War! What is it good for?”

Diese Frage überhaupt zu stellen, mag schon zynisch anmuten. Bewusst hat Ian Morris, promovierter Archäologe und Althistoriker der Universität von Stanford, den Titel des bekannten Anti-Kriegs-Liedes als Titel für sein Buch gewählt. Edwin Starr, oder auch der ihn später covernde Bruce Springsteen beantworteten diese Frage eindeutig: „Absolutely nothing!“. Dem widerspricht Ian Morris in seinem äußerst lesenswerten Buch.


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Krieg ist furchtbar. Noch furchtbarer, so Morris‘ kühne Behauptung, wäre eine Welt ohne Krieg. Krieg habe die Welt langfristig sicherer und wohlhabender gemacht. Nur ein scheinbarer Widerspruch zu Starr und Springsteen, die bei ihrer Betrachtung vor allem eines im Blick haben: Den einzelnen, der auf dem Schlachtfeld verblutet oder an Hunger, Mord, Raub und Vergewaltigung zu leiden hat.

„Unangenehm, wie uns Argumente für das kleinere Übel von Natur aus sind, kann dieses Buch sich als durchaus beunruhigende Lektüre erweisen.“

s115_War_2Morris’ Perspektive ist eine größere, globale, weltgeschichtliche. Morris betrachtet die Welt seit der Entstehung des Menschen. Ein auf Jahrtausende bezugnehmender Blickwinkel muss zwangsläufig das einzelne Opfer aus dem Blick des historischen Fernrohrs verlieren. Eine ethische Problematik, derer Morris sich bewusst ist, und die er immer wieder betont. Überhaupt wird deutlich, dass diesem Buch ein moralisches Dilemma zugrunde liegt. Morris rechtfertigt den Krieg, so paradox es klingen mag, als dasjenige Instrument, das den Menschen langfristig Frieden, Sicherheit und Wohlstand gebracht hat.

Morris marschiert mit seinem Leser, Kapitel für Kapitel, durch 10.000 Jahre menschlicher Zivilisation und weist für jede Epoche und für unterschiedliche Regionen der Erde nach, dass Kriege immer wieder größere Gemeinschaften geschaffen haben, die einen immer höheren Grad an Ordnung herstellten und so für Sicherheit und Wohlstand sorgten, indem sie ein (quasi-)staatliches Gewaltmonopol schufen. Das Recht auf Gewaltanwendung wurde also institutionalisiert und dem privaten Bereich entzogen.

Bei dieser Argumentation greift Morris auf den englischen Staatsphilosophen Thomas Hobbes zurück, der angesichts des englischen Bürgerkrieges in den 1640ern zu der Überzeugung kam: Sich selbst überlassen, also ohne staatliche Kontrolle, werde der Mensch vor nichts, auch nicht vor Gewalt, zurückschrecken. Vor der Erfindung des Staates, so Hobbes‘ Folgerung, musste die Welt ein schrecklicher Ort im Kriege aller gegen alle gewesen sein. Daher schufen, so sein Postulat, sich die Menschen starke Staaten. Ungeheuer so furchterregend wie „Leviathan“, der in der Lage ist, Gewalt zu monopolisieren. Der Gedanke scheint logisch: Solange private Gewalt sich lohnt und man dadurch erreicht, was man möchte, wird man sie anwenden. Solange, bis sie sich nicht mehr lohnt, weil es jemanden gibt, der stark genug ist, mich dafür zu bestrafen.

„Immer mehr Leute in ein und dasselbe Gebiet zu packen bedeutete nun mal, dass es mehr Leute gab, mit denen es sich streiten ließ.“

s115_War_3Vor der Neolithischen Revolution sah ein Krieg so aus: Man lief durch die Gegend, und wenn man jemanden sah, der etwas hatte, das man wollte, schlug man ihm auf den Kopf und nahm das Gewünschte an sich. Am nächsten Tag konnte es durchaus andersherum ausgehen. Den entscheidenden Unterschied bringt nun das mit sich, was Morris in Anlehnung an den Soziologen Michael Mann „Caging“ nennt.

