Rückblick, Ausblick

In Teil 6 der Serie blickt Wolfgang Bachmann voraus auf die Entwicklung der nächsten dreihundert Jahre, auf den Fortschritt und auf ewig bleibende Erkenntnisgrenzen – in freier Spekulation.


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serie: physik, gehirn & glaube
von Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Bachmann

Teil 1: Religion und Wissenschaft:  Wie hängt dies zusammen, das Ich, das Gehirn, das Gemüt, der Verstand? Was unterscheidet uns vom Tier?
Teil 2:Einbruch der Wissenschaft in die ReligionBiologie ist die Wissenschaft vom Leben. Und „Leben“ ist ein wesentliches Anliegen der Religionen, wie auch der Naturwissenschaften.
Teil 3: Seelenverwaltung.
 Es gibt keine Religion, die sich nicht ausgiebig zum Thema „Seele“ festlegt. Auch die Psychiatrie hat dazu klare Vorstellungen. Die „Seele“, eine Vorstellung, die beim Verlöschen des Lebens in Existenznot gerät.
Teil 4: Technikfeindlichkeit und Glaubenssucht Wir brauchen Technik, können aber nur schwer deren ungewollte Nebenwirkungen akzeptieren. Was sind „Strahlen“? Für den glaubensbereiten Laien sind es magische, sehr schädliche Fernwirkungen.
Teil 5: Der Medizinmann kommt Wenn sich Technikangst paart mit übergroßer Sorge um die eigene Gesundheit, bleibt die Vernunft auf der Strecke. Hokuspokus, Schamanismus – alles soll uns kurieren, nur nicht die wissenschaftliche Medizin.
Teil 6: Zusammenfassung Religion, Macht und Ethik. Wie könnte es weitergehen?

 

 

 

Spekulation ist ein guter Ausgangspunkt, sowohl für Philosophie wie für Naturwissenschaft. „Wie könnte es gewesen sein? Wie könnte es weitergehen?“ So sind denn die im vorliegenden 6-teiligen Text aufgestellten Behauptungen über Gehirn und Geist eher als herausfordernde Fragen zu verstehen. Fragen ist nicht schwer.

Tohuwabohu

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr. „Wüst und wirr“ – auf Hebräisch tohu wa vohu. Den Urknall konnten sich die alttestamentarischen Verfasser der schönen Schöpfungsgeschichte (Genesis) nicht vorstellen. Bis heute bleiben die ersten Mikrosekunden unvorstellbar – es gab noch weder Raum noch Zeit.

Und doch muss schon der Anfang seine eigene Ordnung gehabt haben, z. B. die Reihenfolge der Entfaltung von Raum und Zeit und Strahlung und Materie – Ordnung in scheinbarer Unordnung. Vielleicht ist die „Ordnung“ schaffende „Selbstorganisation“ der Materie der wirksamste Ur-Antrieb. Vielleicht gehört die Erklärung dieses Antriebs zur „schwarzen Welt,“ die wir aus eigener Natur niemals begreifen werden.

Demokrit würde erschauern vor der heutigen Kenntnis, dass seine Atome sich doch noch zerlegen lassen in Elementarteilchen, und diese wiederum in Quarks. Unheimliche tiefste Ordnung. Es fehlt noch das Verständnis der Ordnungsprinzipien, die den Weg zeigen von Quarks zur Biologie. Biologie ist nichts als Quarks – und ganz viel Ordnung: Elektronen, Protonen, Neutronen und all die anderen Elementarteilchen finden sich zu Atomen zusammen. Das Atom – Elektronenhülle und Kern – ist Basiselement der Chemie: Atome werden durch davon ausgehende Kräfte zu Molekülen. Aus kleinen Molekülen bilden sich in passendem Milieu komplizierte Eiweiße, bis hin zur menschlichen DNA – Leben ist höchst geordnete Materie von fragiler Struktur.

