Tempel und Schrift

Das Judentum der Antike steht in ständigem, fruchtbarem Austausch mit den benachbarten Kulturen. Politisch ringt es, zwischen wechselnden Großreichen eingeklemmt, um seine Selbständigkeit. Am Ende vergeblich.
Ein Überblick von Michael Tilly.


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S148_Tempel_6Das Judentum war von Anfang an eine Buchreligion. Die nach der Zerstörung des Ersten Tempels in der Zeit während und nach dem babylonischen Exil (587/586–538 v. Chr.) entstandene schriftliche Tora ist seine historische Voraussetzung. Erst im Land zwischen Euphrat und Tigris südlich des heutigen Bagdad entstand auf der Basis altisraelitischer religiöser Traditionen die jüdische Religion. Die dorthin verschleppten Judäer nahmen viele Elemente aus ihrem kulturellen und religiösen Umfeld auf, verknüpften sie mit ihren eigenen Traditionen und entwickelten sie in kreativer Weise weiter. Hieraus ergibt sich die Konsequenz, nicht das Narrativ der heilsgeschichtlichen Geschichtsbetrachtung der Bibel innerhalb des Horizontes frommer jüdischer (und christlicher und muslimischer) Tradition als Orientierungsrahmen dieser Darstellung wesentlicher Phasen der bewegten jüdischen Geschichte in der hellenistisch-römischen Antike zu Grunde zu legen, sondern die philologisch und geschichtswissenschaftlich verantwortete Betrachtung und Deutung der geschichtlichen Quellen.

Prägung durch Babylon

Im babylonischen Exil entwickelte sich abseits der israelitischen religiösen Traditionen des Mutterlandes die monotheistische Gleichsetzung des Gottes Israels mit dem Schöpfergott. Es entstanden grundlegende kultische und rechtliche Abschnitte der Tora als schriftliche Fundamente des jüdischen Glaubens. Um dem Anpassungsdruck der fremdgläubigen Umwelt standzuhalten und die eigene Identität zu wahren, führten die deportierten Judäer die Sitte der Beschneidung der männlichen Erstgeborenen ein, die den Babyloniern fremd war. Sie gestalteten den Sabbattag, der wahrscheinlich in seinem Ursprung ein Vollmondfest am Jerusalemer Tempel war, als einen allwöchentlichen Feiertag mit Arbeitsruhe. Die Reinheits- und Speisegebote, die ihren ursprünglichen Platz am Jerusalemer Tempel hatten, dienten nun vor allem der sozialen Abgrenzung der Judäer zwischen Euphrat und Tigris und stärkten ihr Zusammengehörigkeitsgefühl im Alltag. Aus einer ortsgebundenen Religion wurde während der Exilzeit also eine Religion der Schrift. Neben dem Tempelkult fungierte fortan auch die Tora als Bindeglied zwischen dem Volk Israel und seinem Gott.

Persische Provinz

Nach dem Sieg des Perserkönigs Kyros II. (601–530 v. Chr.) über die Neubabylonier wurde Judäa unselbstständiger Teil einer persischen Provinz. Wohl schon im darauffolgenden Jahr wurden der regelmäßige Opfergottesdienst und der Wiederaufbau des Heiligtums in Jerusalem durch ein königliches Dekret wieder gestattet. Diese Maßnahmen der Perser, die hierdurch das Problem der Kontrolle ihres ausgedehnten Herrschaftsraums zu lösen trachteten, beabsichtigten die Schaffung eines organisatorischen und räumlichen Zentrums der regionalen Verwaltung, das vor allem dem effizienten Eintreiben von Steuern und Tributen zugute kommen sollte. Sie trugen aber auch zur Förderung der ethnischen und religiösen Identität der Bevölkerung Judäas bei.

