Idylle und Tragik

Adalbert Stifters dreibändiger „Nachsommer“ wurde 1857 veröffentlicht. Die zeitgenössische Leserschaft war sich weitgehend einig: langatmig, flache Charaktere, oberlehrerhaft. Wie sein Autor geriet der Roman in Vergessenheit. Erst die 1920er Jahre entdeckten ihn – seither gehört er unserem Lektürekanon an.


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caspar david friedrich i

Aufziehendes Unwetter

Ein Anwesen am Gebirgshang, „über und über mit Rosen bedeckt“. Zufall trieb den jungen Wanderer dort hin; unter gewitterdunklem Himmel die nächste Unterkunft. „Es war, da schon ein großer Theil des Landes [...] im Schatten lag, noch hell beleuchtet, und sah mit einladendem schimmerndem Weiß in das Grau und Blau der Landschaft hinaus.“ Ein älterer Mann öffnete, als der Schutzsuchende Einlass begehrte, schien ob seiner ungewöhnlichen und ärmlichen Kleidung Diener zu sein und war doch Hausherr. Regen würde nicht fallen, versicherte er. Aber der Wanderer war andrer Überzeugung. Mit Meteorologie kannte er sich aus. Der Fremde ließ ihn hinein.

Was war das Geheimnis des Rosenhofs?

Vom Aufwachsen eines Jünglings

Der junge Wanderer, lange namenlos, ist Handlungsträger des Romans. Wir erfahren von seinem Aufwachsen: Bildung und familiäre Harmonie, dabei strenge häusliche Ordnung, aber keine Gängelung. Der Vater, Sammler antiker und romantischer Relikte – Steinschnitzereien, Gemälde, Möbel, Münzen – führt ihn ein in Literatur und Kunst. Als sich der Jüngling, älter werdend, zu keiner speziellen Tätigkeit entschließen kann, zieht er mit dem Segen seines Vaters als „Wissenschafter im Allgemeinen“ in die Welt. Pflanzen beschäftigen ihn und Gesteine, dann Tiere, Berge, das Wetter, der Himmel überhaupt. Biologisches Interesse wird gefolgt von geographischem und meteorologischem. Seine Beobachtungen beschreibt der Jüngling zuerst, dann fertigt er Skizzen an, schließlich befasst er sich mit Farbenlehre und Coloration. Wissbegierde und erkundschafteter Raum weiten sich gleichermaßen. Aus der Stadt erst zu Bekannten der Eltern und schließlich in die Fremde, ins Gebirge. Auf einem dieser Streifzüge stößt er auf den Rosenhof.

Natur und Kunst

Es regnete nicht. Jugendlicher Wissenschaft zum Trotz behielt „der alte Gastfreund“ recht: Er hatte genauer hingesehen, im Verhalten der Tiere den entscheidenden Hinweis gefunden. Überhaupt lebte er im Einklang mit der Natur, alle Pflanzen seines Gartens wurden liebevoll gemäß ihren Bedürfnissen gehegt, nützliche Vögel mit Futter und Niststätten versorgt. Faszination und Gastlichkeit verzögerten die Abreise des Wanderers. Gleich dem eignen Elternhaus gab es hier alte Einrichtungs- und Kunstgegenstände. Darüber hinaus ließ der Alte eigene Möbel anfertigen, die verschiedene Kultureinflüsse harmonisch einten. Seine Sammlung übertraf die väterliche noch. Aber auch hier: strenge Ordnung über allem. Der Jüngling lernte viel. Garten, Felder, ein Waldstück gehörten dem Rosenhof an. Ein Gewächshaus mit seltenen und exotischen Gewächsen. Überall Rätsel, ihrer Enthüllung harrend. Man unterhielt sich sachlich, war zurückhaltend, tauschte nicht einmal Namen aus. Tiefer Respekt vor dem anderen zeitigte Diskretion, aber auch Herzlichkeit, die Anteil nahm am fremden Schicksal. Als sich der Jüngling schließlich verabschiedete, war ein Wiedersehen im nächsten Jahr fest verabredet.

