscheinungen auf die hinter den Dingen liegenden Eigenschaften wie Gutheit und Schönheit zu gelangen, zum Wesen der Dinge.

„GUTHEIT“?

In Teilen des deutschsprachigen Raumes klingt das Wort ungewöhnlich. Durch seine Analogie zu anderen Wörtern auf „-heit“ eignet es sich aber, um philosophisch treffender zum Ausdruck zu bringen, dass „gut“ nicht immer dasselbe meinen muss: Nicht jede gütige Entscheidung muss eine gute sein. Vor Wortfindungsprobleme waren auch die lateinisch schreibenden Philosophen des Mittelalters gestellt, als sie begannen, die Texte der griechischen Vordenker zu behandeln. Besonders der alle überragende Aristoteles, später nur noch der Philosoph genannt, war im Westen bis ins 12. Jahrhundert weitgehend unbekannt. Verbreitet waren nur seine Logik und kleinere Werke.

EX ORIENTE LUX

Die größere Auseinandersetzung mit Aristoteles und seinen Gedanken ist dem Nahen Osten zu verdanken. In Persien und dem arabischen Raum genoss der Philosoph großes Ansehen und war unter den Gelehrten hochgeschätzt. Für unsere weiteren Überlegungen sind insbesondere zwei Denker von Bedeutung, die durch ihre unterschiedliche Aristotelesrezeption für Kontroversen sorgten: Abū Alī al-Husain ibn Abdullāh ibn Sīnā (um 980–1037), ein von den Lateinern Avicenna genannter persischer  Universalgelehrter, sowie Abū l-Walīd Muḥammad b. Aḥmad b. Muḥammad b. Rušd (1126–1198), ein Araber, der als Averroës zitiert wurde.

Wie kommt dieser Umweg über die Perser und Araber zustande? Brevissimis verbis et cum grano salis durch die Schuld und Dummheit der katholischen Kirche. Über Jahrhunderte taten sich weite Teile der maßgeblichen Kräfte in ihr schwer damit, die griechischen Denker zu rezipieren. Zwei widersprüchliche Gründe ergänzten sich
dabei. Den ungebildeten Bischöfen war die vage Vorstellung gemein, die heidnischen Griechen hätten viele Götter. Wenn das Christentum nun lehrte, dass es nur einen Gott gebe, müssten die Heiden ja schon von falschen und gefährlichen Grundannahmen ausgehen und sollten am besten übergangen werden. Die intelligenteren und belesenen Bischöfe und Theologen dagegen waren sich im Klaren, dass jedenfalls Plato und Aristoteles den unübersichtlichen und operettenhaften Götterhimmel der überkommenen Mythen ablehnten und in ihrem Denken nicht auf einzelne Götter zu sprechen kamen, sondern eher auf eine abstrakte „Gottheit“ oder „das Göttliche“, to theĩon. Das ließ sich nicht mit den christlichen Vorstellungen eines konkreten, ansprechbaren und handelnden Gottes vereinbaren. Bisherige Verbindungen griechischer Weisheit und christlicher Lehre hatten immer Einseitigkeiten und Verkürzungen zur Folge. In einer weiteren Episode von Schuld und Dummheit entwickelten die westeuropäischen Christen den Kreuzzugsgedanken, um den schon lang erfolgreichen Siegeszug der Muslime rückgängig zu machen und wenigstens das „Heilige Land“ wieder in christliche Hände zu bringen. Wenn schon die Hintergründe und Ursachen der Kreuzzüge komplex waren, so gilt das erst recht für ihre Ergebnisse. Lange schon hatte es in Andalusien (arab. al-andalus) im Süden der iberischen Halbinsel einen regen Austausch unter den Gelehrten gegeben, wenn er auch kritisch betrachtet und außerhalb der Region wenig aufgenommen wurde. Die Kreuzzüge brachten nun Unmengen an Abendländern in den Orient, wo die hochzivilisierte muslimische Gesellschaft sich entsetzt von der Barbarei der Europäer zeigte. Nach 1095 begann eine Zeit gewaltsamer Auseinandersetzungen, aber auch eine Beschäftigung mit der orientalischen Kultur, welche die europäischen Adelshöfe nicht nur materiell, sondern auch ideell bereicherte. Nicht, dass es bis dahin nichts Schönes in Europa gegeben hätte. Ein Blick auf die erhaltene antike Architektur, bereichert um die Schöpfungen der Romanik, gehört ebenso dazu wie etwa die Kunst des Minnegesangs oder die herrliche Buchmalerei. Aber die Reflexion dieser Schönheit war im Vergleich zum Orient eher rudimentärer Art.

