Islam – und was heißt das jetzt?

Es ist schon ein seltsames Schauspiel, das sich jedesmal dann zuträgt, wenn es wieder einen Anschlag aus der radikal-islamischen Szene gegeben hat. Da sprechen die einen von der Religion des Friedens und die anderen verballhornen selbigen Ausspruch ironisch; und Journalisten aus dem linken wie dem rechten Lager bemühen sich um Deutungsversuche, um den jeweils anderen Scharfmachern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wie so oft geht für den Bürger der Überblick über die verschiedenen Meinungen verloren – und wer kann schon von sich behaupten, einmal den Koran gelesen zu haben? Luca Spitzley, Student der Arabistik, hat der Versuch gewagt.


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religion-40578_1280Salām ‘aleikum – wa ‘aleikum salām

Mit dieser simplen Begrüßungsfloskel drückt der arabische Durchschnittsbürger einen Wunsch aus, der im europäischen Sprachgebrauch längst verschwunden ist: Friede sei mit dir. Wenn man dagegen sieht, wie Muslime, auf die dieser Ausspruch in seinem Ursprung zurückgeht, aktuell auf der ganzen Welt den organisierten Terror verbreiten – man denke nur an den IS, Boko Haram oder Al-Qaida – erscheint dieser Ausdruck doch eher wie Hohn. Diesen Organisationen ist eines gemeinsam: Sie berufen sich auf den Islam als Begründung für ihr Handeln. Dem entgegen stehen westliche Verbände von Muslimen, die sich von deren Aktionen distanzieren.

Unterschiedliche Perspektiven

Wer hat nun aber recht? Ist der IS, stellvertretend für islamischen Terror, wirklich der größte Feind des Islams, wie teilweise auf Facebook geschrieben, oder setzt der IS nur erstmals konsequent muslimisches Recht um und wird somit seinem Namen mehr als gerecht? Auf diese Frage gibt es verschiedene Ansätze aus verschiedenen Lagern, die im Folgenden kurz dargestellt werden sollen. Die aktuell am häufigsten diskutierten Ansätze sind natürlich die beiden Extreme: „Der Islam ist gewaltverherrlichend” und “der Islam hat unverkennbar derartige Stellen, die aber historisch-kritisch analysiert werden müssen und für die heutige Zeit keine Wirkung mehr haben“.

Der Islam als Religion des Krieges?

Der erste Ansatz ist vor allem strengen Islamkritikern oder Populisten wie Donald Trump vorbehalten. Dieser Ansatz wird von vielen Menschen gerne gewählt, weil er vieles sehr einfach erklärt. Angefangen von der muslimischen Expansion, die komplett Spanien bis nach Zentralfrankreich sowie den Balkan bis vor die Tore Wiens und große Gebiete Nordafrikas und des Mittleren Ostens umfasste. Speziell die „Grausamkeiten“ der Muslime während der Kreuzzüge und später der Osmanen sind vielfach bekannt. Dass Christen diese in gleicher Münze zurückzahlten, wird dabei allerdings meist unterschlagen bei großen Helden wie Richard Löwenherz oder Don Juan. Des weiteren wird an „Grausamkeiten“ nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert, zuerst gegen den Staat Israel und dann mit dem Zweiten Golfkrieg beginnend erst gegeneinander, Sunniten gegen Schiiten, und in der Folge vermehrt gegen den sogenannten Westen und im Speziellen am 11. September gegen die USA.

Reichen Koranzitate?

Wenn man nun in den Koran sieht, wird man schnell fündig, wenn man nach Stellen sucht, die Gewalt nicht nur tolerieren, sondern fordern. Wenn in Sure 9,29 gefordert wird: “Bekämpft diejenigen der Schriftbesitzer, die nicht an Allah und den Jüngsten Tag glauben und nicht verbieten, was Allah und sein Gesandter verboten haben” oder bereits in 9,5 dazu aufgerufen wird: “Tötet die Götzendiener, wo ihr sie auch finden mögt; oder nehmt sie gefangen oder belagert sie und lauert ihnen auf“, kann man schwer für die Friedfertigkeit des Korans argumentieren und ist allzu leicht versucht, derartige Stellen als Gemeinplatz für den Aussagegehalt des Korans zu nehmen. Zumal sich Aufforderungen zu Gewalt nicht nur in der neunten Sure finden lassen: „Wer für die Religion Allahs kämpft, mag er umkommen oder siegen, wir geben ihm großen Lohn. Was hält euch denn zurück, für Allahs Religion zu kämpfen“ (4,75/76); “Und kämpfe gegen sie, bis es keine Versuchung mehr gibt und die Religion gänzlich Allahs ist”; “Und kämpft gegen sie, bis es keine Verfolgung mehr gibt und die Religion (allein) Allahs ist” (2,193) und so weiter. Als fundamentalistischer Muslim kann man daraus in der Tat die uneingeschränkte Aufforderung zur Gewalt, speziell gegen sogenannte „Versucher“, „Götzendiener“ oder schlicht „Heiden“, herauslesen. Man kann genauso gut allerdings auch den Text um diese Zitate herum anschauen und merken, dass vieles nicht allgemein geregelt ist. So fordert die Sure 2,193: “Lassen sie aber ab, so hört alle Feindlichkeit auf, die nur gegen Frevler bestehen bleibt“. Und in 4,76 wird ergänzt: “und die schwachen Männer, Frauen und Kinder zu verteidigen?”

