Intoleranz als Tugend

Ohne Toleranz gibt es kein friedliches Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft. Aber mit dem Wort wird viel Schindluder getrieben. Ein Einwurf von Gregor Burchardt.


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Toleranz ist ein Begriff, der sich in unserem Alltagssprachgebrauch wiederfindet, aufgrund seiner Abstraktheit allerdings besonders gerne und einfach instrumentalisiert werden kann und auch wird. In seiner heute gängigen Bedeutung ist er nicht mehr als ein Kampfbegriff genuin linker Rhetorik. Er sagt: „Wer nicht tolerant ist – tolerant in einem ganz bestimmten Sinne – ist ein schlechter Mensch.“

Dieser Toleranzbegriff impliziert zweierlei. Erstens:  Wir achten das Fremde stets höher als das Eigene. Zweitens: Wir betrachten das Fremde a priori als Bereicherung.

Im Zusammenhang mit dem Islam in Europa werden wir häufig genug mit einer derart eindimensionalen Toleranz konfrontiert. Wir geben den über lange Zeit erkämpften gemeinsamen Sportunterricht auf, gestatten Gebetsräume, montieren jedoch im Gegenzug die Kruzifixe ab. Wir akzeptieren einen überdimensionierten Nationalismus unter jungen Türken, wer sich allerdings außerhalb eines Länderspiels positiv über Volk und Nation der Deutschen äußert, sich gar um korrekte Benutzung der eigenen Sprache bemüht, wird als „konservativ“ und „pathologisch ängstlich“ diffamiert.

Falscher Opferbegriff

Wer nun daraus den Rückschluss zieht, Toleranz sei grundsätzlich fehl am Platz, hat den falschen Schluss aus dieser linken Begriffspropaganda gezogen. Dem Wesen des politisch Linken entsprechend, ist dies ein reiner Opferbegriff, also ein Begriff, der aus der Schwäche heraus argumentiert.

Dies  geht allerdings vollkommen an der eigentlichen Bedeutung von Toleranz vorbei. Aus dem lateinischen stammend meint „tolerare“ nicht mehr und nicht weniger als „aushalten, ertragen“. Von einer künstlichen Überhöhung des Fremden bei gleichzeitiger Verachtung des Eigenen ist dabei nichts zu spüren.

Analysieren wir dieses „Aushalten“, erkennen wir, dass wahre Toleranz nur eine Geste des Starken, nicht des Schwachen sein kann. Ich folge in meinen Überlegungen Götz Kubitschek, der in der Zeitschrift Sezession Nr. 28 im Februar 2009 eine dreischrittige Analyse des Toleranzbegriffs skizziert hat.

Wer tolerant ist, erträgt ein (für ihn) unangemessenes Verhalten. Das setzt erstens voraus, dass der Tolerante eine klare Vorstellung von angemessenem Verhalten in sich trägt. Hätte er dies nicht, müsste er jedes Verhalten als angemessen erkennen und es gäbe nichts zu tolerieren.

Toleranz setzt zweitens voraus, dass der Tolerante in der Lage wäre, dieses unangemessene Verhalten zu beenden. Anderenfalls stünde er dem Störer hilflos gegenüber. Er könnte bitten und betteln, aber nichts tolerieren.

Kritik der reinen Toleranz

Drittens muss er oft genug unangemessenes Verhalten schon entsprechend beendet haben. Toleranz kann also kein Dauerzustand sein. Wer dauerhaft die Abweichung einer Regel akzeptiert, setzt damit eine neue Regel und erweitert den Bereich des Möglichen. Zur Toleranz gehört der Beweis der potentiellen Intoleranz ebenso existentiell dazu, wie das Gute zur Definition des Bösen und umgekehrt. Insofern bin ich jedes Mal befremdet, wenn gegenüber bestimmten Straftätern von etablierten Politikern eine „Null-Toleranz-Politik“ ausgesprochen wird. Was eigentlich sonst? Hier wird doch der Begriff einer starken Toleranz ad absurdum geführt!

Manchmal bietet es sich an, jemanden zu zitieren, der schon etwas Gutes gesagt hat, wenn man selbst es nicht besser hätte sagen können. Und so leihe ich meine abschließenden Worte aus der „Kritik der reinen Toleranz“ von Henryk M. Broder:

„In einer Gesellschaft, in der ein regierender Bürgermeister die Teilnehmer einer SM-Fete persönlich in der Stadt willkommen heißt; in einer Gesellschaft, in der ein rechtskräftig verurteilter Kindesmörder Prozesskostenbeihilfe bekommt, um einen Prozess gegen die Bundesrepublik führen zu können, weil er noch nach Jahren darunter leidet, dass ihm bei einer Vernehmung Ohrfeigen angedroht wurden; in einer Gesellschaft, in der jeder frei darüber entscheiden kann, ob er seine Ferien im Club Med oder in einem Ausbildungscamp für Terroristen verbringen möchte, in einer solchen Gesellschaft kann von einem Mangel an Toleranz keine Rede sein. Dermaßen praktiziert, ist Toleranz die Anleitung zum Selbstmord. Und Intoleranz ist eine Tugend, die mit Nachdruck vertreten werden muss.“


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Gregor Burchardt

geb. 1986, Germanist und Historiker, VDSt Breslau-Bochum.



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