WER DIE SCHÖNHEIT ALLAHS
SCHAUEN WILL …

Für die Muslime steht ebenso wie für die Christen außer Frage, dass es einen Gott gibt, der durch seinen Willen die Welt erschuf und beherrscht. Aber die muslimischen Gelehrten konnten dies durchaus mit den griechischen philosophischen Überlegungen in Einklang bringen, sogar nutzen, um sich Gott auf diesem Wege zu nähern. Dadurch fühlten sich die Denker des Abendlandes aufgefordert, ja herausgefordert, das heidnische Denken neu für das Christentum zu entdecken. Schließlich galt es – ganz gegen den Augenschein –, die Überlegenheit der eigenen Religion auf allen Gebieten zu erweisen. Dieser Gedanke ist auch heute nicht aus der Welt. Schönheit gewann so auf doppelte Weise eine neue Bedeutsamkeit. Nicht nur die augenfällige Hochkultur des Orients war den Abendländern Beschämung und Anlass zur Reflexion. Auch der Grundgedanke, dass Schönheit eine Frage der Wahrnehmung ist, musste in einer religiös kompatiblen Philosophie ausgearbeitet werden. Denn: Gott nimmt alles wahr, darin sind sich Muslime und Christen einig. Diese Wahrnehmung oder Ästhetik kann aber nicht vom Menschen oder etwas anderem abhängen. Denn nach christlicher und muslimischer Vorstellung ist Gott
ewig, die Welt hat aber einen Anfang. Das einzige, was Gott also ganz seinem Wesen entsprechend wahrnehmen kann, ist er selbst: Gott ist schön.

ÜBERNATÜRLICHE SCHÖNHEIT

Durch die Übersetzungen ins Lateinische wurde das Metaphysische zum Transzendenten, „Überschreitenden“. Bei einem der größten Philosophen des Mittelalters, Thomas von Aquin (1225– 1274), findet sich entsprechend eine Behandlung der Transzendentalien, womit gemeint ist, was allem (inklusive Gott) zukommt, also zum Wesen gehört, wenn auch in unterschiedlichem Maße oder Grade. Thomas zufolge gibt es fünf: ens (seiend), unum (eins), bonum (gut), verum (wahr) und eben pulchrum (schön). Bei Gott gilt alles in der höchsten Perfektion, bei allem anderen in geringerem Maße. Entsprechend ist alles irgendwie schön, und innerhalb seines Bereichs umso schöner, je mehr es seinem Wesen entspricht. Thomas’ Ausführungen und die ähnlicher Denker werden schulbildend (Scholastik) und prägen die Philosophiegeschichte bis heute, freuen und ärgern sich die Philosophen doch am geschlossenen Weltbild dieser Scholastiker (von Immanuel Kant verächtlich „Dogmatiker“ genannt). Allerdings kommt eine eigene Disziplin der  Wahrnehmung oder Ästhetik erst im 18. Jahrhundert auf. Von nun an wird Schönheit mit Geschmack und Wohlgefallen umschrieben und also subjektiviert. Nicht mehr ist von einer Eigenschaft die Rede, sondern von einem Urteil des Verstandes. Dessen Maßstab wird aber nicht auf den Punkt gebracht, um allgemeingültig bleiben zu können – als Minimalkonsens: Schön ist, was gefällt