Religionen ersetzen unsere Unkenntnis der Ordnungsprinzipien durch allmächtige Gottheiten, Schöpfer von Geist und Materie. Hinter der Urkraft „Ordnung“ muss doch ein Wille stehen. Wer hat sich die Ordnung ausgedacht? Vielleicht allzumenschliche Folgerungen? Die gläubige Hinwendung an die zeitlich und örtlich gerade übliche Gottheit gibt den meisten Menschen Halt und Trost in ihrem Leben. Ob künstliche Intelligenz jemals dieses Verhaltensmuster nachvollziehen wird?

Wohin geht die Reise?

Wie sieht unsere Zivilisation in 300 Jahren aus? Was kommt auf die nächsten 10 Generationen zu? Drei Entwicklungslinien lassen sich vielleicht erahnen: Robotik, Genetik und Demographie. Mehr als „ahnen“ wäre vermessen. Die Entwicklung der Menschheit war und ist ein nichtstationärer Prozess, dem jede Prognose widerstrebt.

Trotzdem ist es unterhaltsam, über 10 Generationen hinweg zu spekulieren. Z. B. könnte ein Blick zurück andeuten, wie gut sich raten lässt: Vor 300 Jahren, also um 1714, gab es schon den Buchdruck. Nicht schwer, vorherzudenken, dass diese Handwerkskunst sich weiterentwickeln würde, hin zu Vollautomatisierung, hin zu Weitverbreitung, hin zu Zeitungen, mit politischen Konsequenzen – 1789 war es dann so weit.

Also versuchen wir vorwärts zu raten: Am plausibelsten lässt sich etwas über die Robotik vermuten.

Robotik

Automatisierung ist ein unwiderstehlicher Entwicklungstrend seit über hundert Jahren. Wir behaupten (ohne Beweis): Die Chipstrukturen werden auf atomare Kleinheit schrumpfen und dann stehen bleiben. Die Leistungsfähigkeit (gemessen in Befehlen pro Sekunde) wird millionenfach höher sein als heute; ebenso die Speicherdichte (Bits/m³). Heute sind Kunststoffe („Plastik“) nicht mehr wegzudenken. Ähnlich wird einmal jeder Wegwerf-Gegenstand voller Rechnerleistung sein, und voller Mechatronik.

Computer wird es gar nicht mehr geben, genauso, wie sich heute niemand mehr Webstuhl und Spinnrad ins Zimmer stellt. Roboter übernehmen die Leistung von Chirurgen, Zahnärzten, Pflegern.

Transport: Es wird grundverschiedene Transportsysteme geben für das Leben auf dem Lande und in der Stadt; die Städte werden logistisch vernetzt. Reisen von Stadt zu Stadt finden über Transport-Adern statt, deren Natur heute noch völlig offen ist. Private Autos werden überflüssig – die gleichförmiger gewordene Welt verlockt kaum noch zum Reisen, und Roboter liefern alles, was der Alltag benötigt. Man wird in selbst komponierten Wohnmodulen wohnen. Geld wird überflüssig: Ernährung, Unterhaltung, Bildung, Mobilität kostenlos für jedermann immer bereit und der Besitz an übergreifenden, großen Robotikfabriken wird wegen extremer Steuern und Auflagen nicht mehr attraktiv sein.

Die sozialen Strukturen werden kaum noch mit heutigen vergleichbar sein. Familien, Kinder, Religionen, Politik – alles ist möglich. Zum Beispiel denkt man neuerdings in der Schweiz über „Lebensgemeinschaft“ statt „Ehe“ nach. Wer 3 Jahre lang zusammenlebt, oder aber ein gemeinsames Kind betreut, hat damit de facto einen Kontrakt geschlossen. Vorbei ist es dann mit der liebgewordenen Verantwortungslosigkeit. Erbrecht, gegenseitige Fürsorge, Steuerrecht – alles wie zu Zeiten der „Ehe“ – hier deutet sich Zukunft an.

Die Robotik wird alle herkömmlichen Produktions-Arbeitsplätze übernehmen. „Arbeit“ als sinnstiftende belohnte Tätigkeit muss neu erfunden werden. Lohn kann nur noch in öffentlicher Anerkennung bestehen und in Höherstufung beim Zugang zu freiwilligen Tätigkeiten in Wissenschaft, Kunst, Unterhaltung, Sport, usw. Merkwürdig – 1848 ging es im Kommunistischen Manifest um die Linderung der Not des Arbeitsalltags, demnächst geht es um die Linderung der Not des Nichtstuns.

