Neustart einer Währung

Schuldenkrise, Eurorettung und Inflationsangst schüren in regelmäßigen Abständen die Furcht vor einem Zusammenbruch des europäischen Währungssystems. Wie würde es in einem solchen Fall weitergehen? Für die Deutschen gibt es eine historische Blaupause. Johannes Engels über das Experiment der Renten-Mark.


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Was passiert eigentlich, wenn (rein ökonomisch betrachtet) „nichts mehr da“ ist? Oder präziser formuliert: ein „nichts mehr da“ als solches gefühlt wird?

Betrachtet man die 2007 ausgebrochene Finanzkrise, die mittlerweile wiederholt nicht nur zu großen Bankenpleiten, sondern faktisch auch zu Staatsbankrotten führte, so fragt man sich, wie lange ein teures Erkaufen von Zeit als Problemlösung noch gelingen kann.

Der bisher in den vergangenen Jahren in der OECD-Welt eingeschlagene Weg weist unverändert in die Richtung, dass man mit der offenbar bedenkenlos erscheinenden Übernahme von Unternehmens- und Bankkonkursen sowie von Staatsschulden eher aufschiebend an diese Probleme herangeht.

Gerade hier stellt sich die bange Frage, ob es je zu einer Rückzahlung dieser horrenden Summen seitens dieser Schuldnerstaaten kommen kann. Frei nach dem Denkmuster der „schwäbischen Hausfrau“ sind da sehr wohl Bedenken angebracht. Denn wenn diese Staaten die bis vor einigen Jahren bereits aufgetürmten Schulden nicht mehr bedienen konnten, wie können sie dann die inzwischen weit höheren Schuldenberge jemals bewältigen? Würde man diese kaum noch gedanklich fassbaren Geldbeträge dann aber aus den in Schattenhaushalten versteckten Bürgschaften in den regulären deutschen Bundeshaushalt überstellen (müssen), so droht auch uns in Mitteleuropa das bisher als undenkbar Geglaubte: nämlich ein Offenbarungseid der öffentlichen Hände!

Es ist in diesem Kontext aus heutiger Sicht nicht seriös abschätzbar, wie man dann – beim Sturz in das gefühlte ökonomische Nichts – verfahren wird. Oftmals hat man ja, nicht nur in Deutschland, das unaufschiebbare Problem mit dem Zulassen von Inflation „gelöst“. Alternativ drohen den betroffenen Bürgern aus dem Gruselkabinett der Grausamkeiten aber auch Steuererhöhungen, staatliche Zwangsanleihen bzw. Zwangshypotheken.

Die Ursprünge der Rentenmark

Ein interner Schuldenabbau mittels Inflation spielte sich im und vor allem nach dem Ersten Weltkrieg im damaligen Deutschen Reich ab. Dabei bediente man sich, vor dem Hintergrund eines lange gewahrten Geldvertrauens, zunächst eines effektiv wirkenden Tricks: waren nämlich die bisher gedruckten Reichsbanknoten mit einem zinnoberfarbenen Siegel versehen, so druckte man eben diese Geldzeichen fortan mit einem dunkelgrünen Siegel.

Die Botschaft: Natürlich soll das Publikum transparent erkennen können, welche Banknoten rein kriegsbedingt in Umlauf gelangen. Die Geldscheine mit dem roten Siegel sollten deshalb besser daheim aufbewahrt werden, da diese ihren ursprünglichen Goldwert nach Kriegsende auf jeden Fall wieder erhalten werden. Da aber Banknoten im Prinzip Schulden des Staates gegenüber den jeweiligen Inhabern sind, konnte auf diesem Weg bereits zu Anfang zumindest ein ganzes Stück an Schuldenaufschub erreicht werden. Am Ende stand sogar eine komplette Entschuldung, da auch die in Vorkriegszeiten emittierten Scheine ihren Kaufkraftwert völlig einbüßten. (1)

Noch vor dem Ersten Weltkrieg verdrängten getreu dem Greshamschen Gesetz die Banknoten die Goldmünzen immer mehr. Nach Kriegsausbruch verschwanden die Goldstücke praktisch komplett (und für immer) aus dem Umlauf. Ebenso erging es wenig später den Silbermünzen. Der Kurs der Papiermark begann als Folge der Kriegskosten stetig zu sinken und die Preise im Deutschen Reich entsprechend zu steigen. 1918 wurde eine Silbermark bereits zum Kurs von zwei Papiermark angekauft. Auch klimperten bei den pfennigbasierten Nominalen ab 1916 immer mehr Münzen aus geringwertigem Material, wie Aluminium, Eisen und Zink, in den Geldbörsen der Deutschen. Was damals noch kaum jemand ahnte, war aber die Katastrophe, welche in den Nachkriegsjahren ihren Lauf nehmen sollte.

