Triumph der Virtuosität

Robert Schumanns Lebensweg sollte in Richtung Jura führen. Sein Gefühl jedoch, das in voller Wärme nur der Musik galt, drängte ihn ab von vorgeschriebenen Pfaden. Während drei Studiensemestern in Heidelberg traf er eine folgenschwere Entscheidung.


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Triumph_1Robert Schumann (1810–1856), aus Zwickau gebürtig, zählt zu den bedeutendsten Komponisten der Romantik. Romantisches Fernweh überkam ihn bereits während seines ersten juristischen Semesters in Leipzig. Es zog ihn fort aus der Musik- und Messestadt mit ihren „kalten gefrorenen Handelsmenschen“. Sein ersehntes Ziel war die Universitätsstadt Heidelberg, mit ihrem südlichen Flair und warmen Klima, die Stadt der Romantiker, Dichter und Gelehrten. Vor allem zog ihn der berühmte Musikliebhaber Anton Friedrich Justus Thibaut an, Professor für römisches Recht. So besteigt der achtzehnjährige Schumann im Mai 1829 in Leipzig die Eilpostkutsche und reist – nach Abstechern am Rhein – nach Heidelberg. Erst am 30. Juli schreibt er sich als Student der Rechtswissenschaft ein.

Seine erste Studentenbude in der Seminarstraße 3 mit herrlichem Schlossblick lag zwischen der Jesuitenkirche und der „Landes-Irren-Anstalt“ (mit 200 Patienten). Angesichts dieser Wohnlage klagt er seiner Mutter: „Eben geht die katholische Kirche neben mir an; die Leute fangen zu singen an; wenn ich Musik höre, kann ich nicht schreiben … beiläufig gesagt, so grenzt mein Logis rechts an das Irrenhaus und links an die katholische Kirche, daß ich wahrlich im Zweifel bin, ob man verrückt oder ob man katholisch werden sollte.“ Kurz darauf zieht er in das Haus Hauptstraße 160 um.

Jurisprudenz und Studentenalltag

Schumann hört Vorlesungen bei dem Rechtsprofessor Thibaut und besucht dessen exklusiven Singverein. Hier lernt Robert Werke von Palestrina, Marcello und vor allem Händel kennen und ist vom Singverein fasziniert, hier verlebt er „herrliche, reine, edle Stunden“. Thibaut hat übrigens Schumanns Berufsfindung wesentlich beeinflusst, seiner Mutter schreibt er: „So muntert mich Thibaut zur Jurisprudenz nicht auf, weil mich der Himmel zu keinem Amtmann geboren hätte …“.

In Heidelberg mit seinen „Wein- und Wonnebergen vor der Nase“ fühlt er sich wohl, auch wenn er darüber stöhnt, „daß hier alles theurer, feiner und nobler ist, weil hier der Student dominiert und eben deshalb geprellt wird“. So lebt er „oft bettelarm und noch drüber“, ist permanent in finanzieller Not und macht Schulden.

Über das Heidelberger Musikleben urteilt er: „Die Musik liegt hier natürlich sehr darnieder; an einen ordentlichen Klavierspieler ist gar nicht zu denken; ich bin als solcher schon sehr bekannt.“ Das ist schon eine anmaßende Äußerung, wenn man bedenkt, dass er noch nicht einmal zwei Monate in der Stadt lebt. Wohl eher hebt er sein musikalisches Können lediglich unter seinen Kommilitonen und Zechkumpanen hervor. In den Heidelberger Gesellschaftskreisen ist er zunächst noch unbekannt.