Erst im Jahre 515 v. Chr. fand die Einweihung des mit persischer Unterstützung errichteten Zweiten Tempels in Jerusalem statt. Die in den folgenden Jahrhunderten mehrfach umgebaute und erweiterte Tempelanlage wurde nach dem Vorbild, auf dem Fundament und nach den Maßen des zerstörten salomonischen Tempels errichtet, jedoch in weitaus bescheidenerem Rahmen als dieser. Vor allem das nach dem Ende des davidischen Königtums entstandene Machtvakuum in Judäa trug zu einem raschen Anstieg von Macht und Einfluss der Jerusalemer Priesterschaft bei. Als einzige auch in der Krisenzeit des babylonischen Exils noch organisierte und verfasste gesellschaftliche Gruppe trat sie gegenüber dem eigenen Volk und gegenüber den persischen Behörden zunehmend als Repräsentantin der Allgemeinheit auf. Man kann annehmen, dass die meisten dieser Priesterfamilien aus Babylonien kamen. Ihre Ansiedlung in Judäa wurde von den Persern tatkräftig unterstützt, die so eine lokale Führungsschicht in der fernen Provinz zu installieren beabsichtigten. Es ist zu beachten, dass die aus dem Exil im babylonischen Kernland zurückgekehrten politischen und religiösen Funktionsträger hierdurch auch eine besondere ideelle Position in der judäischen Bevölkerung erlangten. Sie stellten nun wieder das Kultpersonal des Tempels unter der Führung der hohenpriesterlichen Dynastie mit eigenen, durch die bauliche Strukturierung des Tempelraums auch architektonisch gekennzeichneten Monopolbereichen. Ihre besondere Position ermöglichte es den Priestern bald, als die einzigen legitimen Hüter des religiösen und nationalen Erbes aufzutreten. Ungeachtet der Tatsache, dass die Bevölkerung Judäas und Jerusalems nun keine territoriale und staatliche Einheit mehr besaß, wuchs während der folgenden Jahrzehnte ihr Einfluss auf die bei der Wegführung im Land verbliebenen Judäer, die mittlerweile zugewanderten, ehemaligen Nordreichsbewohner im Land und die jüdischen Gemeinden in der gesamten Diaspora.

Der Triumph Alexanders III. „des Großen“ (356–323 v. Chr.) über den persischen Großkönig und letzten Achämeniden Dareios III. Kodomannos (reg. 336–330 v. Chr.) in der Schlacht bei Issos im Herbst des Jahres 333 v. Chr. bedeutete auch das Ende der Perserherrschaft über Coilesyrien. Das Gebiet geriet nun endgültig in den unmittelbaren Einflussbereich des makedonischen Großreiches und der hellenistischen Einheitskultur. Auch den neuen Machthabern war sehr an politischer Stabilität in der Provinz gelegen. Die bereits unter der Perserherrschaft bestehende, weitgehende innere Autonomie Judäas und „Hierosolymas“ auf der Grundlage der Tora als Verfassung und mit dem Jerusalemer Tempel als anerkanntem politischen Zentrum bestand deshalb fort, wenn auch mit je und je unterschiedlicher Intensität. Hoherpriester und Ratsversammlung wurden dabei von den nichtjüdischen Herrschern als Repräsentanten und als privilegierte politische Vertreter der jüdischen Bevölkerung in dem tributpflichtigen Tempelstaat anerkannt. Der Seleukidenherrscher Antiochos III. (223–187 v. Chr.) billigte diese Staatsform ausdrücklich.

Hellenisierungsversuche

Einige Jahrzehnte später scheiterte der Versuch eines Teils der Jerusalemer Tempelaristokratie, den Tempelstaat mit Hilfe der syrischen Seleukiden gewaltsam in eine hellenistische Stadt zu verwandeln (167 v. Chr.), um so die eigene Machtposition zu festigen. Dieser Umsturzversuch einer Minderheit stieß auf den heftigen Widerstand vor allem derer, die durch diese als religiöse und kulturelle Erosion empfundenen, gewaltsamen Hellenisierungsbestrebungen die politische Reichweite der Zentralität des Tempels und somit ihre statusbestimmende Lebensgrundlage, Macht und Autorität als Priester oder Tempelbeamte bedroht sahen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt stellte der Jerusalemer Tempel bzw. seine unterschiedliche Wahrnehmung den deutlichen Ansatzpunkt für polarisierende Auseinandersetzungen verschiedener konkurrierender religiöser Teilgruppierungen im antiken Judentum dar. Es ist zu beachten, dass sich diese durch Anpassung und Widerspruch gekennzeichnete Entwicklung nicht vorwiegend zwischen pro- und antihellenistischen Angehörigen verschiedener sozialer Schichten in Judäa vollzog, sondern vor allem innerhalb der Jerusalemer Oberschicht.

