„Unwohlsein am Jüdischen”

Die neuzeitliche Emanzipation der Juden geht zusammen mit einer tiefen Identitätskrise. Um Anpassung oder Bewahrung des Eigenen wird heftig gerungen. Bestimmte Aspekte oder das Judentum überhaupt werden von jüdischen Autoren mit heftiger Verachtung angegriffen – teils mit den gleichen Vokabeln, wie sie im neuen Antisemitismus Gebrauch finden. Jüdischer Selbsthass – André Richter zur Morphologie einer „völkischen“ Idee.


ALLE Artikel im Netz auf aka-bklaetter.de lesen und auch das Archiv?

Jetzt kostenlos

Anmelden


S155_Unwohlsein_5

„… vielleicht verderben die Juden Deutschlands Zukunft nicht, aber Deutschlands Gegenwart kann man sich durch sie verdorben denken.“

Der diese Zeilen 1920 an einen Freund schrieb, gehört heute zu den Literaten von Weltgeltung – Franz Kafka, Kind einer Prager jüdischen Kaufmannsfamilie. „Was habe ich mit Juden gemeinsam?“, heißt es einige Jahre zuvor in einer seiner Tagebuchaufzeichnungen. „Ich habe kaum etwas mit mir gemeinsam und sollte mich ganz still, zufrieden damit, dass ich atmen kann, in einen Winkel stellen.“

Ein jüdisches Identitätsproblem? „Jüdischer Antisemitismus“ von pathologischer Natur oder „um sich bei der Mehrheit einzuschleimen“ (Henryk M. Broder)? Woher kam dieser „jüdische Selbsthass“ bzw. was waren seine Wurzeln; und welche Wirkungen bzw. Folgerungen zeitigte er?

Der nachfolgende Beitrag kann nur in Ansätzen auf die Gedankenwelt dieser „autodestruktiven Art“ jüdischer Zugehörigkeit eingehen, die ihren Höhepunkt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte. Deshalb wird sich die Retrospektive auch auf diesen Zeitrahmen beschränken, der in fataler Weise antisemitische Analogien von Fremd- und Selbstzuschreibungen des „Jüdischen“ sichtbar macht. Außen- und Innenperspektive antijüdischer Haltungen bedingten sich dabei gegenseitig.

Die Außenperspektive – Zur Entstehung des destruktiven „Bildes vom Juden“

Flavius Josephus, als jüdischem Historiker in Roms Diensten, haben wir eine der frühen Beschreibungen jüdischer Kultur zu verdanken, die versucht, Besonderheiten jüdischer Lebensweise um das 1. Jh. verständlich zu machen. Die Juden der Diaspora hatten keinen Zugang zum Tempel und konnten somit auch den Opferkult nicht leisten. Stattdessen trafen sie sich in privater Umgebung, um zu beten, religiöse Fragen zu diskutieren und Lesungen der Tora zu hören. Darüber hinaus fielen sie durch ihre Essgewohnheiten und ihre stark gemeinschaftlich orientierte, abgesonderte Lebensweise auf. Und es schien, als zeige ihr Glaube in den mosaischen Gesetzen eine starke diesseitig orientierte Philosophie. Schnell wurden diese Besonderheiten von einigen Römern zu „Abscheulichkeiten“ degradiert, und Tacitus formuliert als Zeitgenosse des Josephus abfällig: „(Ü)berall waren es gerade die übelsten Elemente, die (…) Tempelabgaben und Spenden zusammenhäuften; daher wuchs die Macht der Juden, und auch deshalb, weil unter ihnen unverbrüchliche Treue waltet und hilfsbereites Mitleid, gegen alle anderen aber feindseliger Haß“.

Noch im Mittelalter hielten sich die aus der antiken Diaspora herausbildenden Bestandteile jüdischen Lebens vor allem in Europa, und das Ghetto, der abgesonderte Stadtteil, wurde zum dauernden Lebensort. „Um 1800 bildeten Juden und Parsen, als letzte Reste zweier uralter, über die ganze Erde hin zerstreuter Völker, eine Art Zwischenglied zwischen der allbesiegenden Willensmacht Europa-Amerika und der langsam untergehenden Gestaltenwelt des alten Afrika und Asien“, schreibt der jüdische Philosoph Theodor Lessing. „Das Ghetto war inmitten des alles zivilisierenden Staates ein Stück Romantik und Altertum.“