Mitglied im Corps Saxo-Borussia – Klavierspiel, Kommerslieder, Trinklust

Im Sommer 1829 tritt er in das Corps Saxo-Borussia ein, hier hat er möglicherweise als Bierorganist fungiert. Auf seiner Porträtminiatur glänzt am Revers ein goldenes „S“ auf rotem Band, das Zeichen des Corps Saxo-Borussia. Klavierspiel, Kommerslieder, Trinklust, Kneiperei, Fechten, Billard, Ausflüge, Jean-Paul-Begeisterung gehören zu Schumanns lockerem Studentenleben in Heidelberg. Immer wieder ist sein Lieblingswort „Knillität“, es meint eine halluzinatorische Abgehobenheit, die er oft ersehnt, „sehr besoffen, unseliges Biertrinken, ewig voll, Katzenjammer, zerbrochene Rumflasche, schwer knill“. Dabei beruft er sich auf seinen Seelenfreund Jean Paul, der sich zum Aufputschmittel Alkohol so geäußert hat: „Leute von wahren Talenten sollten sich betrinken, um das Leben aus dem rechten Licht zu sehen …“ Schumanns Tagebücher berichten von den Besuchen seiner 17 Kneipen und Gasthäuser in Heidelberg.

„Italien, Italien, summte mir’s von Kindesbeinen um mein Herz“

In den Semesterferien, Sommer 1829, tritt er seine lang ersehnte Reise durch die Schweiz nach Oberitalien an. Von der Isola Bella, eine der drei Borromäischen Inseln im Lago Maggiore, ist er begeistert: „Isola bella wirklich bellissima – die Statuen – Citronen an den Geländern – himmlische Orangendüfte, alles südlich …“ In der Mailänder Scala besucht er Opern von Bellini und Rossini, in Padua lauscht er schönsten Orgelklängen „in Spohr’schen Tränenmelodien – recht heiliges Gefühl.“

In Heidelberg übt er täglich zwei bis manchmal sieben Stunden Klavier. Seine Wirtsleute und Hausbewohner dulden sein Spiel sowie seine „musikalischen Champagnerabende“, eine nächtliche Trinkerei – verknüpft mit Klavierspiel und Gesang, oft bis vier Uhr morgens dauernd.

„Fast alle Abende in Gesellschaft oder auf Bällen“

Robert Schumann avanciert bald zum Heidelberger Salonmusiker. Wiederholt ist er ein gefeierter Starpianist bei der schottischen Kaufmannsfamilie James Mitchell in deren Barockpalais in der Hauptstraße 235 (heute Völkerkundemuseum). Dieses Haus ist ein seinerzeit kultureller Treffpunkt der Heidelberger Gesellschaft, besonders der englischen Kolonie. Im Musikzimmer spielt er auf dem Flügel: „ … das Schubertsche Trio (op. 100) – superb, magnifique, himmlisch – meine gute Fantasie“. Die hier stattfindenden Bälle findet er „steif und ohne Leben“, genießt aber stets „gutes Essen“. In zwölf nachgewiesenen Heidelberger Musiksalons ist Schumann häufiger Gast, wo er meistens eigene Improvisationen zum Besten gibt.

„Das Bravo- und Dacaporufen … hatte kein Ende“

Schumann, Mitglied im Heidelberger Musikverein der Universität, tritt im WS 1829/30 als Pianist auf. Er spielt das Bravourstück „La Marche d’Alexandre. Grandes Variations sur un Thème militaire, Op. 32“, von Ignaz Moscheles (1794–1870) und brilliert im damals größten Konzertsaal der Universitätsstadt, im Museumsgebäude, dem Vorgängerbau der heutigen Neuen Universität. In seinem Tagebuch berichtet er: „Abends Conzert … der viel fixirte Schumann … mein Stolpern am Anfang – die letzte Variation vollendet gespielt – unendlicher Applaus, Gratulationen …“ Nach dem Konzert feiert er ausgiebig mit Freunden im Speisesaal des Museums, „die entzükten Menschen – entzükt nach Haus getaumelt – um 2 Uhr“.

Am nächsten Tag liest er im Heidelberger Wochenblatt eine kurze Notiz über das Konzert, doch sein Name wird mit keiner Silbe erwähnt. Es ist Schumanns letztes öffentlich gespieltes Konzert in seinem Leben. Stolz schreibt er seinem Bruder Julius nach Zwickau: „Du glaubst kaum, wie ich in Heidelberg allgemein geachtet und verehrt werde… die Alexandervariationen von Moscheles …, ich hatte aber auch acht Wochen darüber studirt und wirklich gut gespielt … Von dieser Zeit ist eine ungemein rege Bewegung in das hiesige Musikleben gerathen, und die Musik gehört zum guten Ton mit, so zu sagen.“

