Ungarndeutsche im hohen Norden

Ganz eigene kulturelle Erlebnisse schufen sich Studenten des Budapester VDH, als sie dieses Jahr die norddeutschen Bünde Kiel und Hamburg besuchten. Im Angesicht der bisher eher süddeutsch-ungarischen Beziehungsmomente eine Gelegenheit, neue Freundschaften zu schaffen und den Austausch über Grenzen hinweg neu zu definieren. Mit dabei: Eindrücke von Architektur, Atmosphäre und natürlich der Deutschen Marine. Von diesen Erlebnissen berichtet Stefan Pleyer.


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DSC_0894Vor diesem März pflegten wir eher lose Kontakte mit den norddeutschen VDSt-Bünden, wenn gleich mindestens einer von ihnen immer das Stiftungsfest des VDH Budapest besuchte. Wegen der großen geographischen Entfernung wandelten bloß manche Mitglieder von uns niemals im niederdeutschen Raum – genau aus diesem Grunde entschieden wir uns, dass wir in Form einer Rundreise sowohl die Hamburger als auch die Kieler VDSter aufsuchen wollten, um weitere Beziehungen zu knüpfen, geistigen Austausch zu führen und das plattdeutsche Lebensgefühl zu erleben.

HISTORISCH WENIG VERBUNDEN

Das Ungarndeutschtum pflegte traditionell immer eher mit den süddeutschen Staaten Beziehungen, auch weil die Urväter unserer DSC_0892Nationalität, sowohl die ersten bayerischen Siedler im Mittelalter als auch die späteren, im 18. Jahrhundert gekommenen donauschwäbischen Ansiedler, aus diesem südlichen Gebiet stammten. Zwar unternahm die siebenbürgisch-sächsische Intelligenz peregrinische Missionen zum Beispiel nach Göttingen und Wittenberg, aber diese wissenschaftlichen Interaktionen blieben auf der Ebene der Universitäten. Es ist eine ganz unbekannte Tatsache innerhalb der ungarndeutschen Szene, dass neben den bayerischen, schwäbischen und badischen Kolonisten auch mecklenburgische katholische Exulanten ins Territorium des heutigen österreichischen Burgenlandes (damals ungarnländische Komitate, oder Deutsch-Westungarn genannt) kamen, die während der Katholikenverfolgungen(in der „Schwedenzeit“ im 17. Jahrhundert) das Herzogtum verlassen mussten.

FREUNDLICHER AUSTAUSCH

Der eiserne Vogel der Germanwings landete in Hamburg/Hamborg, der alten Zitadelle des Hansebunds, wo wir sofort die Etage des Hamburger VDSts, die auch  DSC_0908als unsere Unterkunft diente, aufsuchten. Während unseres von Möwengesang begleiteten Weges erkannten wir, dass das Hauptprofil dieser Weltstadt die interkulturelle Melange und der ständige Drasch sind. Dies kann man auch durch die Architektur der Vorortschaft ausmachen. In der Gurlittstraße durften wir uns gleich auf einen freundschaftlichen Empfang freuen: die Farbenbrüder interessierten sich stark für die Geschichte, Mundart und aktuelle politische Lage der Ungarndeutschen, aber auch wir erfuhren zahlreiche Neuigkeiten über das norddeutsche studentische Leben – und die Atmosphäre. Ein Farbenbruder von der Hamburger Aktivitas stammte aus einer ungarischen Familie, die Ungarn nach der Revolution 1956 verlassen hatte – wir hatten zu dieser Zeit Nationalfeiertag (Festtag unserer Revolution 1848), so gaben wir ihm eine Kokarde in den ungarischen Nationalfarben. An dieser Episode des europäischen Völkerfrühlings
nahmen viele ungarndeutsche Politiker, Soldaten und Offiziere teil, nota bene wurde eine sogenannte „Deutsche Legion” ebenfalls aufgestellt.