Hier nun entstehen die fremd erscheinenden Bilder von Kaftan, Peot und Bart (vgl. 3. Mose 19, 27), deren Zäsur jedoch durch das Zeitalter der Aufklärung in Europa gelegt wird, denn die Öffnung der Ghettos und die allmähliche Emanzipation ihrer Bewohner erzwang eine Anpassung des vormals abgesonderten Judentums an die Erfordernisse, aber auch an die Möglichkeiten der neuen Zeit. Formal geschah dies durch zunehmende Integration und Assimilation an die Lebensweise und Sprache der „Wirtsvölker“ und die zunehmende Aufgabe alten jüdischen Brauchtums bis hin zur christlichen Konversion. Schon früh kam es dabei zu unterschiedlichen Bildern über sog. Reformjuden oder konvertierte Neubürger. Gotthold Ephraim Lessings Theaterstücke „Die Juden“ (1749) und „Nathan der Weise“ (1779) sind dafür beredte humanistisch-aufklärende Zeugnisse, die dem liberalen Gedanken einer „Einheit des Menschengeschlechts“ unabhängig jeder Herkunft Ausdruck zu geben versuchen. Dennoch hält sich das Bild von der „Eigenart des Jüdischen“, das zugleich in Physiognomie und Charakter sichtbar werde, und führt seit dem späten 18. Jahrhundert, kontradiktisch zur juristischen Vollendung der bürgerlichen Gleichstellung der Juden, zur zunehmend aggressiveren, sozialdarwinistisch und rassebiologisch unterlegten Behauptung der Vergeblichkeit, ja Gefährlichkeit von Assimilierungsbemühungen, dem ein angeblich konstanter „Rassecharakter des Jüdischen“ entgegenstehe. In dieser Atmosphäre entsteht 1879 der Neologismus „Antisemitismus“, der, als Kampfbegriff gegen die „wachsende Weltherrschaft des Semitentums“ formuliert, zu heißen Debatten über den wirtschaftlichen und politischen Einfluss von Juden im wilhelminischen Kaiserreich führt und mit der „Antisemitenpetition“ deutscher Studenten auch zur Gründungsurkunde der Vereine Deutscher Studenten (VDSt) wird.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts finden wir nicht nur im „rechten“ Spektrum der politischen Landschaft eine in Ansätzen konsensuale Sichtweise auf das Judentum, das als „Händlervolk“ und Ausdruck des „Wirtschaftskreises“ ausbeuterischen Zielen folge. Der „Untergang des Judentums“ sei, so etwa der (jüdische) Kommunist Otto Heller 1931, deshalb der erwünschte „Untergang“ des „jüdischen Händlers“. Auch das ZK der KPD beschäftigte sich mit der „Judenfrage“ und kam zu dem Schluss, dass die Juden zwar nicht am „Nationalcharakter“ zu erkennen seien, aber: „(j)üdisches und nichtjüdisches Kapital untrennbar miteinander versippt (sind)“. Dem entsprach auf konservativer Seite auch Oswald Spengler, der schon „um die Jahrtausendwende“ im Juden eine „überlegene, fast zynische Intelligenz und das fertig ausgebildete ‚Gelddenken’“ zu entdecken glaubte.

„Ohne Vaterland, ohne Muttersprache, wird er (der Jude) durch alle Völker, Länder und Sprachen hindurch, vermöge des sicheren Instinkts seiner absoluten und unverwischbaren Eigenart zu unfehlbaren Sich-immer-Wiederfinden hingeführt“. Ein landfremdes „Volk ohne Wurzeln“, gebunden an den „ewigen Jahwe-Glauben“ verwebe diesen in „materialistischer Anbetung des Mammon“ mit der „zersetzenden Kraft“ liberalistischer Ideen von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ (Rosenberg). Und „aus dem Wort international, das ihn begeistern kann, hört er (der Jude) eben das Wesen des landlosen und grenzenlosen consensus heraus, ob es sich nun um Sozialismus, Pazifismus oder Kapitalismus handelt“ (Spengler).

Die hier nur kurz angerissene judenkritische bzw. antijüdische Außensicht, bei Spengler in keiner Weise als „Antisemitismus“ gedacht, sondern als objektive Beschreibung eines historisch gewachsen Zustands, findet Entsprechungen in der epigonalen und negativ bestimmten Selbstbeschreibung emanzipierter jüdischer Vertreter und einer damit augenscheinlich einhergehenden „Erkrankung am Judesein“ (Artur Trebitsch).