Die Menschen werden sesshaft und erlangen durch gezieltes Produzieren relative wirtschaftliche Sicherheit. Ein rasanter Bevölkerungsanstieg ist die Folge. Daraus wiederum folgt, dass immer ein Stückchen mehr Wald abgeholzt und immer mehr Land bebaut wird. Diese Gebiete stoßen irgendwann zwangsläufig aneinander. Dass ich nun jemandem begegne, der etwas hat, das ich mir durch Gewalt aneignen möchte, wird immer wahrscheinlicher. Ein nomadenhaftes Weiterziehen im Konfliktfall ist nun aber keine Option mehr. Zu viel Arbeit steckt in der Feldwirtschaft und Einlagerung von Vorräten, zu groß wäre also der Verlust.

Dieser Entwicklungssprung ist ein zentraler Punkt für Morris‘ Argumentation: Waren Angriff und Verteidigung vorher ungeplante und spontane Aktivitäten, bedurften sie nun, mit jedem Jahrtausend, größerer Organisation. Die Menschen entwickelten Führungsschichten und Kriegerkasten und begannen damit, sich den Erfordernissen für die neue Kriegsführung mehr und mehr anzupassen. Der Begriff, den Morris hier einführt, ist der des „produktiven Krieges“, der nicht als eine moralische Aufwertung des Gemetzels verstanden werden darf. Er führte lediglich zu mehr Organisation und mehr Entwicklung. Grausam war und blieb er.

Von da an nimmt Morris seinen Leser mit auf eine Reise durch unterschiedliche Regionen, Kulturen und Jahrhunderte. Er skizziert zentrale militärische Revolutionen wie z. B. das Erbauen von Mauern, das Erlernen militärischer Disziplin, das Entwickeln von Bronzewaffen und so fort. Jede einzelne dieser „Revolutions in Military Affairs“ habe auch die Gesellschaften verändert und die Leviathane erstarken lassen. Morris weist eindrucksvoll nach, dass in unterschiedlichen Regionen der Erde diese Entwicklungen überraschend ähnlich verlaufen sind.

Morris räumt allerdings ein, dass alles am Krieg paradox sei. Und so hätten Entwicklungen und Strategien, die eben noch in höchstem Maße zu produktiven Kriegen geführt und großartige Ergebnisse hervorgebracht hätten, irgendwann einen Kulminationspunkt erreicht, wonach die Ergebnisse sich deutlich verschlechterten. Die antiken Reiche gelangten zunehmend in Konflikt mit Steppenvölkern, deren schnelle und wendige Reiterei den großen Infanteriearmeen so überlegen war, dass die Welt zwischen 200 und 1400 n. Chr. in einem ständigen Wechselspiel aus produktiven Kriegen, die größere und sicherere Gesellschaften hervorbrachten, und kontraproduktiven, die diese wieder zu Fall brachten, gefangen war.

Von da an habe Europa einen „Fünfhundertjährigen Krieg“ gegen die Welt geführt, der sich in bis dahin nicht gekannten Ausmaßen als produktiv erwiesen habe. Beflügelt vom Geld und dem technologischen Fortschritt der industriellen Revolution habe sich Großbritannien zum ersten „Globocop“ aufgeschwungen, also zum ersten Leviathan, der (fast) auf der ganzen Welt seinen Einfluss als Ordnungsmacht geltend machen konnte und aus wirtschaftlichen Gründen natürlich ein Interesse daran hatte.