Zurück im Elternhaus. Abseits der familiären Wärme, in der städtischen Gesellschaft, fühlte sich der Jüngling weniger wohl. Die Gespräche der Gleichaltrigen waren ihm fremd. Auch andersherum: „Ich vermuthete, daß sie mich wegen meiner Sonderlichkeit geringer achteten als sich unter einander selbst.“ Aber er floh das aushäusige Umfeld nicht, ging ins Theater, fand sogar Eingang in höhere Kreise, erlangte die Sympathie all derer, die Bescheidenheit und Zurückhaltung zu schätzen wissen. Die Architektur gewann sein Interesse. Zeichenobjekt waren jetzt menschliche Antlitze.

Von Bildung, Erfahrung und Liebe

Mit den verschiedensten Gegenständen der belebten und unbelebten Natur, der Kultur, der Gesellschaft befasst sich der Handelnde. Durchdringt und meistert sie, wendet sich dem Nächsthöheren zu. Skizzen münden in Malerei. Ausgewählter Marmor, ein Gebirgsfund, wird zur erlesenen Tischplatte. Sorgfältiger Umgang mit Pflanzen lehrt angemessenen Umgang mit Menschen. Später bewegt sich der Jüngling auch in der Stadtgesellschaft unbefangen. Meisterwerke aller schönen Künste lernt er kennen und beurteilen. Veredelte Natur ist Kunst.

Aber all das entwickelt sich langsam. Alles in Stifters Roman benötigt Zeit, muss in Ordnungsbahnen verlaufen, um Harmonie zu erreichen.

Beim zweiten Besuch des Rosenhofes trifft der Jüngling zwei Freundinnen seines Gastfreundes, Mathilde und deren Tochter Natalie. Fast lebt man jetzt wie eine Familie, was hier „immer bisher gefehlt“ hatte. Aber das Verhältnis der beiden Älteren ist geheimnisvoll, und der taktvolle Gast möchte es vorerst nicht ergründen. Rasch entwickelt er Natalie gegenüber ein tieferes Empfinden, dem er noch keinen Ausdruck geben kann. Auch die Liebe übt Zurückhaltung. Vor aller Hoffnung auf glückliche Zweisamkeit muss der Jüngling seine Bestimmung in der Welt finden.

In der Tiefe

Bildung ist das große Motiv des Romans. Frei soll der Mensch seine Anlagen entfalten. Zweck ist die Menschwerdung an sich, aller gesellschaftlicher Nutzen kommt erst an zweiter Stelle. Das ist reiner Humanismus im Sinne Humboldts. Die Frage nach Kunst und Kultur – Orientierung am klassischen Altertum oder Rückbesinnung auf das Heimische? – schließt sich hier eng an. Klassik und Romantik, das waren die großen widerstrebenden Kulturströmungen des 19. Jahrhunderts. In Stifters Roman lassen sie sich zum neuen Ideal vereinigen.

Was Bildung dem Individuum ist, sind Zurückhaltung und Ordnungsliebe der Gesellschaft. Aus ihnen erwachsen Innigkeit und Einklang – die soziale Dimension des Romans. Jedem Menschen ist ein Platz in der Welt bestimmt, diesen zu suchen seine Aufgabe. „Es wäre die schwerste Sünde, seinen Weg nur ausschließlich dazu zu wählen, wie man sich so oft ausdrückt, der Menschheit nüzlich zu werden.“ Aber die moderne Gesellschaft drängt dazu, und die Individualität geht verloren; „die Menschheit wird dadurch immer mehr eine Heerde“. Hier liegt der Keim menschlichen Unglücks. Alles Heil dagegen erwächst aus der Familie: „Die Familie ist es, die unsern Zeiten noth thut, sie thut mehr noth als Kunst und Wissenschaft als Verkehr Handel Aufschwung Fortschritt, oder wie alles heißt, was begehrungswerth erscheint. Auf der Familie ruht die Kunst die Wissenschaft der menschliche Fortschritt der Staat. Wenn Ehen nicht beglücktes Familienleben werden, so bringst du vergeblich das Höchste in der Wissenschaft und Kunst hervor, du reichst es einem Geschlechte, das sittlich verkommt, dem deine Gabe endlich nichts mehr nüzt, und das zulezt unterläßt, solche Güter hervor zu bringen.“

