Sünde und Vergebung

Die 10 Gebote der Bibel prägten und prägen auch im säkularen Zeitalter unsere Vorstellung von Gut und Böse. Sie setzen der menschlichen Willkür einen festen Rahmen und gewähren Schutz vor den Einflüssen des Bösen.


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„Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott“, so beginnt die Präambel des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Diese Worte sind Ausdruck des Wissens darum, dass die Frage von Gut und Böse, Recht und Unrecht nicht nur eine Sache der Macht- und Mehrheitsverhältnisse ist und sein darf und die Rede von der Verantwortung zum leeren Gerede verkommt, wenn es niemanden gibt, der Rede und Antwort von uns verlangt. Zu den Fundamenten des europäischen Rechtsempfindens gehören die 10 Gebote. Das ist kein Zufall. Jesus Christus hat sie den seinen ans Herz gelegt als Maßstab der Liebe. Deshalb gehören sie von allem Anfang an zu dem, was ein Christ wissen und lernen muss.

„Ich bin der Herr dein Gott“, so beginnt das 1. Gebot. Darin wird deutlich, dass die Gebote nicht nur Menschenwort und beliebige Meinungen sind, sondern Gottes Wort und Ausdruck seines Willens. Sein Maßstab für Gut und Böse. Indem er zu uns spricht und uns seinen Willen erkennen lässt, schiebt er unserer Selbstherrlichkeit einen Riegel vor.

„Du sollst den Feiertag heiligen“, heißt das 3. Gebot. Glaubt man einer Zeitung, dann hat Gott den Sonntag erschaffen, damit wir uns in Ruhe um unser Geld kümmern können. Kann man sich das vorstellen? Sieben Tage bestimmt von der Sorge um das Geld und den Gelderwerb? Dabei sind wir doch schon nach sechs oder fünf Tagen ausgepumpt und erholungsbedürftig. Der Sonntag als Tag des Geldes oder besser der Sorge um das Geld? Christen können es besser wissen. Gott schuf den Sonntag als einen Tag der Ruhe und der Muße, damit wir Zeit haben für ihn und sein Wort ebenso wie füreinander. Wir sollen ausruhen von unserer Arbeit und unseren Sorgen und uns daran erinnern lassen: Wir leben nicht von dem, was wir verdienen und uns erarbeiten, mit Geld kaufen können, sondern von dem, was uns geschenkt wird. Wer glaubt, er könne sich alles kaufen und das Geld sei das Wichtigste im Leben, dem wird alles und alle, am Ende auch er selbst zum Gegenstand seines Erwerbsstrebens. Er kann dann noch nicht einmal sein Geld in Ruhe genießen. Gönnen wir uns das Gute, das Gott für uns bereithält: Den Sonntag als Tag der Muße und der Ruhe, als Tag, an dem wir Zeit haben füreinander.

Familie

„Du sollst Vater und Mutter ehren.“ Auch und gerade dann, wenn sie alt und hinfällig geworden sind und deine Hilfe brauchen. Jeder von uns hat sie und keinem Menschen verdanken wir mehr als diesen beiden – nämlich uns selbst, unser Dasein – als unserem Vater und unserer Mutter. Nur weil es diese beiden gibt, gibt es auch einen jeden von uns in seiner ganzen Einmaligkeit. Durch unsere Eltern (Vater und Mutter) sind wir ins Leben getreten, und dafür schulden wir ihnen Dank, selbst dann, wenn wir später nicht nur gute Erfahrungen mit ihnen gemacht haben sollten oder doch wenigstens der Meinung sind, dass uns unsere Eltern etwas an Liebe und Fürsorge schuldig geblieben sind. Erst wenn man selbst Vater oder Mutter ist, eigene Kinder hat, lernt man oft die Eltern verstehen, begreift, was sie geleistet haben, wie schwer sie es mit uns hatten, und kann ihnen den einen oder anderen Fehler vergeben oder selbst um Vergebung bitten.

