Von Christoph Kolumbus bis Cohiba BehikeKleine Zigarrenkunde in vier Kapiteln – Teil 2

Zur Kulturgeschichte des Rauchens hat sich Gerhard Heimsath, passionierter Zigarrenforscher, auf eine Spurensuche begeben.


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Teil 2 – Anbau, Ernte, Produktion

Anbau

Der Tabaksamen ist im Vergleich zu anderen Pflanzensamen recht klein. 1.000 Samenkörner passen mühelos in eine Handfläche. Aus ihnen werden im Laufe von etwa 3-4 Monaten bis zu 30.000 Tabakblätter.

In Pflanzschulen wird Samenkorn für Samenkorn in die Erde gelegt. Nach 45 Tagen sind die Pflänzlinge 13 bis 15 Zentimeter groß und werden einzeln auf das Tabakfeld umgepflanzt.

Etwa 20 Tage später häuft man Erde rings um den Fuß der Pflanze, um die Entwicklung starker Wurzeln zu fördern. Sobald die Pflanzen eine Höhe von einem bis 1,50 Meter erreicht haben, wird die oberste Knospe entfernt, um die Wachstumskräfte in Richtung möglichst großer Blätter zu lenken. Dadurch wird die Pflanze zu einem beschleunigten Wachstum der Triebe angeregt. Um dieses wiederum unter Kontrolle zu behalten, muss der Tabakbauer immer wieder jede einzelne Pflanze kontrollieren und Seitentriebe entfernen. Bis zur Ernte hat die Pflanze eine Höhe von 1,8 bis zwei Meter erreicht.

1000 Samenkörner passen mühelos in eine Handfläche

1000 Samenkörner passen mühelos in eine Handfläche

Eine besondere Behandlung erfahren Pflanzen, deren Blätter später als Deckblätter verwendet werden sollen. Diese müssen möglichst gleichmäßig dünn sein und dürfen keinerlei Flecken aufweisen. Fällt ein Tropfen Wasser auf ein späteres Deckblatt, wirkt das Sonnenlicht wie ein Brennglas. An dieser Stelle findet keine weitere Entwicklung statt.

Wer schon einmal einen weißen Fleck auf einem Deckblatt gesehen hat, weiß, warum man sehr viel Arbeit in die Aufzucht der Deckblatt-Pflanzen steckt. Aber auch Sonne und Schatten würden unterschiedliche Farben des Deckblattes produzieren. 20 Tage nach dem Umpflanzen werden daher die Deckbkattfelder mit speziellen Gewebebahnen abgedeckt. Unter ihnen herrschen gleichmäßige Lichtverhältnisse. Gleichzeitig bindet man jede Pflanze an einen Draht, der unter den Stoffbahnen verläuft. An ihm wachsen die Pflanzen schnurgerade hoch und ihre Blätter erhalten die gleiche Lichtmenge.

02 - Einteilung der Blätter einer Tabakpflanze

Einteilung der Blätter einer Tabakpflanze

Ernte

Maschinelle Hilfe ist beim Ernten nicht möglich. Jedes Blatt muss einzeln vom Stamm getrennt werden. Pro Erntevorgang werden nur 2-4 Blätter entfernt.

Die Blätter werden von unten nach oben geerntet. Zwischen den einzelnen Ernteschritten lässt man der Pflanze einige Tage Zeit, damit sich die restlichen Blätter entwickeln können. Im Schnitt wird eine Pflanze vier- bis fünfmal abgeerntet, wodurch der gesamte Erntevorgang etwa 30 Tage dauert.

Die geernteten Tabakblätter werden auf Karren gelegt und mit menschlicher Zugkraft, Ochsen oder Traktoren zum Trockenschuppen gefahren.

Trocknung

In den Trockenschuppen werden die Blätter am Stiel aufgefädelt. Geschickte – meist weibliche – Hände heften jeweils zwei Blätter zusammen und hängen sie über lange Holzstangen. An jeder Holzstange hängen mehrere hundert Blätter, die nun auf den eigens dafür hergerichteten Balken der Trockenschuppen abgelegt werden.

