Individualität als nationale Tugend

Mit „Rembrandt als Erzieher“ landete Julius Langbehn einen spektakulären Bestseller. Bereits in den ersten zwei Jahren nach Erscheinen erlebte das Buch 39 Auflagen. Damit avancierte Langbehn zu einem der einflussreichsten Vertreter des Kulturpessimismus im ausklingenden 19. Jahrhundert – mit antimodernistischen, antimaterialistischen und antisemitischen Anklängen. André Richter hat das Werk aus dem Giftschrank geholt – und kommt zu einem differenzierten Urteil.


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Rembrandt_1Das Jahr 2013 haben wir hinter uns gelassen und 2014 steht in voller Blüte. Beide Jahre erscheinen voller Ereignisse und voller geschichtlicher Nachwehen. Sei es der Eingriff Gustav Adolphs in den 30jährigen Krieg vor über 300 Jahren oder die Völkerschlacht bei Leipzig vor 200 Jahren, das Hohenmeißnertreffen der Jugend vor hundert Jahren oder das darüber hinaus breit ausgewalzte und per Buchtitel gut vermarktete letzte Friedensjahr des zweiten Kaiserreiches. In allen öffentlichen Reminiszenzen liegt indes ein Maß an Finsternis. Galt Gustav Adolph vormals als Befreier und Schützer des Protestantismus, so wird er nun historisch als egozentrischer und machthungriger Schwede sichtbar. Wurde die Völkerschlacht als ein einschneidendes Ereignis nationaler Wiedergeburt gesehen, so erscheint sie gegenwärtig als ein blutiges Machtgerangel europäischer Fürsten, mit fatalen Folgen für die bürgerlichen Freiheiten. Und selbst das oppositionell gestimmte, erste reichsweite Treffen von Jugendverbänden bei Kassel–die Gegenveranstaltung zur kaiserlichen Einweihung des Kriegerdenkmals bei Leipzig – gerinnt in der medialen Wahrnehmung unserer Zeit zu einer deutsch-völkelnden, finsteren Zusammenkunft von Fortschrittsverweigerern. Warum?

Alle Ereignisse verbindet, dass sie in ihrem Nachgang identitäre Bewegungen auslösten, deren Ziel, auf unterschiedlichen Ebenen, die ideelle Einheit von Menschen deutscher Zunge war – ein Ziel, dass in gegenwärtigen geschichtspolitischen Einschätzungen als fatal erscheint oder dämonisiert wird. Doch in eben diesem Sinne bildeten auch die V.D.S.t. „das Ergebnis einer national-politischen Bewegung. (…) (M)it jugendlicher Begeisterung, zuweilen auch mit jugendlicher Übertreibung haben sie (dabei) die nationalen Gedanken aufgefasst“ (Weber 1910, S. 1). Der Wille zur „Schaffung eines neuen Nationalgefühls“ (Janzen 1981, S. 10), „gegen die politische und nationale Gleichgültigkeit der alten wie der jungen Generation“ (Maßmann 1931, S. 134), wurde zum Auslöser und Motor der Entwicklung des Kyffhäuserverbandes, wie im Nachgang der Jahrzehnte eine Reihe an Retrospektiven belegen. In diese Zeit des Aufbruchs hinein wirkte zugleich ein Buch, dass wie kaum ein anderes das Selbstverständnis studentischer und akademischer Kreise seiner Zeit prägte und mit weit über 80 Auflagen in 250 Tausend Exemplaren bis in die 1940er Jahre publiziert wurde – „Rembrandt als Erzieher. Von einem Deutschen“.

Man hielt das Werk ursprünglich für einen Text des Kulturphilosophen Paul de Lagarde oder für ein Spätwerk Friedrich Nietzsches, denn der Verfasser blieb anonym. Und in der Tat war der Autor nicht weit von letzterem entfernt, denn er wirkte einige Zeit als Betreuer des seit 1889 geistig umnachteten Philosophiegenies und empfand sich nicht nur als geistesnaher Verehrer sondern, gestützt auf das spätere Wohlwollen von Nietzsches Schwester, Elisabeth Förster-Nietzsche, zugleich als dessen spätberufener Schüler – August Julius Langbehn (1851-1907). Die „Streitschrift“ Langbehn’s hatte indes nicht nur Verehrer, sondern führte schon früh zu kritischen Auseinandersetzungen. Der Schriftsteller Max Nordau sah darin die „Faselei eines Schwachsinnigen“ (zit. n. Leuschner 1990, S. 108). Rudolf Steiner empfand die aphoristische Form des Textes als eine Mischung aus „kräftig durcheinander geschüttelt(en)“ Zetteln, deren „Gedankenplätschern in seichten Geist-Gewässern“ ihm Unbehagen bereiteten (Steiner 1925, S. 93 f.). Im Nachgang der geschichtlichen Entwicklung des 20. Jahrhunderts wurden die Einschätzungen jedoch vernichtender und ließen das Buch quasi als Blaupause für nationalsozialistische Verbrechen erscheinen, wenngleich sich nur wenige Urteilsgeber die Mühe machten das Werk zu lesen und im Geist seiner Zeit nachzuvollziehen. Gehört Langbehn’s „Rembrandtdeutscher“, ein Buch, dass auch Bundesbrüder aus unseren Reihen prägte also in den „Giftschrank“ der Geschichte?