Doch auch hier erlebte die Weltgeschichte einen Kulminationspunkt: „Die Pax Britannica brachte so viele Rivalen hervor, dass er (der Globocop; G.B.) seine (sic!) Aufgaben nicht mehr gerecht werden konnte.“ Das Ende des Ersten Weltkrieges bezahlte Großbritannien mit dem Verlust seines Empires und hinterließ ein Vakuum, das möglicherweise den Aufstieg Nazideutschlands und dessen Griff nach der Weltmacht überhaupt erst ermöglichte. Ein intakter Weltpolizist hätte an dieser Stelle möglicherweise wirkungsvoll intervenieren können. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges standen sich zwei mögliche neue Weltpolizisten im Kalten Krieg gegenüber, von denen sich 1989 der westliche durchsetzte.

Die Welt ist heute ein relativ sicherer Ort. Eine Rechnung, die Morris immer wieder aufmacht, ist die nach der Wahrscheinlichkeit, eines gewaltsamen Todes zu sterben. Von der Steinzeit, in der diese Wahrscheinlichkeit laut Morris bei zehn bis zwanzig Prozent gelegen habe, über die Zeit der großen Völkerwanderungen (fünf bis zehn Prozent), das zwanzigste Jahrhundert (inklusive zweier Weltkriege ein bis zwei Prozent) bis heute sei die Gewalt stetig gesunken und der Wohlstand der Menschen gestiegen. Im Jahr 2012, Morris aktuellste Zahl, starb nur noch einer von 4375 Menschen durch Gewalteinwirkung, das ergibt einen Wert von 0,02 Prozent.

Morris‘ Buch. What is it good for?

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Ian Morris: Krieg – Wozu er gut ist. Campus Verlag, Frankfurt 2013, 527 Seiten

Die Stärke dieses Werkes liegt sicherlich in dem enormen Überblick, den Morris seinem Leser gewährt, ohne allerdings bei aller weiträumigen Perspektive den Blick für das Detail zu verlieren. Morris führt mit sicherer Hand durch die Jahrtausende, wobei der Historiker Morris immer wieder die Archäologie bemüht, sehr zum Nutzen des Argumentationsganges. Er zögert nicht, einzelne Erfindungen wie den Kompositbogen, den Streitwagen oder das Aufstellen des Stoßtrupps genau zu erklären und in den einzelnen der vielen Kriege, die er erläutert, einzuführen. Zur Diskussion seiner These greift Morris auch benachbarte Forschungsgebiete auf und erläutert gewinnbringend biologische, anthropologische, sozialwissenschaftliche, politikwissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse, Fragestellungen und Grundsatzdebatten.

Problematisch, das räumt Morris ein, ist sein Zahlenmaterial. Die Wahrscheinlichkeitswerte, einer Gewalttat tödlich zum Opfer zu fallen, sind, je weiter man zurückgeht, nicht viel mehr als grobe Schätzungen, die zwar erklärt werden, deren Verlässlichkeit aber unklar ist. Im Dienste der argumentativen Redlichkeit habe Morris allerdings für die Zeitabschnitte, die er skizziert, stets am unteren Ende geschätzt, wodurch die Tendenz, die seiner These zu Grunde liegt, eher abgeflacht sein dürfte, aber immer noch deutlich erhalten geblieben ist. An der Sache gibt es also wenig zu kritisieren: Die Welt ist offenbar langfristig tatsächlich ein immer sichererer und wohlhabenderer Ort geworden. Die Frage ist: Geschah dies trotz oder wie Morris behauptet wegen der Kriege?

Er sagt: „Wegen.“ Man wird es Morris ebenfalls als problematisch ankreiden müssen, dass er restlos alles auf den Krieg als Faktor zurückführt. Zwar nimmt er wirtschaftliche und technologische Entwicklungen in den Blick, landet aber letztlich immer wieder beim „Vater aller Dinge“, was in dieser Zuspitzung so nicht haltbar ist. Letztlich belegt er allerdings schlüssig seine These, dass Kriege die Anzahl der politischen Akteure letztlich verringern, dadurch potentielle Konfliktpunkte schleifen und Konflikte und Gewalt eindämmen.


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Gregor Burchardt

geb. 1986, Germanist und Historiker, VDSt Breslau-Bochum.



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