03 - Pflanzen deren Blaetter für Deckblaetter vorgesehen sind werden mit Stoffbahnen abgedeckt

Pflanzen deren Blaetter für Deckblaetter vorgesehen sind werden mit Stoffbahnen abgedeckt

Die ursprünglichen Trockenschuppen hatten unter einem Dach nur zwei feste Seitenwände. Vorne und hinten befanden sich Türen, die fast immer geöffnet waren, damit der Wind ständig hindurchwehen und die Blätter trocknen konnte. Die Trocknungszeiten schwankten aufgrund klimatischer Bedingungen in dieser Zeit zwischen 25 und 55 Tagen, was keinen kontinuierlichen Produktionsprozess zuließ und, je nachdem, wie stark der Wind aus welcher Richtung wehte, auch noch zu unterschiedlichen Trocknungsfortschritten innerhalb des Schuppens führte.

Die modernen Trocknungsschuppen sind vollständig geschlossen.In ihnen kann mittels Heizung und Ventilation eine gleichmäßige Trocknungstemperatur gefahren werden. Der Trocknungsvorgang dauert jetzt nur noch etwa 25 Tage.

Der Tabakbauer hat seine Arbeit nun getan. Er packt seine Blätter zu Bündeln zusammen und bringt sie zur Fermentation.

04 - Im Trockenschuppen

Im Trockenschuppen

Fermentation

Die Fermentation (= Gärung) ist entscheidend für die Qualität der Tabake. Sie verringert den Säure-, Teer- und Nikotingehalt der Tabakblätter und setzt die für den Geschmack der Zigarre so wichtigen Aromen frei.

Die Tabake werden gebündelt und zu großen Stapeln aufgehäuft. Die verbliebene Feuchtigkeit und der durch die Stapelung entstehende Druck sorgen für eine kontinuierlich ansteigende Temperatur im Inneren des Stapels. Man kennt diesen Erwärmungseffekt von der Heuernte. Bei ungenügender Aufmerksamkeit kann solch ein Ballen schon mal brennen. Die sorgfältige Beobachtung der Temperatur ist daher das A und O der Fermentation. Maximal 45° C sind zulässig. Temperaturen darüber hinaus würden die ätherischen Öle vernichten.

05 - Tabakbuendel

Tabakbuendel

Tief in den Stapel ragende Thermometer helfen bei der Kontrolle. Steigt die Temperatur auf 45° C an, wird der Stapel auseinander genommen und neu zusammengelegt. Dieser Vorgang wiederholt sich, bis alle Blätter den Gärungszustand erreicht haben, den man für den späteren Geschmack der Tabake haben will.

Die „richtige“ Fermentation gehört mit zu den Produktionsgeheimnissen der Zigarrenindustrie. Bei diesem Schritt wird über das Wohl und Wehe des späteren Zigarrengeschmacks entschieden. Kein Wunder daher, dass man sich auf Kuba und an anderen Orten sehr bedeckt hält, was die Details anbetrifft.

Lagerung

Die ausfermentierten Blätter werden in Sackleinen verpackt und zur weiteren Reifung in sogenannte Reifelager gebracht. Hier liegen sie mehrere Jahre und verschaffen dem Tabak einen vollen und sättigenden Geschmack. Die Grundregel lautet: Je länger gelagert, desto besser schmeckt der Tabak. Ein recht kostenintensiver Produktionsschritt. Denn was man lagert, kann man nicht verkaufen. Jahrelange Voraussicht und ein Gefühl dafür, was die Ernten der nächsten Jahre einbringen werden, gehören zum Geschäft des Zigarrenproduzenten. Die Fa. August Schuster in Bünde, eine der ältesten Zigarrenmanufakturen Deutschlands, lagert beispielsweise Tabake für die Produktionen der nächsten 9 (in Worten: Neun!) Jahre.

Rollvorbereitungen

Für jede Zigarre gibt es ein „Rezept“. Wie viele Blätter sind von welcher Pflanze und von welchem Blattstand zu rollen, um das gewünschte Ergebnis zu erhalten – um es vereinfacht auszudrücken. Die entsprechenden Ballen werden aus dem Lager geholt und geöffnet. Jedes Bündel wird herausgenommen, aufgewedelt und anschließend mit Wasser besprüht. Das aufgesprühte Wasser sorgt für geschmeidige und damit verarbeitbare Blätter. Anderenfalls wären sie zu trocken und würden bei der weiteren Bearbeitung brechen. Die befeuchteten Bündel hängt man in Ständern auf, damit das Wasser gleichmäßig abtropfen kann.