HAMBURGER ATMOSPHÄRE

In den kommenden Tagen begann unsere kleine Gruppe die Entdeckung der Stadt. Wie bereits erwähnt wurde: der multikulturelle Charakter ist sehr sichtbar, aber Stefan Pleyer-zur Vorstellungdie hanseatische Vergangenheit gibt die Grundstimmung des Daseins auf den Straßen. Man trifft immer auf marinebezogene Erinnerungsstücke, auch ganz fern vom Hafen. Wir nahmen es vielmals traurig zur Kenntnis, was für große Beschädigungen die alten architektur geschichtlichen Baudenkmäler infolge der ständigen Bombardierungen der Alliierten ertrugen: an zahlreichen Wänden mahnen Gedenktafeln uns an diese dunklen Stunden der Geschichte. Nach stundenlangen Schlendergängen erblickten wir den drittgrößten Hafen Europas, der noch zahlreiche Sehenswürdigkeiten versteckt hielt. In enormen Frachtdampfern, trotzigen Hebekränen, mächtigen Docks verkörpert sich der Goliath der deutschen und der europäischen Wirtschaft. Wir besichtigten die Landungsbrücke, wo auch tausende Ungarndeutsche von Europa Abschied nahmen, um in der Neuen Welt, in Amerika, Glück zu finden. Die bunte Vielfalt der Sprachen fanden wir spannend: wir beurteilten die sprachliche Lage so, dass man den niederdeutschen Dialekt in Hamburg selten hören kann, jedoch konnten wir ein  paar niedersächsische Worte auf der Straße erwischen. Die ungarndeutschen Mundarten gehören ausschließlich zu den süd- und mitteldeutschen Dialekten, deswegen bedeuteten diese linguistische Beobachtungen ein einzigartiges Erlebnis.

KIELER GASTFREUNDLICHKEIT

Nach unserem Aufenthalt in der Hansestadt Hamburg nahm die VDH-Compagnie den Weg Richtung Schleswig-Holstein, um Kiel und die Umgebung zu 1918701_1079669742085996_3231194774772582391_nbesichtigen. Wir haben es so vermutet und gewusst, dass der Kieler Hafen aus historischen Gründen hauptsächlich Platz für Marineschiffe bietet, diese Vermutung wurde bestätigt, weil wir vor Ort meist die Monstren der Deutschen Marine bewunderten, die die heutige Seemacht Deutschlands repräsentieren. Dessen ungeachtet scheint das dortige Milieu überraschend ländlicher und familiärer als Hamburg. Beim einheimischen VDSt angekommen fanden wir ebenso richtige Farbenbrüder – nach den ersten Eindrücken durften wir den Schluss ziehen, dass die Bude von einer musterhaften Gemeinschaft bevölkert wird. Im Zeichen der alten deutsch-irischen Freundschaft wurden wir sofort offiziell zu einer irischen Party eingeladen (um den St. Patrick’s Day zu feiern), wo spannende und interessante Gespräche entstanden, möge es den kollegialen Relationen geschuldet sein (viele von den Kieler Farbenbrüdern studieren die gleichen Disziplinen wie wir in Ungarn). Von Anfang an wurden wir von ihnen so behandelt, als würden wir zu diesem Bund gehören. Wir Ungarndeutsche müssen in Deutschland vielmals beweisen, dass unsere ungarländische Minderheit gleichfalls die deutsche Kultur pflegt, trotz unseres Wohnorts in Ungarland. Bei den Kielern war jedoch die Reaktion glücklicherweise anders. Wir konnten unsere eigene Kulturmission im Norden erweitern, nämlich die Bekanntmachung unserer ungarndeutschen Identität den mutterländischen Landsmännern. Aber nicht die ungarndeutsche Nationalität spielte vor Ort die Hauptrolle, sondern das Erleben der holsteinischen Stimmung – vorher hatte eigentlich nur ein einziger Bundesbruder vom VDH Budapest diese märchenhafte Landschaft gesehen. Unerwarteterweise verfügt die sich mit wenig studentischen Vergangenheit rühmende Stadt Kiel über mehrere Korporationen (Studentenverbindungen, Corps-Vereine, Burschenschaften), die
wir im Rahmen unseres ersten Couleurbummels in Begleitung der VDSt-Farbenbrüder besuchten, so lernten wir auch diese Tradition kennen.