Den Makkabäerbrüdern, Söhnen des Priesters Mattatias aus Modein, gelang es, eine „konservative“ antihellenistische Sammelbewegung zu führen und diese Bestrebungen abzuwehren. Der „Tempelreinigung“ des Judas Makkabaios (164 v. Chr.) folgte die Herrschaft der in Jerusalem residierenden Dynastie der Hasmonäer. Dieses jüdische Herrscherhaus legitimierte seine gesellschaftliche Machtposition nach innen vor allem durch die Selbstdarstellung als den väterlichen Gesetzen verpflichteter, religiöser Streiter für Tempel und Kult. Es bewirkte so die Umwandlung der Stadt zum politischen Zentrum eines „unabhängigen“ Königreiches sowie die Umwandlung des Tempels in das bedeutendste Symbol der jüdischen Selbstbehauptung. Seit 142 v. Chr. politisch unabhängig, war Jerusalem nun für mehr als sieben Jahrzehnte wieder der machtpolitische Mittelpunkt eines unabhängigen jüdischen Staates. In die Hasmonäerzeit fällt auch die eigentliche Entstehung des Begriffs „Judentum“ zur Bezeichnung einer eigenständigen Gemeinschaft, die über eine bloße ethnisch-geographische Größe hinausgeht.

König Herodes

Die immer stärker zu Tage tretenden Rivalitäten innerhalb der Hasmonäerdynastie beeinträchtigten ihre politische Handlungsfähigkeit, provozierten gesellschaftliche Spannungen, und führten schließlich zum Eingreifen der Großmacht Rom, welche fortan das politische Geschick der Region bestimmte. Judäa wurde nun zu einem territorial stark verkleinerten Klientelfürstentum, das dem Zuständigkeitsbereich des Statthalters der Provinz Syrien permanent zugeordnet war. Seit 37 v. Chr. herrschte Herodes „der Große“ als Rex socius et amicus populi romani ganz im Stil der hellenistischen Fürsten seiner Zeit über ein tributpflichtiges Königreich von Roms Gnaden, dessen Rechtsgrundlage allein seine Ernennung durch den römischen Senat war. Herodes war um eine umfassende Romanisierung seines Reiches bemüht. Zwar konnte er die Tora als Verfassung Jerusalems und Judäas nicht einfach annullieren, doch ließ er viele aristokratische Mitglieder der Ratsversammlung umbringen und ihren Besitz beschlagnahmen. Zudem setzte er als römischer Vasallenherrscher die Hohenpriester als bloße „Kultusbeamte“ jederzeit nach Belieben ein und ab und hob die ursprüngliche Lebenslänglichkeit und Erblichkeit ihres Amtes auf. Auch seine direkten Nachfolger beschränkten das hohepriesterliche Amt strikt auf seine kultischen Funktionen.

Seit 19 v. Chr. renovierte der judäische König auch den während der römischen Angriffe des Jahres 63 v. Chr. beschädigten Jerusalemer Tempel als Symbol des „weltstädtischen“ Charakters der Stadt am Rand des Imperium Romanum und als international beachtetes Wahrzeichen seiner Herrschaft. Das Bauwerk wurde im Stil der hellenistisch-römischen Monumentalbauweise erneuert; das in Entsprechung zum bestehenden baulichen Strukturprinzip der konzentrischen Heiligkeit erweiterte, erhöhte und mit gewaltigen Umfassungsmauern versehene Tempelareal wurde zu dem erfahrbaren religiösen Zentrum des Judentums in Palästina und – unbeschadet aller Loyalität gegenüber und Teilhabe an der jeweils bestimmenden Umwelt – in der gesamten hellenistisch-römischen Welt.

Aufstand gegen Rom

Die eigennützige Herrschaft der Herodessöhne und -enkel sowie die Amtsführung der römischen Prokuratoren seit der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr., die sich durch ein hohes Maß an persönlicher Habsucht und administrativem Unvermögen auszeichneten und deren Tätigkeit sich vor allem auf eine effiziente finanzielle Ausbeutung des Territoriums konzentrierte, provozierte sowohl wirtschaftliche Not als auch eine angespannte politische Situation in der Provinz. Das fortgesetzte Versagen der externen Ordnungsmacht und das Auseinanderbrechen der internen Gesellschaftsstruktur Judäas mündeten, auch infolge des andauernden Konfliktpotentials des römischen Kaiserkults in der Provinz, schließlich in die Katastrophe des Jüdischen Krieges. Die angespannte politische Situation in Judäa spitzte sich im Jahre 66 n. Chr. zu. In Jerusalem selbst war die Situation bald von blutigen Richtungskämpfen und Bandenkriegen geprägt. Die politische Führung in der Stadt polarisierte sich rasch. Einer um Frieden und Sicherung der eigenen privilegierten Lebensumstände bemühten Partei unter Führung der priesterlichen Aristokratie stand die nach einer radikalen Neuordnung der religiösen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse strebende zelotische Bewegung gegenüber.

