Ökologischer Sozialismus von rechts?

Alain de Benoist, der als Vordenker der französischen Neuen Rechten („Nouvelle Droite“) geltende Publizist und Philosoph, stellt sich in seiner 2009 im Verlag „Junge Freiheit“ erschienenen Schrift gegen das allseits propagierte Wachstumsdogma. Schon im Vorwort formuliert er die These, dass ein „unendliches materielles Wachstum in einer endlichen Welt“ nicht möglich sei und sich die moderne Welt vom „Produktivismus“ verabschieden müsse.


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„Die Mittelschicht ist von Verarmung und dem Absturz ins Prekariat bedroht, während die noch Ärmeren inzwischen als nutzlos betrachtet und radikal ausgeschlossen werden – statt nur ausgebeutet, wie es früher der Fall war“, stellt de Benoist fest. Er geißelt das Profitstreben und plädiert dafür, „das Ökonomische auf den ihm gebührenden Platz zu verweisen – und mit ihm Warenaustausch, Lohnarbeit und Profitlogik“. Der Autor fordert einen grundlegenden Wandel unserer Lebenseinstellung, ein Umdenken, wonach das Wachstum nicht mehr als Selbstzweck betrachtet werden soll.

Grenzen des Wachstums

De Benoist prangert die Überproduktion der Industrienationen an, die nicht nur die Grundlagen der heutigen Finanz-, sondern auch die der ökologischen Krise geschaffen habe. Die Ökonomie sei zu einem reinen Selbstzweck geworden, die Produktion sei „längst kein Mittel mehr, um die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, sondern vielmehr schlicht eine Technik der Kapitalvermehrung“. Der Mensch werde „zum Konsum des Überflusses verpflichtet“, indem man ihn den Erfordernissen der Lohnarbeit und immer neuen, künstlich geschaffenen „Bedürfnissen“ unterwerfe.

Der Wunsch, die Produktivität und den Ertrag bei endlichen Ressourcen unendlich zu steigern werde zwar nicht durch die Vernunft, jedoch spätestens durch die Gesetze der Physik begrenzt. Damit ist der Kern der Kapitalismuskritik de Benoists erfasst. Der Mensch bediene sich der Natur, als sei sie allein dazu da verbraucht zu werden, er habe sie sich untertan gemacht und beute sie rücksichtslos aus. De Benoist verurteilt in seiner Schrift die Politik, die überhaupt „keinen Drang“ verspüre, „langfristig zu denken“. In diesem Zusammenhang steht auch die Kritik am sogenannten „grünen Kapitalismus“: Die Ausbeutung der Natur wird gegen Zahlung einer „Entschädigung“ fortgesetzt (z. B. Emissionshandel), so als könnte der Mensch dafür saubere Luft oder Wasser kaufen. Die Gefährlichkeit dieser Entwicklung liege auf der Hand, denn die Ausdehnung unseres Wachstumskapitalismus auf die Entwicklungs- und Schwellenländer werde unabwendbar den ökologischen Tod unseres Planeten nach sich ziehen.

Neben der Kritik am Wirtschaftssystem äußert Alain de Benoist auch Kritik an unserem Wertesystem. Wie bereits in früheren Schriften, sieht er unter anderem das Christentum als Keimzelle der geschilderten Entwicklung. Der christliche Herrschaftsanspruch des Menschen über die Natur führe dazu, dass wir derart nachlässig mit unserer Umwelt umgehen. Die Natur solle aber nicht dem Menschen „dienen“, sondern beide sollten sich im Idealfall gegenseitig ergänzen. Gerade das Christentum hätte die Bindung an die materiellen Werte, an das Geld, gefördert.

Tiefenökologie

Mit Lob bedenkt de Benoist hingegen die „moderne Umweltbewegung“. Bei aller Unvollkommenheit und den „Sackgassen“, in die sie sich bisher „verrannt“ habe, bleibe sie die einzige Kraft, die der Zerstörung unseres Planeten entgegenwirkt. Dabei negiert er die von konservativen Kreisen vertretene Oberflächenökologie, die der Idee des „grünen Wachstums“ folgt, auf Besteuerung des Ressourcenverbrauchs und einer Effizienzsteigerung basiert und lediglich wie ein Pflaster auf dem geschundenen Körper der Erde wirkt. De Benoist sympathisiert mit den Ideen der Tiefenökologie und fordert ein radikales Umdenken. Der Umweltschutz verfolge „ebendieses Ziel einer Wiedervereinigung dessen, was willkürlich getrennt worden ist: Seele und Körper, Geist und Materie, Subjekt und Objekt, die Teile vom Ganzen, der Mensch vom restlichen Universum“. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, dass der Mensch sich selber zerstört, wenn er die Natur zerstört, und dass er begreifen muss, dass er mit der Natur als „Sinnstifterin“ in einem Verhältnis gegenseitiger Zugehörigkeit steht.

De Benoists Ansätze werden noch „radikaler“, wenn der unvoreingenommene Leser sie im Kontext der modernen Welt betrachtet. Der Autor plädiert für eine „Wachstumsrücknahme“, was in unserem System nichts anderes als Schrumpfung bedeutet. De Benoist ist sich indes im Klaren darüber, dass der Kapitalismus auf Wachstum basiert. Wachstumsrücknahme bedeutet daher das Ende des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Eine rasch steigende Arbeitslosigkeit und ein Zusammenbruch der sozialen Systeme, wenn nicht gar der Staaten, wäre die Folge. Der Autor hält es daher für möglich, dass negatives Wachstum unter heutigen Gegebenheiten „ein regelrechtes soziales Chaos verursachen würde“. Eine Lösung für das Problem bleibt er indes schuldig.

Neue Bündnisse?

Die politische Herkunft Alain de Benoists kommt in diesem Werk nur vereinzelt zum Vorschein, etwa wenn er die niedrigeren Löhne und Gehälter auf das „Drängen“ der Frauen auf den Arbeitsmarkt zurückführt. Ansonsten prangert er an, dass sich „der Reichtum an der Spitze nicht entlang der Gesellschaftspyramide nach unten“ verteilt, sondern „die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer“ werden. Seine übrigen Thesen führen zwangsweise zu einer Schlussfolgerung, die er selbst (noch?) nicht auszusprechen wagt: Die bei der modernen Produktivität noch vorhandene Arbeit und die finanziellen Mittel müssten bei einer Konsum- und Wachstumsstagnation auf die Bevölkerung verteilt werden, was in einen wie auch immer gearteten Sozialismus münden müsste.

In seinem Buch zeigt de Benoist, dass die in ihren Anfängen vom Bürgertum verteufelte „linke“ Umwelt- und Naturschutzbewegung sich in den rechtskonservativen Kreisen mittlerweile etabliert hat. Eine ähnliche Entwicklung hält er auch im Hinblick auf sozialistische Ideen für möglich. Es dünkt, als sehnte sich de Benoist nach einer neuartigen, bisher unbekannten politischen Bewegung: „Eine sozialistische Linke, die die Weitsicht hätte, mit dem Fortschrittsdenken zu brechen, wäre heutzutage der natürliche Verbündete einer Rechten, die wiederum den Autoritarismus, die Metaphysik der Subjektivität und die Logik des Profits überwinden könnte.“ Die Wege der Philosophen sind unergründlich!

 

Alain de Benoist: Abschied vom Wachstum. Für eine Kultur des Maßhaltens. Edition Junge Freiheit 2009, 197 Seiten, Euro 24,90.


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Pavel Usvatov

geb. 1983, Jurist, VDSt Straßburg-Hamburg-Rostock.

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