„Nur um Gotteswillen keinen schändlichen Frieden“

In der harten Männerwelt Preußens war sie eine Außenseiterin und wurde vielleicht gerade deshalb zur Berühmtheit. Sie kämpfte für Reformen und widerstand Napoleon. In diesem Jahr jährte sich ihr Todestag zum zweihundertsten Mal.


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Louise_of_Mecklenburg-StrelitzIm ausklingenden Juli des Jahres 1810 zieht eine stumme Schar durch Berlin. Preußens Königin wird zu Grabe getragen. Die Straßen sind dicht gesäumt vom Volk; Vertreter aller Stände, in tiefer Trauer geeint. Schwere Zeiten haben diese Menschen durchlebt, schwere Zeiten liegen vor ihnen – und nun sind sie jenes Idols beraubt, dem allgemeine Zuversicht und Liebe so überschwänglich entgegenströmten. Aber nicht Mutlosigkeit herrscht hier. Entschlossenheit ist aus Hoffnung und Leid der Vergangenheit erwachsen. „So schlumm’re fort, bis deines Volkes Brüder, / Wenn Flammenzeichen von den Bergen rauchen, / Mit Gott versöhnt die rost’gen Schwerter brauchen, / Das Leben opfernd für die höchsten Güter“, dichtet Theodor Körner später vor dem Grabmal der Königin.

Als sechstes Kind geht Luise Auguste Wilhelmine Amalie am 10. März 1776 aus der Verbindung des mecklenburgischen Prinzen Karl mit der hessischen Prinzessin Friederike hervor. Sie wächst unter verhältnismäßig armen, bürgerähnlichen Umständen auf, genießt aber eine tolerante Erziehung. Den damaligen Umständen gemäß wird ihr eine nur dürftige Bildung zuteil, vor allem beschränkt auf religiösen und standesbezogenen Stoff. Luises tiefe Frömmigkeit dürfte hier ihre Wurzeln haben, jedoch auch ihr späteres humanistisches Streben nach tieferem Wissen.

Selige Familienwelt

Kronprinz Friedrich Wilhelm lernt Luise im Frühjahr 1793 kennen und wählt sie zu seiner Braut. Diese Ehre ist zweifelhafter Natur: König Friedrich Wilhelm II., des Prinzen Vater, hat sich einen vielfach kritisierten französischen Lebensstil zu eigen gemacht und das Königshaus in Verruf gebracht. Dennoch begegnet Luise ihrem zukünftigen Gatten mit Sympathie und Achtung; das Verhältnis beider wird rasch enger. Am Heiligen Abend des Jahres 1793 findet die Trauung statt – Luise ist 16, ihr Gemahl 22. Alle vormaligen Sorgen erweisen sich als unbegründet: Anders als sein Vater zieht Friedrich Wilhelm eine beschauliche Lebensweise der ausschweifenden vor, verabscheut das Mätressenwesen, ist, gleich seiner jungen Gemahlin, ein sehr religiöser und moralischer Charakter. Recht menschenscheu zeigt sich der Thronnachfolger Preußens, dabei seinen Untertanen zugeneigt und gegenüber Freunden treu und anhänglich.

Die junge Ehe verläuft harmonisch. Luise, in jugendlichem Überschwang, setzt sich über die höfische Etikette hinweg, unternimmt alleine Spazierfahrten, empfängt eigenmächtig Besucher und frönt ihrer Tanzleidenschaft übermäßig, doch der Gatte vertraut ihr unbedingt, verteidigt sie gegen äußere Kritik. Dafür passt die Kronprinzessin sich allmählich seinem Lebensstil an. Die beiden finden ein stilles, häusliches Glück.
Im Insurrektionskrieg gegen Polen, der 1794 ausbricht, zeigen sich erstmals die Schattenseiten von Friedrich Wilhelms Charakters: Nur unwillig setzt der Kronprinz sein privates Glück der Pflicht hintan, führt seine Truppen lust- und schließlich erfolglos. Überhaupt hasst er den Krieg; zwar ist seine eigene Tapferkeit im Felde einstimmig bezeugt, doch schont er aus humanitärem Antrieb heraus seine Soldaten, meidet, wenn möglich, die Schlacht und gibt die Initiative aus der Hand.