Ohne Vergebung geht gar nichts. Dabei bedeutet Vergebung nicht, dass einem alle Folgen eigenen Fehlverhaltens erspart bleiben. Aber erfahrene und geglaubte Vergebung kann mir die Kraft geben auch die Folgen eigenen Fehlverhaltens zu ertragen. Dabei weiß ich nicht, was schwerer ist: zu vergeben oder sich vergeben zu lassen. Ohne Vergebung geht gar nichts. Auch nicht in der Familie. Auch nicht zwischen Eltern und Kindern. Eltern sind eine Erfindung Gottes; in ihnen und durch sie begegnet uns zum ersten Mal seine Liebe, damit keiner von uns allein seine ersten Schritte ins Leben gehen muss. Nicht als selbstgenügsame Einzelgänger oder gar verbissene Einzelkämpfer hat er uns geschaffen, sondern zur Gemeinschaft mit sich und miteinander berufen. Dabei ruht unsere Gemeinschaft auf unserer Verschiedenheit. Du bist Du und Ich bin Ich, und das ist gut so. Niemand soll zur Kopie des anderen werden, keiner den anderen nach seinem Bilde umformen. Denn wir alle sind einmalige Handarbeit Gottes und damit unendlich wertvoll. Was unsere Gemeinschaft mit Gott und miteinander bedroht, uns voneinander trennt, nennt der christliche Glaube: Sünde. Eltern sind eine Erfindung Gottes, aber sie sind und bleiben Menschen wie wir. Zu den Erfahrungen, die uns alle miteinander verbinden, gehört die Erfahrung der Macht des Bösen, das sich nur zu oft hinter unseren guten Absichten verbirgt und Menschen schuldig werden lässt, auch gegen ihren Willen, unsere bösen Gewohnheiten, die uns gefangen halten und den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt, aus dem noch keine Generation ausbrechen konnte.

Vater und Mutter, wir brauchen sie beide nicht zuletzt, um unseren Platz in der Welt zu finden, denn als Mann oder Frau hat Gott uns erschaffen. Nicht nur Essen und Trinken, Kleidung und ein Dach über dem Kopf, sondern auch Orientierung geben uns die Eltern. Was ist wichtig, worauf kommt es an. Was darf und was soll ich tun und was nicht. Jedoch die eigenverantwortliche Entscheidung kann und darf uns weder hier noch anderswo einer abnehmen. Du, jeder einzelne von uns steht stellvertretend für unser ganzes Land und Volk. Du bist mit deinem Verhalten verantwortlich für das, was unter uns gilt und wie es zwischen uns zugeht. An dem Verhalten jedes einzelnen entscheidet sich Wohl und Wehe, Heil und Unheil unseres Landes. Keiner soll sagen: „Auf mich kommt es doch gar nicht an“ oder „Das machen doch alle so“. Auf dich kommt es an!

Lebensschutz

Selbst wenn alle Parlamente der Welt mit Zweidrittelmehrheit das Gegenteil beschlössen, das 5. Gebot heißt: „Du sollst nicht töten.“ Das ist Gottes Wille, denn Gott ist ein Liebhaber des Lebens. Wer dagegen verstößt, lädt Schuld auf sich. Bei dieser Schuld geht es nicht um die subjektive Befindlichkeit des Täters, sondern um das objektive Recht des Opfers. Gottes „Ja“ zu uns gilt von allem Anfang an, vor der Geburt ebenso wie danach, von der Kindheit bis ins Alter und zum letzten Atemzug. Es gilt den Gesunden und Erfolgreichen ebenso wie den Kranken und Behinderten. Deshalb heißt es Gott lästern, wollte sich einer am anderen vergreifen und ihm das Recht zu leben bestreiten. Die Frage nach dem lebenswerten oder lebensunwerten Leben ist eine zutiefst gottlose Frage, weil es Formen des Lebens gibt, deren Wert und Sinn bei Gott verborgen ist. Er sagt „Ja“ zu uns ohne wenn und aber, ohne Vorbedingungen. Solche Liebe ohne jede Vorbedingungen ist selbst die Voraussetzung dafür, dass ein Leben gelingt. Jedes Kind ist für uns ein Zeuge Gottes, weist uns alle hin auf ihn, der uns alle nach seinem Bilde geschaffen und einen jeden von uns ins Leben gerufen hat, dass wir leben nicht gegeneinander sondern miteinander und füreinander.