Im folgenden möchte ich, nach einer kurzen Einführung zur Person des Autors, eine Schneise durch die Gedankenwelt des Textes schlagen, um Kernthesen Langbehn’s sichtbar werden zu lassen, deren Grundtendenzen, durchaus an Nietzsches „Unzeitgemäßen Betrachtungen“ anschließend, ebenso in Lagardes Texten (1875), in Ansätzen Oswald Spenglers (1923), ja selbst Karl Jaspers (1931) oder des erwähnten Max Nordau (1892), der später als Zionist in Palästina wirkte, zu finden sind.

Langbehn, 1870er Kriegsfreiwilliger und Reserveleutnant, promoviert in Archäologie und bewandert in Kunstgeschichte, überdies Farbenbruder einer Kieler Burschenschaft, war eine schillernde, zum Exzentriker geneigte Persönlichkeit, die ihn mit der kontradiktischen Geisteshaltung Nietzsches zu verbinden schien. Schon der Entwurf seines Gedichtbandes, der „40 Lieder von einem Deutschen“, provozierte die Öffentlichkeit, ob seiner als obszön wahrgenommenen Naturalistik. Nun rechnete er, im Kulturschatten des großen Meisters, mit dem modernistischen Zeitgeist der Wilhelminischen Epoche ab, deren Rationalismus, Ökonomismus, Kollektivismus und Materialismus die Quellen der natürlichen Identität eines Kulturvolkes bedrohten. Zergliederung und Zerfaserung von Einheit und das Eindringen kulturfremder, lebensfremder und feindlicher Elemente spielen dabei in seiner kulturphilosophisch verstandenen Analyse eine wichtige Rolle.

„Es ist nachgerade zum öffentlichen Geheimniß geworden, daß das geistige Leben des deutschen Volkes sich gegenwärtig in einem Zustande des langsamen, Einige meinen auch des rapiden Verfalls befindet“ beginnt Langbehn seine Darlegungen (Langbehn 1891, S. 1), um im Nachgang zentrale Elemente dieser scheinbaren Destruktion zu benennen:

  • Demokratismus, als „nivilierende(r) atomisierende(r) Geist des jetzigen Jahrhunderts“ (ebd.),
  • Materialismus mit seinem „atemlose(n) jagen nach Gewinnst“ und damit verbundene Vermassung „in den heimatlosen Millionenstädten“ ( ebd., S. 16),
  • lebensfremder Modernismus, der in sich nicht „das Gegengewicht des Bleibenden Festen Notwendigen Angeborenen Ewigen trägt“ (ebd., S. 19),
  • mechanisch, professoral daherkommender Spezialismus, der, als eine unheilvolle „mikroskopisch denkende Wissenschaft“ (ebd., S. 61), zwar Einzelheiten konstatiert, aber darüber „die Einheit des Weltbildes aus dem Auge“ verliert, „der Bausteine liefert, aber kein Gebäude“ (ebd., S. 63) und
  •  jene Entfremdung der deutschen Volksseele, die durch „Ausländerei“ verursacht werde.

Der Niedergang sei in allen Teilen des deutschen Lebens spürbar und drückt sich in einer katheterpultartig-gelehrsamen, objektivistisch-wissenschaftlichen, blutleeren „Überkultur“ aus. Doch „solang ein Volk lebendig ist, kann es sich der Nothwendigkeit großer geistiger Achsenverschiebungen, in seinem Inneren, nicht entziehen“, denn „die Tage der Objektivität neigen sich wieder einmal zu Ende“ (ebd., S. 2). Die geistige Signatur des Kommenden indessen werde das hohe königliche Recht der Subjektivität sein, so Langbehn. Sie verkünde „eine Rückkehr zur Farbe und Lebensfreudigkeit, zur Einheit und Feinheit, zur Innigkeit und Innerlichkeit“ (ebd., S. 3). Ihr Zeichen ist die Kunst, ihr Typus der Künstler und ihre kommende künstlerische Bildung lege die natürlichen Ströme im Leben eines Volkes wieder frei, denn „das Volk muß nicht von der Natur weg-, sondern zu ihr zurückerzogen werden (…) (i)ndem es auf seine eigenen Urkräfte zurückgreift“ (ebd.).

Die treibende „Grund- und Urkraft alles Deutschtums“ (ebd.) liegt für Langbehn wiederum in seinem zerklüfteten Wesen, seiner Neigung, dem eigenen Kopf zu folgen und der damit einhergehenden „sprichwörtlich() und politisch so oft nachtheilig gewesenen(n) deutsche(n) Uneinigkeit“ (ebd.). Bei Lichte betrachtet sei sie jedoch weniger ein Nachteil, als die Fähigkeit einer unendlich vielfältigen und einflussgebietenden Reichhaltigkeit auf das Ganze von Welt und Menschheit. Ihr Ausdruck zeige sich in unbedingtem Individualismus, der jedoch nicht Zersplitterung bedeute, sondern charakterliche Eigenart und Eigenwille des Volksgeistes, denn „‘Charakter haben und deutsch sein, ist ohne Frage gleichbedeutend‘ sagt Fichte“ (ebd.).

Der Individualismus sei die Wurzel aller Kunst, so Langbehn. In diesem Sinne sind die Deutschen „das künstlerisch bedeutendste aller Völker (…), ein Kunstvolk“ (ebd., S. 4), dass zu seiner instinktiv spürbaren Bestimmung zurückfinden müsse; d.h. der „Erziehung zum Individualismus“ als Spitze eines Weges, der mit dem Humanitätsgedanken einsetzte, den Nationalbegriff formte, die Stammeseigentümlichkeiten einbezog und über den Wert der Familie nun den deutschen Menschen sieht – den „Naturdeutschen“ (ebd., S. 5). Doch das Individuelle ist weder Selbstzweck noch maßlose Barbarei. Es habe die Aufgabe, der rein persönlichen Willkür entrückt, am „Bau eines Volks- und Weltlebens“ mitzuwirken und so Teil der Schaar von Männer zu werden, die als Deutsche „dem Deutschtum dienen“ (ebd.). Im Querschnitt eines Volkes werde sein Charakter sichtbar, so Langbehn, im Längsschnitt die Dauerhaftigkeit seiner Eigenart, der „Ahnensaal des betreffenden Volksgeistes“ (ebd.). Im Laufe der Geschichte entstehe so die Volksindividualität, d.h. die geistige Grundhaltung, die ein Volk in sich trägt.

