Regionalgeld – ein Lösungsbaustein

Krisenanfällige und spekulationsgetriebene Finanzmärkte lassen die Frage nach mögli-chen Stabilisierungsmaßnahmen im Währungssystem aufkommen. Dabei erlangt eine alte Idee zunehmende Beliebtheit: Regionalgeld. Eine Einführung von Johannes Engels.


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Als geistigen Vater des Regionalgeldes kann man Silvio Gesell ansehen, nach dessen Überzeugung die Erde allen Menschen gleichermaßen gehören sollte, und zwar ohne Unterschied von Rasse, Geschlecht, Stand, Vermögen, Religion, Alter oder Leistungsfähigkeit. Er lebte und arbeitete in Deutschland und Argentinien vor rund einhundert Jahren. Weit in die Zukunft vorausblickend, forderte er zudem, dass Landesgrenzen überflüssig werden sollten.

Herr Gesell baute seine volkswirtschaftlichen Überlegungen auf den Eigennutz des Menschen als gesundem, natürlichem Antrieb, der es ihm erlaube, seine Bedürfnisse zu verfolgen und wirtschaftlich tätig zu sein, auf. In Berücksichtigung dieses erwähnten Eigennutzes trat Gesell für freien, fairen Wettbewerb mit gleichen Chancen für alle ein. Dazu gehörte für ihn der Abbau aller ererbten und gesetzlichen Vorrechte. Jeder sollte einzig seine persönlichen Fähigkeiten einsetzen, damit aber auch sein Auskommen finden können. In der von ihm angestrebten „natürlichen Wirtschaftsordnung“ würde der freie Wettbewerb den Begabtesten gerechterweise das höchste Einkommen sichern, ohne Verfälschung durch Zins und Bodenrente. (1)

Erste Erfahrungen

Historische Freigeldexperimente, die ihrer Umsetzung nach Regionalgelder waren, sind teils heute Vorbilder für die modernen Regionalwährungen. Am bekanntesten wurde das Freigeld von Wörgl in Österreich auf Initiative des Bürgermeisters Michael Unterguggenberger in den Jahren 1932/33. Durch die Verwendung von solchem Freigeld als Zweitwährung gelang es, die Regionalwirtschaft wieder anzukurbeln und damit die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise wesentlich zu mildern. Es beruhte auf von der Gemeinde ausgegebenen Arbeitsgutscheinen, die mit hinterlegten österreichischen Schilling gedeckt und mit einer monatlichen Umlaufsicherungsgebühr von 1 % versehen waren, also somit 12 % im Jahr. Die Funktionsweise: Auf die Vorderseite musste monatlich eine Marke mit 1 % des Wertes geklebt werden. Es wurde dies jedoch nach kurzer Zeit auf Druck der Österreichischen Nationalbank verboten.

Es gab auch Wära-Gutscheine in Erfurt, die vom Herausgeber, nämlich: Tauschgesellschaft Erfurt, 1931 emittiert wurden. Die Umlaufsicherungsgebühr war ebenfalls 12 % jährlich. Aber auch in Deutschland wurden diese zunächst erfolgreich funktionierenden Geldzeichen ab 1933 wieder verboten. Ein ähnliches Schicksal widerfuhr den Regionalgeldscheinen der frühen 1930er Jahre in der Schweiz, genauer gesagt: im Kanton Bern. Auch hier misstraute die Obrigkeit in Kooperation mit der Zentralbank einem dereinst in Krisenzeiten erfolgreich arbeitenden Finanzmedium.

Nachdem dieser Gedanke infolge von staatlichem Misstrauen und damit folgender Unterdrückung über Jahrzehnte in der Versenkung verschwunden war, stellt sich die Frage einer eventuell möglichen Renaissance – schließlich wirkte damals der Einsatz dieser Mittel in allen drei deutschsprachigen Staaten stets in die richtige Richtung. Wie also sieht die praktische Umsetzung dieser Idee in der heutigen Zeit aus? Gibt es dazu inzwischen geistige Enkel und Urenkel?

