Länger als ein halbes Jahrhundert

Sein ganzes erwachsenes Leben widmete Diethelm Keil der volkspolitischen Arbeit für Deutschland und Europa, zu einem guten Teil in und mit den Vereinen Deutscher Studenten. Im Sommer ist unser früherer Verbandsvorsitzender nun verstorben. Herbert Fiebiger würdigt sein Leben und Wirken.


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S177_Jahrhundert_4Fünf Jahre vor Hitlers „Machtergreifung“ wurde er geboren, in Niederschlesien. Sein Vater war Zahnarzt. Es war ein strenges Elternhaus, wie er später erzählte. Sein Schulbesuch war der normale: Volksschule, dann Oberrealschule, die bis zum Abitur führte. Die politischen Ereignisse der späten 30er Jahre – die „Reichskristallnacht“, den Anschluss Österreichs, den Kriegsbeginn – verfolgte er schon aufmerksam und interessierter als seine Altersgenossen. Gefördert wurde das durch seinen Geschichtslehrer, der das wache politische und historische Interesse seines Schülers erkannt hatte.

Eine bleibende Erinnerung, so berichtete er, war für ihn die erste Begegnung mit dem VDA, als der Schuldirektor mit den blauen VDA-Kerzen durch die Schule eilte. Man wusste, dass die Deutschen in Polen, in der Tschechoslowakei und anderswo drangsaliert wurden. So war es für viele eine damals selbstverständliche Verpflichtung, mit dem Kauf dieser Kerzen den Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA) zu unterstützen.

Das Kriegsgeschehen spielte sich weit weg von Niederschlesien ab, vorläufig. Aber 1944 wurde seine Schulklasse als Flakhelfer eingezogen. Bei einer Flakbatterie in der Nähe von Breslau erlebte er den Krieg hautnah, ehe seine Schulklasse aus der Kampfzone zurückgezogen wurde. Die Flucht führte dann seine Familie mit ihm in das Allgäu.

Ein junger Historiker

Sein Interesse an Geschichte und Zeitgeschehen war ungebrochen. So kam für ihn nach dem Abitur nur ein Geschichtsstudium in Frage. Es musste osteuropäische Geschichte sein. Im SS 1952 ging er nach Göttingen, angelockt „durch den Ruf herausragender Historiker, die damals dort lehrten“. Professor Heimpel hatte ihn ganz besonders beeindruckt. Dort trat er auch dem VDSt bei.

Es folgte ein Studienjahr in Brüssel als DAAD-Stipendiat; hier beobachtete er die Auseinandersetzungen zwischen Wallonen und Flamen. Im WS 54/55 kam er nach Tübingen, wohin er Prof. Markert, seinem späteren Doktorvater, folgte. Im VDSt hatte er dort eigentlich keine Aktivitäten entwickeln und sich auf sein Studium konzentrieren wollen. Die lebendige Unruhe und hohe Einsatzbereitschaft der Bundesbrüder hatten aber zu einem Sinneswandel geführt. So vergingen noch einige Jahre, ehe er seine Dissertation über „Die preußisch-deutsche Polenfrage der wilhelminischen Epoche vor 1914 unter besonderer Berücksichtigung der Regierung Bethmann-Hollweg“ fertigstellte und die Studienzeit 1961 mit dem Rigorosum beendete.

Ein Geistesarbeiter

In der Zwischenzeit war er Mitglied des Tübinger Vorortes 1957/58, war an der Vorbereitung und Durchführung der verbandsoffenen Liebenzeller Arbeitstagungen beteiligt und hat im HPA (später ApB) mitgearbeitet.

Später schrieb er, dass der Zweck der Tagungen es sei, „sich an den Zielen unseres Verbandes kritisch neu zu orientieren und damit die Grundlagen weiterer Verbandsarbeit als Beitrag zur politischen Bewusstseinsbildung des akademischen Nachwuchses prägend mitzugestalten“. Die geistige Ausrichtung der Tagungen lag anfangs bei unseren Bundesbrüdern Prof. Albert Dietrich (AH Tübingen und Berlin) und Dr. Burghard von der Decken (AH Leipzig). Die Begeisterung, mit der sich diese Alten Herren engagierten, war für uns und für ihn Vorbild und wohl auch prägend.