Nach langen und erbitterten Kämpfen schlug eine gewaltige römische Übermacht den jüdischen Aufstand nieder und nahm Jerusalem ein (70 n. Chr.). Große Teile der Stadt waren nach der römischen Eroberung verwüstet, ihr prächtiger Tempel zerstört, der Hauptteil ihrer Bevölkerung tot, versklavt oder geflohen. Die wenigen Juden, die in Jerusalem geblieben waren, mussten mitansehen, wie nun römische Soldaten, Veteranen und fremde Siedler einzogen, um in der Stadt zu leben. Ihre Einwohner wurden zu harten Zwangsdiensten verpflichtet und mussten hohe Abgaben leisten. Die jüdischen Kleinbauern wurden enteignet und zu Pächtern auf römischem Grund. Judäa war nun einem römischen Statthalter unmittelbar unterstellt. Das Jerusalemer Heiligtum, der wichtigste Anknüpfungspunkt für das religiöse Selbstverständnis und für die Lebensgestaltung der jüdischen Mehrheit und sämtlicher jüdischer Sekten, war zerstört. Das Opfer im Tempel war nunmehr unmöglich. Das Judentum war fortan zum Verzicht auf alle diejenigen Formen der Religiosität genötigt, die nur im Jerusalemer Tempel gepflegt werden konnten.

Kult ohne Tempel

Die überlebenden Priester, Leviten und Tempelbeamten waren nach der Tempelzerstörung ohne Amt, ohne kultische Funktion und ohne öffentliche Macht, wenn auch ihr Landbesitz und der relative Wohlstand ihrer aristokratischen Oberschicht nicht unmittelbar von den Umwälzungen, d. h. von der wirtschaftlichen Notlage, betroffen waren. Ein Teil der Priesterschaft versuchte, neben der aufstrebenden jüdischen Laiengelehrsamkeit, verkörpert vor allem durch die pharisäische Bewegung, als konsolidierte Gemeinschaft fortzubestehen. Man unternahm Anstrengungen, die für Priester geltenden besonderen Gebote und kultischen Anordnungen weiterhin zu bewahren, um dadurch eine besondere gesellschaftliche Funktion im Bereich der Rechtsprechung zu erlangen. Die den Priestern des Jerusalemer Tempels von der jüdischen Bevölkerung zuvor zuerkannte Kompetenz scheint nicht abrupt an ihr Ende gekommen zu sein. Einige von ihnen betätigten sich fortan als rabbinische Gelehrte. War Jerusalem bis dahin das alleinige religiöse und politische Zentrum des palästinischen Judentums gewesen, so entstand nun in Jabne, einer kleinen Stadt in der Küstenebene südlich vom heutigen Tel Aviv, unter der Leitung von Priestern und schriftgelehrten Laien ein rabbinisches Lehrhaus. Diese rabbinischen Gelehrten zogen unter römischer Duldung bald Aufgaben der früher in Jerusalem angesiedelten jüdischen Selbstverwaltung an sich. In den Texten, die sie der Nachwelt hinterließen und die für das spätere Judentum maßgebliche Geltung erlangten, ist von Jerusalem und seinem Tempel nur selten die Rede. Dies dürfte daran liegen, dass man in Jabne das Studium der Tora an die Stelle des Tempelopfers gesetzt hatte und ihm eine vergleichbare religiöse Bedeutung beimaß.

