Krieg und Literatur

Ein verlorener Freund, ein Pour le Mérite und eine vernichtete Existenz – was hat uns das heute noch zu sagen? Betrachtungen zu Walter Flex’ „Der Wanderer zwischen beiden Welten“, Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ und Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“.


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Der Kampf ist neben der Liebe das älteste literarische Motiv. Doch verlor es angesichts des modernen Krieges seine traditionellen Konturen: Wo im Zeichen der Technik ein anonymes Massensterben stattfand, war Heroismus, die triumphale Bewährung des Individuums, fragwürdig geworden. Wie aber konnte sich nach der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts Literatur noch mit Krieg befassen? Auf diese Frage finden die drei genannten Werke, alle verfasst von Kriegsteilnehmern, sehr unterschiedliche Antworten. Und auch deren Publikum tat und tut seine Meinung kund; sie lässt sich ablesen in der Art, wie die Kriegsbücher von Flex, Jünger und Remarque rezipiert wurden und werden.

Ein Trauernder, ein Krieger, ein Toter

Im Mittelpunkt von Walter Flex’ autobiographischer Schrift steht die intensive Freundschaft des Erzählers mit dem Kriegsfreiwilligen Ernst Wurche, und, nachdem dieser gefallen ist, der Umgang mit dessen Tod. Weniger um Handlung geht es als um Gefühl, was unterstrichen wird durch die lyrische Sprache und zahlreiche eingeschobene Gedichte. Zentral ist die Frage nach dem Sinn des Geschehens. Mit Gottvertrauen beantwortet sie der Theologiestudent Wurche selbst über seinen Tod hinaus, scheint aber den Erzähler in seinem Leid kaum mehr zu erreichen. „Sind wir nicht immerdar Wanderer zwischen den Welten gewesen, Gesell? […] Was hängst du nun so schwer an der schönen Erde, seit sie mein Grab ist, und trägst an ihr wie an einer Last und Fessel?“

Ganz anders Ernst Jünger in den „Stahlgewittern“, die zwar ebenfalls autobiographisch verfasst sind, sich aber um objektive Schilderung mühen; dem Leser soll ein Eindruck des Krieges mit seinen Bildern, Geräuschen und Gefühlen vermittelt werden. Tagebuchartig beginnt das Buch mit Jüngers Fahrt an die Front und endet mit der Verleihung des höchsten preußischen Ordens Pour le Mérite nach schwerer Verwundung. Bilder und Metaphern brechen zuweilen den großenteils sachlichen und beschreibenden Stil, sollen dem Leser das nie Erlebte und kaum Vorstellbare fühlbar machen: „Man stelle sich vor, ganz fest an einen Pfahl gebunden und dabei von einem Kerl, der einen schweren Hammer schwingt, ständig bedroht zu sein. Bald ist der Hammer vom Schwung zurückgezogen, bald saust er vor, daß er fast den Schädel berührt, dann wieder trifft er den Pfahl, daß die Splitter fliegen – genau dieser Lage entspricht das, was man deckungslos inmitten einer schweren Beschießung erlebt.“

Remarques „Im Westen nichts Neues“ ist unter den genannten Schriften die einzige mit deutlich romanhafter Struktur. Im Mittelpunkt steht der 19-jährige Paul Bäumer, der auf klarem Spannungsbogen über Rückblenden und episodenhafte Erlebnisse hinweg zu seinem zufälligen Tod am Schluss gelangt. Kollektiv erfahrenes Leid wird dabei als Wesen des Krieges identifiziert; wer es durchlebe, sei der Zivilgesellschaft so entfremdet, dass er am Ende – wie der Protagonist –mit seinem Tod „beinahe zufrieden“ sein könne. Literarisch realisiert wird das mittels dicht aufeinanderfolgender Schreckensszenen und Reflexionen der Handelnden, in denen die Botschaft des Buches explizit formuliert wird. So spricht Bäumer zu einem erstochenen Franzosen: „Vergib mir, Kamerad, wie konntest du mein Feind sein. Wenn wir diese Waffen und diese Uniform fortwerfen, könntest du ebenso mein Bruder sein wie Kat und Albert. Nimm zwanzig Jahre von mir, Kamerad, und stehe auf – nimm mehr, denn ich weiß nicht, was ich damit beginnen soll.“