Das 6. Gebot heißt: „Du sollst nicht ehebrechen.“ Auch wenn viele Mächtige und Einflussreiche unter dem Beifall aller Rundfunk- und Fernsehsender das Gegenteil vorleben.

„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wieder deinem Nächsten“ – auch nicht gegen deinen Feind uns selbst nicht im Wahlkampf.

Gedankensünden

Zum Schluss das 10. Gebot: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh oder alles, was sein ist.“ Aber ist das nicht doppelt-gemoppelt? Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib – ist das nicht dasselbe wie „Du sollst nicht Ehe brechen“? Du sollst nicht begehren deines Nächsten Vieh, noch allem, was sein ist – ist das nicht das Gleiche wie das 7. Gebot: „Du sollst nicht stehlen“? Aber halt, du sollst nicht begehren, heißt es, von der Tat ist hier noch gar nicht die Rede, sondern von einem Gefühl, einer Regung des Herzens, einem Gedanken. Nicht aus jedem Gedanken wird eine Tat, jedoch jede Tat beginnt im Kopf mit einem Gedanken. Freilich, Gedanken und Gefühle sind zollfrei und nicht strafbar. Indessen, die 10 Gebote sind etwas anderes als eine Kurzfassung des Strafgesetzbuches, auch wenn die Figur des Mose manches Gerichtsgebäude schmückt. Du sollst nicht begehren, weil daraus böse Taten folgen, weil der Gedanke selbst böse ist. Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib, strafbar ist das längst nicht mehr, eher ein Gesellschaftsspiel, aber ist es deshalb harmlos? „Manchmal möchte ich schon mit dir…“, heißt es in einem Lied, das dann fortfährt: „Du verlierst den Mann, ich verlier’ den Freund.“ Das ist der Preis. Eine Ehe, eine Freundschaft zerstört. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist. Feindliche Übernahme nennt man das wohl heute. Auch das ist nach dem Buchstaben des Gesetzes nicht strafbar, jedenfalls, wenn dabei kein Betrug im Spiel ist. Im Gegenteil, wer dem anderen seine besten Mitarbeiter ausspannt, gilt als besonders clever. Wen kümmert es, wenn darüber ein Lebenswerk zugrunde geht oder Menschen die Arbeit verlieren. Jede Tat, auch jede böse, beginnt im Kopf mit einem Gedanken. Wir können die bösen Gedanken nicht daran hindern, über unseren Kopf zu fliegen, aber wir können sie daran hindern, auf ihm Nester zu bauen.

Indem die Gebote unserer Selbstherrlichkeit einen Riegel vorschieben, werden sie zum Garanten unserer Freiheit. Es gibt keine Freiheit ohne Bindung. Es kommt jedoch darauf an, an wen und an was wir uns binden. „Ich bin der Herr dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat“, so beginnt das erste Gebot im Alten Testament. Längst also bevor wir etwas tun können, hat Gott für uns gehandelt. Er hat Israel aus Ägypten befreit und er hat Jesus Christus für uns sterben und auferstehen lassen. Wenn du das glaubst, dann kannst du gar nicht anders, als dein Leben nach Gottes Gebot, nach seinem Maßstab für Gut und Böse zu führen. Gottes Handeln bleibt nicht folgenlos in unserem Leben. Wer seine Gebote achtet, der bekennt sich zu ihm und der Gemeinschaft mit ihm. Stellt sein Leben unter seinen Schutz. Auch das sind die Gebote, ein Schutzraum vor den Einflüssen des Bösen. Nur in diesem Schutz haben wir die Freiheit zum Tun des Guten.


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Knut Henke

geb. 1951, Pfarrer i. R., VDSt Berlin & Charlottenburg.



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