Ringen um Changengleichheit

Gesprächsreihe zum Thema Integration
Nida Yapar über die Integrationsarbeit, die Migranten in Deutschland und Vorschläge, wie die Integration gelingen kann.


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Frau Yapar, Sie sind bereits seit fast sechs Jahren in der Integrationsarbeit tätig und haben in dieser Zeit an verschiedenen Projekten mitgewirkt. Mit welchem haben Sie damals begonnen?

Es war das Projekt „JuMBO“ (Jugend + Migration / Beruf + Orientierung) des Mook wat e.V. in Hamburg, das im Frühjahr 2006 begann. Damals bauten zwei Kolleginnen und ich ein Team aus Migranten auf, das sich in den darauf folgenden Jahren um Jugendliche und junge Erwachsene mit Migrationshintergrund kümmerte.

Welche Ziele verfolgte das Projekt?

Das Hauptziel war es, Jugendliche und junge Erwachsene mit Migrationshintergrund in Ausbildung und Arbeit zu bringen. Wir entwickelten Bewerbungskonzepte, führten Bewerbungstraining durch, vermittelten zwischen Arbeitgebern und unseren Klienten und standen den jungen Menschen in vielen Situationen mit Rat zur Seite.

Wer war Ihre Zielgruppe?

Das Projekt richtete sich an Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 17 bis 25 Jahren. Die meisten waren seit zehn Jahren oder weniger in Deutschland.

Aus welchem sozialen Milieu stammen die jungen Menschen?

Es war ganz unterschiedlich. Ihre Eltern hatten jedoch recht oft einen akademischen Hintergrund oder kamen aus einer höheren sozialen Schicht des Herkunftslandes. Dementsprechend standen auch die Jugendlichen unter Druck, weil die Eltern in Deutschland ihren sozialen Status oft nicht halten konnten und ihre Kinder gewissermaßen unter Druck setzten, einen „gute“ Arbeit zu finden.

Mit welchen Problemen wurden Sie und Ihr Team am häufigsten konfrontiert?

Da eine unserer wichtigsten Aufgaben die Vermittlung von Ausbildungsplätzen war, kamen dementsprechend Jugendliche ohne Ausbildung zu uns. Ein häufiges Problem war dabei, dass sie keinen (anerkannten) oder nur einen Hauptschulabschluss hatten und nur unzureichend Deutsch sprachen. Manche benötigten auch eine Schuldenberatung, weil sie beispielsweise durch Schwarzfahren oder langjährige Verträge (Handy, Fitnessstudio) in finanzielle Schwierigkeiten gerieten.

Sehr oft war es schwierig, die Klienten zu motivieren. Nicht selten war eine gewisse Resignation zu spüren, weil sie etwa der Überzeugung waren, sie würden wegen ihres ausländischen Namens  sowieso nicht genommen. Viele hatten das Gefühl, dass sie keiner haben will und sie nicht willkommen sind.

Auf der anderen Seite war aber auch die Erwartungshaltung teilweise viel zu hoch und ungerechtfertigt. Die wenigsten interessierten sich für handwerkliche Berufe, eine der beliebtesten Ausbildungen – zunehmend nicht nur bei Frauen – war eine solche im kaufmännischen Bereich. Bei Männern war zwar oft auch eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker populär. Aber Einzelhandel und Kaufleute für Bürokommunikation schwebten vielen, die zu uns kamen, eher vor. Sie wollten eine „saubere Arbeit“ haben, sich nicht die Hände als Handwerker „schmutzig“ machen. Es war manchmal nicht einfach, ihnen klar zu machen, dass ihre Schulbildung und Deutschkenntnisse dafür nicht ganz ausreichten und dass sie zunächst vielleicht etwas anderes machen sollten.

Konnten Sie sie überzeugen?

Es war viel Aufklärung nötig. Viele junge Migranten kennen sich zu schlecht mit dem deutschen Ausbildungssystem aus, sie kennen auch nicht besonders viele Berufe und Möglichkeiten. Die Medien tragen außerdem nicht dazu bei, dass die jungen Menschen realistische Vorstellungen von Arbeit, Beruf und Lohn bekommen. Wir konnten durchaus mit Erfolg die Vorzüge der handwerklichen Ausbildungsberufe aufzeigen und dafür begeistern. Außerdem sahen die Jugendlichen ein, dass sie besser Deutsch lernen müssen und einen Schulabschluss brauchen, denn auch für eine handwerkliche Ausbildung benötigt der/die Auszubildende Vorbildung, und das Problem war oft nicht die handwerkliche Seite, sondern die Theorie und die Anforderungen der Berufsschule.

Kommunizierten Sie auch mit den Eltern der Jugendlichen und wie war deren Haltung?

Die Eltern mussten oft einbezogen werden. Sie waren natürlich immer daran interessiert, dass ihre Kinder eine ordentliche Ausbildung erhalten und eine gute Arbeit finden. Kulturell bedingt gab es aber natürlich auch Unterschiede innerhalb der Familien, und manchmal fiel es den Eltern schwer zu verstehen, was von ihren Kindern in Deutschland erwartet wird und warum. Da die Eltern auch selbst oft arbeitslos waren, war es für sie ebenfalls schwierig, eine Rolle als Vorbild einzunehmen. Das führte manchmal zu Konflikten innerhalb der Familie, die wir aber nicht lösen konnten, was auch nicht unsere Aufgabe gewesen wäre.

Gab es Unterschiede bei der Vermittlung je nach Herkunft und Kultur der Migranten?

