Warum wir dick, dumm und aggressiv sind

Die Kernbotschaft des Buches passt auf einen Handzettel: „Meiden Sie die digitalen Medien. Sie machen dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich.“ Damit stimmt Spitzer in den Chor derjenigen ein, die schon immer wussten, dass neue Medien nur Schlechtes mit sich bringen. Doch wie plausibel ist die These?


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Spitzer beschreibt, wie unter dem Schlagwort zu schulender „Medienkompetenz“ Heranwachsende immer früher digitalen Medien ausgesetzt werden. Am Anfang stehe „Baby-TV“, im Kindergarten werde an den PC herangeführt und der Schulunterricht sei schon vollständig digitalisiert. Gleichzeitig sei die Freizeit junger Menschen von digitalen Medien – vor allem in Form sozialer Netzwerke und Computerspiele – beherrscht. Die so sozialisierten „Digital Natives“ seien mitnichten in der Lage, ihr mediales Umfeld optimal und schadlos zu nutzen, sondern am unmittelbarsten betroffen von Bildungsverfall und gestörtem Sozialverhalten. Zunehmend sei diese Generation von „digitaler Demenz“ betroffen, also von „Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen sowie emotionaler Verflachung und allgemeiner Abstumpfung“. Hinter dieser Entwicklung stehe die Medienlobby, die von geschickter Werbung bis hin zum Einkauf akademischer Expertenmeinungen alles tue, um ihre Produkte zu vermarkten.

Angesichts dieser Verhältnisse ist Spitzer auf seiner „Suche nach wahren, verlässlichen Erkenntnissen“ zu dem Schluss gelangt, dass man sich lieber gesund ernähren und eine halbe Stunde pro Tag bewegen solle, anstatt digitale Medien zu konsumieren. Bisweilen allerdings scheint seine Argumentation nicht ganz undogmatisch zu sein: „Wenn Sie also wirklich wollen, dass Ihr Kind in der Schule schlechtere Leistung erbringt und sich künftig weniger um Sie als auch um seine Freunde kümmert [sic! – MM] – aber nur wenn Sie das wirklich wollen –, dann schenken Sie ihm doch eine Spielekonsole! Sie leisten damit zugleich einen Beitrag zu mehr Gewalt in der realen Welt.“

Spitzers Feststellungen sind nicht wahrscheinlich, sondern wahr – so seine Grundhaltung. Fundiert werden sie durch eine Auswahl an Studien, die Spitzers vorgefasste Meinung bestätigen; auch, wenn es dafür manchmal gewagter Interpretation bedarf. Etwa wird als Beleg des Befundes, „dass man mittels Ballerspielen wirklich gar nichts lernt außer ballern“, „eine große britische Studie“ aufgeführt, die sich gar nicht auf Spiele bezieht, sondern auf Gehirntrainingsprogramme. Ähnliche Originalität legt Spitzer an den Tag, wo ihm die Studien fehlen. So dokumentiert er die Existenz digitaler Demenz anhand der großen Anzahl von Google-Treffern, die eine entsprechende Suchanfrage erzielt. Auf diese Weise lässt sich auch außerirdisches Leben belegen.

Richtiges Thema, falsche Methode

Bisweilen fehlen Spitzer nicht nur Studien, sondern auch Sachkenntnisse. Daraus macht er keinen Hehl. Ein Arzt, der Drogenkranke versorge, müsse keine Drogen genommen haben – also könne man Computerspiele beurteilen, ohne sie zu kennen. Aber Spitzer will ja gar keine Kranken kurieren, sondern Eltern überzeugen, ihrem Nachwuchs das Computerspielen zu verbieten. Die fragwürdige Analogie erfüllt wohl ihren Zweck, elterliche Alarmglocken zu schlagen. Mit Wissenschaft, die Spitzer oft vorschützt, hat das aber nichts zu tun.