Er gehörte zu der jungen Generation, welche sich die Idee von der Einigung Europas zu eigen gemacht hatte. Ein Ergebnis war die programmatische Verbindung volkspolitischer mit Fragen nach einem zukünftigen Europa, weil nur auf dieser Basis eine Entkrampfung des Volkstumskampfes alten Stils erreichbar schien.

Ein Geistesarbeiter war er, ein idealistischer Denker, der in seinem Engagement mitunter über das Ziel hinausschoss. So wurde seine Begeisterung nicht immer von allen Bundesbrüdern geteilt. Manchmal wurde er als „Theoretiker“ belächelt und handelte sich nicht böse gemeinte Hänseleien ein. Seinen VDSt sah er nicht nur als studentische Korporation, was er unbedingt bejahte, sondern auch als „ideengebundene Gemeinschaft im Sinne der Zielsetzung unseres Verbandes“. Die von ihm mitgetragene ergänzende Orientierung auf Europa hin war Anlass, bei der VT 1958 in Würzburg öffentlich nicht nur das Schwarz-Weiß-Rot des VDSt zu hissen, neben dem Schwarz-Rot-Gold der Bundesrepublik, sondern auch die Flaggen Österreichs und Dänemarks, um zu dokumentieren, dass der VDSt sich als eine europäische studentische Verbindung versteht. Hier kündigte sich das Ausgreifen auf Europa an, wie es nach 1989 von ihm realisiert wurde.

Im Jahre 1992 wurde er zum Verbandsvorsitzenden gewählt. Der Termin passte, denn „nach der im Oktober 1990 vollzogenen Wiedervereinigung entschloss ich mich“ – so schrieb er später – „vorzeitig in den Ruhestand zu gehen, … weil ich aktiv mitgestalten (wollte)“. Das geschah schon gleich nach der Wende, als er sich in Görlitz beim Aufbau des neu gegründeten Landesmuseums Schlesien und bei der altehrwürdigen Oberlausitzer Gesellschaft der Wissenschaften engagierte.

Politischer Leitbegriff Mitteleuropa

Vierzig Jahre war die Wiedervereinigung das beherrschende Thema in Vorträgen, Diskussionen und auf Tagungen. Ein solches, auf Überzeugung und Hoffnung gegründetes Bekenntnis hat für eine studentische Verbindung wie für die Vereine Deutscher Studenten durchaus einen gemeinschaftsbildenden, identitätsstiftenden Charakter. Das fiel nach der Wende weg. Als Verbandsvorsitzender hatte er diese Problematik frühzeitig erkannt und versucht, andere, in die Zukunft weisende Perspektiven aufzuzeigen. Angesichts der weiter um sich greifenden Globalisierung sah er in dessen Folge einen wachsenden kulturellen Identitätsverlust nicht nur des deutschen, auch der anderen Völker Europas.

Er plädierte für Offenheit gegenüber neuen, fremden Einflüssen, welche – wie die Geschichte zeigt – eine Bereicherung sind – für eine selbstbewusste, nicht von Selbstzweifeln geplagte Nation. Hieraus erwuchs die Diskussion über die Aufnahme von Studenten nichtdeutscher Volkszugehörigkeit, wenn diese sich dem deutschen Kulturkreis zugehörig fühlen. Die Öffnung des VDSt für dieses Konzept auf der 115. VT relativierte überkommene Grundsätze und verlangte im Verband ein neues Denken. Auf dieser Linie lag auch die Arbeitstagung „Deutsche und Türken“. Der VDSt war der erste studentische Verband, der sich mit solchen Fragestellungen beschäftigte. Das war weitgehend sein Verdienst.