Genetik

Technik und Biologie der Genveränderung werden zusammenwachsen. Züchtung dauert zu lange, direkte Genmanipulation ist zu kompliziert. Vielleicht wird es ein Mittelding, „Express-Züchtung“ geben – zielgerichtet, aber mit unvermeidbar großer Streuung und mit vollautomatisierter Auslese. Ein Horror für uns Heutige. Die Züchtung von Menschen – heute noch ein Tabu – wird nicht aufzuhalten sein, genau so wenig wie damals die unwiderstehliche Entwicklung der freien Mobilität, vom ersten Benz-Patentmotorwagen von 1886 bis zur Mondrakete.

Der von Nietzsche skizzierte „Übermensch“ könnte Wirklichkeit werden. Mit gewachsenem Verstand, der die Instinkte beherrschte, könnte der mögliche Abbruch unseres Fehlversuchs der Evolution vermieden werden, der Menschen hervorbrachte mit überschießender technischer Intelligenz und nur rudimentärem sozialen Weitblick.

Eine neue Ungewissheit wird sich auftun – bedrohlich und faszinierend zugleich: Die zunächst noch beherrschbare kleine Gruppe der Menschen mit Superverstand wird zunehmen und sich dem neuen „Baum der Erkenntnis“ nähern: Verlockende Früchte warten, Macht durch Vernetzung, ein ganz neuartiger Rassismus, die Übernahme der Kontrolle der Gentechnik. Der Jetztmensch als Art könnte aussterben.

Demographie

Reproduktion ist die genetisch programmierte Aufgabe jeglichen Lebens. Leben als Selbstzweck. Aber uns Menschen ist Verstand zuteil geworden. Verstand kann sich über das Programm erheben, kann sich eigene Zwecke setzen und damit nach angemessenem Sinn fragen, nach dem Sinn „verständigen Lebens“.

Auf unserem einsamen Planeten leben ein großer Teil der Menschen eher bedrückt als zufrieden. Würden die Regierenden aller Länder regelmäßig die Zufriedenheit ihres Volkes statt die ihrer eigenen Kaste abfragen und nach deren Optimierung streben, gäbe es keine Kriege mehr, keine gier-gesteuerten Marktbeherrscher mit der Moral eines Tumors. Das kleine Himalaya-Königreich Bhutan hat es vorgemacht. Die optimale allgemeine Zufriedenheit setzt voraus, dass Gewalttätigkeit maximal eingedämmt wird, dass die Natur zu großen Teilen als Park oder botanischer Garten behandelt wird, dass jeder sich gemäß seinen Talenten entwickeln darf und Förderung und Anerkennung erfahren kann – der „Sinn verständigen Lebens“ ist die Teilnahme am Aufbau dieses Paradieses.

Schon nach den ersten Schritten in diese Zielrichtung würde die größte Not der überbevölkerten Megastädte abnehmen, die Kinderzahl würde auf europäisches Niveau sinken, die Weltbevölkerung würde auf ein Maß schrumpfen, das mit dem Sinn verständigen Lebens übereinstimmt.

Neuronen und Kosmos

Menschliches Bewusstsein – ein isoliertes Phänomen im Kosmos. Das Bewusstsein mag noch so komplex sein, es gibt nur 3 Felder, denen sich das Bewusstsein zuwenden kann – die Physik, die Metaphysik und die Extraphysik. Sonst absolut nichts.

Unter „Physik“ verstehen wir hier generell alles, was Wissenschaft jemals erkannt hat, aufgeschrieben, verifiziert oder vermutet, zusammen mit dem in Zukunft noch jemals Aufzufindenden und Verstehbaren – es ist das „Seiende“. Physik ist ein neuronal gefiltertes Abbild des Kosmos. Das Abbild ist verifizierbar und falsifizierbar. Unter „Metaphysik“ hingegen verstehen wir alle nicht-physikalischen, geistigen Produkte, alles, was die Menschheit jemals erdacht, erfühlt, erträumt hat, der „Geist“, die „Seele“, Religionen, Esoterik, Kunstsinn, Glaube, Liebe, Hoffnung,…

Aber was ist „Extraphysik“?