Luise neigt sich in dieser Zeit immer mehr dem großen Geistesleben der abklingenden Aufklärungsepoche zu, nimmt Kontakt zu den Größen ihrer Zeit auf und wird Wieland, Goethe und Schiller persönlich kennenlernen. Bei jedem dieser drei hinterlässt sie einen tiefen Eindruck. Letzterer ist ihr liebster Dramatiker: Schiller, der glaubt, ästhetischer, geistvoller Genuss könne den Charakter der Menschen veredeln. Freiheitsliebe, tapfere Ehrhaftigkeit, unbedingte Redlichkeit, Streben nach Ganzheit – alles Eigenschaften, die Luise im Laufe ihres Lebens immer deutlicher hervorkehrt.

Friedrich Wilhelm, wenngleich er die Neigung seiner Gattin toleriert, verkennt die literarische Erhabenheit seiner Zeit, tut sie als Mode ab. Hier zeigt sich eine interessante Charakteristik des Paares: Während Luise in humanistischem Eifer beständig um Entwicklung bestrebt ist, bleibt Friedrich Wilhelms Charakter sein Leben lang festgeschrieben.

Ende 1797 stirbt König Friedrich Wilhelm II. nach kurzer, aber qualvoller Krankheit. Die unbeschwerten Jahre des jungen Paares sind jäh und endgültig vorüber; der Sohn tritt als Friedrich Wilhelm III. in die Regierungsverantwortung. Bald schon erfreuen er und seine Frau sich großer Beliebtheit im Volk; geradezu märchenhaft wirkt die gütige und milde Regentschaft. Aber Friedrich Wilhelms Defizite, zuvor bereits im Krieg erwiesen, wachsen in tragischer Weise zum Moloch; ohne Blick auf die Nachbarländer glaubt er, Glück und Wohlstand der preußischen Untertanen vermehren zu können. Dieweil er unbefangen mit Bauern und Kindern scherzt, steht er Staatsmännern hilflos gegenüber. Der Größe seiner Zeit ist er nicht gewachsen.

Während des 18. Jahrhunderts war Preußen zu einer modernen und dynamischen Großmacht herangewachsen. Die mittelalterliche Willkürherrschaft musste einem aufgeklärt-absolutistischen System weichen, einem patriarchalischen Staat, dessen angestrebtes Ziel ein größtmögliches Gemeinwohl war. Unter dem Eindruck der Erfolge Friedrichs des Großen waren dessen Nachfolger überzeugt von einer bleibenden Staats- und Militärmacht Preußens. Doch diese Auffassung sollte sich als trügerisch erweisen.

Vom Westen ziehen Wolken herauf

Mit der Französischen Revolution hatte sich in einem der europäischen Nachbarländer der nationale Volksstaat als völlig neues System herausgebildet. Nicht länger wurde hier, gemäß Hobbes’ Doktrin, der Gemeinwille durch einen absoluten Einzelherrscher repräsentiert, sondern unmittelbar von den Bürgern selbst vertreten, die nun erst begannen, sich als Volk und der Staatsmacht verbunden zu fühlen. Seit 1792 tobten die Revolutionskriege, 1799 wurde Napoleon Bonaparte Erster Konsul der Französischen Republik.  Machtwille und staatsmännische Genialität fanden in seiner Person zusammen – die Franzosen erwuchsen den anderen Völkern zu übermächtigen Gegnern.

Friedrich Wilhelm III. ist um Befriedung und Neutralität bemüht. Seinen eigenen Charaktereigenschaften stehen Napoleons Gewandtheit, Spontaneität und Skrupellosigkeit diametral gegenüber, er hat dem nichts entgegenzusetzen. Das neuartige französische Heer, die erste Nationalarmee Europas, trägt Sieg um Sieg gegen die Kabinettsarmeen seiner Gegner davon. In jenem herrscht nationaler Siegeswille, diese sind geprägt von fremdländischem Söldnergeist. Militärische Initiative steht gegen starre Formalität. Zudem verfügt Napoleon über schier unbegrenzte Reserven, ist doch jeder französische Bürger potentieller Soldat.