Um den Weltkrieg finanzieren zu können, gab das Kaiserreich Kriegsanleihen heraus. Diese sollten von der Bevölkerung gekauft und nach dem siegreichen Ende des Krieges mit Gewinn zurückgezahlt werden. War die Bereitschaft des Volkes zur Zeichnung dieser Anleihen zunächst sehr groß, nahm sie mit fortschreitendem Kriegsverlauf und zunehmender Kriegsmüdigkeit und Verarmung immer weiter ab. Ein stetig größer werdender Anteil dieser „Wertpapiere“ musste daher monetarisiert werden. Insgesamt belief sich dieser frisch der Druckerpresse entnommene Betrag auf rund 75 Milliarden Mark. Damit war ein wichtiger Nährboden für die kommende Inflation geschaffen worden.

Im Jahre 1923 bemühte sich der finanziell völlig ausgeblutete deutsche Staat um eine Stabilisierung der Währungsverhältnisse, nachdem die alte Mark-Währung in der Hyperinflation versunken war und damit ihre Aufgabe erfüllt hatte. Gleichzeitig hatte man damit die Binnenschulden ebenfalls (bis auf reale 16 Pfennig in altem Goldmarkwert) abgebaut. Als Folge des verlorenen Krieges und der anschließenden Reparationszahlungen besaß der deutsche Staat keinerlei werthaltige Gegenstände wie z. B. Gold und kein sonstiges liquides Staatsvermögen mehr. (2)

Im Sommer 1923 wurde mit sogenanntem „wertstabilem Papiernotgeld“ – auch Schatzanweisung genannt – mit aufgedrucktem „Goldmark“- und „Golddollar“-Bezug versucht, die Inflation einzudämmen. Dieser Versuch scheiterte jedoch.

Ab Herbst 1923 weigerten sich landwirtschaftliche und industrielle Produzenten zunehmend, Waren gegen die immer schneller wertlos werdende Papiermark abzugeben. In einigen Teilen Deutschlands kam es zu Aufruhr und Plünderungen.

Der Verfall der Währung ging aber ungebremst weiter. Die Preise stiegen auf astronomische Höhen. Mitte November 1923 kostete ein Kilo Roggenbrot 233 Milliarden, ein Kilo Rindfleisch 4,8 Billionen Mark. Zuletzt trugen die Menschen die nahezu wertlosen Geldscheine in Wäschekörben in die Läden. Ein Brot kostete 105 Milliarden Reichsmark, eine Straßenbahnfahrkarte 150 Milliarden Mark, ein US-Dollar notierte zuletzt bei einem Kurs von 4,2 Billionen Mark. Die Arbeitslosenquote lag bei fast 25 %, das soziale Elend nahm immer weiter zu und man fühlte den sozio-ökonomischen Sturz ins Bodenlose. (3)

Konstruktionsidee der Währungsreform

Aber es gab ja immer noch das deutsche Volk und die private deutsche Wirtschaft. Also warum sollte nicht deren Vermögen als Sicherheit für eine neue Währung verwendet werden? Der ansonsten völlig mittellose Staat konnte schließlich immer noch durch das Erlassen von entsprechenden Gesetzen auf das verbliebene Vermögen seiner wirtschaftlichen Leistungsträger zugreifen.