Indem der Einzelne seine Anlagen entfaltet, im wörtlichen Sinne seinen Beruf findet, entsteht gesellschaftliche Ordnung. Mit der äußeren Tätigkeit korrespondiert nach innen hin das Familienleben; hier wurzelt die neue Generation und wächst unter sorgfältiger Pflege gen Eigenständigkeit hinan. Einblick in diese früheren Entwicklungsphasen gewähren die Schwester des Protagonisten, Klotilde, und Natalies Bruder Gustav. Grundlegende Kenntnisse werden vermittelt, Interessen geweckt, Verantwortlichkeit wird gelehrt. Das Rüstzeug, dessen der junge Mensch auf seinem Weg zu sich selbst bedarf – um schließlich den Kreislauf erneut in Gang zu setzen.

Unter der Oberfläche von Stifters scheinbar beschaulichem Roman, der sich so behaglich in die Breite dehnt und gern aufs geringste Detail schaut, findet sich ein weit verstrebtes weltanschauliches Gerüst, auf dessen verschiedene Ebenen uns der Erzählstrang führt.

Vögel und Menschen

Während des zweiten Aufenthaltes auf dem Rosenhof unternahmen Gastfreund und Jüngling einen Spaziergang. Erste Vögel machten sich bemerkbar. Da sprach der Alte: „Wenn ihr länger bei uns wäret, so würdet ihr jezt eine ganze Lebensgeschichte dieser Thiere erfahren. Die Zurückgebliebenen fangen schon an, sich zu erheitern, die fortgezogen sind, treffen bereits allmählich ein, und werden mit Geschrei empfangen. Sie drängen sich sehr an die Tafel, und sputen sich, bis die in der Fremde erfahrnen Nahrungssorgen verwunden sind; denn dort werden sie schwerlich einen Brodvater finden, der ihnen gibt. Von da an werden sie immer inniger, und singen täglich schöner. Dann wird ein Gekose in den Zweigen, und sie jagen sich. Hieran schließt sich die Häuslichkeit. Sie sorgen für die Zukunft, und schleppen sich mit närrischen Lappen zu dem Nesterbau. Ich lasse ihnen dann allerlei Fäden zupfen, sie nehmen sie aber nicht immer, sondern ich sehe manchmal einen, wie er an einem kothigen Halme zerrt. Nun kömmt die Zeit der Arbeit wie bei uns in den Männerjahren. Da werden die leichtsinnigen Vögel ernsthaft, sie sind rastlos beschäftigt, ihre Nachkommen zu füttern, sie zu erziehen und zu unterrichten, daß sie zu etwas Tüchtigem tauglich werden, namentlich zu der großen bevorstehenden Reise. Gegen den Herbst kömmt wieder eine freiere Zeit. Da haben sie gleichsam einen Nachsommer, und spielen eine Weile, ehe sie fort gehen.“

Das Vogeljahr – ein Menschenleben.

Bald schon zeigt sich neben allem, was hoffnungsvoll entsteht, die Spur tiefer Tragik. Was geschehen muss, damit ein Mensch seinen Sommer verpasst und ihm allenfalls der Nachsommer bleibt – Stifters großer Roman offenbart es.

 

Adalbert Stifter: Der Nachsommer. Reclam-Verlag 2005, 903 Seiten. ISBN-13: 978-3150183526

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Zur Person: Adalbert Stifter
Am 23. Oktober 1805 wurde Adalbert Stifter in Böhmen geboren. Nach einem abgebrochenen juristischen Studium war er als Lehrer und Schriftsteller tätig. Seine mittleren Werke fanden ein gewisses Publikum, das später aber ausblieb. Schwere Krankheit bewog ihn zum Freitod. In Linz, am 28. Januar 1868.

Werke (Auszug):
Der Condor (1841)
Der Hochwald (1841)
Die Mappe meines Urgroßvaters (1842)
Der Hagestolz (1845)
Der Bergkristall (1853)
Der Nachsommer (1857)
Witiko (1867)


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Manuel Mackasare

geb. 1985, Historiker, VDSt Breslau-Bochum.

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