Bei der Vermittlung waren die Probleme und Herausforderungen grundsätzlich immer sehr ähnlich, unabhängig von der kulturellen Herkunft der Personen. Sie hatten alle ein gemeinsames Ziel: Sie wollten einen Ausbildungsplatz und eine Arbeit finden. Allerdings schienen Migranten und Migrantinnen aus Osteuropa die fleißigeren zu sein.

Ein Unterschied war eher zwischen Frauen und Männern zu erkennen, unabhängig vom Kulturkreis. Frauen waren meist agiler, sprachen besser Deutsch und passten sich schneller an. Bei Männern war es immer etwas komplizierter.

Deutlich größere Unterschiede bestanden jedoch zwischen den Betreuten aus unterschiedlichen sozialen Milieus. Akademikerfamilien verschiedener Herkunft bzw. aus verschiedenen Kulturkreisen hatten zum Beispiel mehr Gemeinsamkeiten untereinander als mit Familien desselben Kulturkreises, aber mit einer anderen sozialen Herkunft.

Was halten Sie von der These, dass nicht die kulturelle oder ethnische Herkunft der Migranten für ihren Erfolg – in diesem Fall auf dem Ausbildungsmarkt – ausschlaggebend ist, sondern die soziale Herkunft?

Aus den Erfahrungen der letzten fünf Jahre kann ich diese These bestätigen. Es kommt meist nicht darauf an, ob die Person einen russischen, türkischen, persischen oder französischen Migrationshintergrund hat oder autochthon ist. Deutschstämmige Jugendliche aus dem prekären Milieu haben fast dieselben Probleme wie die Migranten, sogar ihre Deutschkenntnisse sind für anspruchsvollere Ausbildungsberufe nicht ausreichend.

Darüber hinaus gibt es mittlerweile einige gute und überzeugende Studien dazu, wie zum Beispiel die Heidelberger Milieustudie, die ebenfalls zum selben Ergebnis kommen.

Wie erfolgreich war das Projekt JuMBO?

Die Vermittlungsquote lag abhängig von unterschiedlichen Faktoren zwischen 40 % und 60 %, was eigentlich recht hoch ist.

Was war Ihrer Meinung nach das Erfolgsrezept?

Wir ließen den Klienten die freie Wahl der Beraterinnen und Berater. Sie konnten sich also die Person aussuchen, mit der sie sich am besten verstanden. Darüber hinaus hatten alle Beraterinnen und Berater selbst einen Migrationshintergrund und kannten viele Probleme aus eigener Erfahrung. Insbesondere war es so einfacher, eine gemeinsame Sprache, vor allem im Sinne der Mentalität und Kultur, zu finden.

Darüber hinaus bildeten auch wir uns weiter, zum Beispiel durch das Erlernen anderer Sprachen. So zeigten wir auch den Migranten, dass auch sie in der Lage dazu sind, eine andere Sprache zu lernen. Wichtig war neben dem Fördern aber auch das Fordern. Des Weiteren stellten wir als Beraterinnen  und Berater eine Vorbildfunktion dar.

In Hamburg werden in diesem Jahr die Mittel für die Sozialarbeit im Bereich der Integration gekürzt. Hat sich der Aufwand also gelohnt und der Bedarf verringert?

Nein, der Bedarf ist natürlich nicht kleiner geworden. 80 % aller ALG II-Empfänger unter 25 Jahren haben einen Migrationshintergrund. 70 % der Schulabgänger mit Migrationshintergrund finden ein Jahr nach Abschluss keinen Ausbildungsplatz. Bei Herkunftsdeutschen sind es nur 5 %.

Gerade dieser Übergangszeitraum von einem Jahr ist besonders wichtig. Wenn ein fließender Übergang aus der Schule in eine Ausbildung nicht in diesem Zeitraum gelingt, nehmen nicht nur die Erfolgsaussichten, sondern auch die Motivation und der Optimismus der jungen Menschen rapide ab. Ohne Hilfe von außen sind sie zum Scheitern verurteilt, doch die Maßnahmen der Arbeitsagenturen sind nicht auf diese Gruppe ausgelegt. Es bleiben also nur solche Projekte, die nun nur noch eingeschränkt laufen können.

Eine Finanzierung der Projekte bleibt also ein wichtiges Anliegen. Was wünschen Sie sich aber neben der besseren finanziellen Ausstattung von der Politik und der Gesellschaft?

Das von allen Organisationen, die für Menschen mit Migrationshintergrund tätig sind, mitverfolgte Ziel ist die Chancengleichheit. Nicht selten müssen Migranten mehr leisten als  Herkunftsdeutsche, um am Ende dasselbe zu erreichen. Das gilt sowohl in der Schule und Ausbildung, als auch im Beruf. Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft, also jeder Einzelne von uns, diese Chancengleichheit aus seiner Position heraus ermöglicht, zum Beispiel als Lehrer, als Vorgesetzter oder als Vermieter.

Darüber hinaus halte ich es für wichtig, dass bereits in der Schule – so früh wie möglich – das Verständnis für unsere Demokratie und unseren Staat vermittelt wird. Dazu gehört auch und insbesondere, dass die Kinder lernen, Entscheidungen zu treffen, denn eine Wahl haben sie meist. Das könnte in einer Art Demokratieunterricht stattfinden. Das gilt übrigens nicht nur für Migrantenkinder.

Frau Yapar, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch!


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Pavel Usvatov

geb. 1983, Jurist, VDSt Straßburg-Hamburg-Rostock.



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