Regionalgeld heute

Trotz der historischen Widerstände gibt es heute zahlreiche geistige Enkel und Urenkel der Experimente aus den 1930er Jahren. Das Ziel von Regionalgeldsystemen ist es ja, die regionale Wirtschaft zu fördern und zu stabilisieren, nicht aber diesen Raum vom übrigen Land zu separieren. Durch diesen kleinen Raum, in dem das Regionalgeld verwendet wird, bleibt die Kaufkraft für damit getätigte Geschäfte in der Region, statt ins Ausland oder in Finanzmärkte abzuwandern. Dadurch soll der Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland entgegengewirkt werden.

Durch die Stärkung der regionalen Vernetzung und einen direkteren Kontakt zwischen Herstellern und Endverkäufern ergibt sich darüber hinaus ein geringeres Transportaufkommen, welches die Umwelt entlastet und das Verkehrsaufkommen reduziert. Hinzu tritt eine bessere Transparenz und Kontrolle der Produktionsbedingungen in Bezug auf Umweltverträglichkeit und soziale Standards. Es kommt zu einem Erhalt und Förderung regionaltypischer Besonderheiten vor allem bei Lebensmitteln und im Handwerk bei gleichzeitiger Rücksichtnahme auf die besonderen regionalen und lokalen Bedürfnisse. Es kann eine Verbesserung der Zahlungsmoral zwischen den Teilnehmern erreicht werden, da sich durch das Zurückhalten des Regionalgeldes keine Vorteile ergeben. Im Sinne eines Regionalbewusstseins kommt es zu einer Stärkung der individuellen Verantwortung für soziale und regionale Strukturen. Es gelingt eine erhöhte regionale Wertschöpfung durch das Generieren von regionalen Kreisläufen bei gleichzeitiger Erhöhung des Auslastungsgrades der Region, verbesserte Nutzung von Fähigkeiten und Talenten in der Region. Die Bewusstseinsbildung für die Wirtschaftsstruktur des eigenen Umfeldes und für regionale Kreisläufe wird gefördert, was insgesamt zu einem positiven Umfeld für die Entwicklung von Innovationen führt. Schlussendlich erlangt man somit eine erhöhte Mündigkeit im Umgang mit Geld und auch bei der Gestaltung des Geldwesens. (2)

Spreeblüte, Rheingold & Roland

Man kann mit ihnen vielerlei einkaufen – aber eben nur in Geschäften der Region. Alternative Währungen sollen den sozialen Zusammenhalt stärken helfen. Allerdings gilt: Wer Regionalgeld hortet, macht Verluste.

Das Prinzip Regionalgeld ist hierzulande keineswegs neu. Nach einem ersten Anlauf in den frühen 1930er Jahren (s. o.) kamen alternative Währungen in Deutschland wieder in den 1990er Jahren in Umlauf. Regionales Geld ergänzt den Euro als Zahlungsmittel. Es bindet die Kaufkraft an die Region und fördert heimische Unternehmen und Produkte – dadurch entstehen wiederum Arbeitsplätze.

Eine ganze Reihe lokaler Vereine oder Netzwerke verwendet inzwischen Geldscheine, die teilweise sogar dem richtigen Euro-Bargeld ähneln. Dazu zählt zum Beispiel das Düsseldorfer „Rheingold“, dessen Noten liebevoll von Künstlern gestaltet wurden. Ausgeben kann man sie bei bestimmten Akzeptanzstellen, das sind Unternehmen, die sich dem Projekt angeschlossen haben.

Auch wenn die Noten manchmal aussehen wie Geld, handelt es sich bei Systemen wie „Roland“ und „Rheingold“ formal um Wertgutscheine, die als Zahlungsmittel akzeptiert werden. Deshalb sind Druck und Herausgabe der Parallel-Währungen legal. Die Bundesbank toleriert solche Regionalgelder, verschiedene Gutachter stellten außerdem keinen Verstoß gegen das Finanz- und Steuerrecht fest.