Spitzer ist davon überzeugt, dass Computerspiele und Drogen in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen – gemeinsam mit Kinderpornographie, wie er beiläufig und ohne nähere Erläuterung erwähnt. Um bei den Spielern Glückshormone freizusetzen, „enthalten die erfolgreichen Computerspiele eine Zufallskomponente; sie sind bewusst so programmiert, dass Suchtverhalten entsteht“. Das ist eine Verkehrung von Ursache und Wirkung. Die Mechanismen virtueller Spiele funktionieren nicht anders als die traditioneller Brett- und Kartenspiele; sie sind auf spielimmanente Funktionalität ausgelegt und stellen je nach Spieletyp strategische Anforderungen, Zufall oder Geschick in den Vordergrund. Etwa die besonders dämonisierten „Ballerspiele“ verfügen über keine dominante Zufallskomponente. Ein wenig inhaltliche Auseinandersetzung hätte Spitzer vor vielen Fehlschlüssen bewahrt.

Darf man Spitzers Thesen mit etwas Polemik vom Tisch wischen? Viele seiner Argumente sind nicht stichhaltig, einige sind unredlich, seine ganze Haltung ist undifferenziert. Er unterscheidet nicht genügend zwischen digitalen Medien als Arbeitsmitteln und Unterhaltungsmitteln, nicht nach Alter der Nutzer – selbst die ständig beschworenen Kinder werden nicht klar nach Alterskriterien definiert – und der Relation von Alter und Medieninhalt. Kaum trennt Spitzer sinnvolle, bzw. regulierte Mediennutzung und Medienmissbrauch; als seien Auswüchse wie Babyfernsehen, Internet- und Spielesucht „Schuld“ des Mediums. Digitale Medien sind für Spitzer grundsätzlich etwas Gefährliches und unmittelbare Auslöser von Übergewicht, Zuckerkrankheit, Schlaflosigkeit, Stress, Sucht, Depression und aller Folgeerkrankungen. Aber so gebetsmühlenartig Spitzer diese Äußerungen wiederholt – sie bleiben logisch falsch. Niemand wird übergewichtig, weil er fernsieht, sondern weil er sich verkehrt ernährt und zu wenig bewegt. Niemand schläft zu wenig, weil er spielt oder im Internet surft, sondern weil er sich nicht den nötigen Schlaf gönnt.

Fakt ist: Unser Alltag wird von digitalen Medien bestimmt

Fakt ist jedoch, dass unser Alltag von digitalen Medien bestimmt wird. Ob in Seminaren, auf Tagungen, in öffentlichen Verkehrsmitteln: Tablet-PCs, Notebooks, Smartphones sind allgegenwärtig. Ständige Verfügbarkeit. Zum Alltag des Schülers gehört es, seine Hausaufgaben zu unterbrechen, um eine SMS zu schreiben, während das Chatfenster auf dem Monitor blinkt und das Nachmittagsprogramm im Hintergrund läuft. Im Berufsalltag finden sich ähnliche Verhältnisse. Und selbst an den Universitäten kursiert mittlerweile ungeprüftes Wikipediawissen, ersetzt eine Google-Suche den Gang in die Bibliothek oder ins Archiv.

Tatsächlich steht der pädagogische Zeitgeist digitalen Medien unkritisch gegenüber; sein führender Gedanke lautet, „Digital Natives“ würden zu größerer geistiger Flexibilität erzogen. Hält dieser Idealismus gegenüber unserer gesellschaftlichen Realität stand? Jedenfalls beachtenswert ist Spitzers Gegenthese, dass eine ständige Zersplitterung der Aufmerksamkeit zu „Oberflächlichkeit und Ineffektivität“ führe. Diese seien überhaupt Kennzeichen digitaler Mediennutzung, denn das Vertrauen darauf, dass alles Wissen gespeichert und rasch verfügbar sei, bedinge die Tendenz, sich nichts mehr zu merken. Beides, die Unfähigkeit zur Konzentration auf eine Aufgabe und fehlende sichere Kenntnisse, führten zu Kontrollverlusten über sich selbst und über Situationen. Mangelnde Kontrolle aber sei unmittelbarer Auslöser von Stress.