„Wenn die Deutschen das vorzugsweise individuelle Volk sind, so kann (…) ihnen auch nur der individuellste ihrer Künstler als geistiger Wegführer dienen (…): Rembrandt“ (ebd., S. 9). Langbehn begründet die Wahl des Malers mit dessen Eigenart als Mensch und Künstler, mit dessen Maltechnik und Gesinnung. Die politische-niederländische Zugehörigkeit störe dabei nicht, sondern zeige vielmehr die Zerklüftung des „deutschen Volkskörpers“. Doch „Geist und Körper, im Volk wie im Einzelnen, sollen sich wieder zusammenfinden; der Riß, welcher durch die moderne Kultur geht, muß sich wieder schließen“ (ebd.). Rembrandt sei dabei der Gewährsmann und ein „wirksames Gegengift gegen das deutsche Schulmeistertum“ (ebd.), denn der Deutsche brauche Bildungstypen und nicht Bildungsschablonen. Ein Typus „formt sich von innen nach außen, eine Schablone aber von außen nach innen; das ist der große Unterschied“ (ebd., S. 10). In Rembrandt nun habe der deutsche Mensch die Gestalt des „Bewegten und Ungleichartigen, des individuell veranlagten vor sich, welches (auch) den Grundzug des deutschen Charakters und (…) der deutschen Kunst bildet“ (ebd).

„Individualität haben heißt Seele haben“ (ebd., S. 11) und so gehe es in der Religion, der Kunst und der Erziehung des deutschen Menschen zugleich um das Seelenheil. „Seelenverleugnung ist (jedoch) die Losung des Christen, Seelenbestätigung (aber) die Losung des Künstlers“ (ebd.). Die damit verbundene schöpferische Kraft des Besonderen, die Polyphonie des Genius wiederum sei, so Langbehn, für das Werden eines Volkes so kostbar wie seine Ehre. Darum gelte es „den hohen Werth der künstlerischen Einzelseele unter allen Umständen zu beachten, zu schätzen, auszunutzen“ (ebd., S. 14). Ist der Künstler, geistig auf eigenen Füßen stehend, doch zugleich sittlicher Erzieher seines Volkes und damit Ausdruck seines Stammes. „Rembrandt war (in diesem Sinne) nicht nur ein protestantischer Künstler., sondern auch ein künstlerischer Protestant“ und eine starke Persönlichkeit (ebd., S. 15). Diese jedoch erwächst „nur aus starkem Stammesgeist und dieser aus starkem Volksgeist“ (ebd.). Den Deutschen, die sich auf Grund der „politischen Zersetzung“ mehr als einander regional, lokal oder staatskörperlich Fremde verstehen oder jenen, die sich in den großen Zentren zu ballen suchen, zusammenfilzen und nach der herrschenden Mode ausrichten, sei allerdings ein Stück der tieferen Volksseele abhanden gekommen, dass wiedererobert werden müsse.

„Das Lebende hat Recht“. Darum muss man auch den Charakter eines Volkes „in seiner lebendigen Fauna, nicht in seinen Versteinerungen studieren“ (ebd., S. 19). Folgerichtig solle sich die „irrende Seele der Deutschen (…) wieder an den heimathlichen Boden binden“ – im Ausdruck der Kunst wie im Leben. In seiner „göttlichen Unbefangenheit, seinem sachlichen Blick, seiner rücksichtslosen Verachtung aller willkürlich gezogenen Schranken der Kunst“ sei Rembrandt so zum Eroberer der Kunst geworden (ebd., S. 23). In gleicher Art habe Tacitus von germanischer Landnahme und Lebensweise Bericht gegeben. Die Kunst Rembrandts ist darum vielleicht „die stärkste Barbarei, die es je gegeben hat; aber diese Kunst ist zugleich auch die feinste Barbarei, die es je gegeben hat. Eben darum kann und soll sie uns Deutschen, die wir einmal Barbaren sind und bleiben, als ein Muster deutscher Bildnerei und Bildung gelten“, das zugleich Einfluss auf das sittliche Handeln nimmt (ebd., S. 24). Sittlichkeit jedoch verbindet sich mit Stil, denn im Stil zeige sich die Individualität eines Volkes, die Handschrift: „also die persönliche Eigenart, die sich äußerlich sichtbar dokumentiert“ (ebd., S. 27).