Die Bündel werden geöffnet und Blatt für Blatt bereitgelegt. Die Despalilladoras (Entripperinnnen) reißen mit gekonntem Schwung die Mittelrippe aus dem Blatt und legen die Blätter zu kleinen Stapeln aufeinander.

Kontinuierlich wandern diese Stapel in die großen Säle, in denen Dutzende bis Hunderte der Zigarrenrollerinnen und Zigarrenroller sitzen. Sie erhalten für jede Zigarre fünf Blätter. Drei für die Einlage, eines für das Umblatt und eines für das Deckblatt. Zumindest ist das die Norm.

Manch ein Hersteller fügt ein viertes Blatt der Einlage oder ein zweites Umblatt hinzu – der Variationen sind hier kaum Grenzen gesetzt. Die drei Einlageblätter werden gerollt und mit dem Umblatt umwickelt. Was wir jetzt haben, ist der sogenannte Wickel, eine zwar rauchbare, aber wegen des groben Umblattes nicht gerade ansehnliche Zigarre. Er kommt für etwa 30 Minuten in einen Pressstock, der ihm seine gleichmäßig runde Form gibt. Den Abschluss bilden das Auftragen des dünnen Deckblattes und das mit einem Naturkleber angebrachte Käppchen für das Mundstück.

Dieser trivial anmutende Vorgang ist einfach beschrieben und sieht ebenso einfach aus. In ihm steckt jedoch die zweite entscheidende Produktionsstufe. Eine zu fest gerollte Zigarre zieht nicht und eine zu locker gerollte Zigarre geht ständig aus. Das angenehm luftende Mittelmaß zu rollen ist Ergebnis einer mehrjährigen Ausbildung und einer ebenso langen Praxis. Eine grundsätzliche Fingerfertigkeit ist dabei Voraussetzung. Wer die Möglichkeit hat, sollte eine der vielen Rollervorführungen im deutschen Zigarrenhandel besuchen und es einfach mal versuchen …

07 - Rollung

Rollung

Jeweils 50 Zigarren werden zu einem Bündel zusammengebunden und Bündel für Bündel in einen mit Zedernholz ausgeschlagenen Ruheschrank gelegt. Hier verlieren die Zigarren die Feuchtigkeit, die für das Rollen erforderlich war und werden auf die ideale Umgebung von 16-18° C und etwa 70 % relativer Luftfeuchtigkeit gebracht.

Verpackung

Für diesen letzten Produktionsschritt gab es im 19. Jahrhundert vorzugsweise 1.000er-Kisten, die von Herstellern und Importeuren an die Einzelhändler geliefert wurden. Heute sind es 3er-, 5er-,10er- und 25er-Kisten und -Packungen, in denen man die Zigarren dem Endkunden offeriert. Waren es bis vor wenigen Jahren noch aufwändig gestaltete kleine Kunstwerke, an deren Entwicklung Grafiker, Zeichner und Gestalter Anteil hatten, mutiert die Zigarrenverpackung aufgrund obrigkeitlicher Bevormundung mehr und mehr zu einem Einheitsbrei, der irgendwann kaum noch Unterscheidungen möglich macht. Aber der Krieg (ja, die WHO spricht tatsächlich von einem Krieg gegen den Raucher) ist ein Thema, das an anderer Stelle betrachtet werden soll.

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Anbaugebiete auf Kuba

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Der Autor wurde beim Schreiben dieser Zeilen von einer Cohiba Siglo VI und einer Partagás Presidente beflügelt. Zum Lesen wird eine Montecristo Edmundo empfohlen.

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Weiterführende Literatur

Instituto de Investigaciones del Tabaco (Tabakforschungsinstitut) Kuba • Die Welt der Habanos, deutschsprachige Ausgabe, Kuba 2013 • ISBN: 978-959-7212-08-9, 192 S. (Standardwerk)
Kißling, Richard • Tabakkunde, Tabakbau und Tabakfabrikation, Berlin 1925, 480 S.
Mündl, Kurt • Tabak – Ein Kraut verändert die Welt,Graz 2001 • ISBN: 3-222-12900-2, 124 S. (gut beschrifteter Bildband, der zugleich Pfeifen und Schnupftabak behandelt)


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Gerhard Heimsath

geb. 1954, Zigarrenforscher. www.artofsmoke.de

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