GESCHICHTE DER DEUTSCHEN MARINE

Die Farbenbrüder nahmen uns nach Laboe mit. Dieses kleine gemütliche Dorf liegt an der Ostseeküste und beherbergt ein imposantes Marinemuseum. In diesem DSC_0955riesigen Turm durften wir die Geschichte der deutschen Marine mithilfe einer reichen Sammlung erfahren, zum Beispiel fanden wir viele Sachen, Flaggen,  Gedenkstücke aus der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, deren Verewigung auf Fotos eine richtige Freude war. Nach dem Museum kam der Höhepunkt des Tages, die Besichtigung des U-Boots U-995. Dieses U-Boot kämpfte in vielen Schlachten der Ostsee während des Zweiten Weltkriegs – mit wesentlichen Kriegserfolgen. Zum Glück überlebte es den Krieg, wonach es im Dienst der norwegischen Marine im Kalten Krieg war – von Norwegen kaufte  Deutschland das Boot zurück, seither fungiert es als Museum. In phantastischem Zustand blieben die Einrichtungsgegenstände, der Spaziergang an Bord schien wie eine Zeitreise, wir fühlten uns im weltberühmten Kinofilm Das Boot – diese Minuten werden unbedingt Erinnerungen fürs Leben. Zu Mittag aßen wir traditionelle Fischbrötchen,
damit identifizierten wir uns mit den plattdeutsch-altsächsischen Besonderheiten, obwohl man das bei uns dem österreichisch-bayerischen Sprachgebrauch folgend als Semmel (ungar. Wort dafür: zsemle) bezeichnet. Dabei vermuteten wir nicht, was die Kieler Farbenbrüder inzwischen vorbereitet hatten: mit Lederhosen, Weißwurst, und Brezeln boten sie uns ein echt bayerisches Frühstück, so fühlten wir uns wirklich wie da heim, unsere süddeutschen Mundarten kamen aus der sublót/Schublade heraus, auf gut Donauschwäbisch gesagt. Danach mussten wir von unseren netten Gastgebern Abschied nehmen. Wir versprachen, dass wir ihnen nächstes Mal in Budapest ein donauschwäbisches Frühstück organisieren werden.

RÜCKREISE MIT LACHENDEM UND WEINENDEM AUGE

In Hamburg bereiteten wir uns langsam für die Rückfahrt „ins tuife Ingerland”. Wir fanden echt schade, dass wir die kreischenden Möwen, die norddeutschen DSC_0960Dünen und Kanäle hinter uns lassen mussten, aber wir konnten es kaum warten, unseren Familien, Freunden und Bekannten über diese Tage zu berichten.
Summa summarum wurden wir durch diese Rundreise um viele Neuigkeiten und Erlebnisse reicher, eine ganz andere Seite Deutschlands haben wir entdeckt, die wir früher nicht so gut kannten wie die bayrischen Berge. Auch aus diesem Anlass bedanken wir uns beim VVDSt für die Unterstützung unserer Fahrt, ohne -
dem hätte man das nicht verwirklichen können. Ein riesiges Dankeschön sagen wir natürlich den Kieler und den Hamburger VDStern für die farbenbrüderliche Mitwirkung und Hilfe sowie für die neuen Freundschaften. Treu zu unseren Versprechen würden wir uns auf immer mehr norddeutsche Bünde auf unserem nächsten, im Oktober stattfindenden Stiftungsfest freuen – bei uns in Budapest gibt es bloß paar kleinere Häfen an der blauen Donau, also können wir mit gigantischen U-Booten leider nicht dienen, doch möchten wir die Stadt und damit deren deutsche Spuren unseren Gästen vorstellen

Stefan Pleyer
geb. 1992, ist aktiv beim VDH Budapest, studiert Geschichte (MA) an der ELTE-Universität in Budapest

Bilderlizenz: Eigenes Werk


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