Unser Gehirn besteht aus Neuronen und Versorgungsstrukturen wie Stützgewebe, Adern usw. Mit einer endlichen Zahl von Neuronen kann unmöglich die Quasi-Unendlichkeit des Kosmos abgebildet werden. Es muss noch Dinge geben außerhalb unserer Verständnisfähigkeit, Dinge, die wir nicht begreifen könnten, auch wenn sie uns noch so geduldig erklärt würden. Vielleicht ist die „Physik“ ja nur ein Zipfel der Welt. Es geht hier nicht um die heute noch nicht entdeckten Teile der Physik, es geht um Zusammenhänge außerhalb der Physik, der Logik, der Kommunikationsfähigkeit.

Grenze der Erkenntnis

Wir haben uns die Welt zurechtgeordnet entlang einer evolutionär vorgegebenen Grenze – die Welt des Denkbaren und die Welt des Nichtdenkbaren. Diese Grenze ist nicht außermenschlich vorgegeben, sie liegt vielmehr in der erreichten typischen Struktur des menschlichen Gehirns.

Beunruhigt schauen wir aus dem Fenster in die schwarze Nacht der Welt des Undenkbaren, in die Extraphysik. Welcher Kontrast zum nebenan liegenden Fenster zur Metaphysik – hell erleuchtet die Landschaft des zwar nicht Nachweisbaren, aber dennoch Denkbaren. Über Extraphysik finden sich kaum Äußerungen – weil sie eben nicht denkbar ist. Wir können uns einen schwachen Abglanz davon in Gedanken erzeugen: Wie erkläre ich dem Schmetterling, der sich gerade auf der Windschutzscheibe meines parkenden Autos niedergelassen hat, was das Energieeinspeisungsgesetz ist, oder eine Atombombe? Es ist für den armen Schmetterling unvorstellbar. Sein Gehirn ist viel zu simpel. – Es gibt also real existierende und Ordnungen und Dinge, die auch nicht ansatzweise in ein zu gering entwickeltes Gehirn „passen“. Die Welt des Undenkbaren mag also durchaus existieren, aber wir werden nie davon etwas erfahren.

Und nicht nur wir Heutigen. Auch sehr viel höher entwickelte denkende Wesen nach uns werden sich bescheiden müssen: Ihre Welt des Denkbaren ist größer geworden als wir ahnen können, aber auch sie werden mit Gehirn ausgestattet sein, potenter als das unsrige, aber doch beschränkt: eine unüberwindliche Mauer trennt auch sie von der Extraphysik.

Sein, Sinn und Soll

Noch hat niemand entschlüsseln können, wie Gedanken und Eindrücke biologisch chiffriert werden, und ebenso wenig, wie aus dieser Chiffre, den neuronalen Verknüpfungen, wieder Verstehbares entsteht.

Aber die eigene Erfahrung legt nahe, dass alle Erinnerung mit drei Bewertungen angereichert wird, die hier kurz als „Sein“, „Sinn“ und Soll“ bezeichnet werden.

Die eigene Beobachtung, das Erlebnis, die Erkenntnis, die Handlung finden konkret statt. Das ungefilterte Faktische nennen wir hier „Sein“. Das Faktische lässt uns nicht unberührt. Bin ich stolz auf meine Tat (Sinn), hat sie meine sozialen Beziehungen in guter Richtung verändert (Soll)?

Diese Zerlegung und Bewertung jedes empfangenen Eindrucks widerspricht krass den herkömmlichen Regeln der Rechnertechnik. Das Gehirn ist nicht vergleichbar mit einem Prozessor. Das Gehirn hat ein Bedürfnis nach Kausalität. Warum musste mein Freund sterben? Warum fahre ich zum Bahnhof? Warum kann ich nicht singen? Unbewusst meistens, manchmal auch bewusst, wird Faktisches mit der Frage nach dem Sinn bewertet. Der Sinn wird als Beigabe mit abgespeichert.