Stil zeigt sich für Langbehn in der Individualität des Einzelnen und in der Geschlossenheit mehrerer Menschen. „Stil ist mithin geschlossener geistiger Charakter (…) im Anschluß an die Individualität, in aufsteigender Gliederung der Massen; der Stil eines Stammes faßt den mehrerer Personen, der eines Volkes den mehrerer Stämme“ (ebd.). Er ist „ein Stück vom Herzen des Volkes“ (ebd.). Stillosigkeit und Formlosigkeit werde allerdings oft von Menschen wahrgenommen, die selbst über keinen Stil verfügen und mithin nicht Teil eines Ganzen sein können, meint Langbehn. Denn schablonenhafte und schematische Aufreihungen von Richtungssätzen in der Kunst, von Dogmen in der Religion und stupiden Klassifikationen in der Wissenschaft seien bar jeder Individualität und damit bar jeder Innerlichkeit und Seele, die zur unverwechselbaren Handschrift, dem Stil, gehöre. Wenn aber der Stil eines Volkes, d.h. seine Seele im inneren jedes einzelnen verankert ist, dann bedarf es eines Verstehens, wie er sich in seiner Individualität bei jedem Stammesgenossen ausdrückt und wie sich diese Grundmerkmale herausbilden lassen.

Der Stil eines Menschen ist seine sichtbare Haltung zu den Dingen. Hier entfalte und bewähre sich was innerlich angelegt erscheint. Denn der Mensch „kann sich den Einflüssen des Landes und des Bodens, auf dem er wuchs, nicht entziehen“, so Langbehn (ebd., S. 40). Seine körperlichen, geistigen und sittlichen Gaben sind ihm darum in die Wiege gelegt. In Kunst und Musik erscheint dies unbestritten. Denn menschliche Gaben „können wohl entwickelt geschult gebildet werden; aber wer sie nicht durch ursprüngliche Anlage besitzt, dem bleiben sie im wesentlichen versagt“ (ebd.). Doch gelte dies auch für jede seiner natürlichen Anlagen. „Es ist die Macht des Blutes, um welche es sich in allen diesen Verhältnissen handelt. (…) Das heißt: für den Menschen liegt der Schwerpunkt seines Daseins da, wo seine angeborenen angestammten angeerbten Eigenschaften liegen“ (ebd.). Diese ureigene Kraft formt für Langbehn unhintergehbar den Gehalt einer Persönlichkeit, ohne dass sich damit eine Auf- oder Abwertung verbinden muss, denn dort wo sie den legitimen Bezug zum eigenen Volksganzen besitzt, ist sie per se als „die schönste Zier der Nationen“ von „vornehmer Gesinnung“ (ebd., S. 39). Die Engländer etwa zeigen dies auf ritterliche und poetische Weise in den Werken Shakespeares, die Niederländer in ihrer Unerschrockenheit und ihrem liberalen aber dennoch bodenständigen Freiheitswillen, der, so betont Langbehn, immer wieder in Rembrand sichtbar werde (vgl. ebd., S. 120). Im „geistig klar blickende(n) Auge des Griechen“, dass mit Homer oder Sophokles einer emanzipierten Menschheit zum Lichte verhalf, komme das Wesen und der Stil einer Volksseele ebenso zum Ausdruck wie in den Strömungen der nördlichen „Seestämme“ Europas (ebd., S. 100), „Wie dem Deutschen in Shakespeare und Rembrandt, so schlägt ihm (dabei) auch in Cromwell und Pitt (zugleich) verwandtes Blut entgegen; (…) Kant’s intimster Freund, Green, war ein Engländer, Bismarck’s intimster Freund, Motley, ein Amerikaner“ und darum ist die höhere Entwicklung des „Menschenthums“ nur in der geistigen Summe führender Völker möglich (ebd., S. 234).

Wo der Gehalt einer Persönlichkeit, sein individueller Stil, organisch gewachsener Ausdruck und der „Charakterschimmer“ seines Stammes, seines Volkes sichtbar wird, zeige sich Kraft und Lebensfreude. Seinem Wesen nach ist er schöpferisch, d.h. „dass es, anscheinend widersinnig, desdo mehr wird je mehr man von ihm wegnimmt; (…). (Denn) (w)er zeugt oder schafft, giebt etwas von seinem Wesen weg; aber er vermehrt es eben dadurch“ (ebd., S. 101). Die damit verbunden Gesinnung trage einen aristokratischen Charakter. Denn „(a)lles Aristokratische ist angeboren; deshalb kann es eine körperliche, eine geistige, eine sittliche Aristokratie geben: aber eine Wissens- oder Geldaristokratie kann es nicht geben: mag man auch unlogischer Weise von solchen reden“ (ebd., S. 40). Aristokratisch ist das Wesen eines Menschen, wenn es ohne Zutun und ohne Doppeldeutigkeit seinen individuellen und stammeseigentümlichen Charakter zum Ausdruck bringt, egal was die herrschende Mode oder Politik erwarte oder vorschreibe. Es ist naturgemäß, denn das „Naturreich selbst ist aristokratisch aufgebaut“ (ebd,). Ihr Träger ist „der vornehme menschliche Einzeltypus“ (ebd., S. 282), in dem sich „die tieferen Charaktereigenschaften des Stammes verdichten“ und schöpferisch zum Ausdruck kommen (ebd., S.266). „Wo Kraft sich mit Selbstbewusstsein, wo Heiterkeit sich mit Ernst mischt, da stellt sich auch schließlich jene sozial und politisch vornehme Gesinnung ein“, die aristokratisch zu nennen sei (ebd., S. 39). Es komme indessen auf den unerschütterlichen Willen an, die echten, naturgemäßen, schöpferisch-gestaltenden Anlagen des Einzelmenschen auszuprägen. Doch „(s)einer (erdgeborenen) Individualität abtrünnig zu werden, aus bloßem Eigennutz oder aus Eitelkeit, ist gemein“ (ebd., S. 42) und führe zu jenen Zuständen, in denen der triviale „Bildungsnebel“ von Halbwissen und mechanistischer Weltanschauung sich mit ungezügeltem Materialismus und gesellschaftlichem Nihilismus verbinde. „Kommt das Echte eines Staats- oder Volkslebens an seine Peripherie, das Unechte aber ins Zentrum zu liegen, so wird das Ganze hohl“ (ebd, S. 110).