Die Innenperspektive – Zur Entstehung des „Morbus Judaicus“

„Auf die Frage: ‚Warum liebt man uns nicht?’ antwortete seit alters die jüdische Lehre: ‘Weil wir schuldig sind.’“ (Lessing 1930)

Das religiöse Kollektivschuldverständnis des alten Israel bildet für Theodor Lessing einen Schlüssel zur „Pathologik“ der „jüdischen Volksseele“. Ihr Ursprung findet sich in der theologischen Bewältigung der babylonischen Exilzeit nach dem Untergang des jüdischen Staatswesens 566 v. Chr. durch Antwort auf die Frage, ob der Gott Israels den assyrisch-babylonischen Hauptgöttern unterlegen sei und diese sich demzufolge als wahre Götter erwiesen hatten. Die Antwort darauf erschien einzigartig und sicherte den Zusammenhalt der jüdischen Gemeinschaft über die kommenden Jahrtausende: Es sei Gott Jahwe selbst, der sein Volk, ob seines Ungehorsams gegenüber seinen Propheten und der Missachtung seiner Gebote, mit Strafen belegt. „Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht an den Kindern, an der dritten und vierten Generation von denen, die mich hassen“ (2. Mose 20,6a). Das Gottesvolk erduldet darum Knechtschaft und Exil und erwartet auch im ungerechten Leiden die Aufrichtung für den Tag Jahwes. „Dann werdet ihr wieder den Unterschied zwischen dem Gerechten und dem Gottlosen sehen, zwischen dem, der ihm dient und dem, der ihm nicht dient“ (Maleachi 3, 18).

Die Formel: „Weil wir schuldig sind“, bilde, so Lessing, auch bis in die Neuzeit hinein den „innersten Kern der jüdischen Lehre“ und zeige sich in der tiefen Neigung, jedes Unglück, das einen Juden trifft, als Sühne für persönliche Schuld aufzufassen, deren kollektive Heilung erst durch das Kommen des Messias getilgt wird.

Demgegenüber sehen andere Autoren, wie Max Nordau (1909), in der Zäsur von Aufklärung und Judenemanzipation eine zentrale Ursache „des Unwohlseins am Jüdischen“. Das Aufbrechen der festgefügten Identität des Ghettos, die Individualisierung und der Assimilationswille in die Majoritätsgesellschaft führten in dieser Hinsicht vor allem zu schmerzhaften Differenzen und zum Bruch innerhalb des aschkenasischen Judentums. Im Maße ihres Anpassungswillens entfremdete die Emanzipationsbewegung die Juden Europas von sich selbst und gewährte ihnen dennoch nicht die vollständige gesellschaftliche Eingliederung. Daraus resultiere ein Double-Bind im modernen Judentum, denn „je mehr man versucht, sich jenen anzugleichen, (…) je mehr man die Werte, die sozialen Formen, die Verhaltensweisen der tonangebenden Gruppe akzeptiert, um so weniger akzeptabel erscheint man dieser in Wirklichkeit“. Schlussfolgernd kommt der jüdische Reformer Mosche Leib Lilienblum zu dem Ergebnis: „ daß nicht Mangel an hoher Kultur Ursache unserer Tragödie war, denn wir sind Fremde und werden immer Fremde bleiben, auch wenn wir uns bis zum Rand mit Kultur anfüllen“. Dieses Fremdheitsempfinden nun führe zu bizarren Formen der Selbst-Verachtung und der abgrenzenden Stereotypisierung von vermeintlich „richtigen“ Juden, die vor allem in den Klischees des „Ostjuden“ gesucht wurden. Exemplarisch können hier assimilierte Persönlichkeiten wie Hugo von Hofmannsthal oder Walther Rathenau gelten.

Neben metaphysisch-theologischen und psychoanalytisch-phänomenologischen Erklärungsmustern spielte indessen die ontologische Herangehensweise, die in gegenwärtigen Analysen als eine Spielart des psychopathologischen Double-Bind gesehen wird, eine besonders fatale und vor allem in der Zwischenkriegszeit einflussreiche Rolle. Zu ihren Vertretern zählten Philosophen, Literaten oder Journalisten wie Theodor Lessing, Arthur Trebitsch, Max Steiner, Maximilian Harden oder Otto Weininger, Vor allem Weinigers Publikationserfolg „Geschlecht und Charakter“ (1903) und sein gleichzeitiger früher Tod mit nur 23 Jahren eröffneten einem breiteren Publikum die Sichtweise einer gerade biologisch nicht zu hintergehenden „psychischen Konstitution“ des Judentums. Dabei zeige das durchgehend aktive Verhalten des Juden „unleugbar eine gewisse Aggressivität“. Er verberge absichtlich seine wahre Identität und „paßt sich [...] jeder Umgebung und jeder Rasse selbsttätig an; wie der Parasit, der in jedem Wirte ein anderer wird, (…) während er doch immer derselbe geblieben ist“. Der Jude, ein zutiefst zweckrational orientierter „ungläubiger Mensch“, „schlägt (…) keine Wurzeln“, was sich auch „in seinem so tiefen Unverständnis für allen Grundbesitz und seiner Vorliebe für das mobile Kapital“ äußere. „Weil er nichts glaubt, flüchtet er ins Materielle; nur daher stammt seine Geldgier: er sucht hier eine Realität (…) – der einzige Wert, den er als tatsächlich anerkennt, wird so das ‚verdiente‘ Geld.“ Zugleich jedoch erkennt er auch „(i)m aggressiven Antisemiten (…) selbst gewisse jüdische Eigenschaften“, denn „wer immer das jüdische Wesen haßt, der haßt es zunächst in sich“, als Projektion seiner eigenen Unzulänglichkeit.