Popularität und Moralismus

Darüber, was ein angemessener Umgang mit dem Krieg sei, waren die Meinungen stets verschieden. Gleich mit ihrem Erscheinen – „Der Wanderer zwischen beiden Welten“ 1917, „In Stahlgewittern“ 1920, „Im Westen nichts Neues“ 1929 – erlangten alle drei Werke große Popularität. Freilich Remarques Schrift, zunächst als Zeitungsroman erschienen, war von vornherein umstritten; nationale Kreise lehnten ihren pazifistischen Duktus ab. Als nach der nationalsozialistischen Machtübernahme die Bücher brannten, wurde auch Remarques Schrift den Flammen übergeben. Im Deutschen Reich war sie fortan verboten. Ihr Verfasser floh zunächst in die Schweiz, dann in die USA, wo er sich als Schriftsteller etablierte.

Jünger ging zu den neuen Machthabern auf Distanz; die vierte Auflage der „Stahlgewitter“ von 1934 ist um alle politisierenden Passagen gekürzt. Ein eigenartiger Zustand trat ein: Jünger markierte seine oppositionelle Haltung gegenüber dem Regime immer deutlicher, das aber diesen Zwiespalt zu verdecken suchte. Bis 1945 blieb Jüngers großes Kriegsbuch in Ehren. Ebenso erging es dem „Wanderer zwischen beiden Welten“. Dessen Verfasser war 1917 gefallen, und seine populärste Hinterlassenschaft aus nationalsozialistischer Sicht unbedenklich.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor sich das Interesse an Flex’ Buch rasch; dem heutigen kollektiven Gedächtnis gewärtig ist allenfalls noch das Gedicht „Wildgänse rauschen durch die Nacht“. Die Totenklage, die Flex anstimmte, hatte angesichts der neuen Opfer an Aktualität verloren, und überhaupt wollte man lieber vergessen als trauern. Die offengelassene Frage nach dem Sinn des Kriegsgeschehens, die spiritualistischen Deutungsansätze widersprachen dem Zeitgeist diametral.

Jünger war und blieb die Referenz für alle am Detail, an Taktik und Technik Interessierten. Insgesamt sieben Fassungen der „Stahlgewitter“ erschienen, seit 1934 vor allem unter Gesichtspunkten der Ästhetisierung nachbearbeitet, die letzte 1978. In keiner davon bewertete Jünger das Kriegsgeschehen, und das ist der Grund der bis in die heutigen Tage anhaltenden Kritik. Hier hat sich der Zeitgeist in sein Gegenteil gewandelt; heute gehört der Krieg zu den Dingen, die einschlägige moralische Bewertungen erfordern. Demgemäß fällt Remarques „Im Westen nichts Neues“ in den Bereich der unproblematischen Literatur, und dürfte heutzutage das meistgelesene literarische Werk zum Ersten Weltkrieg sein.

Krieg und Sinn

Aber unabhängig von dem Urteil der Masse und des Zeitgeists – worin liegt die wirkliche Differenz der drei Kriegsdarstellungen? Remarque jedenfalls lobte die „Stahlgewitter“ als authentische Kriegsdokumentation, während Jünger „Im Westen nichts Neues“ zeitlebens ignorierte. Was er allerdings von Pazifisten im Allgemeinen hielt, formulierte in seiner Schrift „Der Kampf als inneres Erlebnis“: „Daß man den Gegner achten kann und ihn trotzdem bekämpfen, nicht als Menschen, sondern als reines Prinzip, daß man für eine Idee einstehen kann mit allen Mitteln des Geistes und der Gewalt bis zum Flammenwurf und zum Gasangriff, das werden sie nie verstehen..“