Ein Vorbild für Echtheit und vornehme Haltung sieht Langbehn im jüdischen Volksleben. „Ein echter und altgläubiger Jude hat unverkennbar etwas Vornehmens an sich; er gehört zu jener uralten sittlichen und geistigen Aristokratie, von der die meisten modernen Juden abgewichen sind“. In dieser Hinsicht könne sie als der „älteste() Adel der Welt“ bezeichnet werden (ebd., S. 42). Rembrand erkannte in ihnen jenen „charakterlichen Adel“, der auch in biblischen Überlieferungen seinen Niederschlag findet. „(J)ene zogen ihn, trotz ihrer Fremdartigkeit, als verwandte Geister an“ (ebd.). „Die wahrheitsliebende Rahel sagt von ihrem eigenen Bruder, dass er ein `Schuft`sei; sie schied sich von ihm wie sie musste; denn sie war eine sittliche geistige und sogar soziale Aristokratin. In Heine trifft sich gewissermaßen das Geschwisterpaar. (…) Er selbst hat die Geldgier (der Plebejer) seines Volkes verdammt“ (ebd.). Das ist die Polarität. „Die heimische Seele bedarf des leisen Anstoßes aus der Fremde; (…) Zweifellos hat Luther von den Psalmisten viel gelernt; und zweifellos ist Goethe von Spinoza (…) stark befruchtet worden: so sollten vornehme Juden und vornehme Deutsche einander befruchten“ und sich befreunden (ebd., S. 284). Doch finde sich beides, Ehrlichkeit und Ehrhaftigkeit, die Treue zur Individualität des Eigenen in beiden Stämmen nur noch in bescheidenem Maße. Sie müsse aber zur „Gesundung des Menschenthums“ wieder gewonnen werden.

Blicken wir mit Langbehn auf den aristokratisch-sittlichen Gehalt der Deutschen, dann erkennen wir zugleich Komponenten ihrer Schicksalsbezogenheit als Volk an den Mittelströmen Europas. „Musik und Ehrlichkeit, Barbarei und Frömmigkeit, Kindersinn und Selbstständigkeit sind hervorragendste Züge des deutschen Charakters. (…) Treue gegen sich selbst, Treue gegen das angeborene enge Stück deutscher Erde, Treue gegen den weiten lebendigen deutschen Volksgeist“ sind nationale Gründtugenden, wie sie sich, so Langbehn, auch in den Werken und dem Leben Rembrandts widerspiegeln, der darum auch ein Deutscher genannt werden könne ( ebd., S. 26). Die „musikalisch-melancholische Natur“ der Deutschen findet für Langbehn in Wagners oder Beethovens Werk sichtbaren Ausdruck (ebd. S.22). Die „deutsche Ehrlichkeit“, Wahrheitsliebe und Unbefangenheit machte die Deutschen für Langbehn zum freiesten aller Völker, ließ sie aber zugleich die Schlichen der Nachbarn im Auslande und der Fremden im eigenen Land oft zu spät erkennen. Seelenlosigkeit, Naturalismus, Pharisäertum, „Brutalität des Fühlens und Hochmuth des Geistes“ waren und seien die Folge; „die einen sagen dem deutschen Menschen was er thun, die anderen was er lassen soll“ (ebd., S. 324). Doch erscheinen jene Kräfte, die dem deutschen Wesen fremd sind, als schulmeisterlich entseelte Repräsentanten des Plebejertums; des trivialen Spezialismus,, des scholastischen Doktrinismus, des plebejischen Demokratismus und Materialismus, dem es im In- und Auslande zu begegnen gelte.

„Natur Nation Naivität entspringen einem gemeinsamen Wortstamme, der das Geborenwerden bezeichnet; also sich wieder auf die gegebenen Eigenschaften des Menschen bezieht“(ebd., S. 225) In der Natur findet sich für Langbehn die Genesis einer jeden Wesenheit, so auch der Deutschen, die zu ihren natürlichen, stammeseigentümlichen Wurzeln finden müssen. „Alle Bildung geht darauf aus, der Natur gewachsen zu sein; keine Berechnung, sondern nur Anschauung ist der Natur gewachsen“, so Langbehn (ebd., S. 185). So ist also die Erkenntnis des Eigenen tief und natürlich in uns verwurzelt und findet sich in den genetischen Bezügen des „Blutes“ wieder. „Man könnte sagen, daß der Mensch ein Blutstropfen sei, der Form und Wachstum angenommen habe; je mehr er diesem seinem Ursprung treu bleibt, desto weiter wird er es bringen. Aus dem Blut kommt die Blüte; und beide Worte sind, ihrer sprachlichen Ableitung nach, ursprünglich identisch“ (ebd., S. 227). Der damit verbundene, natürlich-organische Bezug findet sich für Langbehn zugleich im biologischen Prinzip des Zellwachstums wieder. Dabei ist das „alles Organische beherrschende Prinzip der Zelle, mit ihrem Zellenkern, (…) hier aufs soziale Gebiet übertragen“ und findet sich in den „kosmischen Verhältnissen“ natürlich gewachsener sozialer Ordnungen wieder. (ebd., S. 126).