Auch führe die Möglichkeit, über beliebige Entfernungen kommunizieren zu können, gerade nicht dazu, „adäquates Sozialverhalten“ zu erlernen. Vielmehr sei der Umgang im Internet mangels sozialer Kontrolle oft aggressiv, verlogen und anderweitig sittenwidrig. Dies wirke sich unmittelbar auf das „soziale Gehirn“ aus; wer im Internet sozialisiert wird, vereinsame im wirklichen Leben; mangelhafte Selbsteinschätzung und Selbstregulation, Orientierungslosigkeit und Unsicherheit in der Gesellschaft seien die Folgen und trieben zu noch mehr Internetkonsum.

Der exzessive Umgang mit digitalen Medien führe also zu einem unausgewogenen Innenleben und zu einem gestörten Verhältnis zur Außenwelt; im äußersten Fall in die Depression. Diese Diagnose – Vereinsamung, Orientierungslosigkeit, fehlende Selbstkontrolle – charakterisiert unsere Gesellschaft sicherlich treffender als der blauäugige Utopismus der Pädagogik. Spitzers Annäherung an die vorliegende Thematik ist also nicht nur wichtig, sondern geradezu notwendig. Nur eben leider misslungen.

Fakt ist auch: Medien sind nur Mittel, kein Zweck

Spitzer spricht von Wissenschaft, wo er vage Spekulation, von Wahrheit, wo er Meinung meint; das tut er mit einem platten, höchst bedenklichen Allwissenheitsgestus. Seine Ausführungen, so richtig und wichtig sie stellenweise sind, führen daher zu verkehrten Schlüssen. Fehlende soziale Anbindung ist nicht die Schuld von Facebook, sondern einer Gesellschaft, der der Gemeingeist verloren ging. Fehlende Willenskraft geht nicht auf leicht verfügbares Wissen zurück, sondern auf eine Erziehung, die das Wollen stärker fördert als den Willen. Mörderische Aggression ist nicht das Resultat von Spielen, sondern des verzweifelten Empfindens eigener Nutz- und Sinnlosigkeit. Die Oberflächlichkeit, das Schnellesen und das ausbleibende Reflektieren werden nicht bedingt durch Suchmaschinen, sondern durch einen Zeitgeist, für den nur das schnelle Ergebnis zählt. Die grundlegenden Probleme unserer Gesellschaft, die Spitzer sieht, gehen sicher nicht auf digitale Medien zurück. Medien sind immer nur Transportmittel von etwas, was ohnehin da ist. Was aber nicht heißt, dass man ihre Rolle im Gesamtsystem nicht kritisch thematisieren sollte.

„Die Wahrheit ist zuweilen auch für Fünfzehnjährige unangenehm“, behauptet Spitzer bezüglich der Tatsache, dass seine Thesen unter der Jugend wenig beliebt seien. Es dürfte aber vor allem die Ignoranz gegenüber dem, was die Jugendlichen interessiert, dessen unsachliche, unfundierte Dämonisierung sein, was ihm die Geister und Herzen verschließt. Die sollte er aber gerade gewinnen, wenn er sie nicht „dem freien Markt“ überlassen möchte. Vor allem Einfühlungsvermögen in die Lebenswelt der Jugend tut not, möchte man darauf Einfluss nehmen und die jugendliche Begeisterungsfähigkeit von der „virtuellen Kalaschnikow“ auf Wertvolleres hin umlenken.

Manfred Spitzer: Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen; Droemer 2012; 368 S. 19,99 € (als E-Book: 17,99 €); ISBN: 978-3-426-27603-7


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Manuel Mackasare

geb. 1985, Historiker, VDSt Breslau-Bochum.

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