Für das Regionalgeld oder Freigeld gibt es, ganz beabsichtigt, keine Zinsen – es dient in erster Linie als Tauschmittel. Viele der Währungen verlieren, ebenfalls beabsichtigt, automatisch an Wert, wenn sie nicht ausgegeben werden. Diese Umlaufsicherung soll dafür sorgen, dass das Geld schnell wieder ausgegeben und nicht gespart wird. Und das hat einen Grund: Im heutigen Geldsystem spielt der Zins eine große Rolle. Die Zentralbanken der Länder leihen den Geschäftsbanken gegen einen bestimmten Prozentsatz Geld, das diese dann in Umlauf bringen. Damit sie den Zins zurückzahlen können, müssen die Geschäftsbanken wiederum mehr einnehmen. Das tun sie, indem sie selbst Geld verleihen und dafür Zinsen kassieren. Sparer, die bei Kreditinstituten Geld aufbewahren, erhalten ebenfalls Zinsen – denn die Banken dürfen das Geld ja durchaus weiter verleihen.

Alternativ dazu aber das Regionalgeld: Wer Geld anhäuft, soll eine Gebühr dafür zahlen. So gibt es etwa für reiche Menschen einen Anreiz, ihr Vermögen möglichst schnell wieder auszugeben. (3)

Der Chiemgauer

Ein bekanntes und vielversprechendes Beispiel für eine regional eingesetzte Komplementärwährung ist der so bezeichnete Chiemgauer in Südbayern. Das Schülerprojekt einer Waldorfschule wurde 2002 ins Leben gerufen und hat sich inzwischen zu einer ernstzunehmenden und regional gern gesehenen Zweitwährung im Raum Rosenheim/Traunstein entwickelt. In über sechshundert Geschäften, Praxen, Restaurants und Werkstätten kann derzeit mit dem Regionalgeld eingekauft werden; der Jahresumsatz lag 2008 bei über einer Million Chiemgauern, was der gleichen Summe in Euro entspricht.

Der Chiemgauer unterstützt aber nicht nur verschiedene gemeinnützige bzw. soziale Projekte, sondern auch den Handel und das Handwerk vor Ort: statt beim Discounter wird wieder vermehrt beim Einzelhändler eingekauft. Um den Geldkreislauf schließen zu können (hier: der Kunde kauft beim Händler – der Händler zahlt den Lieferanten, Vermieter oder Angestellten – diese investieren das Geld wieder vor Ort) arbeiten die Initiatoren des Chiemgauers mit der GLS-Bank in Bochum zusammen. Durch die Entwicklung eines elektronischen Zahlungssystems und die Möglichkeit der Kreditvergabe soll der Chiemgauer zu einer „echten“ Komplementärwährung für die Region werden. (4)

Kein Ersatz für den Euro

Dabei soll eine Regionalwährung den Euro zu keiner Zeit ersetzen, denn das ist schon vom Gesetz her ausgeschlossen. Nach § 35 des Bundesbankgesetzes ist es nämlich verboten, unbefugt Geld in Umlauf zu bringen. Bei Regionalwährungen wie dem Chiemgauer handelt es sich jedoch strikt genommen nur um Gutscheine. Diese sind geeignet, im Zahlungsverkehr an Stelle der gesetzlich zugelassenen Münzen oder Banknoten verwendet zu werden. Außerdem sind durch das Regionalgeld keine Inflationsgefahren zu erwarten, weshalb auch die Europäische Zentralbank die Initiativen gewähren lässt.