In der Nation indessen verwirkliche sich die Einheit und Geschlossenheit der besten, natürlich gewachsenen Eigenschaften eines „höheren Menschenthums“. Die Nation, zumal die Deutsche, ist darum für Langbehn die naturgegebene Form der Geschlossenheit, in der das Wesen des Einzelnen im Zusammenschluss der Stämme zu Blüte gereicht (vgl. ebd., S. 235 f.). „Das Geheimnis besteht darin, sich an seine Individualität zu binden, sich aber nicht von ihr binden zu lassen (…) Das Recht des Einzelnen ist hier das Recht Aller; der Mann lebt in der „Masse“; und die Masse erkennt sich in dem „Mann; und die Deutschen erkennen sich in ihm“ (ebd., S. 293, 296). Doch die Masse ist es nicht allein, die einer nationalen Einheit Stetigkeit und Stärke verleiht. „Stil des nationalen Daseins (…) findet ein jedes und auch das deutsche Volk nur im Anschluss an die großen und wahrhaft schöpferischen Geisteskräfte seiner eigenen Vergangenheit: an seinen historischen Idealen“ (ebd. S. 194).

Ideale werden für Langbehn nicht in Namen, Zahlen oder wissenschaftlich skelettierten Begriffen sichtbar, sondern im, die Generationen überdauernden Geist eines Volkes, d.h. in einer Haltung, die sich dem Zugehörigen erschließen mag, dem Fremden indessen unverständlich bleiben kann. Für die Deutschen finden sie sich sowohl im Homerschen Griechentum der Antike als auch in den Wurzeln der eigenen, vor allen niederdeutschen Scholle, denn der „erdgeborene Niederdeutsche ist ein erdgeborener Aristokrat“ (ebd., S. 41). Und „(e)twas von dem weiten Blick und kräftigen Freiheitsdrang, der den Anwohnern der Nordsee eigen ist, würde (…) der deutschen Nation wohl anstehen“ (ebd., S. 160). Siegfriedmut und Brunhilds Streitbarkeit, Kriemhilds tiefe Leidenschaft und Luthers unbändiger Glaube, Goethes dichterische Seelentiefe und Bismarcks politische Wahrhaftigkeit und nicht zuletzt die bodenständige Echtheit Rembrandtschen Lebens und Werkes; in ihnen allen spiegelt sich für Langbehn ein spirituelles Erwachen der „Bejahung des Lebens“, des Mensch-Seins und damit einer natürlich zum Durchbruch strebenden Ordnung menschlicher Gemeinschaft, die den Bauern wie den Künstler adelt und den Bescheidensten zum „heimlichen Kaiser“ krönt . Echtheit und Einheit von Fühlen, Denken und Handeln soll das Leben der Menschen im neuen deutschen Reich bestimmen und der Christusspruch über die Kinder dabei ein Wegweiser sein, denn „Heroenzeit ist Kinderzeit“ (ebd., S 245). Im kindlichen Wesen komme die Seele des Menschen zutage, im kindlichen Handeln die unverstellte Tat. Darum sei das Kind zugleich „der Vater des Mannes“. „Kinder haben einen tiefen Ernst; sie sind (…) `unerbittliche Realisten’; aber es ist echter nicht falscher Realismus, der sie erfüllt; er ruht auf idealem Grund“ (ebd., S. 205, 247). Dieser Idealismus ist für Langbehn die Quelle nationalen und europäischen Ausgleichs. Denn er sei auch ein besondere Zug „im deutschen Volkscharakter“, der mehr als andere Völker „etwas kindliches in seinem Wesen“ besitze und darum, den alten Griechen gleich, befähigt sei „aus einem Geiste der Besonnenheit und Freiheit“ ausgleichend und führend den Hegemonien der Nachbarn zu begegnen (ebd., S. 245).

Bildung, „echte Bildung“, indessen ist die Voraussetzung, der Grundstock einer natürlichen Entwicklung des deutschen Menschen und der damit verbundenen geistigen Keime seines Volkslebens, denn der „Mensch schwebt weder in den Wolken noch hockt er im Sumpfe; aber steht, mit festem Fuß, auf der Erde; dies gilt für seine physische sowohl wie für seine geistige Existenz“ (ebd., S. 67). Dazu gehöre jedoch weniger die stupide Buchgelehrsamkeit der Halbgebildeten, noch der kalte Verstand der Spezialisten oder der oberflächliche Kommandogeist der Schulmeister als vielmehr das bodenständige Wachstum in der „Sphärenmusik“ organischer Existenz, um zum „Geiste des Weltganzen“ hindurchzudringen (ebd., S. 65). „Ìch war achtzehn Jahre alt und konnte so gut wie gar nichts; wäre ich der heutigen Schulbildung in die Hände gefallen, so wäre ich leiblich und geistig zu Grunde gegangen sagt A. von Humboldt“ (ebd., S. 111). Doch echte Bildung gehe nicht vom Munde eines Spezialisten aus, sondern umfasse die Entwicklung des ganzen Menschen. „Alle Bildung geht darauf aus, der Natur gewachsen zu sein; keine Berechnung, sondern nur Anschauung ist der Natur gewachsen: darum ist eine auf innere und äußere Anschauung gegründete die beste Volkserziehung“ (ebd., S. 185). Mit der Anschauungsweise eines „deutsch denkenden Geistes“ jedoch werde deutlich, „dass die Welt eine organische und nicht eine mechanische Einheit darstellt“ (ebd., S.66). Hier liegt für Langbehn der Schlüssel der Erkenntnis aller echten Bildung, denn das Wesen des Organischen sei auf Wachstum, Harmonie, Rhythmisierung und Gesundung ausgerichtet und beruhe deshalb darauf, schöpferisch zu sein. Bildung vollziehe sich jedoch nicht ohne Verstand, sonst wäre sie „tölpelhaft“, aber sie bedarf umso mehr der Herzen des Volkes, denn das „Wasser der Objektivität ist gut; aber der Wein der Begeisterung darf auch nicht fehlen; beides mit einander erst giebt die rechte Mischung“ (ebd., S. 70). Schließlich werde erst aus der inneren Haltung des Menschen, aus seinem Stil, sein Werk geboren. Dieser Hang zur stammeseigentümlichen Individualität indessen „will gegen die Welt vertheidigt sein, eben weil sie selbst eine Welt für sich ist“, denn „der aufrecht Gang erst macht (…) den Menschen“ (ebd., S. 199 f.). Dieses Mensch-Sein, d.h. die Züge seiner Individualität entfalten zu können, bedeutet für Langbehn, aus den Wurzeln der eigenen Herkunft und Abkunft zu schöpfen und sie weiteren Generationen zu eröffnen. Im Typus des erdgebunden Bauern, des volkstümlichen Künstlers und dem Volke entstammenden Kaisers werde dieser eigentümliche natürliche Bezug sichtbar, denn “nur diejenigen Dinge haben wirklichen Werth, in welchen das Element des Ewigen (…) und das Element des Persönlichen (…) sich das Gleichgewicht halten, (…) sich gegenseitig beseelen“ (ebd., S. 90). Damit sei es also die eigentliche Aufgabe aller Erziehung „die Deutschen zu Menschen zu erziehen“, d.h. „den Menschen dasjenige mit vollem Bewusstsein und möglichster Überlegung thun zu lehren, wozu das Beste und Eigenste und Tiefste seiner Natur ihn ohnehin schon instinktiv treibt; der Erzieher (…) ist (also) der Anwalt der besseren Natur des Menschen“ (ebd., S. 162).