 

TEIL II: UND GRÜN DES LEBENS
GOLDNER BAUM

Mehr als zwei Jahrtausende abendländischer Philosophiegeschichte haben sich als vielleicht interessant, aber wenig hilfreich erwiesen, dem Phänomen der Schönheit als solchem auf die Spur zu kommen. Für einzelne Bereiche dagegen hat es immer „Fachliteratur“ gegeben, die Maßstäbe für Handwerk und Kunst gesetzt und also bestimmt hat, was im jeweiligen Feld als schön anzusehen ist. Unzählig sind seit der Antike diese Lehrbücher und Ratgeber; die Renaissance hat hier einen großen Anteil durch ihre Wiederentdeckung der griechischen und römischen Vorbilder. Auch der kunstsinnige Barock hat seine Ideale nicht nur in konkreten Werken, sondern auch in abstrakten Abhandlungen auszudrücken versucht. Dennoch bleibt für den heutigen Leser der Eindruck, es handele sich doch oftmals mehr um Zeitgeschmack als um einen wirklichen Versuch, zeitlose Schönheit zu definieren oder gar hervorzubringen. Weitet man den Blick über den Tellerrand Europas hinaus, wird es noch einmal herausfordernder. Dennoch soll hier ein Versuch gemacht werden, einige wenige Gedanken zur Schönheit zu formulieren, denen so etwas wie verbreitete – wenn auch nicht universelle – Geltung zukommen könnte. Einige grundsätzliche Einschränkungen sind voranzustellen.

NATUR UND KUNST

Als erstes soll daran erinnert werden, dass es zwei unterschiedliche Felder dessen gibt, was dem Menschen begegnen kann: das Natürliche (in dem Sinne, dass keine  enschliche Absicht hinter dem steckt, was an Bildern, Tönen, Bewegungen etc. wahrgenommen wird) und das Künstliche. Es ist der Unterschied zwischen dem Sonnenuntergang und einem Film davon, und er liegt auf der Hand. Beim „natürlichen“ Sonnenuntergang sind es nur die Beschränkung und Vorgaben der eigenen Wahrnehmung, der eigenen Assoziationen und der Perzeptivität insgesamt, die den einen Sonnenuntergang „schön“ machen können im Vergleich zu einem anderen eher drögen. Handelt es sich aber um eine Wiedergabe, kommen bekanntlich unzählige weitere Aspekte hinzu. Was wollte der Künstler zum Ausdruck bringen?  Welche Mittel hat er angewandt, und mit welchem Können? So auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ist die Frage beim Wahrnehmenden, welche Wertigkeit er dem Medium und Vermögen des Künstlers beimisst. Dazu kommt die Ambivalenz der Kunst, dass sie  sowohl weniger als auch mehr als die Natur zum Ausdruck bringen kann, weil sie sowohl reduzieren und fokussieren als auch übersteigern und verfeinern kann. Um beim Sonnenuntergang zu bleiben, vergleiche der Leser etwa die Wirkung der Flagge Japans mit dem Licht, wie es durch  die Fensterrosette im Westwerk des Straßburger Münsters scheint. „Was für ein grässlich hinkender Vergleich!“, darf man ruhig denken. Aber doch steckt hinter beidem dieselbe Erdrotation, die Menschen zu Kunst inspirierte.