Auch für Theodor Lessing (1914/1930) spielen unhintergehbare biologische Determinanten des „Jüdischen“ in „Blutsgemeinschaft“ und „Rasse“ eine zentrale Rolle. „Kein Mensch hat sich je von dem Zwang seines Blutes befreit. Kein kategorischer Imperativ hat je die Stimme des Blutes überwuchert.“ So könne man aus seiner Rasse nicht einfach „austreten“, sondern „(e)rst durch die Analyse des Rassemoments gewinnen wir das tiefste Verständnis für die reine Funktion ihrer Werte (…) (etwa) der unsterblichen Philosophie des Geldes, des Substanzlosen, das jede Form umschlüpfen kann, jeden beliebigen Wert (…) repräsentieren kann“. Die Fatalität indessen zeige sich darin, dass das „Talent, ohne Heimat und Erde“ seine Fähigkeiten als Lakai in fremde Dienste geben müsse, dass seine Genialität vor dem Mittelmaß seiner nichtjüdischen Umwelt nicht zum Ausdruck kommen kann. So gelte es also nicht, die eigenen jüdischen „Rassemerkmale“ abzustreifen, sondern sich auf diese zu besinnen. „Wer du bist? Sohn etwa des fahrigen Handelsjuden Nathan und der trägen Sarah, die er zufällig besamte, weil sie ihm genug Geld in die Ehe brachte? Nein! Juda Makkabi war dein Vater, Königin Esther deine Mutter. Von dir, von dir allein aus geht die Kette, (…), auf Saul und David und Moses. – Sie sind in allen und immer gegenwärtig. Und waren seit je und können morgen wieder sein. (…) Liebe dein Schicksal (…) (denn)(d)urch alle Höllen unsres menschlichen Ich gelangst du immer wieder in den Himmel deines Selbst. Zu deinem ewigen Volk“.

Fazit oder die bindende Kraft des „jüdischen Geistes“

Fremd- oder Selbstzuschreibungen des „Jüdischen“ offenbaren komplimentäre Charakterisierungen des Judentums. Es zeigt sich in beiderlei Hinsicht nicht als schlichte Glaubensform, sonder als „archaisch überdauerte Volksgemeinschaft“, verbunden durch Religion, Geschichte und „Blut“ bzw. „Rasse“, aus der geradezu analog erscheinende Charakterzüge des „jüdischen Geistes“ gefolgert werden. In der Diskussion unserer Tage werden diese Korrelationen auf psychoanalytische Weise als repressive Projektionen antisemitischer Stereotype im jüdischen Selbstbild interpretiert. Dennoch entwickelte sich damit zugleich die Frage des jüdischen Selbst innerhalb nichtjüdischer Nationalstaaten und führte zu unterschiedlichen Antworten. Während eine, aus Sicht der Nachgeborenen, tragische Gestalt wie der seinerzeit einflussreiche Journalist und Freund Bismarcks, Maximilian Harden, alles Jüdische abstreifend, zum nibelungentreuen Vertreter deutschnationaler Presse wurde und im hohen Alter dennoch zum Ziel eines Attentats der frühen Hitler-Bewegung wurde, schlugen andere, wie Mosche Lilienblum, schon früh den selbstbewusst jüdisch-säkularen Weg des Zionismus ein. Das aufkommende jüdische Nationalgefühl indessen nutzte erneut die Begriffswelt der völkischen Idee, wenn sie, wie Martin Buber (1930) es tut, formuliert, dass das natürliche Empfinden nationaler Zugehörigkeit ruhe in „der Entdeckung des Blutes als der wurzelhaften, nährenden Macht des Einzelnen“ und der „Entdeckung, daß die tiefsten Schichten unseres Wesens vom Blute bestimmt sind“, und ihren Ausdruck in der Gemeinschaft derer habe, „die mit ihm (dem jüdischen Menschen) gleiche Subtanz haben“ in der bindenden Kraft des „jüdischen Geistes“.


...mehr Lesen in den akademischen Blättern oder ganze Ausgaben als PDF?


Jetzt hier kostenlos Anmelden

André Richter

geb. 1965, Dr. phil., Pädagoge, VDSt Greifswald.

... alle Beiträge von diesem Autor