Liberalismus und Radikalität

Liberalität steht für ein friedliches Miteinander, Radikalität für Konflikt. Gutes und Schlechtes scheint hier endlich einmal klar geschieden. Aber welche Anschauungen verbergen sich hinter beiden Wörtern? Und welche gesellschaftlichen Kräfte setzen sie frei? Überlegungen von Manuel Mackasare.


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Liberalität und Liberalismus

Liberalität, zu Deutsch Freiheitlichkeit, ist ein viel genutzter Begriff. Versucht man, seinen Bedeutungsgehalt von einem allgemeinen Freiheitsbegriff herzuleiten, verliert er sämtliche Konturen: Jedes politische System und jede Weltanschauung verspricht Freiheit. Im Aufklärungsdenken handelte es sich um die Freiheit des sittlichen Willens, daran anknüpfend sollten die preußischen Reformen den Bürgern die Freiheit zu harmonischer individueller Entfaltung im Staatsganzen verleihen, 160 Jahre später die 68er dem einzelnen Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen bringen. Die Kommunisten wollten den unterdrückten Arbeiter von der herrschenden Schicht befreien. Und die Nationalsozialisten versprachen dem Volksgenossen Freiheit im Volksganzen. Damit ist ein metaphysischer Freiheitsbegriff berührt, wie er Religionen kennzeichnet; er ist zu abstrakt, um verstandesmäßig erfasst zu werden, und bewegt sich in den Zonen des Glaubens und Gefühls. Es zeigt sich: Freiheit ist beliebig definierbar.

Heute wird Liberalität zumeist wirtschaftlich-politisch verstanden – im Sinne des Liberalismus. In dessen Mittelpunkt steht die Freiheit des individuellen Wollens, die so weit geht, wie sie die Freiheit des anderen nicht beeinträchtigt. Es handelt sich um eine Verkehrung der Aufklärungsidee, der Mensch sei zu überindividuellem Handeln in der Lage; sei in der Lage, vermittels Willens die eigenen Triebe und Affekte zu überwinden und im Sinne des Allgemeinwohls zu handeln. Das Wollen des Liberalismus steht stattdessen für eben jene Triebe und Affekte; sie zielen auf Materie ab, und das große liberalistische Dogma lautet, dass der Mensch im eigennützigen Bestreben mit dem eigenen den allgemeinen Wohlstand vermehre. Freilich kann der Mensch, wenn er möchte, sich auch aktiv um das Wohlergehen seiner Mitmenschen bemühen – aber das Selbst ist in diesem Weltbild immer der Mittelpunkt. Der Kern des Liberalismus ist eine Absolutsetzung unseres evolutionsbiologischen Antriebs, des Selbsterhalts. Die äußerste Konsequenz lautet, selbst vermeintlich altruistisches Handeln sei egoistisch motiviert durch die Hoffnung auf späteren Lohn oder einfach ein gutes Gefühl.

Radikalität

Will man Radikalität, hergeleitet von radix, Wurzel, als zur Wurzel zurückgehende Weltanschauung definieren, gibt es einen ebenso großen Interpretationsspielraum wie beim Freiheitsbegriff. Schließlich wurzelt jede Weltanschauung in für sie unumstößlichen Prämissen – auch der Liberalismus, und zwar in radikalem Individualismus, oder, gebräuchlicher, Egoismus. Zu Antonymen werden Liberalismus und Radikalismus erst, wenn aus jener Sicht dieser definiert wird; dann sind Radikalismen alle Weltanschauungen, deren Letztwerte außerhalb des Selbst liegen. So sollen sie an dieser Stelle begriffen werden. Aber was bedeutet das für unsere Gesellschaft?