Der Islam als Religion der Selbstverteidigung?

Beide Stellen lassen natürlich immer noch viel Platz für Exegese, und in 14 Jahrhunderten sind natürlich einige Deutungen zusammengekommen. Die heute am häufigsten genannten sind die, dass die Welt erst dann in Frieden sein kann, wenn der Islam in allen Ländern herrscht, die muslimische Gemeinschaft die Welt dominiert, oder, dass alle diese Stellen die Muslime nur zu Verteidigungskriegen berechtigen, die auch die westliche Welt in der Charta der UN erlaubt. Interessanterweise wird die erste Theorie vor allem dann angewendet, wenn man auf den Islam schaut, wohingegen die zweite vor allem von Vertretern des Islams selbst dargelegt wird. Nun kann man diesen Vertretern natürlich vorwerfen, sie betrieben Propaganda. Man kann aber auch argumentieren, dass muslimische Theologen ihr Fach besser kennen als Außenstehende. Die Wahrheit liegt wie immer wohl irgendwo in der Mitte. Fest steht allerdings, dass der Prophet, dessen Beispiel bis heute zentraler Teil des Kanons islamischer Schriften ist, in den ersten Jahren seiner Prophetie starken Repressionen ausgesetzt war und auch nach der Hidschra noch verfolgt und in Kämpfe verwickelt wurde. Aus dieser Zeit stammen auch die Suren, die Verteidigung dezidiert erlauben. In der Zeit danach, als seine Macht konsolidiert war und es um die Verbreitung des neuen islamischen Glaubens ging, führte er allerdings weiter Krieg und vollzog gewalttätige Handlungen. Der Koran rechtfertigt dies dadurch, dass in arabischer Tradition auch Worte Kriege entfachen konnten. Man beleidigte per se den Gegner vor dem Kampf in einem Kampf der Dichter, der – so die Quellen – sogar manchmal Schlachten verhinderte, da eine Seite sich zu gedemütigt fühlte, noch anzutreten. Die Feinde des Islam hätten also die Muslime, den Propheten oder gar Gott beleidigt und somit die Notwendigkeit geschaffen, dass diese sich verteidigten. Das ergibt im historischen Kontext durchaus Sinn, birgt aber die Gefahr, der sich auch schon die Gemeinden der Juden und Christen im Medina des 7. Jahrhunderts ausgesetzt sahen: sie konnten schwer ihren Glauben ausleben, der ja explizit Muhammad als Propheten ablehnen muss, ohne damit diesen zu beleidigen. Auf die heutige Zeit lässt sich dieser Gedankengang 1:1 übertragen und bringt die oben angesprochene Divergenz zwischen den Einschätzungen hervor. Wie man nun allerdings mit diesem Ansatz und der Auslegung umgeht, dass nur Verteidigungskriege erlaubt sind, ist nur in Staaten, die muslimisches Recht anwenden, von Belang. In allen anderen Staaten würde jegliche Form gewaltsamer Verteidigung gegen geltendes Recht verstoßen.

Der Islam als Religion des Friedens?

Dem allen gegenüber steht die Meinung, der Islam sei eine Religion des Friedens, wie sie unter anderem und im deutschsprachigen Raum am populärsten von Jürgen Todenhöfer vertreten wird. Auch er führt vielfach den Koran an, um seine Thesen zu stützen. Vor allem versucht er, wie viele, die dieser Theorie folgen, die Sure 2,256 ”Es gibt keinen Zwang im Glauben„ gepaart mit dem Vers 99 aus Sure 10 ”Willst du etwa die Menschen dazu zwingen, gläubig zu werden?“) in den Mittelpunkt der Bewertung des Islams zu rücken. Auch wird eine weitere Stelle herangezogen, ebenfalls aus der zweiten Sure: „Diejenigen, die glauben – Juden, Christen und Sabäer – werden ihren Lohn von Gott erhalten” (Vers 62). Alle drei sollen ausdrücklich die Toleranz, die der Koran fordert, darstellen. Aber nicht nur Toleranz gebietet der Koran. Vielmehr wird an vielen Stellen auch von Barmherzigkeit gesprochen. Das arabische Wort für „Barmherzigkeit“ „arrahïm“ ist nicht nur ein Gottesname, sondern kommt mit 113 Nennungen im Koran als dessen häufigste Umschreibung vor. Bereits in der Fatiha (Sure 1) wird von Gott als “der Allerbarmer, der
Barmherzige“ gesprochen. Hinzu kommen Suren, die die Menschen auffordern, Gutes zu tun (2,148 & 195; 2,36; 13,22; 25,70 etc.). Die stärkste Aussage in diesem Zusammenhang trifft aber Sure 16 in Vers 90: “Gott gebietet, gerecht zu handeln und uneigennützig Gutes zu tun. Er verbietet, was schändlich, abscheulich und gewalttätig ist“. Diese Aussage widerspricht so ziemlich in allen Punkten der obigen Auslegungsart. Auch gibt es Stellen, die sich noch expliziter gegen Gewalt mit Todesfolge, sprich Mord und Krieg richten. So sagt Vers 32 der fünften Sure, dass, „wenn jemand einen Menschen tötet […] so soll es für ihn sein, als hätte er die ganze Menschheit getötet”. Die von mir gemachte Auslassung schränkt zwar das Gewaltverbot ein, aber nur in einem Sinne, wie es oben bereits unter dem Aspekt der Selbstverteidigung diskutiert wurde. Nur dass hier auch die persönliche Selbstverteidigung mit inbegriffen ist.