Freund und Feind sind für Jünger Teil des gleichen Wettstreits und werden als Individuen geschätzt gemäß ihrer Bewährung. In den „Stahlgewittern“ spielen menschliche Bindungen eine Nebenrolle; Kameradschaft ergibt sich in der konkreten Notsituation, aber sich überkreuzende Lebenslinien laufen rasch wieder auseinander, und der Erzähler wirkt bis zum Schluss im Massengeschehen eigentümlich isoliert. Vielleicht ist diese Entfremdung notwendig, um der zerrüttenden Verlusterfahrung zu entgehen, die der Erzähler im „Wanderer zwischen beiden Welten“ durchläuft; wo zunächst Flex und Wurche erhaben über dem blutigen Massengeschehen schweben, stürzt schließlich der Alleingelassene in einen Abgrund des Nicht-Begreifens.

Tod und Trauer sind Kern dieses Haltverlusts und stehen im Zentrum der moralischen Fragen um den Krieg. Flex und Wurche kamen darauf zu sprechen: „Ich redete von diesem und jenem, den ich in seinem ersten Gefechte fallen sah […]. Ein Sprung und Sturz – tot! Und für diesen einen Schritt so viele Mühe und Liebe – ‚Nicht für diesen einen Sprung‘, unterbrach mich mein Freund, ‚sondern dafür, daß er ihn mit hellen und beherzten Augen, mit Menschenaugen tat! Und sollte das nicht genug sein?‘ Ich sah ihn an und schwieg.“ Eine höhere Sichtweise? Flex vermag sie mit seinem Gefühl nur schwer in Einklang zu bringen; vollends misslingt ihm dies, nachdem sein Freund selbst gefallen ist. Das Leid scheint übermächtig: „Alle Nächte sind eine Totenklage. Nachtstürme rütteln heulend an meine Hütte aus Lehm und Brettern. Mein Herz ist eine Scheune voll wilder Pferde, eine Scheune, die in Brand geriet. Rosse stampfen, Halfterketten klirren …. Meine Seele ist kalt wie ein kahler Raum. Die Scheiben sind gefroren. Kein Strahl der vertrauten Welt dringt von außen in mich hinein. Ich sitze einsam hinter gefrorenen Fenstern, mein Freund, und starre auf deinen Schatten, der den Raum füllt ….“

Warum das alles? Diese Frage steht am Ende von Flex’ Erzählung, allerdings ohne jede moralisierende Konnotation. Jünger entgegnet in seiner Schrift „Feuer und Blut“: „Die großen Gesetze der Bewegung wie die Liebe und den Krieg kann der Mensch nicht werten und messen, er ist es selbst, der an ihnen gemessen und gewertet wird.“ Krieg als Naturgesetz. Taugt solche Abstraktion angesichts der konkreten Erfahrung? Im gestürmten Unterstand, den „toten, fragenden Augen“ der Gefallenen gegenüber, wird auch Jünger der Krieg „schwer zu verstehen“; und deutet nicht eine „ausgeplünderte Börse“ das trivialste aller Handlungsmotive, die Habgier, an? Dieser letzte Aspekt ist für Remarque wesentlich – Krieg als Ausfluss verkehrten Denkens und missbrauchter Macht. Damit wird er für sinnlos und vermeidbar erklärt, eine Schuld klar zugewiesen: „Was werden unsere Väter tun, wenn wir einmal aufstehen und vor sie hintreten und Rechenschaft fordern?“ Ist diese einfachste Erklärung die beste? Beruft sie sich nicht auf ein Utopien jenseits des historischen Ganges, wie wir ihn kennen? Keine noch so leidvolle Kriegserfahrung hat bislang die nächste vermeiden helfen.

Diese Fragen reichen tief, bis hin zum Wesen und Sinn des Menschseins überhaupt. Sie werden sichtbar in den Abgründen, die Flex’, Jüngers und Remarques Buch öffnen. Welche der Brücken, die geschlagen werden, passabel erscheinen – darüber entscheide der Leser selbst.


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Manuel Mackasare

geb. 1985, Historiker, VDSt Breslau-Bochum.

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