„Soll“ meint die soziale Bewertung. Wer einsam auf einer leeren Insel wohnt, kennt kein „Soll“. Er braucht keine Ethik, keine Gebote, keine Diplomatie, keine Empathie, keine Sympathie. Trauer und Freude sind unbekannt. Alle anderen unterliegen mit jeder Handlung den Regeln des Zusammenlebens, die wir nur mit schlechtem Gewissen verletzen – „Du sollst nicht stehlen“. Die soziale Dimension, das ist „Soll“.

Schutz des Lebens

Leben ist ein Vorgang in höchst organisierter Materie. Zentrale Bedeutung hat dabei die laufende Reparaturaktivität, die in jeder Körperzelle versucht, beschädigte Bestandteile gemäß dem Konstruktionsplan (DNA) wieder herzustellen. Wir sind lebenslang am Sterben. Nur die Funktionstüchtigkeit der Zellreparaturmechanismen hält uns eine Zeitlang aufrecht. Und dazu kommt eine Sammlung von Abwehrmechanismen (Immunsystem), welche die Zellen vor äußeren Zerstörern schützt.

Leben generell bedarf keines parteipolitisch organisierten Schutzes. Leben ist Selbstschutz.

Anders verhält es sich mit der Vielfalt geglückter Varianten von Lebensformen, von der Blaualge bis zum Blauwal. Jede ein Kunstwerk der Evolution. Noch gibt es kein einziges Laborexperiment, das reproduzierbar angibt, wie man tote Materie zum Leben erwecken kann. Die Erhaltung der Vielfalt der Arten gehört zu den ethischen Grundlagen des Menschseins. Und doch ist es nicht so einfach. Natur ist Fressen und Gefressenwerden. Als Teil der Natur brauchen wir Tiere und Pflanzen als Nahrungsmittel. Und wir müssen uns wehren gegen Übergriffe, vom Pestbakterium über die Tsetse-Fliege bis zum Löwen. Der gute Gärtner züchtet liebevoll seine Rosen … und er pflückt sie. „Schutz des Lebens“ kann nichts anderes sein als maßvolle Gärtnerarbeit.

Menschenwürde

Menschliches Leben hat eine besondere Eigenschaft, die den niedriger organisierten Lebensformen fehlt: Es ist die Bildung von Zivilisationen. Also die Organisation zu Kulturkreisen, innerhalb derer sprachliche und schriftliche Kommunikation existiert und in denen das Bedenkenswerte aus der Kommunikation ausgefiltert und gespeichert wird. In Schulen wird das jeweils letzte gültige Gespeicherte gelehrt, weitergegeben. Bibliotheken füllen sich. Unüberschaubare Wissensfülle, reflektiert an begleitender Kunst, wird kumuliert. Jeder brave Handwerker wie auch jeder Nobelpreisträger trägt auf seine Art zur Erhaltung und Weiterentwicklung der Zivilisation bei. Erst die Zivilisation kann sich Philosophie und Wissenschaft leisten. Keine noch so gut dressierte Herde von Affen oder Delphinen kann da mithalten. Die Einzigartigkeit der fortschreitenden Wissenskumulierung in Physik und Metaphysik trennt uns immer weiter vom Tierreich.

An dieser Einzigartigkeit ist jedes menschliche Leben in winzigem, aber doch endlichem Ausmaß beteiligt – zuerst im Kindesalter praktisch gar nicht, dann als Erwachsener in genetisch und ambiental bestimmtem Ausmaß und später im Alter wieder laufend weniger. Diese Beteiligung an der Wissenskumulierung verleiht dem Menschen seine von Mitmenschen zu respektierende Würde (the dignity and worth of the human person). In religiöser (christlicher) Auffassung ist eher von der durch Gott verliehenen Würde des Menschen zu sprechen.