Bar Kochba

Nur wenige Jahrzehnte nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels schlug der wirtschaftliche Niedergang des Landes in eine Krise der gesellschaftlichen Ordnung um. In und um Jerusalem flackerte erneut gewaltsamer Widerstand gegen Rom auf. Der Beschluss des Kaisers Hadrian (117–138 n. Chr.), auf den Trümmern der Stadt die römische Metropole Colonia Aelia Capitolina zu errichten (132 n. Chr.), stieß auf den Widerstand radikaler Kreise um Simon ben Koseba (Bar Kochba). Er und seine Anhänger bewaffneten sich. Ein großer Teil der verarmten jüdischen Bevölkerung schloss sich ihnen an. Der römische Legionsstandort Jerusalem wurde rasch zum Zentrum dieser jüdischen Aufstandsbewegung. Auch der improvisierte Opferbetrieb auf dem Tempelplatz wurde von den jüdischen Rebellen nach dem Rückzug der Römer offenbar wieder aufgenommen. Nach der Niederschlagung der Erhebung durch eine gewaltige Übermacht wurde die Stadt in ein von römischen Soldaten, Veteranen und zahlreichen fremden Siedlern bewohntes heidnisches Kultzentrum mit einem Jupiterheiligtum auf dem nahezu eingeebneten Tempelareal umgewandelt. Für Sieger und Besiegte war dies ein Symbol der völligen Unterwerfung des jüdischen Aufstandes und des Triumphs der überlegenen Weltmacht. Rom betrieb nun die totale Paganisierung Jerusalems. Ein kaiserliches Dekret verbot allen Beschnittenen bei Todesstrafe das Betreten der Stadt. Juden war das Betreten des Tempelbezirks und großer Teile der Stadt somit offiziell untersagt. Das Verbot, als Jude in Jerusalem zu wohnen, bedeutete für die Stadt den Verlust ihrer vormaligen identitätstiftenden Bedeutung als zentraler Ort der Versammlung und des gemeinsamen religiösen Lebens.

Unter den Nachfolgern Hadrians entspannte sich die Lage wieder. In der Institutio Antoniniana gewährte Kaiser Caracalla (198–217 n. Chr.) fast allen Provinzbewohnern, und damit auch allen Juden in Palästina, die römischen Bürgerrechte und Bürgerpflichten (212 n. Chr.). Sie durften nun gleichberechtigt im römischen Militär dienen, mussten aber auch – mitunter kostspielige – kommunale Verwaltungsposten bekleiden. Die ersten jüdischen Jerusalempilger kehrten im dritten Jahrhundert in die verwüstete Stadt zurück.

In der Diaspora

Nach dem Zusammenbruch des Widerstandes gegen die Römer und der Tempelzerstörung im Jahre 70 n. Chr., endgültig nach dem Bar- Kochba-Aufstand in den Jahren 132–135 n. Chr., war jedoch Galiläa zum Kernland des palästinischen Judentums geworden. Die prekären Lebensbedingungen im zeitgenössischen Judäa, dessen agrikulturelle Infrastruktur weitgehend zerstört worden war und wo von den Römern zahlreiche Veteranen, Syrer und Araber angesiedelt wurden, kommen allein darin zum Ausdruck, dass nach 135 n. Chr. zahlreiche jüdische Ortschaften Judäas überhaupt nicht mehr erwähnt werden. Es kam zu einer starken Abwanderung der überlebenden jüdischen Bevölkerung in die Länder der Diaspora, vor allem in das benachbarte Syrien und nach Babylonien. Manche folgten den römischen Legionen oder kamen auf den Fernhandelsstraßen des Imperium Romanum bis an die Ränder des römischen Reichs.

Das jüdische Leben in Judäa, dem vormaligen geistigen und wirtschaftlichen Zentrum des Judentums, war im zweiten Jahrhundert nahezu erloschen. In Galiläa hingegen, dem nördlichen Teil der römischen Provinz Syria Palaestina, existierten zu dieser Zeit nicht nur mit Sepphoris und Tiberias zwei mehrheitlich von Juden bewohnte Städte, sondern auch eine sesshafte jüdische Landbevölkerung. Dieses galiläische Judentum war zahlenmäßig zwar relativ klein, aber im zweiten Jahrhundert fraglos der bestimmende Faktor im palästinischen Judentum.

Als Ansprechpartner Roms boten sich in dieser Zeit die rabbinischen Schülerkreise an, um die Verwaltung der problematischen Provinz zu organisieren und zu erleichtern. Die Gelehrten in Uscha boten aus der Perspektive Roms das Modell eines durchschaubar organisierten, jüdischen Gemeinwesens ohne Tempel und ohne bedrohliche politische Ambitionen. Nach 138 n. Chr. erreichte das Patriarchat sukzessive die Stellung eines offiziellen Repräsentanten der gesamten Judenschaft im römischen Reich. Die Stellung des Patriarchen als Vertreter der eingeschränkt autonomen jüdischen Volksgruppe in Palästina entsprach rechtlich der Stellung eines Vasallenkönigs. Nahezu drei Jahrhunderte sicherte die Institution den Frieden im Land und verhinderte Aufstände gegen Rom. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts erlosch das Amt des jüdischen Patriarchen für immer.

 

 

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Michael Tilly: Das Judentum. Wiesbaden: Matrixverlag 2015, 224 S.


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Michael Tilly

geb. 1963, Professor für Theologie, VDSt Königsberg-Mainz.



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