Durch Regionalwährungen soll ausschließlich die lokale Wirtschaft gestärkt werden – der Euro bleibt weiterhin für das nationale und internationale Finanzsystem unentbehrlich. (5)

Kein Erfolg in Hamburg-Altona

Doch nicht immer gelingt der Start neuer Regiowährungen so reibungslos, wie es im Chiemgau der Fall war. Der Hamburger Coach und Berater Dieter Bensmann etwa wollte den „Alto“ als ergänzende Währung zum Euro in seinem Stadtteil Altona einführen, scheiterte aber mit seinem Versuch. Mehr als ein Jahr lang konnten die Altonaer Bürger mit dem Alto bezahlen und regionale Unternehmen konnten mit ihm handeln. Doch in diesem Fall gelang es nicht, genügend Unternehmen und Verbraucher von der Währung zu überzeugen. „Geld ist Vertrauenssache“, sagt Initiator Bensmann rückblickend, „und Vertrauen ist somit die Basis für das Funktionieren von alternativen Währungen.“

Das Vertrauen der Altonaer konnte Bensmann nicht gewinnen. Dabei hatte er sich den erfolgreichen „Chiemgauer“ zum Vorbild genommen. Doch der Community-Gedanke, der in Süddeutschland stark ausgeprägt ist, kam beim Alto im hohen Norden nicht auf. „Die beteiligten Unternehmen haben nicht verstanden, dass Regionalwährungen nur als Gemeinschaftsprojekt funktionieren“, erinnert sich Bensmann. „Sie haben einfach die Schürze aufgehalten und sich beschwert, wenn keine Altos reingefallen sind. Der eigene Beitrag zum Projekt hat bei vielen leider gefehlt.“ Bensmann räumt auch ein, dass die fehlende Kompetenz der Initiatoren zum Scheitern der Hamburger Regionalwährung beigetragen haben könnte. Bensmann hält jedoch an seiner Vision fest. Er ist der Meinung, dass Regionalwährungen davon profitieren müssten, dass seit der Griechenland-Krise die Schwächen des Euro stärker ins Bewusstsein gerückt sind.

Ein Lösungsbaustein

Geld zirkuliert. Dieses seit unzähligen Generationen verbreitete Bild suggeriert und impliziert einiges an Bewegung und nicht zuletzt auch an Leben und Vitalität, was Geld als Zahlungsmittel in sich trägt und auf seinem Weg durch die Hände der Angehörigen aller Schichten gleichmäßig verteilt. Tatsächlich ist dies jedoch eher eine Wunschvorstellung.

Auch die Probleme der griechischen Volkswirtschaft und die Spekulation um deren Pleite anhand von Risikoaufschlägen bei Credit Default Swaps – also Kreditabsicherungen – und hohen Zinsen auf griechische Staatsanleihen zeigen deutlich, dass der Kreislauf des Geldes auch dem Auge des Wirbelsturms gleichen kann, sobald die Beschleuniger jener Bewegung nur darauf aus sind, möglichst schnell wieder wegzukommen und dabei möglichst viel an Werthaltigem zu vernichten. Schließlich würde das Schaffen nachhaltiger Werte durch Investitionen nur bei der Flucht hindern und die vermeintliche Fluidität der geldwerten Liquidität hemmen. Genau durch diese Praxis entstehen jedoch die gefürchteten Spekulationsblasen.

Es ist also an der Zeit, über Alternativen zum herkömmlichen Geldsystem nachzudenken; Regionalgeld könnte dabei eine sehr interessante Lösung sein. (6)

 

Zum Weiterlesen

1) Elektronisches Lexikon Wikipedia zum Stichwort: „Silvio Gesell“

2) Elektronisches Lexikon Wikipedia zum Stichwort: „Regionalgeld“

3) Gesa Schölgens in: Frankfurter Rundschau, Ausgabe vom 12. Februar 2013

4) Netzseite „Die Violetten“ zum Stichwort „Regionalgeld“

5) Patrick Abele, Nadine Hofmann, Sophie Kirsten und Katrin Verschaffel in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Ausgabe vom 2. Dezember 2013

6) Elektronische Netzseite von „Regiogeld.com“


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Johannes Engels

geb. 1958, Dr. rer. pol., VDSt Köln.



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