Der Islam als Religion der Moderne?

Für den Islam an sich und speziell für den Islam im Westen bricht aktuell eine entscheidende Zeit an. Man muss zwischen den beiden Extrema, die ich dargestellt habe, einen guten und praktikablen Mittelweg finden. Das Problem des Islams im Gegensatz zum Christentum ist, dass der Koran als Wort Gottes geoffenbarten, feststehenden Charakter beansprucht und somit nicht mehr redigiert werden kann, selbst wenn dies quasi bereits im Koran selbst geschieht (2,106). Das bedeutet für eine Reihe von Gläubigen, dass sie das einhalten müssen, was der Koran in seinem Wortlaut vorschreibt. Westliche Islamwissenschaftler sind jedoch zu der Überzeugung gelangt, dass der Koran in seiner Gesamtheit nicht frei von realpolitischen Einschlägen ist, und dass vor allem die Prophetentradition eine viel kritischere Betrachtung nötig hätte. Vor allem der in Medina offenbarte Teil des Korans – der in der Wissenschaft recht genau abgrenzbar zu sein scheint –, gibt vielfach Anlass zur Spekulation, ob nicht ein kurzfristiges politisches Ziel oder die Legitimation einer Aktion Muhammads Grund für sie war. Ich halte es da mit dem islamischen Theologen und Dozenten an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, Abdel-Hakim Ourghi, der die Meinung vertritt, dass “nur der in Mekka offenbarte Koran (610-622) zeitlos [ist], weil er universell sinnstiftende Lehren im ethischen Sinn beinhaltet“ (vgl. http://www.sueddeutsche.de/panorama/gastkommentar-das-erbe-von-medina-1.2767483-2 Seitenaufruf: 05.02.2016).

Reformation nach westlichem Vorbild?

Dass der Islam, solange es Menschen wie Abu Bakr al-Baghdadi gibt, niemals den Schritt weg von der Verachtung von Andersgläubigen schaffen kann, ist leider offensichtlich. Ich sehe aber auch das Problem, dass der Westen dem Islam als Religion nicht in dessen Reformprozess hineinreden kann. Was würden wir sagen, wenn der Ajatollah uns erklären wollen würde, wie wir zum Papsttum oder jeglichem anderen streng christlich-religiösen Aspekt, nicht wie hier zwingend katholischen, stehen sollen. Nichtsdestotrotz muss es einen Reformprozess innerhalb des Islam geben, und speziell Muslime in westlichen Ländern haben die große Möglichkeit, den kulturellen Ausgleich und die Überwindung religiöser Spannungen, die natürlich nicht nur von muslimischer Seite her bestehen, vielfach aber in der Handlungsweise eines Mannes begründet liegen, der 632 nach Christus oder im zehnten Jahr der Hidschra gestorben ist, zu überwinden. Ich will hier nicht für eine Duldung des IS plädieren, da dieser menschenverachtend agiert und gegen jedes Gesetz dieser Welt, eben auch den Koran verstößt. Ich warne allerdings davor, Muslime unter einen Generalverdacht zu stellen oder ihnen einen Reformprozess aufzwingen zu wollen, der, vielleicht aus einer Unkenntnis ihrer religiösen Prinzipien oder kulturellen Traditionen heraus, entstanden, nicht funktionieren kann. Ich hoffe schlicht, dass in naher Zukunft der gesunde Menschenverstand der Mehrheit der Muslime vor allem in Europa und Nordamerika eine liberalere und weniger eine fundamentalere Lebenseinstellung hervorbringt, die mit Werten wie Toleranz und Barmherzigkeit zu einer Welt des Friedens beiträgt (die eben auch im Sinne der meisten Muslime wäre).

In šā‘allāh!


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