Westlicher Liberalismus

Das wesentliche Merkmal des Westens ist der Liberalismus. Nicht eine hellenisch-christlich geprägte Kultur eint die westlichen Staaten, sondern deren voranschreitende Egalisierung. „Westliche Kultur“, das meint in erster Linie Einbindung in die Weltwirtschaft bei gleichzeitiger Nivellierung autochthoner Interessen und Kulturmerkmale:

Interessen, weil die Politik der jeweiligen Staaten primär von Wirtschaftsinteressen gelenkt wird, die bei einer Minderheit und teilweise im Ausland liegen. Das unmittelbare Mehrheitsinteresse der Staatsbürger ist zweitrangig; es wird gemäß liberalistischer Doktrin durch das Anwachsen des Wohlstandes, auf den die Politik abzielt, mittelbar gefördert. Ein Beispiel sind Agrarimporte aus Südamerika, die ohne fragwürdige dortige Arbeitsbedingungen unmöglich wären und gleichzeitig eine unschlagbare Konkurrenz für die deutsche Landwirtschaft bedeuten. Vor einer bürgerorientierten Politik der Export- wie der Importstaaten könnten solche Handelsverhältnisse nicht bestehen.

Kulturmerkmale, weil das eigene Herkommen mit allen Bereichen von nicht materieller Rentabilität an gesellschaftlichem Interesse verliert – wie sich deutlich an der modernen Geringschätzung der Geisteswissenschaften zeigt –, und weil die modernen Medien eine Art internationaler Massenkultur generieren, die sich maßgeblich aus Wirtschaftsinteressen speist.

Diesen Merkmalen entspricht der moderne Menschentypus: Geistigen Werten entfremdet er sich zusehends, und seine Denkart ist in den Gegebenheiten und Erfordernissen des Moments befangen. Mit Herablassung steht er den Weltanschauungen nicht-verwestlichter Völker in Geschichte und Gegenwart gegenüber; ein inneres, gefühlsmäßiges Verstehen uneigennütziger Antriebe ist ihm unmöglich. In letzter Konsequenz führt das zur Leugnung des Altruismus im obigen Sinne, womit der Egoismus als einziger Motor der Menschheitsgeschichte absolut gesetzt wird.

Radikale Weltanschauungen

Die große Gemeinsamkeit aller Weltanschauungen mit überpersönlichen Letztwerten ist ein gesellschaftlicher Kanon geistiger Werte wie Ehre, Treue und Gottesfurcht, der sich als Kult und Ritual materiell manifestieren kann; die Teilhabe daran bestimmt die Zugehörigkeit des Individuums, und die führende Schicht der Gesellschaft hat diese Werte zu repräsentieren.

Das Individuum ist gemäß den gültigen Werten sozialisiert und ihnen zumindest äußerlich verpflichtet; es ist damit überindividuell und überzeitlich gebunden. Der Aufgeklärtheitsgrad der Gesellschaft bestimmt, ob es völlig befangen ist in der konkreten Form ihres Wertekanons, oder ob es zu abstrahieren vermag und so verschiedenartige Ausprägungen der gleichen geistigen Werte in anderen Gesellschaftsformen anerkennt. Ein ernstmeinender Christ und ein ernstmeinender Moslem können der jeweils anderen Weltanschauung mit Respekt gegenüberstehen; es eint sie das Empfinden religiöser Pietät. In jedem Fall aber stehen beide der „Wertelosigkeit“, dem Fehlen geistiger Werte überhaupt, ablehnend gegenüber.