1801 hat Napoleon die linksrheinischen Gebiete endgültig unterworfen. Spätestens die nun folgende territoriale und staatliche Neuorganisation lässt seine Absicht offenbar werden; die deutschen Länder sollen gespalten, an einer Einung gehindert werden. Auf Dauer soll ganz Europa strukturell und kulturell ein französisches Gepräge erhalten. Doch obwohl ein „friedliches Nebeneinander“, auf das Friedrich Wilhelm III. gehofft haben mag, sich spätestens jetzt als utopisch erweist, zieht dieser nicht die Konsequenzen. Auch dann nicht, als England, Österreich und Russland als große Koalition den Franzosen entgegentreten, um deren Vormarsch zu stoppen. Napoleon zerschlägt den unkoordinierten Widerstand 1805 bei Austerlitz und verhängt gegen England, das auf See siegreich ist, die Kontinentalsperre; ein Wirtschaftsembargo, an dem er ganz Europa teilzunehmen zwingt und das sich auf die Wirtschaft der einzelnen Staaten desaströs auswirkt. Preußen, dessen Prestige und Macht mit der Tatenlosigkeit seines Königs abgenommen haben, ist nun kleinlauter Vasall der Franzosen, die es zuvor nicht zu bekämpfen wagte. Es hat sich Russlands Unmut und Englands Feindschaft zugezogen, treibt zudem wirtschaftlichem Ruin entgegen.

Diese Entwicklung bleibt nicht unwidersprochen. Patriotische Geister drängen hervor, der französischen Vorherrschaft über ihre Heimat Einhalt zu gebieten. Allen voran Stein und Hardenberg, alter Adel, der erkennt, dass nur grundlegende Reformen Preußen gegen den mächtigen Feind wehrfähig zu machen in der Lage sind. Den Kampf gegen Frankreich identifizieren sie nicht als Konflikt allein um die Staatsmacht, sondern – wichtiger – um kulturelle Identität. Dafür sind sie bereit, ihre ständischen Privilegien aufzugeben und die Sache des Staates zu einer des Volkes zu machen; der deutschnationale Gedanke, bereits in Österreich erstarkt, springt auf Preußen über.

Königin Luise wird zu seiner ranghöchsten Verfechterin. Anders als Friedrich Wilhelm III. stellt sie sich an die Seite jener, die den Kampf für Preußens Freiheit und Ehre aufzunehmen bereit sind. Aber gleichzeitig lassen ihre Liebe und Pflicht als Ehefrau nicht nach, sie wird zur Mittlerin zwischen den Reformern und ihrem nüchternen, unentschlossenen Gemahl.

Im Duell mit Napoleon

Diesem wiederum lässt sich mangelnde Ehrhaftigkeit nicht nachsagen. Als der nun verbündete Napoleon Truppen an der preußischen Grenze aufmarschieren lässt und zudem Verhandlungen mit England verlautbar werden, in deren Zuge er dem Feind das neuerdings preußische Hannover als Verhandlungsgegenstand anbietet, mobilisiert der tief verletzte König sein Heer. Napoleon verlangt daraufhin die Demobilisierung, überreizt so die Duldsamkeit Wilhelms III. und bewegt diesen zum Präventivschlag. Aber die preußische Initiative ist nur eine scheinbare, denn zum einen ist sie von Napoleon kalkuliert und bewusst provoziert – Preußen kann allein auf Russland als Verbündeten hoffen, seine Armeen sind denen des Franzosenkaisers hoffnungslos unterlegen –, zudem erfolgt der Angriff nicht sogleich, sondern erst nach einem Ultimatum, während dessen Verstreichens die napoleonischen Truppen in Bereitschaft gesetzt werden. In der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 wird das preußische Heer vernichtend geschlagen. Damit ist der Widerstand gebrochen, obgleich die Königin noch fordert: „Nur um Gotteswillen keinen schändlichen Frieden.“ (Luise in einem Schreiben vom 20. Oktober 1806 an ihren Gemahl). Kampflos kapitulieren zahlreiche noch verbleibende Truppen und Festungen. Ihr ohnehin unterlegener Kampfgeist ist durch die zu lange unterwürfige Haltung Preußens zusätzlich geschwächt. Dem Königspaar bleibt vor den rasch vorrückenden französischen Kontingenten nur die Flucht.

