Turnvater Jahn – Nationalist, den die DDR ehrte?

Das Jubiläum eines verdienten Mannes steht an. Es geht um eine Persönlichkeit, die nicht zuletzt auch in der ehemaligen DDR mit hohen Ehren bedacht wurde und deren 200. Geburtstag sich in diesem Kalenderjahr jährt. Das markanteste Denkmal steht heute in der Hasenheide in Berlin.


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201118-02_Turnvater_JahnDie Hasenheide ist ein rund fünfzig Hektar großer Park im Berliner Bezirk Neukölln, just an der Grenze zu Kreuzberg. Ihr Name geht auf die Nutzung des Geländes als Hasengehege im 17. und 18. Jahrhundert zurück; der Große Kurfürst ging hier zur Jagd. Im Juni 1811 eröffnete Friedrich Ludwig Jahn hier den ersten Turnplatz in Preußen. Die deutsche Turnerbewegung nahm ihren Ausgang. Zu ihrem fünfzigsten Jahrestag fand 1861 die feierliche Einweihung des Denkmals statt.

Heute ist die Begegnung mit Turnvater Jahn ernüchternd. „Nationalismus bekämpfen“ haben ideologisch verblendete Schmierfinken an den Denkmalssockel geferkelt.

Gewiss war der Begründer der deutschen Turnbewegung ein Kind seiner Zeit und ihrer Geistesströmungen. Als Student der Theologie in Halle und Greifswald setzte sich der Pastorensohn im frühen 19. Jahrhundert für die Reinhaltung der deutschen Sprache ein. Ihrer französischen Durchsetzung wollte er begegnen. Klar erkannte er, dass die Landessprache eine wichtige kulturelle Identitätsbasis bedeutet.

Geehrt von der ehemaligen DDR

Dies sah die ehemalige DDR offenbar genauso, denn im Jahre 1978 würdigte die Deutsche Post den Jubilar zu seinem 200. Geburtstag, und in jenem Jahr wurde sogar eine Gedenkmünze an die Bankenschalter gebracht. Da stellt sich dem historisch Interessierten mit Recht die Frage, wie ein in manchen Kreisen als reaktionär gescholtener Mensch unter sozialistischem Regiment so hohe Ehrungen erlangen konnte.

Zu Anfang des 19. Jahrhunderts betätigte sich Jahn neben seinem Studium als Turnlehrer. Auf dieser Basis sollte später die Leibesertüchtigung junger Menschen von staatlicher Seite aus systematisiert werden. Aufgrund der französischen Expansion unter Napoleon, die nicht zuletzt in Mitteldeutschland deutliche Spuren hinterließ, äußerte sich Jahn zum Problem der Überfremdung und des kulturellen Verlustes in Deutschland. Er forderte ein Ende der Kleinstaaterei – die nationale Einheit der deutschen Länder sollte hergestellt werden. Dies brachte ihm erbitterte Gegnerschaft verschiedener Provinzfürsten ein.

Eine gedankliche Reißbrettkonstruktion

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass er über eine Hauptstadt namens Teutonia nachdachte, die idealerweise im Raum Thüringen hätte entstehen sollen. Als Gründe benannte er die zentrale Lage und das Aufeinandertreffen mehrerer bedeutungsvoller Fern- und Handelsstraßen in dieser Region. Jenes Großdeutschland, das Jahn sich erträumte, hatte nichts mit den Utopien des Nationalsozialismus gemein; es sollte ein freier Zusammenschluss aller deutschen Lande sein. Das ist den Herrschaften, die bei Nacht und Nebel nationale Denkmäler besudeln, offenbar unbegreiflich.

Die Idee der Leibesertüchtigung junger Menschen sollte einerseits der allgemeinen Gesundheit dienen, andererseits schwebte Jahn ein identitätsstiftender Gedanke vor. Turnen war ausdrücklich ein Gut für jedermann und damit etwas Klassenloses. Hier fand wohl die DDR ihren Anknüpfungspunkt.

In engem Bezug zum Turnwesen standen die Burschenschaften. Die politische Zielsetzung beider war im Grunde deckungsgleich. Allerdings gab es kleine Gruppierungen, die sich davon abhoben. Hier entstand die Spaltung in demokratischen und nationalen deutschen Liberalismus.

Auch im Alter weder Rast noch Ruh’

Von 1825 bis 1852 lebte Jahn, weil er das alte, restaurative System zugunsten nationaler Einheit bekämpfte, unter Polizeiaufsicht in Freyburg an der Unstrut (heute in Sachsen-Anhalt). Hier steht bis heute die älteste Turnhalle Deutschlands, deren Bau Jahn nach seiner politischen Rehabilitation initiiert hatte. Im September 1828 wurde er wegen des Kontakts mit Schülern und Lehrern bis 1835 nach Kölleda ausgewiesen. 1842 hob Friedrich Wilhelm IV. den Erlass seines Vaters auf und beendete damit offiziell die Turnsperre; Turnen wurde in Preußen zugelassen und sogar Schulfach.

1848 wurde Friedrich Ludwig Jahn in die Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche gewählt. Hier konnte er nach langer Zeit wieder den Gedanken des freien Wortes vertreten. 1852 starb Turnvater Jahn als Bahnbrecher der Leibeserziehung in Freyburg. Er wurde an der Stirnseite der ersten deutschen Turnhalle beigesetzt.

Turnvater Jahn hat zwar die Verwirklichung seiner Reformpläne nicht mehr erlebt, aber das Turnen, so wie er es begonnen hatte, wurde – eben als ein Gut für jedermann, und zwar ausdrücklich ohne Achtung seiner Herkunft – weiterentwickelt und als notwendiger Bestandteil der Erziehung akzeptiert.

Die Entwicklung des Turnens nahm ihren Fortgang. 1860 wurde die deutsche Turnerschaft gegründet. Ganz in Jahns Sinne war sie Trägerin des nationalen Gedankens. Und als 1950 der Deutsche Turnerbund entstand – spielte da vielleicht auch der Traum von deutscher Einheit eine Rolle?


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Johannes Engels

geb. 1958, Dr. rer. pol., VDSt Köln.



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