Und das geschah so: Am 15. Oktober 1923 wurde die „Deutsche Rentenbank“ als vom Staat unabhängiges, öffentlich-rechtliches Kreditinstitut gegründet und mit einem Grundkapital von 3,2 Mrd. Rentenmark ausgestattet. Zu Gunsten der Deutschen Rentenbank wurden Immobilien von Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe zwangsweise mit Hypotheken und Grundschulden belegt. Gedeckt wurde dieses Grundkapital also mit einer Grundschuld, für die das gesamte deutsche Gewerbe sowie die deutsche Landwirtschaft mit jeweils 1,6 Mrd. Rentenmark hafteten. Die Deckung dieser mit 6 % verzinslichen Schuldverschreibungen bestand aus nicht vermehrbaren Sachwerten wie der Leistungskraft der Gewerbevermögen und landwirtschaftlichem Grund und Boden. Diese Sachwerte hatten unter der Hyperinflation schließlich nicht gelitten. Die Gesamtsumme der Hypotheken und Grundschulden belief sich immerhin auf über 3,2 Milliarden Mark in Gold („Goldmark“). Auf Basis dieser Schuldverschreibungen stellte die Deutsche Rentenbank nunmehr Rentenbriefe über 500 Goldmark oder ein Vielfaches davon aus. (4)

Die Deutsche Rentenbank gab erste neue Banknoten mit dem Datum 1. November 1923 um den 20. November sowie auch neue Rentenpfennig-Münzen mit der Jahreszahl 1923 an die Bevölkerung, zunächst parallel zu den umlaufenden hohen Milliarden- und Billionen-Papiermark-Nominalen sowie den in geringerer Anzahl kursierenden wertbeständigen Notgeldbanknoten aus.

Die Abkürzung der neuen Währung war „Rent.M“. Maßgeblichen Einfluss auf die Einführung hatten Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht und Reichskanzler Gustav Stresemann. Die Rentenmark war allerdings streng juristisch gesehen kein gesetzliches Zahlungsmittel, sondern genau genommen eine Inhaberschuldverschreibung der für diesen Zweck geschaffene Rentenbank. Der Wechselkurs zur Papiermark wurde mit 1:1 Billion festgesetzt, und zwar genau am 20. November 1923 per Festlegung durch die Reichsbank, als der Devisenkurs 4,2 Billionen Papiermark = 1 US-Dollar war, was genau der Vorkriegs-Goldmarkparität zum Golddollar entsprach.

Da aber die Rentenmark kein gesetzliches Zahlungsmittel war, bestand im Prinzip kein rechtlicher Zwang, sie als Zahlungsmittel anzunehmen. Trotzdem wurde sie von der Bevölkerung sofort akzeptiert, womit die Inflation schlagartig gestoppt war. Man sprach vom Wunder der Rentenmark. (5)

Die Knappheit des neuen Geldes wurde auch dadurch unterstrichen, dass die Rentenbank von der Geldmenge der erwähnten 3,2 Mrd. Rentenmark lediglich je 1,2 Mrd. Rentenmark ausgab bzw. dem Staat als zinslosen Kredit eingeräumte, während 0,8 Mrd. Rentenbankscheine als Reserve bei der Rentenbank blieben. (4)

Die Rentenbank gab dem Reich keine Kredite mehr. Es kam zwangsläufig zu drastischen Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen. Im sozialen Kontext besonders bitter: Zehntausende Staatsbedienstete wurden in kurzer Zeit entlassen. (3)

Wie ging es weiter?

Am 30. August 1924 wurde die (neue) Reichsmark zusätzlich zur Rentenmark eingeführt. Sie galt zur Rentenmark im Verhältnis 1:1. Die Reichsmark hatte nicht, wie fälschlicherweise oftmals angenommen, die Rentenmark ersetzt. Vielmehr konnte weiterhin mit beiden Währungen bezahlt werden. Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Währungen bestand in ihrer unterschiedlich ausgestalteten Deckung. Die Rentenmark wurde durch die sogenannte Grundschuld gestützt: Jeder Unternehmer, Grundstücks- und/oder Hauseigentümer musste, wie erwähnt, sechs Prozent seines Grundeigentums an den Staat übertragen. Die Reichsmark hingegen wurde durch materielle Güter des Staates – wie Kohle oder Gold – wieder auf klassische Art gestützt. Für den praktischen Umgang mit beiden Zahlungsmitteln hatten diese juristischen Unterschiede keine Bedeutung. Mit Einführung der Reichsmark wurde allerdings die Anwendung der Bezeichnung „Rentenmark“ – trotz des Umlaufs beider – in allen amtlichen Dokumenten durch Gesetz verboten. Auf allen Rentenbankscheinen finden sich deshalb auch keinerlei deutsche Hoheitssymbole.