Eine Kultur, die ihren entscheidenden Schwerpunkt in sich selbst behalte, zeuge starke Charaktere, und entwickle Geisteskräfte, die sie mit ihren Nachbarn vereint. So „haben die Holländer bisher in Staat Kunst und Handel mehr geleistet als irgend ein anderer“ und wirkten damit auch auf das oberdeutsche Wesen (ebd., S. 196). Die reiche Dichtung und tiefe Forschung Englands haben auf ähnliche Weise befruchtend auf das heutige Deutschland gewirkt. „Die Engländer gelten sich und anderen (deshalb) (…) für das vornehmste aller Völker; sie sind es, weil sie das individuellste aller Völker sind“ und hierin den Deutschen als Vorbild „echter Bildung“ gelten können (ebd., S. 233). Nun sei es an den Deutschen selbst „die politische mastership of the world“ zu sein und „ein gutes Einvernehmen mit seinen Verwandten an der See“, aber auch den unverwandten Völkern im Osten zu fördern (ebd., S. 231). Dabei wäre es indessen aus der Sicht Langbehns „nicht übel, wenn das schroffe deutsche Schwarzweißroth sich mit der Zeit zum holländischen Blauweißroth milderte und lichtete; freilich würden wir dadurch gerade zu den Farben unserer jetzigen beiden Hauptfeinde, Frankreich und Russland gelangen: auch sie führen Blau, Weiß und Roth. Aber vielleicht würde jene holländische Zuthat den verhaßten Prussien alsdann seinen murrenden Gegnern etwas weniger antipathisch erscheinen lassen; und man würde zunächst in den Farben, später möglicherweise auch in der Wirklichkeit zu den `vereinigten Staaten von Europa’ zusammenfinden, welche schon so lange ersehnt werden“ (ebd., S. 160).

Das vereinte Europa als Ziel, die erdgebundene Herkunft als Ausgangspunkt. Die (Mit)Verantwortung der Deutschen für ein Gelingen solchen Ausgleichs sieht Langbehn darin, dass sie als eine der starken Nationen ihre Führungsrolle auf- und ernst nehmen. Das Wort von der „deutsche(n) Weltherrschaft“ (ebd., S. 230) gilt ihm dabei als eine Metapher für die umfassende Verantwortungsgemeinschaft der Deutschen, die in ihrer aristokratischen und demokratischen Ausformung bis nach Amerika reiche. Zuvor jedoch bedarf es für Langbehn einer kulturell-geistigen Rückbesinnung und Erneuerung der Gesellschaft im kleinen, die in den nachfolgenden Jahrzehnten auch von anderen Autoren gefordert wurde, denn „das Volk spricht nur dann“, so etwa Paul de Lagarde, wenn es „in den Individuen zu Worte kommt“, wenn es in den einzelnen Menschen als Stammes- und Kulturgemeinschaft verwurzelt ist und gelebt wird (Lagarde 1875/1933, S. 85). Jede daraus erwachsende kulturelle Schicksalsgemeinschaft erscheint Oswald Spengler zugleich als „formgewordenes Seelentum“ (Spengler 1923, S. 8). Der Kern ihrer Wirkung auf nachfolgende Generationen wird indessen nicht von modernen Erscheinungen getragen, sondern in einer „Reproduktion des Vergangenen sichtbar“ (Jaspers 1931. S. 118). Doch „(s)o wenig wir (bisher) für unsere Kultur gekämpft haben, so sehr haben unsere Feinde für die ihre gekämpft“, formuliert Moeller van den Bruck am Ausgang des ersten großen Krieges. „Und diese Feinde wollen unsere Kultur nicht. (…) Der Gedanke, dass sie einer deutschen Kultur einen ebenbürtigen Rang zugestehen sollten, ist für sie unerträglich. Sie lassen unsere Werte nicht gelten. Und wir selbst kennen unsere Werte (eigentlich) nicht. (…) Wenn wir (jedoch deshalb) als Nation zu Grunde gehen, dann geht nach den Erfahrungen, die wir mit Völkern gemacht haben, auch Deutschland zu Grunde, und mit ihm alles, was jemals Deutsche geschaffen haben“ (van den Bruck 1923, S. 259). Ziel kann es deshalb aus der konservativen Sicht von Vor- und Zwischenkriegszeit nur sein, was Langbehn als Epilog formuliert: „An Stelle der Phrase muß die Wirklichkeit treten; jene spricht man Anderen nach, diese erlebt man selbst. Ein Organismus lebt nur dadurch, dass er wächst; und er wächst nur dadurch, das er (…) lebendig wird. Das ist echte Sphärenmusik; und sie gilt auch in der nationalen Sphäre; nach solchen Takten werden Völker geboren“. Das „neue geistige Leben der Deutschen“ muss darum jung wiedergeboren werden; „es ist die Sache der deutschen Jugend; und zwar der unverdorbenen unverbildeten unbefangenen deutschen Jugend“ und ihres idealistisch schmiedeheißen Feuers, denn das „Schmieden ist ein spezifisch deutsches Handwerk; Siegfried war ein Schmied ehe er ein Held wurde; und der ist der beste Held, welcher seine Waffen selber schmiedet“ (Langbehn 1891, S. 329).