REIZ DER GEGENSÄTZE

Eine zweite Einschränkung allzu allgemeiner Thesen: In der Kunstgeschichte ist es öfter der Fall, dass eine deutlich stil- und schulbildende Linie Gegenbewegungen hervorbringt und so eine gewisse Einseitigkeit ausgleicht. Solche Gegenbewegungen zeigen in den Augen des Verfassers, dass die jeweiligen Zeitgenossen ein Gespür dafür hatten, es ist noch nicht alles zur Schönheit gesagt. Dies kann sich ganz unterschiedlich ausdrücken. Als mögliche Ausprägungen eines solchen abweichenden, gegen den Mainstream gehenden Verständnisses von Schönheit seien vielleicht drei ins Gedächtnis gerufen. Einen kurzzeitigen, in gewisser Hinsicht revolutionären Bruch mit überkommener Gestaltung stellt etwa die Amarna-Kunst unter dem Pharao Echnaton (14. Jh. v. Chr.) dar; sowohl die Wahl der Themen als auch ihre Darstellung zeigt deutliche Unterschiede zu früheren und späteren Zeugnissen ägyptischer Kunst – wobei auch diese Kunstform auf überlieferten Mustern aufbaute. Beständiger ist das in Europa spätestens mit der aufkommenden Neuzeit weit verbreitete Motiv der vanitas, die Erinnerung an die Vergänglichkeit allen Seins. So lebensbejahend auch gerade die Barockzeit war, musste sie nach Ansicht ihrer Künstler immer wieder durchsetzt werden von Hinweisen auf den Tod. Und auch hier ist die Symbolik nicht eindeutig: Die von manchen Außenstehenden für düster, depressiv und sogar suizidal eingeschätzte Gothic- Szene etwa (das dritte Beispiel) kultiviert heute einen Begriff von Schönheit, der ebenfalls mit dem Reiz des Anderen, Gegensätzlichen kokettiert. Zu den genannten Einschränkungen kommen natürlich weitere, die dem Leser einfallen werden. Einige werden wir bei der Entwicklung unserer
Thesen zur Schönheit streifen.

ECCE HOMO

Wenn Schönheit eine Sache der Wahrnehmung ist, scheint es nur sinnvoll zu sein, den Wahrnehmenden bei sich selbst anfangen zu lassen. Was ist denn ein schöner Mensch? Vom klassischen Denken her sicherlich jemand, in dem sich äußere und innere Schönheit zu einem Gesamtbild vereinen. Es ist ja nachweislich immer noch so, dass attraktiven Menschen auch charakterliche Vorzüge zugesprochen werden, wenn es auch keinen Grund dafür gibt. Warum sonst befragt man Schauspieler öffentlich nach ihrer Meinung zu Gesetzesvorhaben? Offenbar wird bei den Schönen auch Klugheit vermutet, Ehrlichkeit, Einsatz für das Gemeinwohl. Doch was macht einen Menschen attraktiv? Auch hier kommen sowohl natürliche als auch kulturell-künstliche Faktoren in den Blick. Allerdings will ich den natürlichen deutlich den Vorzug geben, was eine universelle Geltung angeht: Dem Lebenden wird der Vorzug vor dem Toten gegeben, dem Gesunden vor dem Kranken und Gebrechlichen, dem Jungen vor dem Alten, dem Symmetrisch-Makellosen vor dem „Buckligen“, dem „Entstellten“. Die deutsche Sprache nimmt nicht umsonst „hässlich“ von „hassen“ und bringt so die gewissermaßen natürliche Abscheu vor dem Unschönen aus. Der Trugschluss von der äußeren auf die innere Schönheit und Wertschätzung der Person ist falsch und gefährlich. Bei allen Übertreibungen der politische korrekten Sprache, die noch den 90-Jährigen als „junger Mann“ anspricht und eine Fülle an Euphemismen entwickelt hat, um niemandem Anstoß zu geben, scheint hier doch einer in vielen Kulturen verbreitete Ansicht begegnet zu werden. Nur kurz angedeutet sei dies etwa in den Traditionen des Theaters auf der ganzen Welt. Zwangsweise
arbeitet es mit Vereinfachungen und Verstärkungen, umso mehr, je volkstümlicher es ist. Dem jugendlichen, tatkräftigen Charakter wird gern die Rolle des Helden zugeschrieben, während ein alter, gekrümmter König Japans und in den traditionellen Tänzen afrikanischer Völker. Bis heute spielen Filme und Inszenierungen mit diesen Klischees – und thematisieren ihre Problematik. Vielleicht am eindrücklichsten führt Das Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde (1854–1900), sein einziger Roman, vor Augen, welche Emotionen es auslösen kann, wenn der junge, schöne Held in Wahrheit ein verkommener Verbrecher ist, dem man es aber nicht ansehen kann. Bezeichnenderweise stellt sich die Frage nach der Attraktivität schwieriger dar, wenn das weibliche Geschlecht in den Blick kommt. Die Schönheitsideale sind hier deutlich vielfältiger, und sicher auch häufiger durch männliche Vorstellungen geprägt. Während sich Darstellungen muskulöser, kampf- und zeugungsfähiger Männer in allen Kulturen recht beständig halten, mussten und müssen Frauen „um der Schönheit willen“ vieles erleiden, was Gesundheit und freie Entfaltung nachhaltig einschränkt – von Wespentaillen über gebundene (verkrüppelte) Füße bis zum Verbrechen der Genitalverstümmelung. Falls es Frauen überhaupt gestattet wird, wahrgenommen zu werden.