Die Rentenbank bestand über das Jahr 1924 hinaus fort und die ausgegebenen Rentenmark-Nominale blieben im Umlauf. Die letzten Rentenmarkscheine zu 1 und 2 Rentenmark, die auf den 30. Januar 1937 datieren, wurden erst am 5. September 1939 ausgegeben und waren bis zu den Währungsreformen Mitte 1948 in allen alliierten Besatzungszonen gültig. Ursprünglich sollte die Rentenmark bis spätestens 1934 vollständig durch die Reichsmark ersetzt werden.

Die Reichsbank erhielt in diesem Kontext ihre volle Souveränität zurück, jedoch mussten die neuen Reichsbanknoten mindestens zu 40 % in Gold oder Devisen gedeckt sein, der Rest der Deckung konnte in guten Handelswechseln erfolgen. Bei dieser Form der Goldkernwährung benötigte die Reichsbank also ausreichende Gold- und Devisenreserven, auch damit bei freien Wechselkursen der Außenwert der Reichsmark stabil gehalten werden konnte. Denn im Gegensatz zur Rentenmark als reine Binnenwährung war die Reichsmark konvertierbar, um wieder einen störungsfreien Außenhandel zu ermöglichen. (4)

Wirkung

Im Gegensatz zur inflationszerrütteten Papiermark wurde der Rentenmark in der breiten Bevölkerung großes Vertrauen entgegengebracht. Die wichtigste Eigenschaft der Rentenmark war nicht die Tatsache, dass sie (auf eher theoretische Weise) an Grund und Boden gekoppelt war, sondern dass ihr Gesamtvolumen strikt begrenzt war: Rentenmarkscheine wurden im Wert von 2,4 Milliarden Reichsmark (damals 600 Millionen Dollar) ausgegeben, trotz politischen Drucks weigerte sich Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht, die Menge nachträglich zu erhöhen. Das Ziel war es, das Geld in Deutschland wieder knapp und somit wertvoll zu machen. (5)

Neben den konkreten wirtschaftspolitischen Maßnahmen der konsequenten Stabilisierung der Staatsfinanzen und der restriktiven Geldpolitik der Deutschen Rentenbank war für den Erfolg der Rentenmark ein hohes Maß an Psychologie ausschlaggebend: Der Begriff der „Rente“ war mit einer „Sicherheit“ assoziiert, die durch die Deckung der Rentenmark durch nicht beliebig vermehrbares Gewerbekapital sowie Grund und Boden unterlegt war. Diese „sichere Deckung“ wäre jedoch faktisch niemals einlösbar gewesen. Die Einführung der nicht konvertiblen Rentenmark als Zwischenschritt vor der endgültigen Einführung der Reichsmark als konvertibles, gesetzliches Zahlungsmittel hatte aber noch eine weitere psychologische Bedeutung: Wäre die Einführung der Rentenmark missglückt und die Währung im Wert nicht stabil geblieben, dann hätte dies sowohl im In- als auch im Ausland äußerst negativ dahingehend gewirkt, dass die deutschen Währungsprobleme generell nicht mehr in den Griff zu bekommen waren. (4)

Schlussfolgerung

Kann ein solches Szenario sich wiederholen? Ausgeschlossen werden kann dies, nach dem sehr rapiden öffentlichen Schuldenanstieg auch im deutschsprachigen Ländergebiet der vergangenen Jahre keineswegs mehr völlig, und die Finanzmärkte werden eben misstrauisch, wenn es Zweifel an der Bonität eines Schuldners gibt. Hoffentlich bleibt uns ein solches Katastrophenszenario erspart, ansonsten müssten wir uns – wie weiland in den 1920er Jahren – wieder auf die menschliche Leistungskraft und unseren Grund und Boden stützen. Ein Drehbuch aus der Historie dazu gibt es ja bereits …

 

Quellenverzeichnis

(1) Elektronische Netzseite von guessen.privat.t-online.de

(2) germanycash.de zum Stichwort „Rentenmark“

(3) Andreas Hoenig in: Westdeutsche Zeitung, Ausgabe vom 13.11.2013

(4) Helmut Braun in: Historisches Lexikon Bayerns

(5) Elektronisches Lexikon Wikipedia zum Stichwort: „Rentenmark“


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Johannes Engels

geb. 1958, Dr. rer. pol., VDSt Köln.



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