Julius Langbehn sah sich, Jahrzehnte vor den Ereignissen des Jahres 1914, in ähnlichem Sinne als Geistesschmied einer neuen Zeit, als geradezu biblischer „Rufer in der Wüste“, als ein neuer Johannes, der „als Sprachrohr des Widerspruchs, des Aufbegehrens, der Abkehr von scheinbar Bewährtem“ die Hinwendung zu den Wurzeln gewachsener Herkunft forderte (Mosse 1996, S. 93). In seinem eigenen Leben blieb er sich dabei treu. So schildert ihn auch einer seiner Gönner, der jüdische Archäologe Charles Waldstein, als „durchaus wahrhaft, jedem Kompromiß entgegengesetzt“. Dabei „handelte er bis zum Extrem nach seiner Gesinnung. (…) Er konnte nicht biegen und sich anpassen (…). Das war seine große Lebensehrlichkeit. Er war einer von den wenigen, die es wagten, ihre Gedanken und Überzeugungen zu leben, nicht nur zu denken“ (Waldstein zit. n. Stern 1963, S. 127). In diesem Sinne mag geistesgeschichtlich für die Vision Langbehns gelten, was Stefan Georges Gedicht vom „Geheimen Deutschland“ (1928) entwirft und als Zukunft deutscher Wiedergeburt formuliert; Sätze die sich gegen echte oder vermeintliche Repräsentanten auf heimischem Boden richten und auf ein auch von Langbehn propagiertes, widerstehendes ‚Gegenreich’ verweisen, dessen Idee schließlich in die Vision jener Männer um Stauffenberg einmündete, die sich, wenn auch in letzter Stunde, der Entwürdigung Deutschlands durch die keineswegs konservative, sondern reaktionär-revolutionäre Naziclique entgegenstellten:

Kehr in die heilige heimat
Findest ursprünglichen boden
Mit dem geschärfen Aug
Schlummernder fülle schooss (…)

Nur was im schützenden schlaf
Wo noch kein taster es spürt
Lang in tiefinnerlichstem schacht
Weihlicher erde noch ruht –
Wunder undeutlich für heut
Geschick wird des kommenden tages.

 

Literatur

Baumann. Günther (Hrsg.) (2008): Stefan George. Gedichte. Stuttgart.

Janzen, Rüdiger (19881): Nicht der Pflicht nur zu genügen. In: Gutekunst, Dieter; Jakob, Dieter (Hrsg): In Verantwortung. 1881-1981 Verband der Vereine Deutscher Studenten. Tirschenreuth, S. 9-13.

Jaspers, Karl (1932): Die geistige Situation der Zeit, Berlin.

Lagarde, Paul de (1875): Über die gegenwärtige Lage des Deutschen Reiches. In: Messer, August (1933) : Paul de Lagarde – Schriften für Deutschland. Leipzig, S. 74-98.

Langbehn, Julius (1891): Rembrandt als Erzieher. Von einem Deutschen. Leipzig (30. Aufl.).

Leuscher, Udo (1990): Entfremdung, Neurose, Ideologie. Köln.

Maßmann, Karl (1931): 1907 – 1918. In: Kyffhäuser-Verband der Vereine Deutscher Studenten (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte des Kyffhäuser-Verbandes der Vereine Deutscher Studenten. Berlin, S.129-151.

Mosse, George L. (1996): Die Geschichte des Rassismus in Europa. Frankfurt a.M.

Nordau, Max (1882): Entartung. Band 1. Berlin.

Spengler, Oswald (1923): Der Untergang des Abendlandes. Umrisse eiern Morphologie der Weltgeschichte. München.

Steiner , Rudolf (1925/1983): Mein Lebensgang. Dornach.

Stern, Fritz (1963): Kulturpessimismus als politische Gefahr. Bern, Stuttgart, Wien.

van den Bruck, Moeller (1923): Das dritte Reich. Berlin.

Weber, Dr. H. (1910): Die Vereine Deutscher Studenten vom zweiten bis zum dritten Kyffhäuserfest. Graudenz.


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André Richter

geb. 1965, Dr. phil., Pädagoge, VDSt Greifswald.

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