Es war unser Bundesbruder Friedrich Naumann (AH Leipzig), der im Jahre 1915 einen Vorschlag zur Neuordnung der Mitte Europas nach dem Kriege vorlegte: „Mitteleuropa“. Seine Gedanken wurden heiß diskutiert. Durch die entgegengesetzten Absichten der Siegermächte blieben sie eine politische Idee. Neu belebt wurde diese bei dem Versuch, die Teilung Europas durch den Eisernen Vorhang – vorerst wenigstens ideell – zu überwinden. Das geschah im Jahre 1981 mit einem umfangreichen Aufsatz in den Akademischen Blättern (6/1981) über „Mitteleuropa als politischer Leitbegriff“, der aus Diethelm Keils Feder stammte. Schon in den Akademischen Blättern 1/1979 war der Aufsatz eines ungenannten, seinerzeit in Prag lebenden Bundesbruders erschienen, der „für ein neues kulturelles Mitteleuropabewusstsein“ warb. – Für ihn als Historiker war es reizvoll, frühzeitig politische Entwicklungen zu erkennen und in die Zukunft weisende Perspektiven aufzuzeigen. Wir VDSter haben davon profitiert. Denn er theoretisierte nicht nur, sondern verband die Idee mit persönlichem Einsatz: Mit einer Kontaktaufnahme zu den in den ehemaligen Siedlungsgebieten verbliebenen Resten deutscher Volksgruppen. Die darauf folgenden Studienfahrten nach Oberschlesien (1999) und nach Siebenbürgen und in das Banat (2001) sind seiner Initiative zu verdanken. Die Gründung der Bünde in Fünfkirchen, Ratibor und Oppeln und in Budapest geht zum Teil auf Anregungen anderer Bundesbrüder zurück. Die ideelle Vorbereitung und die nachfolgende, langjährige Unterstützung aber waren sein Werk.

Leitfigur für die Jugend

Es liegt auf der Hand, dass nicht alle Bundesbrüder Verständnis für dieses Engagement aufbrachten. Es waren durchaus bedenkenswerte Gründe, wie die Skepsis vor den pluralen Identitäten der dortigen Aktiven, die vielleicht nicht gleichzusetzen seien den VDHern der Zwischenkriegszeit. Die Sorge vor finanziellen Belastungen wurde angesprochen, nicht aus Egoismus, eher in der Erkenntnis, dass bei einem Engagement der Verband solchen Verpflichtungen nicht ausweichen kann. Mit guten Argumenten begegnete er diesen Einwendungen gegen die Öffnung des Verbandes über alte Grenzen hinweg. In schwierigen Situationen entwickelte er ein Stehvermögen, um das ihn die einen bewunderten, andere es eher kritisch sahen. So hat er – in seinen verschiedenen Verbandsämtern – nicht immer alle Kritiker überzeugt. Die Warner haben mitunter auch recht behalten, denn – auch das muss gesagt werden – sein Interesse an Organisationsfragen und an Finanzfragen war nicht besonders ausgeprägt. Hingegen hatte er die ausgeprägte Fähigkeit, das Gespräch mit jungen Bundesbrüdern zu führen. Auf Tagungen, von denen er viele besucht hat, stellte er sich in der Diskussion auch unbequemen Fragen. Immer wieder forderte er, die Zeitgeschichte mit neuen Augen zu sehen.

Über ein halbes Jahrhundert war er uns ein Bundesbruder. Dem VDSt hat er gedient, wobei es Dienen in seiner vornehmsten Form war, weil selbstlos. Die geistigen, politischen Anregungen und Anstöße, welche der VDSt von ihm erhalten hat, dokumentieren ein Lebenswerk. Wir sind diesem noch zu nahe, um dessen Wirkung und Nachhaltigkeit beurteilen zu können. Dank und Anerkennung fanden Ausdruck in der Verleihung des Goldenen Ehrenzipfels durch den Verbandsvorstand.

Unser Bundesbruder Karl Maßmann hat einmal gesagt, für VDSter sei besonders charakteristisch, dass sie ihr Fachwissen stets in Beziehung setzen zu den großen Aufgaben der Zeit. Diethelm Keil war einer von ihnen. Am 14. August dieses Jahres ist er verstorben. Wir alle haben einen Bundesbruder verloren.

Ich habe einen Freund verloren.


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Herbert Fiebiger

geb. 1930, Dr. rer. pol., VDSt Tübingen.



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