MACHT UND MÖGLICHKEIT

Schönheit, wird hier deutlich, liegt nicht zuletzt in den Augen desjenigen Betrachters, der über die entsprechende Macht, die Finanzen oder sonstige Mittel verfügt, seine Vorstellungen umzusetzen. Die Architektur aller Kontinente macht das anschaulich. Es ist mit Aufwand und Kosten verbunden, Bleibendes zu schaffen. Entsprechend finden sich auf der ganzen Welt große, oft symmetrische Paläste in weitläufigen Parkanlagen. Diese drücken natürlich die Herrschaft von Menschen über Menschen aus, zu einem gewissen  Grade auch über die Natur, die dem Menschen zu Willen zu sein hat. So wird aus der Wildnis der Garten, aus dem Chaos die Ordnung. So werden auch Musik und Tanz: dem Natürlichen werden Regel, Maß und Ordnung gegeben; so wird Sport und Spiel. Und wieder gilt, dass als schön bezeichnet werden kann, was Natürliches  aufgreift, und das, was dem Natürlichen zuwiderläuft oder über es hinausgeht. Die Rhythmen des Atems, des Herzschlags, von Tag und Nacht, dem Lauf der Jahreszeiten lassen den Menschen nicht unbeeindruckt zurück.

„ES WAR DOCH SO SCHÖN“

Vieles blieb unerwähnt; die Dichtkunst etwa wurde nur knapp in der Überschrift gestreift, dem bekannten Zitat des Mephistopheles aus Johann Wolfgang Goethes Faust I. Der weise Goethe stellt in seinen Werken dessen diabolischer Sicht auf die Welt und ihre Schönheit so manches Korrektiv entgegen – nicht zuletzt entwickelt er in seiner Farbenlehre eine eigene kleine Ästhetik. Einfacher drückt Goethe viel Wahres in seinem Türmerlied aus, in dem der Mann auf dem Turm – wohl wissend um den „künstlichen“ Turm und seine ihm von der Gesellschaft gegebene und bestallte Aufgabe – sich an dem erfreut, was er alles wahrnehmen durfte. Der Begriff der Schönheit bleibt schillernd und vielgestalt, wird auch wohl von einem jeden anders in Worte zu fassen sein, falls denn Worte überhaupt genügen. Die Frage nach ihr, und die Freude an ihr, sind aber beide wach und lebendig zu halten. Und bessere Antworten als das „alles ist irgendwie schön“ der Philosophie oder der Verweis auf Moden und Geschmäcker umgeben uns auf allen Seiten. Vielleicht auch auf den Seiten  dieser Ausgabe der Akademischen Blätter.


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Dominik Matuschek

geb. 1982, Dr. theol., VDSt Bonn, Chefredaktion.

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