Melanchthon – zwischen Reform und Anpassung

Spätestens mit der Reichsgründung 1871 war der Protestantismus so etwas wie ein identitätsstiftendes Merkmal des deutschen Nationalstaates geworden. Luther als Sinnbild des Widerstandes gegen Willkür, Oppression, Entartung. Uns Heutigen ist diese Auslegung fremd; wir sehen die mittelalterliche Kirche weniger düster, die protestantische mit ihren Schattenseiten. Selbst Luther hat seine Unantastbarkeit eingebüßt. Aber es gibt auch Kontinuitäten: Der unermüdliche Mitstreiter des großen Reformers, Philipp Melanchthon, war zu allen Zeiten unter gleichbleibenden Gesichtspunkten umstritten.


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201007melanchton1War er der „Lehrer Deutschlands“ (Praeceptor Germaniae) oder ein „Leisetreter und prinzipienloser Kompromissler“ (BRENNECKE/SPARN)? Wurzelt in seiner Person die friedfertige Konsensbereitschaft der Evangelischen Kirche oder ihre rückgratlose Anpassungsfähigkeit? Am 19. April 2010 wird sich der 450. Todestag Melanchthons jähren. Sehen wir uns sein Leben und Wirken einmal an.

Philipp Schwarzerdt – Melanchthon soll er erst später genannt werden – wird am 16. Februar 1497 im (heute baden-württembergischen) Bretten als Sohn des kurfürstlichen Waffenschmieds geboren. Dem Bürgertum stehen die landesherrlichen Universitäten offen, ermöglichen ohne adlige Herkunft eine Karriere im Staatsdienst. Als 1508 sein Vater stirbt, schlägt der junge Schwarzerdt diesen Weg ein und besucht die humanistisch geprägte Lateinschule in Pforzheim.

Humanismus, das ist die neue Weltanschauung der Renaissance, die den Menschen und dessen Wohlergehen in den Fokus der Wissenschaft rückt. Dies bedeutet gleichsam eine Abwendung von der mittelalterlichen Scholastik und ihrem doktrinären System anerkannter Lehrsätze; eine Wendung vom Allgemeinen hin zum Speziellen, vom Abstrakten zum Konkreten, von der Theorie zur Praxis.
Schwarzerdt tut sich unter den Altersgenossen hervor. Besonders seine Beherrschung des Lateinischen und Griechischen verschafften ihm schon jetzt die Anerkennung gebildeter Kreise. Johannes Reuchlin, ein bedeutender Humanist dieser Zeit, schwingt sich zum Förderer Schwarzerdts auf und gräzisiert dessen Familiennamen als „Melanchthon“. Mit 14 Jahren erlangt Melanchthon seinen ersten akademischen Titel, den Baccalaureus artium, drei Jahre später, 1514, ist er Magister der Sieben Freien Künste (Artes liberales). Nun darf er lehren, übersetzt antike Dramen, arbeitet an Grammatiken und Lehrbüchern. Mit 21 erhält Melanchthon seinen Ruf an die Universität Wittenberg. Als Professor für Griechisch ist er Amtskollege des 14 Jahre älteren Martin Luther.

Für Melanchthon ergibt sich aus Rationalität und Religion kein Widerspruch; die Welt sei regelhaft geordnet und in Teilen mit menschlichem Verstande erfassbar, jedoch im Ganzen göttlich geschaffen und gelenkt. Die ratio ist eine Gabe Gottes, Wissenschaft und Bildung stellen eine Annäherung an den Allmächtigen dar. Durch tiefere Einsichten, davon ist Melanchthon überzeugt, kann der Mensch sich bessern. Ungebildeter Glaubenseifer, dessen alleiniger Bezugspunkt die Bibel ist, liegt ihm fern, und so fordert er eine umfassende Unterweisung in alten Sprachen, Mathematik und Logik, bevor das Studium der Theologie aufgenommen wird. Auch Jurisprudenz und Medizin sollen erst nach Erwerb dieser Grundlagen zugänglich sein. Hier findet sich in Grundzügen das Gedankengut allgemeiner, umfassender Bildung, die dreihundert Jahre später Humboldt zum Teil realisieren und damit die deutsche Gesellschaft zutiefst verändern sollte.

Dieses humanistische Reformprogramm präsentiert Melanchthon in seiner Wittenberger Antrittsvorlesung und überzeugt damit Luther auf Anhieb. 28 Jahre intensiver Zusammenarbeit folgen, in denen sich der Jüngere als wichtigster Vordenker des protestantischen Lehr- und Kirchenwesens hervortut, auch dem großen Reformator bei der Bibelübersetzung zur Hand geht, doch zeitlebens Laie bleibt. Melanchthon predigt nie.

Als ein Mann der Wissenschaft verwirft er gewaltsames Aufbegehren gegen die bestehende Ordnung, glaubt, das rationale Argument, der Dialog könne gemeinnützigen Wandel herbeiführen und steht den handgreiflichen Unruhen hilflos gegenüber, die das reformatorische Gedankengut bald auch in Wittenberg heraufbeschwört. Angepasstheit oder Friedfertigkeit? In allen Zeiten jedenfalls gereichten diese Charakterzüge zu schlimmen Vorwürfen.