Hier zeigt Friedrich Wilhelm III. Zeichen echter Charakterschwäche. Teilnahmslos, als ginge sie ihn nichts an, steht er der sich zuspitzenden Lage gegenüber. „Die Königin allein empfindet die Schmach und das Unheil, das ihr Heer und Land betroffen hat“, urteilt aus der Reihe der Patrioten Freiherr von Benkesdorff. So ist sie es auch, die ihren Gemahl davon abhält, auf die mit den militärischen Erfolgen wachsenden Friedensbedingungen Napoleons einzugehen. Gegen die schwächlichen Berater des Königs bewegt sie gemeinsam mit Hardenberg, Stein und wenigen anderen Beherzten ihren Gemahl, an der Seite des Zaren Alexander den Kampf fortzusetzen. Auch wenn die Unternehmung militärisch erfolglos bleibt: sie setzt ein innenpolitisches Zeichen. Patriotische Beweggründe sind als ernsthafte Konkurrenz neben den altbackenen adligen Standesdünkel getreten. „Der Adel im Preußischen ist der Nation lästig“, wird Stein konstatieren: „Die Stellvertreter einer Nation müssen das Vertrauen der Nation besitzen, mit ihren Wünschen und Bedürfnissen bekannt [...] sein.“

Bald schon kommt es zu Verhandlungen der drei Mächte. Napoleon wünscht in diesem Zuge die preußische Königin zu sprechen, welche auf Anraten ihrer reformerischen Freunde dem Gesuch unwillig nachkommt. Der Franzosenkaiser hatte sich zuvor abfällig und ehrrührig gegenüber der unbescholtenen Luise geäußert.

Entschlossen vertritt sie während dieses Zwiegesprächs in Tilsit ihre politischen Forderungen, lässt nicht zu, dass ihr komplimentierendes Gegenüber auf Hofschwatz ablenkt, und ringt ihm in ihrer Hartnäckigkeit scheinbare Zugeständnisse ab – die freilich im nachhinein ausnahmslos widerrufen werden. Für Napoleon zählt nur Macht, nicht Hoheit; Zar Alexander ist es, der die Zerschlagung Preußens verhindert. Jedoch verliert es im Zuge des Friedens von Tilsit 1807 die Hälfte seiner Fläche und wird durch unermesslich hohe Kriegskontributionen gedrückt.

Besatzung und Reform

Zu seinem Hof in Berlin kann das Königspaar nicht zurückkehren; französische Truppen halten ihn besetzt. Auf ihrer Fahrt nach Memel, das nun Königssitz werden soll, muss Luise der Mut verlassen haben; sie durchquert ein von den französischen Heerscharen verwüstetes und entvölkertes Land. Zudem hat Napoleon die Entlassung Hardenbergs aus seinem Ministeramt erzwungen, die Reformpartei ist geschwächt. Aber in der Folgezeit wird sich die scheinbar erfolgreiche Machtpolitik des Franzosenkaisers als trügerisch erweisen. Ganz entgegen den Grundsätzen von 1789 installiert er in den unterworfenen Staaten Unterdrückungsapparate, die allein dem Wohle Frankreichs und seinen eigenen Expansionsplänen dienen. Die Völker sind der Willkür seiner Truppen unterworfen, werden Opfer von Gewalt und Plünderung. Was in Preußen vormals eine Idee weitsichtiger Adelskreise gewesen ist, wird nun erst Realität: Das einfache Volk beginnt, unter dem fremden Joch seine Zugehörigkeit zum eigenen Staat zu fühlen, seine Verantwortlichkeit, für diesen einzutreten. Napoleons gewaltsame Friedensschlüsse haben ihm potentielle Feinde in ganz Europa geschaffen, und so muss er sich nun seinerseits zu Konzessionen gegenüber den unterworfenen Staaten bereit zeigen, damit die schwärenden Energien der einzelnen Völker sich nicht in jähem Ausbruch zu einem rasenden Sturm verdichten, dem alle Militärmacht Frankreichs nicht gewachsen wäre.

Obwohl misstrauisch von Napoleon beäugt, nimmt unter diesen Umständen der reformerische Einfluss in Preußen zu. Eine grundlegende gesellschaftliche Neuordnung ist sein Ziel. Regierung und Verwaltung sollen modernisiert werden – bislang gibt es keine einheitliche Gliederung, sondern ein Gewirr teils sachbezogener, teils provinzialer Behörden. Sonderrechte von Städten und Regionen sollen abgeschafft, überhaupt ein gemeingültiges preußisches Rechtssystem eingeführt werden. Die ständische Gesellschaft ist als überkommen erkannt. Jeder Bürger soll künftig seiner Neigung gemäß ausgebildet und beruflich tätig, das Bauerntum soll vom Joch der Grundherrschaft befreit werden. Selbstbestimmtheit wird als Motor maximaler Leistungsbereitschaft erkannt. Das Fundament hierfür soll ein neuartiges Bildungssystem legen, das flächendeckend alle Bürger mit einem grundlegenden Wissensschatz versorgt und sie darüber hinaus zu eigenständigem, freiem Denken erzieht.