In diesem Zentralbegriff der Philosophie, des Rechts und der Religionen nistet eine nichtbehebbare logische Schwäche: Wer genau und unter welchen Umständen ist dieser Würde teilhaftig? Hat auch der Komapatient diese Würde? Oder der geistig Behinderte? Oder schon der Vorrat von etwa 400.000 Follikeln, den jede Frau besitzt, oder nur die Frau, aber nicht das keimende Leben? Oder die befruchtete Eizelle? Oder die befruchtete, eingenistete Eizelle? Oder erst nach den ersten 10 Zellteilungen? Oder der Embryo, oder der Fötus, oder der neugeborene Säugling vor oder nach vollem Einsatz der neuen, autonomen Lebensfunktionen (Atmung, Kreislauf, Verdauung, 5 Sinne)?

Es ist Teil der Tragik, die unser Leben umgibt, dass wir in dieser Frage ganz auf Willkür zurückgeworfen werden. Menschenwürde betrachten wir als besonders hohes Gut, aber „nichts Genaues weiß man nicht“. Kleinmut, Beschränktheit, Angst sind schlechte Ratgeber, und fundamentalistische Betrachtungen sind immer falsch. Auch hier gilt eher das erstrebenswerte Vorbild vom maßvollen Gärtner.

Fraktalstruktur und DNA

Das Wassermolekül besteht aus einem Sauerstoff- und zwei Wasserstoffatomen. Diese 3 Atome bilden als Wassermolekül ein Dreieck mit einem stumpfen Winkel von 108 Grad. Wären es 110 Grad, würde unsere Welt anders aussehen. Das Wasser würde bei anderer Temperatur kochen und gefrieren, Schnee und Eis-Kristalle hätten ganz andere Form. Man könnte vermuten, dass das H2O-Dreieck zusammen mit Feinstrukturen des Sauerstoffatoms die Basis einer Fraktalgeometrie darstellt. Das heißt, größere Objekte sind in ihrer Gestalt schon vorgeprägt durch die fraktale Basis-Zelle.

Das DNA-Molekül mit seinen Milliarden von Codeelementen enthält die Anleitung zur Konstruktion eines Lebewesens. Durch reinen Versuch und Irrtum (trial and error) hätte die Natur niemals den Bauplan für ein höheres Lebewesen finden können. Die verfügbare Zeit war viel zu kurz. Eine mögliche Erklärung wäre, dass der DNA-Code millionenfach überbestimmt ist, dass also jede darin enthaltene Information in unzähliger Redundanz vorliegt, um ja sicher transportiert werden zu können. Hingegen wird die eigentliche, nichtredundante Information wiederum unterbestimmt sein. Für jedes Organ, jede Nervenfaser werden nur Fraktal-Basisinformationen weitergegeben. Die Reproduktion der Art wird also abgesichert durch exzessive Redundanz zusammen mit der Reduktion auf Fraktal-Anweisungen.

Schluss

Unser Gehirn ist zu klein für diesen Kosmos. Eine niemals begreifbare „schwarze Welt“ umgibt uns auf Ewigkeit.

Unser Gehirn ist evolutionär zu jung. Primitivere ältere Gehirnteile sind noch fähig, den Neokortex zu überwältigen.

Unser Gehirn liebt metaphysische Märchen. Zugleich erhebt uns die Metaphysik.

Alle Religionen, Teil der Metaphysik, malen das Panorama des friedvollen Parks, in dem „Milch und Honig fließt“ – aber es ist nicht zu verstehen, warum wir zuvor sterben sollen; wir leben doch schon auf dem einmalig schönen Raumschiff Erde, das alle Möglichkeiten bietet, zum irdischen, realen Garten Eden zu werden. Wir müssen uns nur ans Werk machen. Es fehlt an Gärtnern.

Ich sage Euch – werdet Gärtner.

 


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Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Bachmann

geb. 1939, AH VDSt Darmstadt, Hochschullehrer für Nachrichtentechnik, Autor des 400s. Lehrbuchs „Signalanalyse“, Vieweg Verlag 1992, als Erfinder genannt in über 50 Patentschriften, macht sich Gedanken, weit über die Grenzen der eigenen Fakultät hinaus.



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