Auf dem Reichstag in Augsburg 1530 legt Melanchthon den evangelischen Ständen seine Schrift „Confessio Augustana“ vor. Diese zeigt die Übereinstimmung der reformatorischen Lehre mit der katholischen Kirche (Ecclesia catholica), ohne die evangelischen Grundannahmen zu leugnen – abgewichen vom rechten Christentum seien die „Altgäubigen“. Die evangelische Partei lehnt dies ab, viele sehen Melanchthon als rückgratlosen Kompromissler. Melanchthon scheint nicht zu verstehen, dass niemand mehr an Konsens interessiert ist. Man setzt auf Konfrontation, die er gerade vermeiden will. Freilich vergebens. 1546 bricht der Schmalkaldische Krieg aus, führt innerhalb eines Jahres zur Niederlage der Evangelikalen, die durchaus nicht geschlossen hinter der gemeinsamen Sache stehen. Einer aus ihren Reihen, Moritz von Sachsen, fällt als Verbündeter des Kaisers im evangelischen Kursachsen ein, unterwirft es seiner Herrschaft. Wittenberg ist in der Hand des „Judas von Meißen“, wie der Fürst von seinen Glaubensbrüdern genannt wird, doch Melanchthon entschließt sich zu bleiben. Dies wird vielfach als verräterischer Gestus gedeutet, zahlreiche Freunde und Schüler wenden sich gegen ihn.

Die Grenzen von Konfession und Politik verlaufen in diesen Tagen immer weniger deckungsgleich. Melanchthons „Confessio Augustana“, vormals von der reformatorischen Partei abgelehnt, macht 1555 die Gegenseite zur Grundlage des Augsburger Religionsfriedens. Nun gibt es offiziell zwei Konfessionen im Reich. Aber Melanchthons Bestreben, die Feindseligkeiten beider Parteien aus der Welt zu schaffen, bleibt vergebens. Ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod sollen jene mit dem Ausbruch des dreißigjährigen Krieges sich erst ihrer Klimax nähern.

Melanchthons nachgiebiger Haltung lag der Gedanke zugrunde, das Bestehende müsse nicht angefochten werden, wo es nicht in Konflikt stehe mit den protestantischen Grundsätzen. Manche sehen darin den Startpunkt einer Kontinuität, die von der Toleranz des katholischen Ritus durch Melanchthon bis zur Kompromissbereitschaft der Evangelischen Kirche mit dem Nationalsozialismus reicht.

Zweifelsohne meinte Melanchthon, dass seine Haltung, wenn die Mächtigen sie teilten, Gewalt und Blutvergießen vermeidbar machen würde. Aber diese Überlegung verfehlte die Realität; ihr Urheber verzweifelte an der mangelnden Vernunft seiner Zeitgenossen. Bildung und Wissenschaft schienen ihm die einzigen Heilmittel. Im humanistischen Gedanken fand er mit Luther zusammen, hier liegt die gemeinsame Basis des sonst so ungleichen Paares; klein und schmächtig Melanchthon, groß und kräftig Luther. Ein besonnener, melancholischer Theoretiker, der außerhalb des gelehrten Diskurses wenig unmittelbar zu bewegen vermag, und ein polternder, lebensfroher Macher, dessen Wort die Massen erreicht und aufwühlt, aber auch blutige Unruhen hervorruft.

Für den heutigen Betrachter ist zu Melanchthons Lebzeit das späte Mittelalter in die frühe Neuzeit übergegangen. Der Zeitgenosse aber sah innerhalb eines Menschenalters eine jahrhundertealte Ordnung zerbrechen, stand im düsteren Schatten eines Konflikts ungeahnten Ausmaßes. Mit wachsendem Alter erkannte Melanchthon, diesen nicht verhindern zu können. Ein Stückweit resignierte er am Menschen. So sehnte er sein Ende herbei, und als ihn dieses am 19. April 1560 ereilte, lagen 63 Lebensjahre hinter ihm. Seine Anhänger sahen darin ein Zeichen, denn Luther war genauso alt geworden. Und auch dem heutigen Betrachter zeigen die beiden Männer ein Abbild der Vielgesichtigkeit des evangelischen Glaubens.

 

Literaturempfehlungen

Brennecke, Hanns Christoph / Sparn, Walter (Hrsg.): Melanchthon. Zehn Vorträge (Erlanger Forschungen, Reihe A, Geisteswissenschaften, Bd. 85), Erlangen 1998.
Scheible, Heinz: Melanchthon. Eine Biographie, München 1997.
Speler, Ralf-Torsten: Melanchthon und die Universität. Zeitzeugnisse aus den Halleschen Sammlungen, Halle (Saale) 1997.


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Manuel Mackasare

geb. 1985, Historiker, VDSt Breslau-Bochum.

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