„Abends Paganini … ungeheure Entzückung …“

Schumann, der junge Pianist, vermisst in Heidelberg allerdings jegliche künstlerische Anregung. So reist er Ostern 1830 nach Frankfurt, um sich von Niccolò Paganinis Virtuosität anstecken zu lassen. Im „Théâtre National de Francfort“ (Stadttheater am Comödienplatz, heute Rathausplatz) erliegt er dem faszinierenden Charme des Teufelsgeigers, es fesselt ihn dessen brillante Spieltechnik (Doppelgriff-, Flageolett-, Staccato- und Pizzicatospiel und das spektakuläre Spiel auf einer Saite). Das Konzert von Paganini, der „der Wendepunkt des Virtuosität ist“, hat Schumann stark motiviert, „sich der virtuosen Laufbahn gänzlich zu widmen“. Nach dem Frankfurter Erlebnis betreibt er seine Klavierstudien exzessiv weiter. So hat er auf seinen vielen Reisen mit der Kutsche und dem Schiff stets sein Reiseklavier dabei, es ist ein stummes Instrument mit Federn versehen, in Form einer kleinen Reisetasche. Doch seine gesundheitliche Verfassung (Gehörleiden, Kurzsichtigkeit sowie ein Handleiden) beendet vorzeitig seine angestrebte Pianistenlaufbahn.

Trotz goldenem Schlaraffenleben entstehen erste Kompositionen

Es ist bemerkenswert, dass Robert Schumann trotz seinem unbeschwerten Studentenleben mit Kutschfahrten an Neckar, Rhein, in die Pfalz, nach Baden-Baden und Straßburg äußerst diszipliniert an seinen Kompositionen arbeitete. So stammen aus seiner Heidelberger Zeit: die Entwürfe zu seinen ersten Werken op. 1, den „Abegg-Variationen“, und op. 2, den Papillons (Nr.1.3.4.6.8), die erste Fassung der Toccata C-Dur op. 7 und die Anfänge eines Klavierkonzertes F-Dur und Walzer im Stil von Franz Schubert. Bei den „Abegg-Variationen“ spielt Schumann mit den „musikalischen Buchstaben“ A-B-E-G-G, sehr wahrscheinlich eine Anspielung auf einen der bekannten Söhne des Heidelberger Kirchenrates J. F. Abegg. Wenn er sein Klavierwerk einer erfundenen Comtesse d’Abegg widmet, lässt er die Zwickauer Gesellschaft im Glauben, dass er ein Abenteuer mit einer großen Dame habe. So sichert er seinem Erstlingswerk Aufmerksamkeit.

Am Scheideweg: Juristerei oder Musik?

In Heidelberg trifft Schumann seine Lebensentscheidung: Er gibt das ungeliebte Jurastudium auf und widmet sich ganz der Musik. „Mein ganzes Leben“, schreibt er an seine Mutter, „war ein zwanzigjähriger Kampf zwischen Musik und Jus … Folg ich meinem Genius, so weist er mich zur Kunst, und ich glaube, zum rechten Weg.“

Doch durch die Lähmung seiner rechten Hand sieht er sich genötigt, seine Pianistenkarriere abzubrechen. Im August 1830 verlässt Schumann Heidelberg, kehrt nach Leipzig zurück und widmet sich ganz der Komposition. 1834 gründet er die “Neue Zeitschrift für Musik”. Allein im Jahr 1840 schreibt er über 130 Lieder, wird 1850 Musikdirektor in Düsseldorf und macht sich besonders durch seine Symphonie Es-Dur (“Rheinische”) op. 97 einen Namen. Seine Klavierwerke, Kammermusik, vier Symphonien und sein Vokalwerke haben Robert Schumann unsterblich gemacht. Er starb im Sommer 1856 starb in Endenich bei Bonn im Beisein seiner Ehefrau Clara Schumann.

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Harald Pfeiffer, „Ich hab’ mein Herz in Heidelberg verloren“, 166 S., Engelsdorfer Verlag


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Harald Pfeiffer

geb. 1942, Dr. phil., Forscher in Sachen Musikgeschichte, VDSt Heidelberg.

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