Schließlich soll ein modernes Bürgerheer geschaffen werden, in dem der Adel keinerlei Privilegien innehat. Die Sache der Landesverteidigung wäre so in die Hände des Volkes selbst gelegt.

Diesen kühnen Bestrebungen steht nicht nur der französische Kaiser entgegen. Ein Großteil des preußischen Adels selbst, der seine ständische Macht zu wahren bemüht ist, erwidert die Reformbestrebungen mit bitterer Feindschaft. Und auch hier verhält König Friedrich Wilhelm III. sich zaghaft, obgleich er viele Missstände, insbesondere hinsichtlich der noch unfreien Bauern, erkannte; abrupte Änderungen, die Feindschaften erzeugen würden, möchte er vermeiden. Wichtiger als zuvor wird Luises Rolle als Zwischenglied der Reformer, deren Überlegungen sie teilt, und ihres Gemahls. Sie unterstützt den ruppigen, oft bis zur Unhöflichkeit direkten Freiherrn vom und zum Stein in seiner kurzen ministeriellen Amtszeit 1807/08 und trägt noch 1810 maßgeblich dazu bei, dass Fürst von Hardenberg in sein Ministerialamt zurückkehren kann. In dieser Zeit werden die wichtigsten Schritte eingeleitet, den vormals scheinbar utopischen Ideen zur tatsächlichen Ausformung zu verhelfen.

Märtyrerin

Während die Reformer, in deren Reihen sich Geistesgrößen wie Humboldt und Militärgenies wie Gneisenau gleichermaßen einfinden, um für die Durchsetzung einer neuen Gesellschaftsordnung kämpfen, tritt Königin Luise 1810 eine Heimatreise nach Neustrelitz an. Neun Kindern hat sie das Leben geschenkt, zwei davon sind früh gestorben. Noch erregt die Schönheit der 34-Jährigen Aufsehen, doch sie ist gezeichnet von den langen und leidvollen Wirren ihrer stürmischen Zeit. Begleitet von ihrem Gemahl verlebt sie wenige glückliche Tage, trifft Vater und Großmutter, das beschauliche Eheglück hält noch einmal Einkehr. Dann wird sie von einer schweren Lungenentzündung niedergeworfen. Königin Luise soll sich davon nicht mehr erholen. Sie leidet schwer, aber in tiefem Gottvertrauen und inmitten ihrer Lieben. Vor dem Totenbett seiner Gemahlin droht Friedrich Wilhelm zu verzweifeln, äußert, er habe keinen Freund als sie. „Und Hardenberg“, erwidert die Sterbende. Sie wird recht behalten. Die Zukunft gehört den Reformern.

Am 19. Juli 1810 haucht Königin Luise von Preußen ihren letzten Atem aus.

Als Napoleon vom Tod der Königin erfährt, konstatiert er, eine große Feindin verloren zu haben. Er irrt aber, wenn er glaubt, diese nähme den preußischen Stolz und Freiheitswillen mit ins Grab. Schon die trauernden Massen, die ihrer Königin das letzte Geleit geben, lassen das Gegenteil erahnen. Hier findet eine neue, starke Gemeinschaft zusammen. Sie ist bereit zum Widerstand.

Am 22. März 1797, noch als Kronprinzessin, brachte Luise ihr drittes Kind zur Welt. In der Lebensspanne des kleinen Prinzen Wilhelm sollen alle reformerischen Bestrebungen, deren Wurzeln in der gemeinsamen Zeit Friedrich Wilhelms und Luises liegen, einen glücklichen Fortgang nehmen. Vierundsiebzig Jahre später besteigt dieser Spross des Hohenzollerngeschlechts den Thron eines neuen, geeinten deutschen Kaiserreichs.

 

Literaturempfehlungen

ARNIM, HANS VON: Königin Luise (Berlinische Reminiszenzen, Bd. 24), Berlin 1969.
GRIEWANK, KARL (Hrsg.): Briefwechsel der Königin Luise mit ihrem Gemahl Friedrich Wilhelm III. 1793–1810, Leipzig 1929.
NIPPERDEY, THOMAS: Deutsche Geschichte 1800–1866. Bürgerwelt und starker Staat, 4. Auflage, München 1987.


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Manuel Mackasare

geb. 1985, Historiker, VDSt Breslau-Bochum.

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