Liberalismus und Radikalismus

Im liberalistischen Westen sind geistige Werte, wo nicht bewusst verworfen, nurmehr phrasenhaft vorhanden; sie sind unverbindlich geworden (man denke an Begriffe wie „Treue“ und „Liebe“). Es herrscht ein entschiedener Werterelativismus, die sogenannte Toleranz: Alles ist verhandelbar, solange es gesetzeskonform ist (freilich schafft sich auch die liberalistische Gesellschaft ihre Feindbilder; darum soll es aber an dieser Stelle nicht gehen). Für das offensichtliche Bedürfnis des Menschen nach Spiritualität steht ein großes Sortiment verschiedenster religiöser oder quasi-religiöser Angebote bereit. Diese liefern aber keine dauerhaften geistigen Werte, sondern sind dazu ausgelegt, das momentane Verlangen nach spirituellem Konsum zu stillen. Beispiele sind der blühende Esoterikmarkt, auf dem man sich religiösen Mystizismus nach Bedarf komponentenhaft zusammenkaufen kann, das sogenannte liberale Christentum, dessen Anhänger unzeitgemäße Bibelstellen einfach ignorieren, oder auch das allgemeine Fußballfieber, in dem nationale Symbole einer großen Partystimmung dienen, aber an keinerlei Werte und Verpflichtungen gebunden sind. Alles das kann problemlos nebeneinander existieren, weil es keine fixen Wertegrenzen gibt, die sich überschneiden und zu Konflikten führen könnten.

Geistige Letztwerte lehnt der liberalistische Mensch ab; es ist bezeichnend, dass etwa gegen die einzelnen Religionen die derbsten Angriffe von Atheisten, nicht von Andersgläubigen geführt werden. Die traditionellen geistlichen Institutionen des Abendlandes, die Kirchen, haben sich damit längst abgefunden; das Trommelfeuer sämtlicher Medien auf ihre Heiligtümer ruft nur noch selten Gegenwehr hervor. Dagegen blieben die Versuche, sich im Islam ein lohnenswerteres Ziel zu suchen, vereinzelt. Wo religiöse Tabus berührt werden, ist der islamischen Welt jedes Mittel der Gegenwehr recht – von Boykott bis Mord. Trotz aller westlichen Empörung über die islamische Unaufgeklärtheit und Intoleranz finden sich heute nicht mehr viele Satiriker, die etwa Mohammed verunglimpfen.

Dominanz des Radikalen?

Zwei wesentliche Aspekte kennzeichnen das Verhältnis der liberalistischen und radikalen Weltanschauung(en):

Zum einen das gegenseitige Unverständnis. Aus einer Wertesphäre heraus, die nur das Selbst kennt, sind Denkarten mit überindividuellen Letztwerten unbegreiflich. Und andersherum. Von nicht-westlichen Zugewanderten vernimmt man den verächtlichen Ausspruch, die Deutschen hätten keine Ehre; darin liegt das eigene Nicht-Begreifen der Tatsache, dass der deutschen Mehrheitsgesellschaft in der Tat jeder Ehrbegriff fremd geworden ist.

Zum anderen die Dominanz des Radikalen. Man mag sich auf liberalistischer Seite noch so erhaben über sogenannte archaische – also nicht sichtbar nutzbringende – Wertesysteme fühlen; vor physischen Angriffen weicht der Liberale schnell zurück. Das ist die Achillesferse von Materialismus und Egoismus. Wo das physische Selbst der Letztwert ist, muss das oberste Bestreben sein, es vor Schaden zu bewahren. Überindividuelle Letztwerte dagegen fordern maximalen physischen Einsatz von ihrem Träger, bis hin zur Selbstopferung. So erklärt sich auch, warum die asymmetrische Kampfführung, in Zeiten von Aufklärungs- und Kampfdrohnen aus individueller Sicht weitaus wahnwitziger als je zuvor, in allen aktuellen Konflikten zum Sieg der Radikalen führt.

Der Kampf zwischen Liberalismus und Radikalismen jeglicher Art ist der des Werterelativismus gegen geistige Letztwerte. Er stellt den Gehalt dieser Werte und die Konsequenz ihrer Träger auf den Prüfstand und hat dem Liberalismus ein großes Reich erfochten, dessen weitere Expansion allerdings fraglich ist. Dagegen bewähren sich nach einem Jahrhundert liberalistischer Dominanz wieder Radikalismen – ob wir nicht in Zeiten einer Tendenzwende leben, wird sich zeigen.


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Manuel Mackasare

geb. 1985, Historiker, VDSt Breslau-Bochum.

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